Micropayment

07.02.2004

Technische Wegbereiter zur Kontrolle des Internet. Teil V: Ende des Internet?

Heutzutage ist der Einkauf im Internet noch eine große Sache - etwas, dem viele Menschen abwehrend gegenüber stehen, da sie sich der Risiken bewusst sind. Die Kreditkarte kann sozusagen "entführt" werden (das heißt, jemand nutzt die ausspionierte Kreditkartennummer, um seinerseits einzukaufen), was Myriaden unangenehmer Folgen haben kann. Wenn sich Zertifikate und Trusted Computing durchsetzen, werden sich diese Ängste in Luft auflösen. Mit einem persönlichen Zertifikat, das die sichere Verbindung gewährleistet (und das gegebenenfalls mit einem oder mehreren Rechnern verknüpft ist, auf den/die man exklusiven Zugriff besitzt und der/die durch ein Mantra, eine Smartcard oder biometrische Systeme geschützt ist/sind), und Zertifikaten, die auf der anderen Seite die Identität des Händlers verifizieren, wird der nervtötende Prozess, der zur Zeit mit dem Einkauf im Internet einhergeht, einem reibungslosen Surf- und Einkaufserlebnis weichen.

Micropayment erlaubt Zahlungen zwischen zwei Zertifikatsinhabern. Der Nutzer tätigt eine finanzielle Transaktion, indem er eine Nachricht an die Börse schickt, welche mit seinem privaten Zertifikat signiert wurde und den Zahlungsempfänger durch dessen öffentliches Zertifikat identifiziert. Weiterhin enthält die Nachricht die Höhe der Zahlung, die getätigt werden soll.

Nachdem sowohl die Zertifikate des Zahlenden und des Empfängers verifiziert wurden und überprüft wurde, ob das Konto des Zahlenden über genug Guthaben verfügt, wird die angegebene Summe auf das Konto des Empfängers transferiert und eine Bestätigung über den Transfer versandt. Micropayment kann nur dann stattfinden, wenn man sich auf der Seite der Börse einloggt und wird normalerweise durch eine direkte Verbindung zum Börsenserver initiiert sobald der Nutzer einkauft.

Micropayment unterscheidet sich von den bisherigen Onlinezahlungsdiensten wie PayPal und e-gold dadurch, dass die Transaktionskosten hinreichend niedrig sind, so dass auch kleine Zahlungen ohne hohe Gebühren getätigt werden können; durch Micropayment könnten Webseitenbetreiber ihren Besuchern selbst ein Zehntausendstel eines Euro für die Seitenansicht in Rechnung stellen; Kreditkartenfirmen oder existierende Onlinezahlungsdienste haben viel zu große Gemeinkosten, als dass sie solch winzige Zahlungen zulassen könnten. Hierbei muss man beachten, dass die Höhe der Micropaymentzahlungen nach oben hin offen ist und dass "Micropayment" nur aussagt, dass kleinste Zahlungen möglich sind, nicht jedoch, dass größere Zahlungen nicht auch routinemäßig abgewickelt werden. Die ersten großflächig erfolgreichen Micropaymenttransaktionen werden wahrscheinlich durch die Technologie vorangetrieben, sobald diese Art der Zahlung jedoch ein Massenmarkt wird, der sich auch auf andere Zahlungen ausdehnt, werden die Pioniere dieser Idee wahrscheinlich von den "Großen" der Finanzdienstindustrie akquiriert werden.

Schluss mit der Paranoia in Bezug auf E-Commerce...

Wenn man einen Vertrag mit einem durch ein Zertifikat als vertrauenswürdig angesehenen Händler abschließt, muss man keine sensiblen persönlichen Informationen mehr eingeben. Einfach auf "Kaufen" klicken, aussuchen, welche Kreditkarte oder welches Konto man mit dem Betrag belasten will (beide sind mit dem eigenen Zertifikat verknüpft), und schon wird der Artikel, den man erworben hat, zu der Adresse geliefert, die ebenfalls mit dem Zertifikat verknüpft ist. Das Eingeben der Nummer findet niemals statt. Selbst wenn das Zertifikat gestohlen wurde, kann ein Dieb so lediglich Ware bestellen, die an die mit dem Zertifikat verknüpfte Adresse geliefert wird.

Jeder Nutzer kann seinen eigenen Höchstbetrag für den Preis pro Seite, pro gekauftem Artikel, pro Session, pro Tag, Woche oder Monat festlegen, der als Standard definiert wird. Ich nenne dies die "Zahlungsschwelle". Abonnements bei Magazinen sind nicht länger notwendig - ein Klick und, sofern es weniger als 0.05 Euro pro Artikel kostet (der festgelegte Höchstbetrag) und sich die anderen Gesamtkosten innerhalb der Grenzen bewegen, der Artikel öffnet sich, das eigene Konto wird belastet und der Betrag dem Magazin gutgeschrieben. Falls man jedoch Abonnement ist, wird dies durch das Zertifikat ausgewiesen und man bezahlt nichts... Und all dies passiert innerhalb eines kurzen Moments, ohne dass man irgendetwas tun muss. Das Magazin erhält das Geld für das, was man gelesen hat, so dass sie die gesamten Inhalte online stellen können, nicht nur einen Teaser (kurzer Abriss), um den Leser dazu zu verführen, ein Abonnement der Printausgabe abzuschließen. Und falls man das, was man las, mochte, wird man wiederkommen und mehr Geld ausgeben.

Du möchtest ein eigenes Magazin herausgeben? Oder Du hast entschieden, dass Dein Blog 0.001 Euro pro Tag wert ist? Kein Problem... markiere es mit Deinem Zertifikat, setzte einen entsprechenden Link (Pay to read) und hör' zu, wie die Millieuros in das virtuelle Sparschwein fallen.

Zertifizierte Micropaymentbörsen müssen natürlich den Regularien bezüglich "know your customer" (kenne Deinen Kunden) sowie der Offenheit entsprechen. Sie müssen ferner die internationalen Bestimmungen über Geldwäsche, Terrorismus und Drogenhandeln einhalten und die jeweiligen Finanzbehörden über die Transaktionen unterrichten, damit sie dementsprechend versteuert werden können. Für die im Internet stattfindenden Straftaten, die mit Geld zu tun haben (Betrug etc.) wird dies das Ende bedeuten - wie auch für weitere Regulierungen oder Einschränkungen des Internethandels. Für diese wird es schlichtweg keinen Grund mehr geben.

Micropayment und die Finanzierung der Internetressourcen

Micropayment bringt ein neues Geschäftsmodell mit sich. um Internetseiten zu unterstützen, welche sich zwar großer Beliebtheit erfreuen, bisher aber bei der Eigenfinanzierung durch Abonnementen oder Werbung gescheitert sind. Es ermöglicht einer Seite, jedem Zugriff zu gewähren, der sich entscheidet, die Seite auf der Basis einer "Zahlung pro Seite" zu besuchen (gleiches gilt, wie bereits erläutert, auch für Auszüge einer Seite). Der Nutzer muss weder ein Konto eröffnen noch eine Geschäftsverbindung mit der Seite bzw. dessen Betreiber aufbauen.

Wenn die Gebühr, die pro Seite erhoben wird, höchstens den eingestellten Schwellenwert beträgt, so wird diese Gebühr automatisch vom Konto des Nutzers zum Konto des Seitenbetreibers transferiert.

Ohne Frage würde für viele Seiten der Traffic zusammenbrechen, wenn sie pro Seite 0.001 Euro verlangen würden. Aber was ist mit den Webseiten, die wir jeden Tag lesen? Sind die vielleicht ein Zehntel eines Cents wert? Man muss einmal das, was man für die Seiten zahlen würde, mit dem vergleichen, was man jetzt für den Internetzugang zahlt.

Die Finanzierung Fourmilabs (Ein praktisches Beispiel)

Nur spaßeshalber und um die Diskussion realitätsnaher zu gestalten, habe ich einmal die Kosten für ein einfaches "Pay per Page"-Modell für www.fourmilab.ch errechnet. Alles in allem kostet fourmilab ca. 5.000 Euro pro Monat, hierbei sind die Gebühren für den ISP und die Verbindungen die größten Posten, der Rest besteht aus Abschreibungskosten für die Serverhardware, Anwendungen anderen Gemeinkosten. Meine Zeit habe ich bei den Kosten nicht mit eingerechnet. Obwohl sie sich zu vielen Stunden aufsummiert, ist sie wie es so schön auf den Zollformularen heißt "kein kommerzieller Wert".

Um diese Kosten (167 Euro pro Tag) auszugleichen, würde ich bei ca. 500.000 Seitenaufrufen am Tag etwa 0.0003 Euro (drei Hundertstel eines Cents) pro Seite verlangen. Die Seitenaufrufe werden von ca. 30.000 Besuchern pro Tag generiert (die Fourmilab Statistiken zeigen die Details), so dass jeder der Besucher durchschnittliche Kosten von ca. 0.005 Euro pro besuchter Seite auf fourmilab.ch hätte - einen halben Cent pro Besuch.

Es ist möglich, dass sich einige Besucher bei dem Gedanken, einen halben Cent für den Inhalt auf Fourmilab zahlen zu müssen, laut schreiend abwenden, aber irgendwie bezweifele ich dieses. Vielleicht bin ich auch nur, was den Wert meiner Artikel angeht, selbstbewusst genug, um daran zu glauben, dass diese Besucher nach dem anfänglichen Schock wiederkommen würden. Wenn man heutzutage 50 Euro pro Monat für den Internetzugang (per Modem oder DSL) bezahlt, so zahlt man 0.07 Euro (also 7 Cent) pro Stunde für den Zugang, egal ob man ihn nutzt oder nicht - dies nur als Vergleich.

Bei einer naiven Überschlagsrechnung in Bezug auf die durchschnittliche Verweildauer eines Besuchers dieser Seite würde ich davon ausgehen, dass der durchschnittliche Besucher sich ca. 20 Minuten auf meiner Seite "herumtreibt". Wenn sie also 0.005 Euro für die Artikel und Dokumente zahlen würden, die sie während ihres Besuches aufrufen, so würden sie dennoch nur etwa 20% höhere Kosten haben als jetzt, da sie für den Internetzugang zahlen. So wären die Kosten, um diese Seite hier zu betreiben, mehr als gedeckt. Ich lade Anbieter von Seiten, die durch ein Abonnementssystem oder durch Werbung finanziert werden, dazu ein, eine solche Kalkulation, basierend auf den eigenen Zugangsprofilen, durchzuführen.

Micropayment, Auszüge und "Deep Linking"

Das Aufkommen der Weblogs ("blogs") und der anderen unabhängigen Formen des Internetjournalismus haben zu etlichen Problemen bezüglich der freien Nutzung urheberrechtlich geschützten Materials geführt. Bis zu welchem Grad darf ein Blog einen Auszug eines im Web publizierten Dokumentes enthalten (mit oder ohne einem Link zu der Originalquelle)? Ist es zulässig, wenn ein Dokument verlinkt wird, dass sich innerhalb der Archive einer Seite befindet, so dass der Link die Hauptseite und gegebenenfalls die auf ihr befindliche Werbung umgeht? Werbung, die dazu dient, die Seite zu finanzieren?

Micropayment bietet für viele dieser Probleme eine Lösung. Wie es sich schon Ted Nelson vor fast vierzig Jahren vorstellte, als er erstmals sein Projekt Xanadu präsentierte, ist das Problem des Copyright nicht sein Konzept, sondern seine "Körnigkeit" (heute würde ich noch die absurde Absicht, das Copyright unendlich zu verlängern, als weiteres Problem hinzufügen, aber das ist eine andere Thematik - für einen anderen Artikel).

Sobald Micropayment genauso selbstverständlich wie Email geworden ist, wird ein Blog nur noch Inhalte von einer Webseite zitieren und eine "Auszugs-URL" nutzen (das Design überlasse ich den Lesern - als Übung) oder einen Link zum Gesamtdokument setzen. Leser des Blog werden den Auszug oder das Gesamtdokument automatisch lesen können, sofern der geforderte Betrag höchstens ihren Grenzwert erreicht (und die Gesamtkosten des Blog mit all seinen Auszügen auch höchstens den Grenzwert betragen). Sollten die Kosten höher sein, so muss der Leser auf ein bestimmtes Icon klicken, um die Zahlung zu genehmigen, bevor er entsprechend weiterlesen kann.

Ähnlich wird es bei Links auf Dokumente sein, die dem Digital Rights Management unterliegen (siehe Kapital Digital Rights Management). Wer diesen Link anklickt, dem wird automatisch der entsprechende Betrag in Rechnung gestellt und er kann das Dokument lesen - natürlich nur, sofern es den festgelegten Grenzwert nicht überschreitet. Auch hier ist bei einem überschrittenen Grenzwert wieder eine gesonderte Bestätigung der Zahlung erforderlich.

Micropayment und allgegenwärtiger Zugang zum WLAN

Micropayment wird den Einsatz des "kabellosen Internetzuganges" (Wi-Fi und die Nachfolger) erheblich erleichtern. Heutzutage hat Wi-Fi eher den Charakter eines noch ungeklärten Geschäftsmodells - einige Cafés und Buchläden stellen ihren Kunden (und, was sich zwingend aus der Maxwellschen Gleichung ergibt: auch denen, die vor dem Haus parken) einen kostenlosen Wi-Fi-Zugang zur Verfügung - als Mehrwert sozusagen. Hotels und Flughafenlounges dagegen bieten Wi-Fi gegen eine Gebühr an. Bald wird dies auch ein Service sein, der auf Langstreckenflügen angeboten werden wird.

Mit Micropayment wird die Wi-Fi-Schnittstelle einfach nur nach Zugangsangeboten "lauschen" und dann je nach Bandbreite und Kosten das beste Angebot auswählen, das unter dem gewählten Grenzwert liegt. Man wird gegebenenfalls gebeten, sich selbst zu entscheiden, wenn der Preis den Grenzwert überschreitet oder aber Kosten und Reichweite zu sehr auseinander klaffen. Normalerweise muss man aber nur das Laptop einschalten, ein paar Sekunden warten und schon ist man online; ohne viel Aufhebens, ohne Mühe und garantiert höchstens so teuer, wie man es durch den Grenzwert definiert hat.

Micropayment und Internetsteuern

Es heißt, dass Michael Faraday, der in den 1830ern das Prinzip der elektromagnetischen Induktion entdeckte, von einem britischen Polizisten gefragt wurde, welche denkbaren Anwendungen es denn für Elektrizität geben würde. Faraday antwortete: "Sir, ich weiß nicht, wofür es nützlich sein könnte. Aber eines weiß ich sicher: irgendwann wird es besteuert."

Dieses Zitat ist höchstwahrscheinlich ein Mythos, aber nichtsdestotrotz liegt darin eine Wahrheit, die auch heute noch gilt. Elektrizität, zu Faradays Zeiten eine Kuriosität im Labor, wurde letzten Endes besteuert und durch viele unglückliche Gerichtsentscheidungen zum Regierungsmonopol erhoben beziehungsweise so sehr reguliert, dass es von einem solchen Monopol nicht mehr zu unterscheiden war. Elektrizität wurde so (künstlich) verknappt, wurde teuer und unzuverlässig.

Wie auch Elektrizität wird das Internet letzten Endes besteuert werden. So lange es Regierungen gibt, ist dies unausweichlich. Während Besteuerung niemals schmerzfrei abläuft, kann Micropayment zumindest die meisten der Sorgen in Bezug auf die Buchhaltung zerstreuen, die sowohl Händler als auch Käufer hegen. Steuern für Internetnutzung und -handel werden so automatisch erhoben und den zuständigen Behörden weitergeleitet.

Übersetzt von Twister/Jürgen Buchmüller

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