Oh shit! Oh fuck!

Ernst Corinth 03.02.2004

Update: Der Brustwarzen-Skandal ist nach Lycos das meistgesuchte Ereignis in der Geschichte des Internet. Nun droht in den USA auch ein Verbot schlimmer Wörter

Ach, diese Amerikaner. Da verkaufen sie einem in dem Hollywood-Film "Mona Lisas Lächeln" Kalifornien als verrucht-liberales Land. Und dann muss man lesen, dass ausgerechnet in Kalifornien, wo übrigens weltweit die meisten Pornofilme produziert werden, den Frauen per Gesetz verboten ist, das zu tun, was an den meisten europäischen Stränden oder bei der Loveparade niemanden mehr stört: sich öffentlich oben-ohne zu sonnen oder zu zeigen.

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Doch wo ein Wille, da ist auch eine modische Lösung. Da dieses Verbot sich ausdrücklich auf das Zeigen der Brustwarzen bezieht, bieten nun gleich mehrere Firmen einen modischen Verhüller an. Sie werden in allen möglichen Farben und Größen hergestellt. Und mit einer großen Design-Auswahl sowie dem hautfreundlichen Material dieser Brustaufkleber wollen die Hersteller nun auch mutige Amerikanerinnen zum "almost topless"-Auftritt am Strand verführen.

So weit, so schön. doch das schönste ist der patriotisch klingende Name dieser Verhüller: Nippies - Patch of Freedom, also auf Deutsch: "Nippel-Freiheits-Flecken". Und genau solch einen Freiheits-Flecken trug Janet Jackson bei ihrem Auftritt in der Pause des Super Bowl - wie Millionen Zuschauer sehen konnten, als durch ein lustiges Missgeschick diese durchaus prachtvolle Brust entblößt wurde.

Statt den kurzen Anblick zu genießen, ist man nun aber empört. Die Folge ist also ein Riesenskandal bei den Konservativen und eine Untersuchung der zuständigen Behörde. Und der für Jacksons Auftritt verantwortliche Sender MTV ist den lukrativen Job als musikalischer Pausenfüller des Super Bowl erst einmal los.

Doch wenn bereits der Anblick einer entblößten Brust ein ganzes Land in die mentale Krise stürzt, dann ist der Vorschlag des republikanischen Abgeordneten Doug Ose durchaus verständlich. Er will nämlich per Gesetz verbieten lassen, dass sieben Wörter im Fernsehen und bei anderen öffentlichen Anlässen zu hören sind. Natürlich, um damit die unschuldigen amerikanischen Kinderohren zu schützen. Und diese Wörter sind tatsächlich so schockierend, dass auch wir nicht wagen, sie vollständig auszuschreiben: S -- ; piss; f -- ; c -- ; a -- h -- ; c -- s -- und mother --.

Wer nervenstark ist, der kann die bösen sieben Wörter allerdings nachlesen. Dazu muss man auf dieser Seite in die Suchmaske "Bill Number" das Folgende eingeben: HR3687. Und dann - Oh fuck - erfährt jeder verpisste amerikanische Motherfucker und jedes verschissene US-Ass-Hole, dass er als amerikanischer Patriot Wörter wie cock sucker oder cunt lieber nicht mehr in den Mund nehmen sollte.

Angeblich kann der Brustwarzen-Skandal auch einen Rekord einstellen. Lycos jedenfalls meldet, dass das entblößende Ereignis - Stunt oder "Materialfehler"? - das "meistgesuchte Ereignis in der Geschichte des Internet" gewesen sei. Super Bowl, ansonsten eigentlich das Hauptereignis, rutschte völlig in den Hintergrund. Janet Jackson und Justin Timberlake hatten mit ihrer Einlage in der Halbzeitpause die Nation gebannt. Und bessere Werbung für sich als mit ihrer sekundenlang "zufällig" aufblitzenden Brust hätte Jackson gar nicht machen können. In den Charts der Internetsuche wurde bei Lycos 60 Mal mehr nach Jackson und ihrem Auftritt als nach dem Sexvideo von Paris Hilton, 80 Mal mehr als nach dem Dauerbrenner Britney und 50 Mal mehr als nach der Super-Bowl-Werbung gesucht, die ansonsten einen Tag nach dem Finale ganz oben steht. Profitiert hat auch der Drudge Report, der - erfahren in Skandalen - schnell die entsprechenden Bilder veröffentlicht hatte.

Lycos kommentiert, dass der entblößte Busen möglicherweise mehr Aufmerksamkeit im Internet auf sich gezogen hat als der 11. September 2001, auch wenn beide Ereignisse schwer zu vergleichen seien, weil die Suche nach Jackson und dem Super Bowl ziemlich eindeutig ist, aber die nach den Anschlägen vom 11.9. eher konfus gewesen sei und über viele Suchbegriffe stattgefunden habe:

"Vor dieser Woche war das meistgesuchte Ereignis in der Geschichte von Lycos 50 im Hinblick auf einen Tag der Angriff auf Amerika am 11. September. Auch wenn es sehr schwer ist, die Suche nach den zwei Ereignissen zu vergleichen, so sieht es danach aus, als ob die Show zur Halbzeitpause des Super Bowl dem 11. September in Bezug auf die Internetaufmerksamkeit gleich kommt. Das ist, um es unverblümt zu sagen, einfach verrückt."

Janets Brust erregte drei Mal so viel Aufmerksamkeit wie der Ausgang der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000, vier Mal so viel wie der Irak-Krieg an dem Tag, als al-Dschasira die Bilder von den amerikanischen Kriegsgefangenen sendete, und fünf Mal so viel wie das Space Shuttle Columbia an dem Tag, als es explodierte.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16677/1.html
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