Der Bundespostminister warnt: Telefonieren schadet Ihrem Geldbeutel!

05.02.2004

Wer eine Website hat, soll gefälligst auch eine Telefonnummer angeben - und deren Kosten

Das Wettbewerbsrecht schlägt immer absurdere Kapriolen. Aktuell werden seit Mitte Dezember Besitzer von 0700-Nummern abgemahnt - weil man die mit den kostenlosen 0800-Nummern verwechseln könnte

Vanity-Nummern, bei denen man Buchstaben statt Zahlen wählt ("0800EATSHIT") sind in den USA gang und gäbe. Unseren Telefonen fehlten dagegen insbesondere auf Wählscheiben früher die Buchstaben, deren drei jeweils einer Ziffer zugeordnet sind. Heute haben im SMS-Zeitalter zwar alle Telefone Tasten und aufgedruckte Buchstaben, also wären die leichter merkbaren Vanity-Nummern auch hierzulande möglich, doch führen Telefonnummern mit Buchstaben meist nur zu irritiertem Stirnrunzeln. Auch steht zu befürchten, mit Vanity-Nummern ebenso schnell bei gängigen Namen abgemahnt zu werden wie mit Internetadressen, weshalb viele der Besitzer solcher "sprechenden Nummern" inzwischen nur noch ihr Zahlen-Äquivalent angeben - im obigen (fiktiven) Beispiel also 08003287448.

Während in den USA meist die kostenlosen 0800-Nummern als Vanity angeboten werden, hat sich die ebenso kostenlose frühere 0130- und heutige 0800-Nummer in Deutschland ohnehin nie besonders verbreitet: Hotlines werden stattdessen meist an 01805-Nummern geklemmt, bei denen der Anrufer aus dem Telekom-Festnetz rund um die Uhr 12 Cent pro Minute zahlen muss. Dies ist zwar tagsüber sogar eine Spur billiger als ein Ferngespräch im Standard-Telekomtarif (12,2 Cent pro Minute), doch hilft keine "Sparvorwahl" weiter, was zur Folge hat, dass für den sparsamen Anrufer ein Gespräch nach Amerika billiger kommen kann als der Anruf bei einer solchen Hotline. Nachts wird es sogar deutlich teurer - ärgerlich bei Faxen an 01805, die man sonst am Abend günstiger verschicken könnte.

Die Telekom finanziert aus der Differenz die Weiterleitung an die angeschlossenen Hotliner, die dann über ganz Deutschland verstreut sein können, der Angerufene erhält dagegen - im Gegensatz zu den "Bezahlnummern" 0190/0900 - theoretisch nichts, in der Praxis mitunter geringe Summen im Centbereich pro Minute. Da Hotlines im Gegensatz zu normalen Einzelanschlüssen durchaus längere bereits gebührenpflichtige Wartezeiten haben können, ist dies immer wieder ein Ärgernis - nach einer Stunde in der Warteschleife sind so 7,20 Euro weg und oft werden die Nummern auch noch mit gewöhnlichen Ortsvorwahlen wie 08105 für Gilching in Oberbayern verwechselt.

"Shared Cost" - das war einmal

Ursprünglich war dies anders gedacht: Als Ferngespräche noch 60 Pfennig die Minute kosteten, wurden für 01805 nur 48 Pfennig pro Minute berechnet - den Rest trug die angerufene Hotline. Deshalb wurden diese Nummern auch als "Shared Cost" betitelt. Für preiswertere Varianten der 0180-Nummern wie 01801 (Ortstarif) und 01802 (einmalig 12 Cent) gilt dies auch heute noch, doch die sind eher selten zu finden. 01803 (9 Cent/Minute) wird von den Telekom-Unternehmen inzwischen für den Nummernbesitzer kostenneutral behandelt, während manche Unternehmen auf 01805 sogar Beträge im Centbereich als "Werbekostenzuschuss" auszahlen, was von der RegTP nicht gern gesehen wird. Angesichts der veränderten Kostenstruktur müssten die Preise für 01805 eigentlich reduziert werden, doch gilt immer noch die ungünstigste Variante (Ferngespräch Telekom tagsüber) als Messlatte, die man nicht wesentlich unterschreiten will.

Empörung der Anrufer ist hier verständlich, weshalb der Tarif der 0180-Nummern in Anzeigen oder auf Webseiten wie bei 0190-Nummern deshalb stets anzugeben ist - allerdings nur für Anrufe aus dem Telekom-Festnetz. Wird stattdessen vom Handy angerufen, sind alle 0180er-Nummern ziemlich teuer, doch da dies vom Netzbetreiber und Tarif abhängt, müssen diese Gebühren nicht aufgelistet werden.

Was allerdings von der RegTP von vornherein als "persönliche Rufnummer fürs Leben" in Vanity-Form angeboten wurde, sind 0700-Telefonnummern: Mit 0700MEINNAME kann man mit einer nach der 0700 maximal 8 Ziffern oder Buchstaben langen Nummer sein ganzes Leben erreichbar bleiben, egal, wie oft man umzieht und dort eingehende Anrufe kann man sich auf einen normalen Anschluss, auf ein Handy, ins Ferienhaus oder ins Büro weiterschalten lassen - auf Wunsch auch auf alle diese Anschlüsse.

Es muss lediglich einmalig die Registrierungsgebühr von 62,50 Euro bei der RegTP bezahlt werden und eine monatliche Gebühr zwischen 7 und 10 Euro an den Provider, der dann innerhalb des deutschen Festnetzes wie bei der 01805-Nummer kostenlos weiterleitet. Ins Ausland oder auf das Handy wird die Weiterleitung allerdings kostenpflichtig, doch bleiben dafür dem Anrufer diese Kosten erspart: Der zahlt in etwa den Standard-Ferntarif der Telekom - im Gegensatz zur 01805-Nummer wird die 0700er also abends billiger, wenn auch nicht kostenlos, wie die Preisangabe der Telekom selbst vermuten lässt, in der es nur "tagsüber" und "Wochenende/Feiertag" gibt. Damit wird allerdings auch eine exakte Gebührenangabe verzwickt - bisher war diese deshalb nicht üblich, zumal die 0700er auch definitiv als persönliche Nummer gedacht sind und nicht für Hotlines. 92.000 von 100 Millionen möglichen Nummern sind zum 13.1.04 gerade erst registriert, vor 11/2 Jahren waren es 84.500 - der große Renner ist 0700 also bislang nicht. Allerdings sind pro Person auch maximal zwei 0700-Nummern erlaubt - eine fürs Telefon, eine fürs Fax.

Persönliche Rufnummern sind abmahngefährdet

Viele Webseiteninhaber benutzen 0700-Nummern im Impressum: Dem Telekommunikationsgesetz genügen nach dessen Wortlaut zwar bereits die Angabe von Email oder Fax, in der Praxis wird jedoch das Fehlen einer Telefonnummer gerne beanstandet und sogar abgemahnt, wenn zwar eine Telefonnummer angegeben ist, der Webmaster innerhalb der üblichen Geschäftszeiten unter der angegebenen Nummer jedoch nicht erreichbar ist, weil er beispielsweise in der Arbeit ist.

Wer keinen Stress mit Anwälten will, gibt deshalb lieber klein bei. Doch deshalb die Büronummer für die private Website anzugeben, dürfte der Chef nicht akzeptieren und selbst wenn, will nicht jeder offenbaren, wo er arbeitet. Die 0700 löst dieses Problem und offenbart nicht, wo der Besitzer einer privaten Website seine Brötchen verdient. Außerdem kann sie auch nach 22 Uhr bis 9 Uhr früh auf einen Online-Anrufbeantworter des Providers geschaltet werden, sodass schlaflose Mitmenschen nicht um 1 Uhr nachts mit Fragen zur Website anläuten können. Gibt man parallel auch seine normale Telefonnummer an, wie die Wettbewerbszentrale fordert, ist dieser Vorteil zum Teufel. Außerdem ist der Sinn der 0700 ja gerade, eine Nummer für alles zu haben.

Allerdings haben auch Einzelpersonen mitunter Geschäfte: Versicherungsmakler oder Installateure könnten die 0700-Nummer gut gebrauchen, um sich Anrufe auch ans Handy oder als echter Workaholic gar in den Urlaub weiterleiten zu lassen. Der Anrufer zahlt deshalb trotzdem nicht mehr - Umleitungen auf andere als innerdeutsche Festnetz-Nummern gehen zu Lasten des Inhabers der 0700-Nummer. Also eigentlich ein großes Plus für die Anrufer.

Das sahen die Wettbewerber dieser 0700er-Inhaber jedoch anders, sie argumentierten, man könne die 0700-Nummern mit den gebührenfreien 0800ern verwechseln. Eine einstweilige Verfügung und ein Urteil des Landgerichts Saarbrücken fordern, dass auch bei 0700-Anschlüssen die Gebühren neben der Nummer stehen müssen. Seitdem gehen die Abmahnungen im Minutentakt raus und bei der Abmahnwelle herrscht Hochbetrieb, denn die Suche nach "0700" und "Impressum" in Google ist ja so schön einfach. Obwohl das Gericht das Urteil noch gar nicht herausgegeben hat und das Urteil nach Aussagen einiger Betroffenen bereits annulliert ist, besteht die Abmahnungs-, Verzeihung, Wettbewerbszentrale auf der Bezahlung von 205 Euro und will gegebenenfalls ein neues Urteil erwirken.

Da 0700-Nummern nur von Einzelpersonen verwendet werden, hat es wieder mal lauter Kleine erwischt, die sich auch über eine solche noch vergleichsweise preiswerte Abmahnung mächtig ärgern. Auch Freiberufler sind fällig, nur die kaum praktisch realisierbare Spezies der rein privaten Website nicht - aber solche brauchen ja ohnehin kein Impressum.

Alternative: Für den Anrufer teurere 01805-, 0190- oder Handynummern

Mit der schönen kurzen persönlichen 0700-Nummer ist es also vorbei, da der auf der Website anzubringende Gebührenhinweis nun um Größenordnungen länger werden kann als die Telefonnummer und auch Kleinanzeigen in der Zeitung ("Verkaufe alte Briefmarken, 0700...") gefährlich werden. Es empfiehlt sich daher, lieber gleich zu den unpersönlichen Hotline-Nummern 01803 und 01805 zu greifen, denn deren Gebühren lassen sich einfacher angeben und das Weiterleiten an mehrere Anschlüsse oder aufs Handy sowie der online abfragbare Anrufbeantworter sind ebenso vorhanden. Die Weiterleitung im Festnetz kostet den Nummerninhaber hier ebenso nichts, doch gibt es zusätzlich keine Grundgebühr und keine Registrierungskosten bei der RegTP.

Auch 0190-Nummern können übrigens im Impressum einer Website angegeben werden, mit Kosten, versteht sich. Für den, der Anrufer zusätzlich abschrecken und auf die Email leiten will oder als Webmistress von vollmondgeschädigten männlichen Surfern, die um Mitternacht anrufen, wenigstens profitieren will, nicht einmal die schlechteste Lösung. Wer Anrufer abschrecken und trotzdem keine Gebühren angeben will, kann auch eine Handy-Nummer angeben: Die kostet zwar ein Vielfaches der 0700, doch ist eine Gebührenangabe nicht notwendig.

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