Die Macht der (grausamen) Bilder

06.02.2004

Die israelische Regierung hat ein Video mit schrecklichen Bildern von den Folgen eines Anschlags ins Netz gestellt - Anlass, um einmal wieder über Bilderstrategien und den Medienkrieg nachzudenken

Die israelische Regierung hat im Kampf um die Aufmerksamkeit der weltweiten Öffentlichkeit zu drastischen Mitteln gegriffen. Da die Regierung davon ausgeht, dass die meisten Medien einseitig kritisch gegenüber Israel eingestellt sind, hat das Außenministerium ein fünfminütiges Video kurz nach dem Anschlag auf einen Bus am letzten Donnerstag auf seine Website mit der Warnung "Caution: Video contains very graphic footage" gestellt. So können de Menschen sehen, welche Folgen ein Selbstmordattentat hat. Die Kamera verfolgt Rettungsmannschaften, geht dann in den zerstörten Bus und zeigt die blutigen Leichteile.

Ein Bild aus dem vom israelischen Außenministerium veröffentlichten Video

Ein abgerissener, zerfetzter Arm, nur die weiße Hand wirkt noch unbeschädigt; ein einzelner Fuß irgendwo in den Trümmern, ein blutiger Körper mit einem fehlendem Fuß auf der Straße, blutende Körperteile in den nach der Explosion übrig gebliebenen Metallteilen des Busses. 11 Menschen sind bei dem Anschlag gestorben, der kurz nach dem Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah verübt wurde. Über 50 Menschen wurden verletzt, manche werden ihr Leben lang Krüppel sein oder unter einem Trauma leiden. Normalerweise haben Reporter erst Zugang zu dem Schauplatz von Anschlägen, wenn die Rettungsmannschaften die Leichteile schon beseitigt und die am übelsten zugerichteten Opfer bereits weggeschafft haben. In diesem Fall hatte ein Mitarbeiter des Außenministerium, der einige Minuten nach dem Anschlag vor Ort war, die Möglichkeit sofort zu filmen - was er auch machte. Das Außenministerium schnitt die schlimmsten Bilder angeblich noch heraus, bevor das Video ins Netz gestellt wurden. Zuvor war nur einmal eine solche Video-Dokumentation Journalisten, aber nicht der Öffentlichkeit gezeigt worden.

Fotos von schrecklichen Szenen hat die israelische Regierung allerdings häufig genutzt. Hier beispielsweise zu Beginn der Intifada, als in Ramallah israelische Soldaten vom Mob gelyncht wurden

"Wir haben beschlossen" so Gideon Meir vom israelischen Außenministerium, "dass dies die einzige Möglichkeit für uns ist, unsere Botschaft der Welt vermitteln zu können." Die israelische Regierung hat damit erstmals seit dem Beginn der Intifada vor drei Jahren und nach zahlreichen Anschlägen solche Bilder gezeigt, die tatsächlich in den Medien rund um die Welt nicht gesendet werden. Meist zwar nicht wegen einer einseitigen Haltung, wohl aber, um die Zuschauer zu schonen und sie nicht zu schockieren, aber auch, um nicht des Sensationsjournalismus bezichtigt zu werden. Schonungslos aber sind Anschläge, die möglichst viele Menschen in den Tod reißen oder verletzen bzw. verstümmeln wollen und zudem auf die Medien ausgerichtet sind. Die Medien berichten über das schreckliche Aufmerksamkeitsspektakel je eher, desto zerstörerischer oder "innovativer" der Anschlag war, aber sie wollen nicht des Voyeurismus oder einer Ausnutzung des Schrecklichen bezichtigt werden und zeigen die Folgen nur aus der Distanz oder in einer gefilterten Form.

In den ersten Tagen der Intifada wurde der 12jährige Mohammed al-Durah vor den Augen der Fernsehkameras wahrscheinlich durch Schüsse israelischer Soldaten getötet. Diese Bilder gingen um die Welt und haben der palästinensischen Seite geholfen.

Die Ethik der Sender ist zu hinterfragen, die so nur sagen, aber nicht zeigen, welche grausamen Folgen Anschläge oder Kriege haben. Bilderveröffentlichung bzw. -zensur ist freilich auch immer eine politische Strategie. Während der Invasion hat man kurz einen solchen Bilderstreit aufflammen sehen können (Bombenzensur oder "Kollateralschaden"?). Jetzt könnte beispielsweise das Pentagon Bilder der verstümmelten amerikanischen oder irakischen Opfer der Bombenanschläge zeigen, um Stimmung gegen die Aufständischen zu machen, gleichzeitig aber könnte bei den Menschen in den USA damit die Bereitschaft sinken, den Soldaten diese Risiken weiter zuzumuten und hinter der Besatzung zu stehen. Die palästinensischen Terrororganisationen wiederum zeigen zwar gerne die Opfer der Israelis, aber nicht, was ihre Anschläge zur Folge haben.

Bilder sprechen bekanntlich die Emotionen von Angst bis Mitgefühl oder Wut viel direkter an als Worte, sie können auch traumatisierend sein. Bilder, die immer nur eine Szene, einen Ausschnitt darstellen, aber keinen differenzierten Einblick in ein Geschehen bieten können, beeinflussen schnell und wahrscheinlich auch langfristig die Wahrnehmung. Die Beteiligung, die sie evozieren können, wenn es um grausame Szenen geht, wischt die Gleichgültigkeit beiseite, aber damit auch die "objektive" Distanz des Beobachters. Bilder vereinseitigen, sie sind "perspektivisch" für die Wahrnehmung.

Von Israel publiziertes Foto im Medienkrieg

Die Grenze zwischen einem unverfälschten und notwendigen Blick auf die Realität, den wir in aller Regel nur über die Medien haben können, und einer Ausbeutung des Schrecklichen in Nachrichten, die zudem Kinder und Jugendliche verstören kann, ist wohl kaum moralisch korrekt zu ziehen. Aber wer nicht wirklich sieht, wie grausam etwa Anschläge sind, wird auch nicht erahnen können, wie es den Menschen geht, die permanent damit konfrontiert oder konkret davon bedroht sind. Möglicherweise würde auch den Selbstmordattentätern die Absicht vergehen, wenn sie sehen könnten, was sie mit sich und ihren zufälligen Opfern anrichten. In diesem Fall war es ein 24-jähriger Polizist aus Bethlehem, der das Blutbad in dem Bus angerichtet hat.

Werden die Fernseh- und Nachrichtenbilder gesäubert und erfahren die Menschen, die oft weit von Konflikten entfernt leben, aber deren Gesellschaften mehr oder weniger an Konflikten beteiligt sind, nicht auch die Grauenhaftigkeit der Wirklichkeit, dann machen sie sich vermutlich oft ein falsches Bild. Aber die Situation ist natürlich keineswegs einfach. Würden sie nämlich überflutet mit schrecklichen Bildern, so würde die Betroffenheit auch bald der Gleichgültigkeit weichen. Man würde die Bilder nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Noch größer aber ist das Problem, weil Konflikte heute eben meist auch Propaganda- oder Medienkriege sind, die auch über beeindruckende Bilder ausgefochten werden.

Hätte Israel nur die schrecklichen Bilder vom Anschlag veröffentlicht - die Website war am ersten Tag nicht mehr erreichbar, Hunderttausende haben sie die ersten Tage besucht -, so wäre das durchaus legitim und wohl auch effektiv gewesen. Doch das Außenministerium wollte damit mehr und hat sie gleich wieder instrumentalisiert. Man verwies darauf, dass der Anschlag am selben Tag geschah, als Israel Hunderte von Gefangenen gegen einen entführten Israeli und drei Leichen austauschte:

Das beweist wieder einmal, dass im Unterschied zu Israels menschlicher Perspektive, in der jedes Individuum als eine ganze Welt gesehen wird, die Terroristen ohne jeden Unterschied morden und die Heiligkeit des menschlichen Lebens misssachten.

Angesichts der vielen Toten, die die Israelis zu verantworten haben, wobei auch bei den gezielten Tötungen oft genug unschuldige Zivilisten umkommen, ist das alleine aus der Perspektive der Propaganda, die sich ins Ausland richtet, keine geschickte Formulierung. Zudem soll das Video noch den umstrittenen Sicherheitszaun rechtfertigen. Wäre dieser fertiggestellt, der auch Teile des Westjordanlands einschließt, so das Außenministerium, dann hätte dieses Attentat nicht geschehen können. Ende Februar steht eine Anhörung über die Legitimität des Sicherheitszauns vor dem von Israel nicht anerkannten Internationalen Gerichtshof an. Hier fürchtet die israelische Regierung eine Verurteilung (Das Internationale Recht und der israelische "Sicherheitszaun").

Das Video wurde vor allem deswegen ins Netz gestellt, um der Weltöffentlichkeit die Notwendigkeit der Mauer zu beweisen: "Der Grund für die Entscheidung war die Tatsache, dass Israel vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt wird, während die Palästinenser weiterhin dieses barbarischen Terrorismus ausführen", erklärte Giedeon Meir. Eigentlich soll also das Video - und das ist fast auch zynisch gegenüber den Opfern - als Beleg dafür dienen, dass allein schon die Begutachtung des Sicherheitszauns durch den Internationalen Gerichtshof "absurd" ist.

Die pure Absurdität kann man nicht übersehen. Während die Palästinenser weiterhin Israelis ermorden, zwingt die pro-arabische Mehrheit in der UN Israel wegen des Zauns auf die Anklagebank beim Internationalen Gerichtshof. So verurteilen die Unterstützer des Terrorismus die Opfer des Terrorismus einfach deswegen, weil sie versuchen, sich selbst zu schützen.

Wer also Israel wegen des Zauns oder der Mauer kritisiert, müsse nur auf die Bilder schauen, um zu verstehen, warum er notwendig ist: "Der antiterroristische Zaun hätte dieses Massaker verhindern können." Der Zaun, so Außenminister Shalom, ist "die Antwort Israels auf den Terror". Der Zaun aber soll auch die territoriale Grenze neu ordnen. Dem dient auch der Plan von Scharon, Siedlungen im Gaze-Streifen zu räumen und gegen Siedlungen im Westjordanland einzutauschen, die zu Israel zugeschlagen und in den Schutz des Zauns aufgenommen werden. Dafür aber sollen auch palästinensische Siedlungen, die seit 1948 zu Israel gehören, ausgegliedert, also auch vom Zaun ausgenommen werden. Das könnte auch dazu dienen, dass eine demographische Mehrheit von Palästinensern in Israel weiter hinausgeschoben oder ganz verhindert werden kann.

Die Opfer des Anschlags werden mithin von allen Seiten ausgebeutet. Wem also würde eine Veröffentlichung der Bilder, die eine ungeschminkte Darstellung der grausamen Wirklichkeit auf beiden Seiten zeigen, dienen? Vermutlich keiner Seite, doch der Druck der internationalen Gemeinschaft könnte über die bislang gepflegte Einseitigkeit hinausgehen und beide Seiten stärker unter Druck setzen, eine Lösung zu erreichen und das Blutvergießen einzustellen. Aber wahrscheinlich würde damit die Macht der Bilder doch auch überschätzt.

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