Super-GAU bei Terroranschlag?

Thorsten Stegemann 07.02.2004

Ein bislang unveröffentlichtes Gutachten enthüllt schwere Mängel in der deutschen Reaktorsicherheit, BUND hat nun Auszüge veröffentlicht

Spätestens seit dem 11. September 2001 steht das Thema Terroranschläge auch in Deutschland ganz oben auf der Tagesordnung. Trotzdem kann hierzulande von einem spürbaren Bedrohungsgefühl keine Rede sein. Das klare Nein der Bundesregierung zum Irak-Krieg und die beschwichtigenden Stellungnahmen führender Politiker und Sicherheitsorgane scheinen eine beruhigende Wirkung zu entfalten, und das obwohl Deutschland als Versteck und Operationsbasis internationaler Terroristen bereits für Schlagzeilen gesorgt hat.

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Unter diesen Umständen kann niemand erwarten, dass öffentlich ernsthaft darüber diskutiert wird, ob die Bundesrepublik als Schauplatz eines großangelegten Anschlags überhaupt in Betracht kommt, und ob sie - im Notfall - auf möglichst viele Eventualitäten vorbereitet ist. Gleichwohl wäre es bedenklich, wenn vorliegende Erkenntnisse über eklatante Sicherheitsmängel in Deutschland vorsätzlich geheimgehalten werden, um eventuelle Panikreaktionen zu vermeiden.

Genau diesen Vorwurf erhebt nun der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegen das Bundesumweltministerium in Berlin und die entsprechenden Ministerien der Bundesländer. Seit über einem Jahr soll den Behörden ein geheimes Gutachten der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) mit dem Titel "Schutz der deutschen Kernkraftwerke vor dem Hintergrund der terroristischen Anschläge in den USA vom 11. September 2001" vorliegen.

Vor wenigen Tagen hatte der österreichische Nationalratsabgeordnete Peter Pilz auf dem Münchner Marienplatz bereits 99 Kopien des ominösen Papiers an Passanten und Journalisten verteilt, um gegen die vermeintliche Untätigkeit des bayerischen Umweltministers Werner Schnappauf zu protestieren, obwohl Schnappauf (CSU) und sein Berliner Amtskollege Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) sich schon im Vorfeld bemühten, die Aufsehen erregende Aktion zu verhindern und das Papier beschlagnahmen zu lassen. Dazu ist es nun endgültig zu spät, denn der BUND hat das neunseitige Dokument mittlerweile ins Internet gestellt.

Nach Ansicht der GRS-Experten besteht im Falle eines Flugzeugattentats ganz offenbar erhöhte Gefahr für ältere Anlage wie Obrigheim, Stade, Biblis A und B, Brunsbüttel, Isar 1, Philippsburg 1, Neckar 1 und Unterweser, wobei Brunsbüttel, Isar 1 und Philippsburg 1 mit besonderem Nachdruck als unzureichend geschützt eingestuft werden.

Obwohl es sich nicht um die vollständige, angeblich gut 100 Seiten umfassende Studie, sondern nur um eine Zusammenfassung handelt, ist der Streit um ihre Interpretation bereits in vollem Gange. Angelika Zahrnt, die Vorsitzende des BUND, erklärte:

Terroristen sind in der Lage, an jedem Atomstandort in Deutschland einen Super-GAU auszulösen. Aufgrund der vielfach höheren Bevölkerungsdichte können seine Folgen weit katastrophaler sein als in Tschernobyl. Die Bundesregierung und die Bundesländer wissen seit langem von dieser Gefahr und bleiben dennoch eine Erklärung schuldig, welche Gegenmaßnahmen sie ergreifen wollen. Stattdessen werden untaugliche Vorschläge wie das Einnebeln von Reaktoren bei einem Flugzeuganflug ventiliert.

Umweltminister Schnappauf sieht das naturgemäß anders. Er erklärte die Forderungen des BUND für "absurd und unseriös" und zeigte "keinerlei Verständnis dafür, dass sich jetzt auch der Bund Naturschutz dem verantwortungslosen Spiel der Grünen mit Falschinformationen zur Sicherheit von Kernkraftwerken anschließt und so Ängste in der Bevölkerung schürt." Die "Verhüllung" von Atomkraftwerken sei überdies ein probates Mittel, um sich gegen Flugzeugattentate zu verteidigen:

Dieses Konzept sieht unter anderem vor, dass ein angegriffenes Kernkraftwerk in wenigen Sekunden durch eine künstliche dichte Nebelwand großflächig verhüllt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Flugzeug das Reaktorgebäude hinreichend zielgenau trifft, soll dadurch wirkungsvoll vermindert werden. International sind derartige oder vergleichbare Schutzmaßnahmen ohne Vorbild.

Überdies bestreitet das Umweltministerium energisch, dass die vom BUND veröffentlichte Zusammenfassung inhaltlich mit dem vollständigen Gutachten identisch ist. Die GRS erklärte überraschend, dass sogar Isar 1 für eine Spitzenlast von 1.700 Megapond ausgelegt und also auf den Aufprall eines Starfighters vorbereitet sei.

Beim BUND geht man stattdessen davon aus, dass veraltete Anlagen nicht einmal den Absturz eines Verkehrsflugzeuges schadlos überstehen könnten. Doch die Umweltschutzorganisation ereifert sich nicht nur über sicherheitstechnische Details, sondern vor allem über eine unzureichende Informationspolitik:

"Schon immer war den Verantwortlichen bekannt, dass Terroristen eine Atomkatastrophe auslösen können, zum Beispiel durch Einschleusung von Personen ins Betriebspersonal oder durch Zerstörungen von außen mittels tragbarer panzerbrechender Waffen oder mit Sprengstoff. Solche Bedrohungen wurden jedoch nie öffentlich gemacht", sagt Angelika Zahrnt und hat - mindestens in diesem Punkt - sicher nicht ganz unrecht.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16704/1.html
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