Terror statt Thrombose

10.02.2004

Anspruch und Wirklichkeit der Homeland Security

Diese Geschichte verlangt nach der Ich-Form. Weil mir sonst keiner glaubt, dass ich mit einem falschen Namen auf dem Boarding Pass und ohne Flugschein durch die Security spaziert bin am Flughafen von Las Vegas. Das ist an und für sich bereits eine heikle Angelegenheit, gänzlich unerhört wird die Sache aber dadurch, dass ich soeben von einer Tagung über Homeland Security (Im Reich von Terrorex 04) kam - und dass während meiner Reise landesweit die Alarmstufe Orange herrschte, also die zweithöchste Sicherheitsstufe, die seit Einführung des Warnsystems im März 2002 insgesamt fünf Mal ausgerufen wurde. Statt grenzenloser Paranoia erlebte ich jedoch Nachlässigkeiten, die mir bei früheren USA-Reisen nicht untergekommen waren.

Nun ist Las Vegas nicht irgendeine Stadt, vielmehr zählt das Spieler-Mekka neben New York, Washington und anderen Metropolen zu den prominentesten und damit auch zu den bedrohtesten Zielen der Vereinigten Staaten. An Silvester wurde aus Angst vor Kamikaze-Angriffen nicht nur der Luftraum über New York, sondern auch der über Las Vegas für Privatflugzeuge gesperrt. Man rechnete jederzeit mit dem Schlimmsten. Tatsächlich wäre das glitzernde Las Vegas ein symbolträchtiges Ziel: Glücksspiel ohne Ende, Stripperinnen jeder Couleur, dekadente Fantasy-Architektur und abertausende Vergnügungssüchtige, die nichts im Sinn haben als Geld. Egal, wohin man geht, überall rasseln und klimpern die Münzen, sogar am Flughafen.

Eingereist bin ich am 5. Januar 2004 - an jenem Tag also, an dem Visums-Inhaber erstmals per Fingerabdruck und Digitalfoto erfasst wurden. Als Inhaberin eines Journalisten-Visums gehörte ich zu den Auserwählten. Die Prozedur beim Zwischenstop in Atlanta, Georgia, war denkbar unspektakulär. Nachdem ich die üblichen Fragen nach Grund und Dauer der Reise beantwortet hatte, wurde ich gebeten, erst den linken, dann den rechten Zeigefinger auf einen winzig kleinen Scanner zu legen. Danach bog die betont gelangweilte Dame von der Einwanderungsbehörde den Schwenkarm der kleinen Kugelkamera zurecht. Als ich verschlafen nachfragte, wohin ich blicken soll, hatte sie mich längst geknipst. Warteschlangen gab es nur am Schalter für US-Bürger. Trotzdem verpasste ich meinen Anschlussflug nach Las Vegas. Erstens war die Maschine aus Paris verspätet gelandet, zweitens ließ mein Koffer ewig auf sich warten. Natürlich war mein Gepäck bis zum Zielflughafen durchgecheckt, doch nach alter Sitte müssen die Einreiseformalitäten beim ersten Kontakt mit US-amerikanischem Boden erledigt werden, dazu gehört nicht nur die Passkontrolle, sondern auch die Zollabfertigung. Also müssen alle Passagiere ihr Gepäck einsammeln, durch den Zoll bringen und wieder einchecken.

Sicher ist sicher

Zehn Minuten vor dem Weiterflug erreichte ich mein Gate am anderen Ende des Flughafens, durch die Scheiben konnte ich sehen, wie Gepäck in den Bauch der Maschine geladen wurde. Trotzdem wurde ich nicht mehr an Bord gelassen. Delta Air schließt seine Flüge 30 Minuten vor Abflug, verkündeten die Damen vor Ort. Dass es sich bei den Zuspätkommern um Transatlantikreisende von Delta Air handelte, war ihnen herzlich egal. Das erregte besonders die Passagiere der ersten Klasse. Half aber nichts. Zum Glück ging der nächste Flug nach Las Vegas bereits eine Stunde später. Dass auf meinem neuen Boarding-Pass "Schmidt" statt "Schmid" stand, bemerkte ich erst auf dem Weg zum neuen Gate. Das könne man jetzt nicht mehr ändern, hieß es am Info-Schalter von Delta Air. Am Gate fiel der kleine, aber feine Unterschied gar nicht erst auf. Allerhand - und doch nur ein kleiner Vorgeschmack auf mein Erlebnis am Flughafen von Las Vegas.

Nur zur Erinnerung: kurz vor meiner Einreise wurden diverse aus Europa kommende Flüge abgesagt, einige Maschinen wurden beim Landeanflug von der Luftwaffe eskortiert, alles aufgrund von Sicherheitsbedenken. In einem Fall sorgte die beheizbare Jacke einer Reisenden, die von Paris nach Cincinnatti reisen wollte, für Aufregung: die heraushängenden Kabel erregten den Verdacht, es könne sich um eine Selbstmord-Weste handeln. Obwohl die Sache schnell aufgeklärt wurde und Air France die Dame auf einen späteren Flug umbuchte, wurde die Maschine, in der sie ursprünglich ankommen sollte, von amerikanischen Abfangjägern eskortiert. Sicher ist sicher.

Auch an Bord gelten seit kurzem verschärfte Sicherheitsvorschriften, wobei die neuen Regeln eindeutig zu Lasten von Geselligkeit und Gesundheit gehen: Grüppchen zwischen den Sitzreihen sind vom Service-Personal sofort aufzulösen. Auch wandelnde Plaudertaschen, die sich links und rechts des Gangs hinabbeugen zu ihren Gesprächspartnern, werden nicht mehr geduldet. Wer den Plausch mit entfernt Sitzenden nicht lassen kann, muss sich setzen. Das gelingt freilich nur, wenn der eigentliche Sitzinhaber gerade auf der nächstgelegenen Toilette verschwunden ist.

Jawohl, auf der nächstgelegenen. Spaziergänge zum anderen Ende der Maschine sind zu unterlassen, auf gar keinen Fall dürfen Gäste der Economy-Class in der ersten Klasse auf die Toilette gehen und umgekehrt. Überhaupt sind Ausflüge in die erste Klasse tabu. Noch vor wenigen Jahren empfahlen Mediziner und Fluggastverbände, während des Fluges auf- und abzuspazieren. Doch in Zeiten der Terrorwarnungen spricht niemand mehr von Thrombose-Gefahr.

Warten für die Sicherheit

Zurück auf den Boden der Tatsachen: Samstag, 10. Januar 2004, McCarran International Airport, Las Vegas. Am Vortag wurde die Alarmstufe von Orange auf Gelb heruntergesetzt, an Flughäfen herrscht jedoch weiterhin erhöhte Alarmbereitschaft. Der Flughafen ist gnadenlos überfüllt. In Las Vegas fanden mehrere Mega-Veranstaltungen gleichzeitig statt: die Consumer Electronics Show (CES) mit weit über einhunderttausend Fachbesuchern, die Tagung der Homeland Security mit rund eintausend Teilnehmern und last but not least die Porno-Messe AEE mit rund 25.000 Besuchern. Jetzt drängt es alle nach Hause. Verstärkt wird der Ansturm durch winterliches Chaos: Im Nordwesten der Vereinigten Staaten tobten in der Messewoche Schneestürme, allein der Flughafen Portland war wegen Eisregen drei Tage lang gesperrt, auch zahlreiche andere Flüge waren ausgefallen.

Mein Flugzeug startet zwar erst in über zwei Stunden, doch angesichts der unendlichen Warteschlange am Check-in-Schalter versuche ich mein Glück bei der kurzen e-Ticket-Schlange. Eigentlich geht das nicht, denn ich habe nur ein altmodisches Papier-Ticket, dafür aber einen Inlandsflug. Damit erfülle ich wenigstens eine der zwei Voraussetzungen für diese Schlange. Es gibt sechs Terminals, mindestens die Hälfte der Reisenden scheitert an der Software und reiht sich in die Schlange der e-Ticket-Versager ein. Auch ich mit meinem zum Scheitern verdammten Papierticket darf mich dort anstellen. Damit habe ich mindestens eine dreiviertel Stunde gespart. Leider verliere ich anschließend 30 Minuten beim Durchwühlen meines Koffers nach einem unentwickelten Film.

America West Airlines hat - wie fast alle amerikanischen Fluglinien - die Röntgendosis für das aufgegebene Gepäck vervielfacht, dadurch werden alle unentwickelten Filme unwiederbringlich zerstört. Steht auf einem Schild, direkt vor dem Schalter. Eigentlich habe ich alle Filme im Handgepäck, beim Nachzählen fehlt jedoch einer. Du meine Güte. Die Dame hinterm Schalter meint, ich hätte noch viel Zeit. Da könne ich doch noch einmal meinen Koffer öffnen. Gleich hier neben dem Schalter. Also gut. Kniend krame ich in meinen Habseligkeiten herum - vergebens. Nach einer halben Stunde gebe ich auf. Beim Check-in denke ich ständig darüber nach, wo der Film sein könnte, nehme meinen Boarding-Pass und trage meinen Koffer hinüber zum Röntgengerät. Sämtliche Schlösser sind zu entfernen - damit das Gepäck jederzeit durchsucht werden kann.

In der Abflughalle im ersten Stock sind die Warteschlangen noch gewaltiger als am Check-In. Irgendwo da hinten muss die Sicherheitsschleuse sein. Der junge Mann hinter mir ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sich am Ende dieser Schlange auch tatsächlich der Zugang zu seinem Gate verbirgt. Er fragt, ob ich mal eben auf seinen Koffer aufpassen könne, während er dort hinten auf dem Bildschirm nachsieht. Und schon ist er weg. Mir wird mulmig. Herrenlose Koffer sind so ungefähr das Verbotenste, was man sich auf einem amerikanischen Flughafen vorstellen kann. War das nicht der neue Roman von Donna Tartt, den er da unter den Arm geklemmt hatte? Die kleine Selbst-Ablenkung hilft, denn schon ist er wieder da. Alles in Ordnung.

Gelangweilt studiere ich die Gepäck-Aufkleber auf dem Umschlag meines Boarding-Pass. Da hat schon wieder jemand "Schmidt" aus meinem Nachnamen gemacht. Vergeblich suche ich weitere vertraute Buchstaben. Zum Beispiel das Initial meines Vornamens. Fehlanzeige. Merkwürdig. Was, bitteschön, soll AMBE bedeuten? Noch eine dreiviertel Stunde bis zum Boarding, und ich bin erst in der Mitte der Schlange. Ich verwickle den jungen Mann hinter mir in ein Gespräch über Donna Tartt. Wie weit er schon ist? Gerade erst gekauft. Ob er auch das erste Buch von Tartt gelesen hat? Nein.

Zwischendurch sehe ich mir meinen Boarding-Pass an. Da steht doch tatsächlich "Amber Schmidt". Das hat zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit "Katja Schmid" - ob ich damit durch die Security komme, ist jedoch fraglich. Ich frage den jungen Mann hinter mir, was er in dieser Situation tun würde. Auf keinen Fall zurück an den Schalter gehen und den Flug verpassen, meint er. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: in der Aufregung um den vermissten Film habe ich unten am Schalter meinen Flugschein liegen lassen. Das, was ich für mein Ticket halte, ist nur der hintere Durchschlag, auf dem klar und deutlich steht: "Not valid for transportation".

Eine sagenhafte Fehlleistung

Kontrolliert werden die Papiere von einem Rentner mit Baseball-Mütze. Erst halte ich ihn für eine Art Vorposten, doch wenige Meter nach seinem Hocker kommt schon die Sicherheitsschleuse. In Europa sitzen die Pass- und Ticket-Kontrolleure in kleinen Schalterhäuschen hinter Sicherheitsglas. Ich klemme Ticket und Boarding-Pass in meinen Pass, wobei ich darauf achte, dass das Ticket mit meinem korrekten Namen oben liegt.

Der betagte Herr interessiert sich vor allem für meinen Pass. Ich rechne schon damit, dass er die Namens-Abweichung bemerkt, doch er sagt nur: "Ah, you are from Bavaria!". Da hat er teilweise Recht. Ausgestellt wurde mein Pass in München, inzwischen lebe ich aber in Berlin. Und geboren wurde ich in Baden-Württemberg. Ich lächle nur, denn natürlich will ich ihn mit solchen Spitzfindigkeiten nicht belästigen. Und schon wünscht er mir "Gute Reise!" - auf deutsch. Vermutlich war er mal in Deutschland stationiert, wie so viele Amerikaner, denen ich begegnet bin. Er war so glücklich, mal wieder einen deutschen Pass in Händen zu halten, dass er alles andere vergessen hat. Gut für mich, denn damit hat sich das Problem mit dem falschen Namen auf dem Boarding-Pass - und dem fehlenden Flugschein - in Luft aufgelöst. "Very disturbing", meint der Donna-Tartt-Leser, während wir an der Sicherheitsschleuse auf die Durchleuchtung warten. Gleich danach habe ich schon wieder Glück: Als ich mein Notebook zwecks Inspektion auspacke, finde ich den vermissten Film.

Natürlich hätte ich gerne gewusst, ob der falsche Boarding-Pass jemals aufgeflogen wäre. Aber man soll ja nicht übertreiben. Also ging ich direkt zum Gate und bat die junge Dame vor Ort um Korrektur. Erst wollte sie gar nicht glauben, dass ich mit dem Boarding-Pass von Amber Schmidt durch die Security gekommen war. Als sie sich endlich beruhigt hatte, ließ sie Amber Schmidt ausrufen - ein junges Mädchen, das wider Erwarten nicht den Boarding-Pass von Katja Schmid, sondern ebenfalls einen Boarding-Pass für Amber Schmidt hatte.

Das System hatte also ohne zu murren zwei verschiedene Platzkarten für ein und dasselbe Ticket beziehungsweise zwei gleichnamige Boarding-Pässe für zwei Tickets unterschiedlichen Namens ausgestellt. Eine sagenhafte Fehlleistung. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich einen auf meinen eigenen Namen lautenden Boarding-Pass bekam. Die Maschine hätte längst starten sollen, als ich noch immer am Schalter stand. Ohne Boarding-Pass. Und ohne gültigen Flugschein, wie sich schließlich herausstellte. Leider konnte ich nicht per Fingerabdruck einchecken - so weit ist das biometrische Überwachungssystem ausländischer Reisender dann doch nicht. Da kam buchstäblich in letzter Minute eine Dame vom Check-in-Counter mit meinem Ticket angehetzt.

Übrigens war ich gar nicht der Grund für die Verspätung meiner Maschine: Einige Minuten nach mir kommt ein junger Mann mit einer Styropor-Kiste voller Eiswürfel an Bord, durchmisst das Flugzeug mindestens fünf Mal und setzt sich schließlich direkt hinter mir. Was auch immer er in seiner Kiste befördert - menschliche Organe sind es nicht, sagt meine Sitznachbarin. Sie muss es wissen: Jahrelang hat sie für den Bundesstaat Nevada den Transport von Organspenden organisiert. Gebannt belausche ich sein Telefonat. Anscheinend hat er sein Ticket vergessen. Jedenfalls versucht er, einen Kollegen zu seinem Auto zu lotsen, in dem er seinen Geldbeutel samt Ausweis und Ticket liegen gelassen hat. Die Fluggesellschaft brauche den Bestätigungscode vom Ticket, sonst kann die Maschine nicht starten.

Ich komme mir vor wie in einer Episode der Twilight Zone. Würde mich nicht wundern, wenn draußen auf der Tragfläche ein paar haarige Monster mitfliegen würden. Scheint ja alles möglich zu sein, wenn die Vereinigten Staaten in Alarmbereitschaft sind.

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