"Es lohnt sich, dagegen Widerstand zu leisten"

09.02.2004

Palästinensisch-israelische Demonstration gegen die "Apartheid-Mauer"

"Keine Mauer, keine Isolierung", schallte es am Samstag durch den palästinensischen Ort. Eine acht Meter hohe Betonwand trennt Abu Dis, ein Vorort Ost-Jerusalems, in zwei Teile. Etwa 3.000 Demonstranten folgten deshalb dem gemeinsamen Aufruf des örtlichen "Komitees gegen die Apartheid-Mauer" und israelischen Friedensgruppen, eine große Menge für hiesige Verhältnisse. "Jeder ist von den Trennanlagen betroffen", sagt Khaled Abu Hilal vom Komitee. "Ich zum Beispiel hatte vor drei Jahren eine Herzoperation und muss regelmäßig zur Kontrolle ins Krankenhaus. Durch die Mauer ist der Weg aber abgeschnitten."

Demonstration an der Mauer von Abu Dis. Foto

Familien werden auseinander gerissen. Noch ist es möglich, den Mammutbau zu umgehen. An einigen Stellen steht noch die erste, niedrigere Version mit Lücken. Diesen Weg nimmt alt und jung auf dem Weg zur Arbeitsstelle, zum Einkaufen und zur Schule. Manchmal versperren Grenzpolizisten diese Lücken, manchmal kontrollieren sie die Passanten. "Unsere Anweisungen sind jeden Tag anders", so einer der Beamten gegenüber Telepolis. "Abweisen, kontrollieren oder gar nicht bewachen. Wir blicken da selbst nicht mehr durch."

In wenigen Wochen wird hier der Wall aber dicht sein. Und die Folgen rufen auch israelische Aktivisten auf den Plan. "Die Mauer wird die Palästinenser am Ende von allen Seiten isolieren und sämtliche Lebensbereiche betreffen", so Etai Ryb von den Kriegsdienstverweigerern Yesh Gvul. "Es gibt eine Grenze", bedeutet das. "Wir meinen zwar, dass die Waffenstillstandslinie von 1949 die Grenze beider Staaten sein sollte. Das heißt aber nicht, dass Menschen davon eingeschränkt werden sollten. Grenzen müssen durchlässig sein." Das Ziel des Mauerbaus sei nicht Sicherheit, sondern die Trennung der Israelis von ihren Nachbarn und Partnern. "Israel baut nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für sich selbst ein Ghetto. In Israel sind wir moralisch bald auf einer Ebene mit dem Apartheids-Südafrika. Es lohnt sich, dagegen Widerstand zu leisten."

Die Regierung lässt sich von der Kritik nicht beeinflussen. Sie will Fakten schaffen, noch bevor der Internationale Gerichtshof in Den Haag den Verlauf der Mauer mitten im Westjordanland möglicherweise verurteilt. So geht der Bau ununterbrochen weiter. Unterdessen liegen jetzt erstmals umfassende Daten über die Auswirkungen der Trennanlage auf die Gesundheitsversorgung vor. "Schon jetzt leiden die 15.000 Menschen zwischen der Grenze zu Israel und der Mauer besonders unter dem Bau", erklärt Mustafa Barguti, Arzt und Vorsitzender der Vereinigung palästinensischer medizinischer Hilfsdienste (UPMRC. Nach seiner Fertigstellung im nächsten Jahr wachse die Zahl der direkt Betroffenen auf cirka 440.000 an. "Viele Menschen werden die Arztpraxen auf dem Lande nicht mehr erreichen können. Aber vor allem werden sie von weiterführender medizinischer Behandlung, die nur in den Städten verfügbar ist, abgeschnitten."

Mauer in Abu Dis. Foto

UPMRC will den Veränderungen mit dem Ausbau mobiler Kliniken begegnen. "Wir werden keine Krankenhäuser bauen, sondern den Mauerbau stets als illegales Projekt betrachten, das bald wieder verschwinden muss", so Barguti. "Wir können kein neues Gesundheitssystem organisieren, wollen den Menschen in den isolierten Zonen aber mit ambulanten Hilfsdiensten beistehen, damit sie nicht zur Abwanderung gezwungen werden." Das sei kein leichtes Unterfangen, räumt der langjährige Aktivist ein. "In der Sperranlage gibt es Tore, die wir passieren müssen, um auf die andere Seite zu kommen. Die sind oft nicht besetzt und bleiben geschlossen. Aber in jedem Fall werden die Verzögerungen Behandlungen komplizieren. Bei einer Verletzung zählt jede Sekunde."

Bereits in den letzten drei Jahren waren 55 Frauen gezwungen, an Checkpoints oder vor geschlossenen Toren ihre Kinder zur Welt zu bringen. 25 Ärzte wurden im Dienst getötet, allein 25 UPMRC-Mitarbeiter bei Einsätzen verwundet. "Wir rechnen mit der Ausbreitung chronischer Erkrankungen, weil diese nicht mehr genügend behandelt werden können." Allein im Gebiet um Ramallah sind von der Trennanlage 33.268 chronisch kranke und 17.510 behinderte Palästinenser betroffen. "Insgesamt ist die Zerstörung unseres Gesundheitssystems Teil der israelischen Strategie, das Leben hier zu verunmöglichen", sagt Barguti.

In Abu Dis sind schon viele Familien abgewandert. Auch das Heim der Familie Radwan wird nicht mehr lange stehen. "Die Regierung hat uns vor die Wahl gestellt", erklärt der Sohn der Familie gegenüber Telepolis, "entweder wir verkaufen oder sie übernehmen nicht die Verantwortung für auftretende Schäden." Die tonnenschwere Betonmauer führt direkt auf ihr Gebäude zu. Es wird dann hälftig in Jerusalem und im Westjordanland stehen. "Direkt hier wollen sie eine jüdische Siedlung bauen", so der Betroffene weiter. "Man kann zwar für sich alleine die Entscheidung zum lebenslangen Kampf treffen. Aber seinen Kindern kann man nicht zumuten, in einem Umfeld von aggressiven Siedlern und Grenzpolizisten, die einen gar nicht wollen, zu leben." Die Radwans teilen so bald das Schicksal von Tausenden, die ihren Jersusalemer Wohnort und damit den besseren Zugang zu Arbeitsplätzen und Sozialversorgung verloren haben.

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