Arbeit, Arbeit über alles
Eigentlich sollten wir ja alle froh sein, dass die Arbeitsgesellschaft, wie wir sie kennen, zu Ende geht - aber die Arbeitsgesellschaft kann sich mit ihrem Ende nicht abfinden
Wenn man sich das ganze Gewese um die Demissionierung Florian Gersters, die Reden des Superministers Wolfgang Clement und des Bundeskanzlers, sowie das übrige politische Gequatsche bis hinunter zum Dorfbürgermeister anhört, könnte man auf die Idee kommen, dass es nichts Wichtigeres gibt als Arbeit.
Die Bundesanstalt für Arbeit, bisher ein staatlicher Gastronomiebetrieb, wird in ein bundesweites Frittenimperium verwandelt, das seine Kunden genauso quält, nur mit einem verordneten Lächeln auf dem Gesicht und kürzeren Reaktionszeiten, wenn es um Überwachen und Strafen geht. Surreale Programme werden aufgelegt, die ebenso kreative Namen tragen, wie die Duschshampoos in den tiefergelegenen Drogeriemarktregalen: Hartz-Reformen, Job Floater, PSA, Ich AG heißt dieses Zeug, damit auf den ersten Blick klar ist, dass man es sich eigentlich auch gleich in die Haare schmieren kann.
Pausenlose Mobilmachung an der Arbeitsfront
Allerorten werden neue Arbeitsplätze angedroht, wenn das politisch opportun ist (zum Beispiel vor Wahlen). Die "Drückeberger", "Faulenzer" und "Arbeitsscheuen" will man auf Vordermann bringen. Auch Konzepte, die man eigentlich nur noch faschistisch nennen kann - wie die Zwangsverpflichtung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern zu rein symbolischen Löhnen - werden offen diskutiert und zum Teil schon praktiziert. Arbeit, Arbeit über alles.
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Aber warum eigentlich? Es kann kein wirklicher Zweifel daran bestehen, dass zur Selbsterhaltung der Gesellschaft eigentlich immer weniger Arbeitskraft verausgabt werden muss, und die pausenlose Mobilmachung an der Arbeitsfront wirkt in diesem Zusammenhang eigentlich nur noch bizarr. Der Widerspruch klärt sich, wenn man sich klarmacht, dass hier eine andere Rationalität als die der Selbsterhaltung herrscht. Weil die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft immer noch das Einzige ist, was tatsächlich Wert erzeugt, ist sie so wertvoll wie eh und je. Diejenigen, die über ihre Inwertsetzung (sprich Ausbeutung) zu verfügen haben, werden den Teufel tun, nur deshalb darauf zu verzichten, weil beim Stand der Technik viel mehr davon verfügbar ist, als gebraucht würde, um uns alle zu versorgen.
Sie tun etwas ganz anderes. Um die Wertschöpfung anzukurbeln, senken sie den Preis der Arbeitskraft (den Lohn) so nachhaltig wie es nur geht ("Sozialreform", "Senkung der Lohnnebenkosten", "Gesundheitsreform", "Agenda 2010") und möchten darüber hinaus über Arbeitskraft verfügen, für die sie überhaupt keinen Preis zu entrichten haben (Überausbeutung durch unbezahlte Überstunden, Sklavenarbeit illegal angeheuerter ausländischer Arbeitskräfte (vgl. Wie im Lager), Gefängnisarbeit, Ehrenamt (vgl. Powered by Oma und Ehrenamt), Einforderung unbezahlter Arbeitsleistungen zur "Standortsicherung" usw.)
Und so arbeiten die einen immer mehr (ob legal, schwarz, prekär, ehrenamtlich oder sonstwie) und die anderen schöpfen immer mehr Wert ab, um damit zu tun, was immer sie möchten. Die einen leisten unbezahlte Arbeit im Callcenter und die anderen erhalten eine Abfindung von 30 Millionen Euro dafür, dass sie sich dünne machen.
Das Evangelium der Arbeit
Dies alles, während die Menge an eigentlich benötigter gesellschaftlicher Arbeitskraft abnimmt. Selbstverständlich ist der Motor dieser Entwicklung nicht individuelle moralische Verworfenheit, wie z.B. weite Teile des globalisierungskritischen Milieus zu glauben scheinen (Stichworte "Gier", "Turbokapitalismus", usw.) Produktionskosten senken, Profite erzielen, Marktpositionen ausbauen, bei der Globalisierung mitziehen - das alles liegt nicht im Belieben eines einzelnen Unternehmens, sondern ist Wesens- und Funktionsprinzip des Gesamtsystems selbst. Und weil dieses System nun einmal auf der erzwungenen Verausgabung von Arbeitskraft und der Enteignung ihrer Produkte beruht, ist das gültige Evangelium das der Arbeit.
Selbst diejenigen, die keine Arbeit mehr haben und nie mehr eine bekommen werden, weil ihre Arbeitskraft für die erwünschte Wertschöpfung schlicht und ergreifend nicht tauglich ist, sollen arbeiten müssen. Arbeitslos zu sein oder Sozialhilfe zu empfangen ist in diesem Land schon lange ein Fulltimejob. Ständig muss der Beweis geführt werden, dass man das Almosen auch zu Recht erhält. Sich das Existenzminimum durch tausenderlei Anträge, Belege und Rechtfertigungen zu verdienen, ständig den Verdacht im Nacken, man sei ein Betrüger, ist ein Stress, der in Spitzenzeiten sehr wohl mit den Verpflichtungen eines gut beschäftigten Managers zu vergleichen ist.
Zwangsarbeit für diesen ständig wachsenden Sektor der Gesellschaft ist ein offenes Thema. Der Druck muss um jeden Preis aufrechterhalten werden, damit nicht die Ahnung aufkeimt, es könne beim gegenwärtigen und noch zu erwartenden Grad der Automation zu einer rationalen Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit kommen, die ein nie da gewesenes Maß an Freizeit und Freiheit für alle ermöglichen würde - selbst unter der Voraussetzung, dass die Wertpumpen abgeschaltet werden, die die dritte Welt leer saugen. Grotesk, aber wahr: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schickt sich der Kapitalismus an, die Utopie von einem Leben ohne Arbeit zu verwirklichen - und kann aus seinen eigenen inneren Zwängen heraus dieser Tatsache nicht ins Gesicht sehen.
http://www.heise.de/tp/artikel/16/16721/1.html- Faulheit ist ein altbackener moralinsaurer Begriff... (11.3.2004 16:50)
- Re: Was ist Geld (11.3.2004 15:37)
- Faulheit (11.3.2004 15:24)
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