Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?

Peter V. Brinkemper 12.02.2004

Zum 200. Todestag von Immanuel Kant

Am 12. Februar 1804 starb Immanuel Kant im Alter von fast 80 Jahren in Königsberg, eben jener Heimatstadt, über deren engeren Umkreis er nie hinauskam, während er doch aufgrund seiner intensiven Kenntnis der zeitgenössischen Reiseliteratur und geographischen Forschung ein erstaunliches Wissen über die Merk- und Sehenswürdigkeiten in aller Welt besaß. Als Kant starb, ging Europa weit mehr verloren, als nur ein schmaler, leicht verwachsener Kinderroboter, nach dessen akribischer Pünktlichkeit, mit der er seinen Arbeits- und Lebensplan tagtäglich mit ostpreußischer Disziplin erfüllte, die Nachbarn ihre Uhren stellten. Er hinterließ dem alten Europa und der neuen Welt mit seiner kritischen Philosophie ein bis heute hochaktuelles Vermächtnis.

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Der in knabenhafter Größe stehen gebliebene Kleinbürgerssohn, den man neben Sartre und Napoleon auf den Schoß der Philosophie setzen könnte, der ewig emsige und allseits interessierte Student, spätere Hauslehrer und Privatgelehrte, der spätfeudale ewige Junggeselle mit den standfesten Augen eines bis dahin kaum gekannten Erkenntniseifers und mit der hartnäckig-feinen Nase einer ausgesuchten Sprach- und Geschmackskultur - zwischen dogmatischer Aufklärung, hypersensibler Empfindsamkeit, wildem, rebellierendem Sturm und Drang und über die Antike sich selbst reflektierende Klassik - stammte zwar aus kinderreichen und einfachen Verhältnissen einer zünftigen Schuster-Familie.

Doch vermöge seines ausgeprägten analytischen Scharfsinns ("Witzes", von Wissen) und seiner konstruktiven Phantasie ("Einbildungskraft"), rückte Kant schon als "Normal-Gelehrter" aus dem Mief einer spießigen Glückseligs-Metaphysik und Schicksals-Rechtfertigung deutscher Begriffs-Prägung à la Wolff in die obersten Ränge der europäischen Forscher und Denker ein, die er zu Gesprächen an seinen Mittagstisch einlud oder mit denen er direkt oder indirekt in Korrespondenz stand.

Erst die Bündelung seiner pädagogischen, spekulativen naturwissenschaftlichen und philosophischen Tätigkeiten ab dem vierten Lebensjahrzehnt zu einer neuen Position sollte das folgenreiche Geschäft einer kritischen und selbstkritischen Vernunft entfachen, mit allen Folgen für die kommende Entwicklung der europäischen Philosophie.

Eintritt in die Moderne

Mit Kant nimmt der Eintritt in das Zeitalter der Moderne greifbare Gestalt an, wird der endgültige und radikale Abschied von den feudalen Sehnsüchten eines geschlossenen geozentrischen Weltbildes eine konsequent angedachte Realität, die sich zunächst in der noch scheinbar unpolitischen Gelehrtenrepublik gebildeter Bürger artikuliert, bevor sie sich im Gefolge der vollendeten und pervertierten Französischen Revolution und Restauration aus den Debattierclubs der Hinterzimmer von 1848/9 mit handgreiflicheren Forderungen nach Menschenrechten, Bürgerrechten und vernunftgeleiteten Verfassungsgrundsätzen einer an der Zivilgesellschaft orientierten Politik ihre Bahn bricht.

Die Waffe des "Chinesen aus Königsberg" (Nietzsche), seine angeblich alles zermalmende Kraft (Moses Mendelssohn) als Metaphysik-Vernichter ist erst im vollen Umfang zu begreifen, wenn man sein zwar trocken geschriebenes, dabei glänzend argumentierendes kritisches Werk genauer nachliest - und zwar im Kontext zu drei unterschiedlichen Positionen: mit dem Erkenntnis- und Werte-Skeptizismus des schottischen Philosophen David Hume, mit Jean-Jacques Rousseaus Konzept einer Volonté Génerale (einem allgemeinen und allgemeingültigen politischen und sozialen Willen) sowie mit den Besonderheiten einer ästhetischen Kunst- und Naturbetrachtung, wie sie das ausgehende 18. und beginnende 19. Jahrhundert pflegte.

Kant arbeitete unentwegt an der Konstruktion einer reflektierten "Tranzendentalphilosophie", der es gelang, die Differenz zwischen Logik und Erfahrung, Begriff und Wahrnehmung, zwischen kontinentalem Rationalismus und britischem Empirismus, aber auch zwischen Theorie und Praxis als spannungsvolle Dialektik auszuformulieren , und dabei das Kapital eines Descartes oder eines Hume ebenso zu bewahren wie das eines Hobbes oder Rousseau oder Platon und Aristoteles.

Die Kraft des hypothetischen Denkens

Dabei ist es vor allem die Kraft des hypothetischen Denkens, die Kant erlaubte, seine so oft in populärwissenschaftlichen wie fachphilosophischen Darstellungen überbetonten kategorischen Positionen ausformulieren. Nehmen wir zum Beispiel den berühmten "Kategorischen Imperativ". In einer seiner vier Hauptformeln handelt er in unmissverständlich Rousseauscher Gestalt:

Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.

Das klingt in der Tat sehr kategorisch, also unbewiesen und unbeweisbar. Max Scheler, der Gefühls- und Wert-Phänomenologe, Schopenhauer, der Philosoph des blinden irrationalen Willens und des lebensverneinenden Pessimismus und des quasi-buddhistischen Mitleids, sowie Hegel, der Ideologe des absoluten Geistes und der seiner Verwirklichung in der konkreten sittlichen Lebensform von Gesellschaft und Staat, haben sich über den auch vom Kant-Adepten Schiller beklagten "Rigorismus" des moralischen Gesetzes bei Kant belustigt. Schiller und Scheler vermissten Sinnlichkeit und Emotionalität als Motiv des sittlichen Handelns. Hegel sah die Geltung des rein abstrakten vernünftigen Handelns durch die pragmatischen Zwänge der sittlichen Lebensformen der Gesellschaft infrage gestellt. Nietzsche sah in Kants Versuch, Moral aus Vernunft zu begründen, einen Versuch, den gemeinen Menschenverstand einfach zu bestätigen, ihm sozusagen aus einer einfachen zustimmenden Wertung heraus Recht zu geben. In Wahrheit habe aber der leere und kalte Formalismus der "Idee einer allgemeinen Gesetzgebung" keine wahrhaft moralische Substanz.

Das vielleicht berühmteste unter den vier inhaltlichen Pflicht-Beispielen (Selbstmordverbot, Lügeverbot, Selbstvervollkommung, Hilfe für andere), das Exempel, ein vorsätzlich unwahres Versprechen abzuliefern, um von jemand anderem einen Kredit zu bekommen, ohne ihm, wie vorgegeben, zurückzahlen zu wollen, mag erläutern, wie Kant sich die Stringenz seiner praktischen Begründung denkt. Kant geht davon aus, dass ethische Urteile in ihrem Kern sich keineswegs auf willkürliche Bewertungen der Form "X ist gut/schlecht/usw." reduzieren lassen, die ihrerseits bloß subjektiv reklamierte oder sozial gesetzte Wertsetzungen beinhalten. Kant nimmt an, dass es in bestimmten Bewertungen, die nicht nur eine willkürliche und subjektive Einschätzung aus einseitiger Perspektive beruhen, einen rational begründbaren Kern einer streng verallgemeinbaren Wertperspektive gibt: nämlich die gesetzliche Form der Verallgemeinerung selbst, und zwar als eine testweise Erhebung einer subjektiven Lebensregel zum Gesetz.

Kognitive Perspektive der Moralbegründung

Das Bemerkenswerte an dieser Betrachtungsweise ist, dass in der Moral wie auch in der Erkenntnistheorie oder in der Ästhetik und Naturphilosophie die Annahme einer kategorisch vorfindlichen Realität an sich, einer Welt, die unabhängig vom Subjekt existiert und insofern diesem eine fremde Richtschnur auferlegt (als Heteronomie), schlichtweg als absurde und irrationale Ansicht einer vormodernen Metaphysik abgelehnt wird. Die Revolution der Denkungsart besteht gerade darin, anzunehmen, dass sich das Denken und Handeln und ästhetische Wahrnehmungen des Subjekts nicht mehr nach vermeintlich externen Dingen richtet, sondern die Gegenstände sich nach den formalen Bedingungen des Subjekts, seiner Formen des Erkennens, Handelns und Wahrnehmens. Kant in der berühmten Vorrede zur zweiten Auflage der "Kritik der reinen Vernunft":

Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche, über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert w0ürde, gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, dass wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiemit eben so, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegung nicht gut fort wollte, wenn er annahm, da ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.

Damit ist die rational begründbare Stringenz von Wahrheit, ethischer Richtigkeit und ästhetischer Authentizität keineswegs gemindert. Sondern der rationale Anteil an den Produkten und Formaten des Subjekts spitzt sich eigentümlich zu, insofern auch die Grenzen einer solchen kognitivistisch verstandenen Kritik der Erkenntnis, Moral und Ästhetik gleich mitreflektiert werden. Zwar stammen die im Alltag vorfindlichen Beobachtungen und Aufmerksamkeitsleistungen, ob es sich dabei nun um Wirklichkeit erschließende Erkenntnisse, Praxis strukturierende Handlungen oder die Ästhetik mitkonstituierende Wahrnehmungen handelt, allesamt aus der lebendigen Erfahrung.

Aber die konstruktiven Formen der Verarbeitung, mit der Erkennen, Handeln und Wahrnehmen verbunden sind, rühren, so Kant, keineswegs nur aus der Erfahrung und damit aus einer fremdgesteuerten, schicksalhaften Gewöhnung, wie Hume es in seiner skeptischen Brillanz vermutete, die Kant aus dem "dogmatischen Schlummer weckte". Die Möglichkeiten des konstruktiven Umgangs mit der Welt in theoretischer, praktischer und ästhetischer Absicht sind dem Menschen in Grundstrukturen a priori eingeschrieben. Durch sie konstituiert sich überhaupt seine Freiheit, seine Möglichkeit, sich willkürlich auch anders zu verhalten und den Verlauf von Ursachen und Wirkungen in der materiellen Welt zu variieren bzw. aus Freiheit, d.h. praktisch-ethischer Vernunft heraus moralisch zu handeln.

Auf diese Weise denkt Kant die Anthropologie als eine Anlage des Menschen, sich selbst in größtmöglicher Offenheit selbst zu konstruieren, als ein Potential der Vernunft, die ihrerseits der Entbindung bedarf, und zwar weit hinaus über die mechanische Geschicklichkeit von technischen Regeln eines Homo faber, über die empirische Zufälligkeit von Ratschlägen der Klugheit modischer Lebensphilosophien und die Zwangsvorschriften des Wahren, Guten und Schönen in einer veralteten Philosophiegeschichte und in modernen Ideologien.

In der Erkenntnistheorie z.B. beziehen sich diese Formen bzw. diese Aspekte darauf, dass die Sinnesdaten der Erfahrung und Wahrnehmung keineswegs nur in chaotischer Beliebigkeit "empfangen werden". Sie werden unter den notwendigen formalen Bedingungen der Erfahrung im Hier und Jetzt und Weil, also im diesseitigen Kontinuum von Raum, Zeit, durchgehaltener Substanz, zeitbezogener Kausalität und raumübergreifender Wechselwirkung geordnet und "auf die Reihe gebracht", unter vollem Risiko des Irrtums von "wahr versus falsch". Nur so wird die Differenz von subjektiven Wahrnehmungsurteilen zu objektiven Erfahrungsurteilen möglich, und zwar als eine objektive Differenz, die aus den blind erkennenden Monaden eines Leibniz wirksam und wahrhaftig welterschließende, aber auch irrtumsfähige Subjekte macht.

Begründung der Ethik

Und diese Form der irrtumsanfälligen, tappenden, tastenden, aber gleichwohl welterschließenden Synthesis kehrt in Kants Begründung der Ethik wieder in dem Aspekt, dass beliebige Handlungen nicht nur monologisch und nur formal kalkulierend auf ihren Erfolg oder ihren Nutzen hin überprüft werden. Handlungen allein unter den hypothetischen Imperativen von Zweck-Mittel-Relationen zu sortieren, bedeutet, aus Taten und Subjekten beliebige Mittel für beliebige Zwecke zu machen. Im Grenzfall können dann auch Lüge und Gewalt als Mittel zur Erhaltung und Mehrung von Macht und Herrschaft missbraucht werden. Aber Kant gibt sich nicht mit der blinden Vorverurteilung des "Missbrauchs", des "Schlechten", "Unguten" und "Bösen"zufrieden. Er fragt danach, ob es ein verbindliches Kriterium der Vernunft dafür gibt, dass etwas als ethisch gut oder zumindest als akzeptabel gelten kann. Und er ist auf der Ebene der prinzipiellen und exemplarischen Begründung nicht um die Antwort verlegen, auch wenn wir im weiteren, seinen Einzelausführungen nicht mehr in allen Punkten (Todesstrafe, Widerstandsrecht, Notlügeverbot) folgen.

Das Handeln hat sich selbst immer schon unter das Gesetz der praktischen und der politischen Vernunft zu stellen, damit diese anfragen kann, ob bei einer gegebenen Handlung, z.B. der vorsätzlichen individuellen Betrugs- oder staatlichen Kriegs-Lüge, der potentiell Handelnde nach einem allgemeinen Gesetz handeln könnte, wenn alle von seiner Handlung betroffenen an dieser Gesetzgebung beteiligt wären. Der kategorische Imperativ verlangt nichts anderes als die Konstruktion einer Praxis, in der die von einer Einzelhandlung betroffenen Wesen als Vernunftwesen an der Reflexion beteiligt werden, ob die erwogene Handlung von allen gleichermaßen in dieser oder jeder anderen Situation zu Recht in die Tat umgesetzt und in allen ihren Folgen, vor allem für die menschliche Freiheit vernünftigerweise gewollt werden könnte.

Und dieses Gedankenexperiment , eine jede Handlung unter der Bedingung der nichtexklusiven , gesetzförmigen Regelung der Freiheitsspielräume aller Subjekte zu denken, ist durchaus auch eine transzendentale Hypothese, die intuitives Werten einem ausdrücklichen Begründungsprozess unterwirft. Als allgemeines oder öffentlich publiziertes Gesetz gedacht, würde jede Betrugs- oder Kriegslüge sich selbst widersprechen, würde sie unglaubwürdig werden und zur Weigerung der Adressaten führen, dem Propagandisten Glauben, Kredit zu schenken. Damit wäre die Lüge nicht nur unakzeptabel, sondern auch wirkungslos und erfolglos, und zwar in ihrer eigenen Unlogik. Es ist das Verdienst Kants, auf dieser möglichst objektiven Unlogik einer maximalen Unparteilichkeit bestanden zu haben, die aller empirisch eingelernten Moralisiererei und Vorverurteilung, aber auch berechnender Abwägung von Wirkung und Erfolg vorhergeht.

Die Lüge funktioniert also nie intersubjektiv und unparteiisch, sondern nur als auf Undurchschaubarkeit angelegte Ausnahme von jener Regel, die von Kant gerade als Struktur einer nichtexklusiven, allgemeingesetzlichen Vernunft gedacht wird. Aber in der gedanklich vorweggenommenen Unparteilichkeit denkt Kant die Utopie einer in der Vernunft aufgehobene Moral, die fast ohne subjektiv vorverurteilendes Gefühl und herrschaftliche Strategie auskommen könnte.

Wenn die Pädagogik und die Schulphilosophie immer wieder gerne den berühmten Auftakt zum Aufsatz: "Was ist Aufklärung?" zitiert:

Aufklärung ist der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist die Unfähigkeit, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

...dann ist dabei leicht zu übersehen, dass diese Zitate und Ausführungen als goldene Spruchsammlung und Hauszierrat nur die Hälfte der Wahrheit sind. Und dass die Halbierung des Gedankens genau den Prozess zu verhindern droht, den sie doch anstacheln soll: das eigene Denken in produktive Bewegung zu bringen und zu halten. Erst die folgende satirische Stelle leitet den Blick weiter, zu der Problematik der Klienten der Aufklärung, die sich einem Heer von (selbsternannten) Beratern gegenübersehen, die ihnen den rechten Weg "vorgeben" und ihre Schäflein in den Stand der Unmündigkeit im Zeichen einer angeblich jederzeit bereits abgeschlossenen Aufklärung zurückbefördern:

Es ist so bequem, unmündig zu sei. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.

so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte

Widerspruch der Pädagogik

Die Dialektik der Aufklärung nimmt hier die Paradoxie der verhinderten Aufklärung qua vorweggenommener Beratung und hingenommener Besserwisserei in der verfahrenen Beziehung von Profi und Laie an. Die Pädagogik erweist sich gerade im euphorischen Zeitalter der rationalistischen Aufklärung als ein zweischneidiges Schwert zwischen Befreiung und Bevormundung, wenn die Kindheit entdeckt wird, einmal als Raum möglicher psycho- und soziotechnischer Manipulation (im Sinne von Foucault), aber auch als Raum der emanzipatorischen Subjektwerdung des Menschen in seiner Qualität als kreatives Kind, als elementar lernen-könnendes und naiv-unverfälscht empfindenden Wesen (Pestalozzi, Rousseau).

Kant hat diesen Widerspruch der Pädagogik selbst in seiner Schulzeit verspürt und auch später in seinen Pädagogik-Vorlesungen, auch auf der Linie seiner Aufklärungskritik und seiner Begründung von Ethik und Freiheit durch die praktische Vernunft keinen Hehl gemacht:

Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne.

Kant stellt am Ende seines Aufsatzes zur "Aufklärung" die Frage: "Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?" Er beantwortet sie mit kritischer Offenheit: "Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung." Gleichen Sinnes schreibt er, Foucault vorwegnehmend in der Einleitung zu seiner "Pädagogik"-Vorlesung:

Wir leben im Zeitpunkte der Disziplinierung, Kultur und Zivilisierung, aber noch lange nicht in dem Zeitpunkte der Moralisierung. Bei dem jetzigen Zustande der Menschen kann man sagen, dass das Glück der Staaten zugleich mit dem Elende der Menschen wachse.

Das mag für heutige Ohren etwas befremdend klingen: Mit Disziplinierung meint Kant den bloßen formalen Drill, mit Kultur die Erlernung von Techniken der Geschicklichkeit, mit zivilen Belangen die Vermittlung von Tugenden der sozialen Anpassung und der empirischen Klugheit. Aber all dies kann die eigentliche Ebene der Erziehung, die "Moralisierung" als vernünftige Einsicht in moralische Positionen, begründet durch das ethische Zusammenspiel von Freiheit und allgemeines Gesetz nicht ersetzen. Gängelwägen, Laufbände, gedankliche Fetische, Götter und andere Stützen von Leib, Seele und Geist, sind für den Aufklärer der Aufklärung suspekt:

Die Kinder lernen bei dergleichen Hülfsmitteln auch nicht so sicher gehen, als wenn sie dies von selbst lernen. Am besten ist es, wenn man sie auf der Erde herumkriechen lässt, bis sie nach und nach von selbst anfangen zu gehen.

Ist das ein Grund zu feiern?

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16734/1.html
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