Das Kaninchen auf dem Mars

Der Nachweis außerirdischen Lebens wird kaum mit einem einzelnen Foto gelingen

Die Hoffnung auf den ganz großen Fund ist immer da. Eine eindeutig erkennbare Mikrobe auf der Mikroskopaufnahme eines Marsrovers, eine versteinerte Lebensform oder organische Materie als offensichtliches Abfallprodukt biologischer Prozesse - das wäre nicht nur für die beteiligten Wissenschaftler ein Grund zum Jubeln. Endlich wäre klar: Wir sind nicht allein.

Ein aufmerksamer Telepolis-Leser hat jetzt sogar noch etwas Größeres entdeckt. Auf der am 2. Februar 2004 veröffentlichten Panoramaaufnahme des Rovers "Opportunity" erkannte Mirko Krüger ein "tubenförmiges Objekt", das entfernt an ein weißes Kaninchen erinnert, und machte die Telepolis-Redaktion darauf aufmerksam. Er wundert sich, wieso dieses Objekt in den Pressemitteilungen der NASA und in anderen Medien unerwähnt geblieben ist, und sieht Erklärungsbedarf, selbst wenn es sich um einen Teil der Landevorrichtung handeln sollte. Dem Objekt wurde auch schon eine eigene Website gewidmet.

Lutz Richter vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), der im 50-köpfigen Wissenschaftlerteam der Rover mitarbeitet, sagt dazu:

Ich kenne das Bild gut, denn ich war im JPL-Kontrollraum, als diese Aufnahmen in den Tagen nach der Landung am Boden ankamen, und war, glaube ich, auch der erste, dem dieses Objekt auffiel. Ich fragte dann einige der Lander-Ingenieure, die auch sofort auf Elemente von Airbags tippten, etwa von der Verschnürung. Die Sache wurde aber nicht weiter verfolgt, da es ganz sicher vom Raumfahrzeug stammen musste und offenbar zu keiner Fehlfunktion geführt hatte.

Die Suche nach Lebensspuren ist eben komplizierter. Die Weltraumroboter, die jetzt den roten Planeten umkreisen oder über seine Oberfläche fahren, werden diese Frage nicht mit einem einzelnen Bild beantworten. Sie sollen vielmehr Mosaiksteine liefern zu dem großen Puzzle, das die Ursprünge, die Entwicklung und die Zukunft des Lebens beschreibt.

Als wichtige, wenn nicht gar notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Leben gilt nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand das Vorhandensein von Wasser. Die Rover der amerikanischen Weltraumbehörde NASA sind daher gezielt in Regionen abgesetzt worden, die Hinweise auf die Einwirkung flüssigen Wassers zeigen.

Durch eine umfangreiche Instrumentierung der Rover soll bei einer Fahrtstrecke von maximal einigen Kilometern die Geologie und Mineralogie von Oberflächenmaterialien und Steinen charakterisiert werden, um die genaueren Umstände der Wechselwirkung des Geländes mit Wasser zu untersuchen. Dies wird Rückschlüsse über verschiedene vermutete, mit Wasser verknüpfte Prozesse auch in anderen Teilen des Planeten erlauben.

Lutz Richter

Zwar hat die europäische Sonde Mars Express bereits die Existenz von Wasser am Südpol nachgewiesen und damit frühere Daten der NASA-Sonde Odyssey erhärtet. Doch dieses Wasser liegt in Form von Eis vor, viele Landschaftsformationen dagegen lassen vermuten, dass dort Wasser geflossen ist. Flüssiges Wasser aber könnte bei dem geringen atmosphärischen Druck auf dem Mars eigentlich gar nicht dauerhaft existieren, sondern müsste sofort verdampfen. Hier besteht also Klärungsbedarf. Die Geschichte des Wassers auf dem Mars wiederum dürfte neue Erkenntnisse über die Geschichte des Lebens ermöglichen - ob auf dem Planeten selbst nun Lebensformen gefunden werden oder nicht.

Vor einer Verengung der Forschungsperspektive der Astrobiologie auf die ausschließliche Suche nach außerirdischem Leben warnten schon vor zwei Jahren die Weltraumforscher Michael J. Drake von der University of Arizona und Bruce Jakosky, University of Colorado in Boulder (Astrobiologie ist mehr als die Suche nach ET): "Ja, wir möchten wissen, ob wir allein im Universum sind", schrieben sie in einem Essay für die Zeitschrift Nature. "Aber dafür müssen wir wissen, wie sich Planetensysteme formen, wie sich Planeten entwickeln, wie sie im Innern aussehen, wann und wie sich Ozeane und Atmosphären bilden, und wie und warum es zu lebensfördernden Umgebungen kommt." Sie plädierten ausdrücklich dafür, auch die Venus, den anderen Nachbarplaneten der Erde, intensiver zu untersuchen. "Was", fragten sie, "könnte wichtiger sein als die Antwort auf die Frage, warum die der Erde so ähnliche Venus so unbewohnbar ist?"

Die 6 Teleskope von Darwin mit der zentralen Sonde und einem Kommunikationssatelliten. Bild: ESA 2002. Illustration by Medialab

Die Mahnungen sind auf fruchtbaren Boden gefallen: Im November 2005 will die europäische Weltraumorganisation ESA die Sonde Venus Express starten, die den Planeten umkreisen und dessen Atmosphäre untersuchen soll. Vielleicht verstehen wir dadurch bald besser, wie sich auf der Venus ein extremer Treibhauseffekt entwickeln konnte, der für Temperaturen von etwa 470 Grad Celsius sorgt. Das wären Erkenntnisse, die für die Zukunft des Lebens auf der Erde von einiger Bedeutung sein können. Immerhin droht auch hier eine globale Erwärmung durch den sich verstärkenden Treibhauseffekt.

Andere Weltraummissionen versuchen, das Puzzle des Lebens durch einen Blick in die Vergangenheit zu vervollständigen. Schon im kommenden Januar soll die europäische Sonde Huygens am Fallschirm auf den Saturnmond Titan herabsinken und Daten über dessen Atmosphäre übermitteln. Auch hier schätzen die Forscher die Chancen, Leben zu finden, als sehr gering ein. Wohl aber erhoffen sie sich grundlegende Erkenntnisse über dessen Entstehung. Denn die Titan-Atmosphäre scheint ähnlich zusammengesetzt zu sein wie die Atmosphäre der jungen Erde, bevor sich hier erste Lebensformen entwickelt haben. Diese Mission bietet daher erstmals die Gelegenheit, die vermuteten Bausteine des Lebens aus der Nähe zu untersuchen.

In die Ferne schauen dagegen Missionen wie Darwin, eine Gruppe von sechs Teleskopen, die die ESA Mitte des nächsten Jahrzehnts im Weltraum stationieren will, um nach erdähnlichen Planeten in anderen Sternsystemen zu suchen. Die Empfindlichkeit der heute verwendeten Teleskope ist noch zu gering, um Planeten von der Größe der Erde in so großen Entfernungen erkennen zu können. Darwin soll sie jedoch nicht nur identifizieren, sondern sogar ihre Atmosphären spektroskopisch untersuchen und nach Signaturen des Lebens suchen. Eine solche Signatur wäre etwa das gleichzeitige Vorhandensein von Sauerstoff und Methan. Da die beiden Gase sich normalerweise nicht miteinander vertragen, wäre ihre gleichzeitige Existenz ein Hinweis darauf, dass sie ständig neu produziert werden - durch Lebewesen?

Rosetta am Ziel. Noch erst eine "artist's impression" in der üblichen erhabenen Manier. Bild: ESA/AOES Medialab

Dem Geheimnis des Lebens auf der Spur ist auch die europäische Kometensonde Rosetta, die am 26. Februar ihre zehnjährige Reise zum Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko antreten soll. Mindestens ein Jahr lang soll sie ihn bei der Annäherung an die Sonne begleiten und das Landegerät "Philae" auf seiner Oberfläche absetzen.

Philae wird - wenn alles klappt - Stoffe untersuchen, die seit der Entstehung des Sonnensystems weit gehend unverändert geblieben sind. Sind das die Grundbausteine, aus denen sich auf der Erde das Leben gebildet hat? Oder transportieren Kometen das Leben selbst in Gestalt von Mikroorganismen durchs All, wie zum Beispiel der britische Astrophysiker Chandra Wickramasinghe von der Cardiff University of Wales glaubt (Die Ausbreitung des Lebens im Weltraum)?

Auch wenn jede einzelne Mission nur ein Steinchen im großen Lebenspuzzle bearbeitet: Die Hoffnung auf den einen, alles entscheidenden Fund bleibt.

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