Die adoptierten Medienhuren
Watchblogger verfolgen gnadenlos jede Spur ihres Opfers
Sie nennen sich "Watchers" (Beobachter) und sie verfolgen jede nachspürbare Aktivität ihrer Opfer. Ihre Operationen laufen unter geheimnisvollen Namen wie Enduring Friedman oder What a Pickler!. Sie wollen Gutes tun. Aber sie adoptieren kein Patenkind aus der Dritten Welt, sondern einen US-amerikanischen Journalisten, manchmal sogar zwei.
Kolumnist Thomas Friedmann von der New York Times und Associated Press Reporterin Nedra Pickler sind nur zwei der so genannten "Watchees", der von den "Watchers" beobachteten und "adoptierten" Journalisten. "Adopt a journalist" heißt denn auch die Losung, die seit dem Jahreswechsel immer mehr Blogger ausgeben. Den so genannten "Watchblogs" zollt Mark Glaser in der Online Journalism Review ausführlich Beachtung. Die Watchblogs, welche vor allem "Campaign Journalisten" unter ihre oft nicht gerade schützenden Fittiche nehmen, werden zur Zeit heiß diskutiert.
Errichten die Blogger ein Banner der Wahrheitsliebe in der US-amerikanischen Wahlkampfberichterstattung, welche selten ohne Lügen und Diffamierungen auskommt, oder aber kämpft hier eine Handvoll "Stalker" auf partisanenhafte Weise für die demokratische Sache? Können die neuen Blogs, zum neuen Internet-Hype geworden, ernsthaften Schaden anrichten oder ist das der neue Weg, um etwas über Journalismus und Politik zu lernen? Ein "Watcher" zerpflückt und untersucht haarklein jeden Artikel, den sein Adoptivjournalist schreibt. Wie polemisch, böse, gerecht oder ausgewogen seine Analyse ausfällt und ob sie anonym ist, das entscheidet er natürlich selbst, dementsprechend unterschiedlich sind auch die bisher existierenden Blogs. Die meisten erregen sich über die unfaire Darstellung der demokratischen Politiker Howard Dean und John Kerry, der gerade in den letzten Tagen einiges einstecken muss.
Der Macher von Charenwatch, laut OJR ein Mann namens Joseph Arrietta, der hauptberuflich als Web Producer bei Symantec arbeitet, "beobachtet" die konservative Kolumnistin Mona Charen bereits seit vierzehn Monaten. Die Wahlen 2000 und die Berichterstattung dazu hatten einen bitteren Nachgeschmack bei ihm hinterlassen. Mehr als etwa 240 Besucher am Tag bekam seine Seite anfangs nicht:
Es geht um eine Art Traum. Es geht um ein Prinzip, das du hoffst aufrecht zu erhalten, das Prinzip, dass ein normaler Bürger eine Bebachterseite einrichtet und so gut schreibt, dass Menschen sich dafür interessieren und sie lesen, damit mehr Leuten klar wird, was in den Medien falsch läuft. Quelle
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Was nach Ariettas Ansicht rasant falsch läuft bei Mona Charens Kolumnen kann man bei Charenwatch nachlesen, in einer Art Gegentext, der als Antwort auf die Kolumne verfasst ist. Nicht gerade feinsinnig hat der Blogger auch ein Foto der Journalistin mit den Worten "Media Whore" überschrieben und auf seiner Webseite prominent platziert.
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Die Vorlagen, Charens Texte, wirken allerdings selbst wie mit dem Holzhammer runtergeklopft; die einflussreiche Journalistin, welche früher im Weißen Haus Redenschreiberin für Nancy Reagan war, gehörte letztes Jahr zu den Kriegstreibern der ersten Stunde ("Kriege lösen sehr wohl Probleme. Aber man muss sie gewinnen."). In ihrer letzten Kolumne macht sie sich über John Kerry her, der seinen Status als patriotischer Vietnam-Veteran nicht aufrecht erhalten könne, da er nach seiner Rückkehr durch seine "komplett ehrenrührige Rolle in der Anti-Kriegs-Bewegung" alles wieder versaut habe, mit "grotesken Behauptungen" über amerikanische Kriegsverbrechen zum Verräter geworden sei. Das Thema Kerry und Vietnam wird im Rennen um das Weiße Haus zur Zeit häufig aufgegriffen, so dass hin und wieder der traurig-absurde Eindruck entsteht, als stritten sich Bush und Kerry in erster Linie darüber, wer über mehr militärisches Know-How verfügt. "Was genau ist eine Medienhure?", fragt der Charenwatcher in seinem Blog und antwortet:
Ein "Journalist", der sich nur so nennt, in Wirklichkeit aber ohne jedes Zögern bereit ist, die Wahrheit zu verstecken, zu vertuschen, zu übertreiben und zu verzerren, nur um seine persönlichen Meinungen und Agendas durchzubringen.... Charenwatch wurde begonnen und weitergeführt in einem Zustand resignierter Pflichterfüllung. Es gibt viele wesentlich lohnendere Weisen seine Zeit zu verbringen als damit, zweimal die Woche Frau Charen runterzuputzen, aber der amerikanische Journalismus wird von Medienhuren überrannt, was von großem Schaden für diesen Beruf und für unser Land ist
Dem Begriff Medienhure ist ein eigener Blog gewidmet, die Seite Media Whores Online. Unter dem Motto "Die Seite, die die Medien in die Knie zwingen wollte und dann merkte, dass sie es schon sind" wird der "Mythos der liberalen Medien" dekonstruiert, anonym und mal mit mehr, mal mit weniger Niveau.
Nicht jeder "Watcher" nennt den von ihm adoptierten Journalisten eine Hure. Tim Withers, "Adopter" von New York Times-Reporterin Jodi Wilgoren, hat laut Wired auch durchaus Freude an ihrer (und seiner) Arbeit: "Oft ist sie ziemlich ausgewogen. Sie hat ein paar gute Sachen gemacht." "Aeolus", zuständig für gleich zwei Journalisten, nämlich Patricia Wilson (Patricia Wilson Watch) und Nedra Pickler (What a Pickler!) hat Wired gegenüber sogar die Hoffnung geäußert, dass ihr Beobachtungsjob nicht nur der Aufklärung dient, sondern auch dem Ansporn der Adoptierten: "Wenn Leute wissen, dass andere Leute sie beobachten, machen sie oft einen besseren Job...Nedra Pickler ist in letzter Zeit viel besser geworden. Vielleicht haben meine ganzen Kommentare was gebracht."
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Pickler war mit einem Satz in der Community nachgerade berühmt geworden, sodass sie von weit mehr Bloggern als nur ihrem privaten "Watcher" zitiert wurde.
Aber wenn Dean Bushs Verbindung zu Lay kritisiert, erwähnt er nie, dass Enrons Fehlmanagement nicht das Ergebnis von Bushs Steuerkürzungspaket war
Auch in der Bloggerszene sprechen sich übrigens einige gegen das "adopt a reporter"-Modell aus; nicht der einzelne Mensch, sondern die Medienindustrie als Ganzes sei der "Feind", der bekämpft werden müsse. Bedenken psychologischer Art hat der Betreiber des Watchblogs, der Calvin Woodward von AP beobachtet. Wie groß ist die Gefahr der schleichenden Identifikation mit dem "Feind"?
Als Beobachter beginne ich langsam mich in Herrn Woodwards Arbeit "eingebettet" zu fühlen und verliere meine Objektivität. Ich sehe Woodward schon als mir zugehörig und bin aufgeregt, wenn ich etwas finde, das er geschrieben hat. Ehrlich gesagt und ich glaube, das geht vielen Beobachtern so, bin ich glücklicher, wenn ich sagen kann, dass er etwas Gutes geschrieben hat. Das ist besser für meine Seele und besser für das Land.
Aus Gründen der Ausgewogenheit verfolgt dieser Watcher in seinem Blog neben Woodward nun auch Elizabeth Bumiller von der New York Times, die gegen Bush polemisiert. Des Weiteren wurden u.a. bisher Ceci Connolly und Dan Balz von der Washington Post adoptiert.
Jay Rosen, Vorsitzender der Journalismusabteilung der New York University hat in "Press Think" eine Geschichte der neuen Bewegung veröffentlicht ("Adopt a Campaign Journalist in 2004: The Drift of a Suggestion").
http://www.heise.de/tp/artikel/16/16760/1.html- Bekannt. (20.2.2004 23:24)
- Watchblog = die gute alte Presseschau... (19.2.2004 0:16)
- falsche Wahl (18.2.2004 17:07)
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