Der vergessene Krieg

17.02.2004

Der humanitäre Krieg und das bislang gescheiterte Nation-Building: Erinnert sich noch jemand an den Kosovo?

Mit unseren modernen Kommunikationssystemen Radio, Fernsehen und Internet neigen wir dazu, viele wichtige Dinge zu vergessen, selbst wenn es um so Wichtiges wie Krieg und Frieden geht. Bei den Meisten verschwindet gerade Afghanistan aus dem Blick oder dies wäre geschehen, wenn nicht gerade bei den letzten Angriffen ein kanadischer, ein britischer und sieben amerikanische Soldaten getötet worden wären, was Anlass zur Ankündigung einer Frühjahrsoffensive gegen die "Taliban-Rebellion" war. Die Taliban? Wurden sie nicht schon lange besiegt, während ein neues Afghanistan aus der Asche aufersteht?

Das von der Nato in Belgrad bombardierte Avala-Hochhaus, in dem sich der serbische Fernsehsender befand

Dasselbe trifft leider auch in größerer Nähe zu uns zu. Unsere Blindheit ist umso unverzeihlicher, wenn man bedenkt, dass die Kriege in Europa, die Zehntausende von Menschenleben gekostet haben, schnell vergessen worden sind. Es gab eine Zeit, in der fast jeder in der westlichen Welt wusste, wo der Kosovo liegt. Und die Journalisten stürzten übereinander, um über die Ereignisse zu berichten. Selbst im Internet fügten hippe Intellektuelle wie Richard Barbrook an das Ende einer jeden Email "Sieg für die UCK!" an.

Doch diejenigen, die das Programm eines ewigen Krieges für einen ewigen Frieden verfolgen, sollten sich besser nicht auf die Vergangenheit beziehen. Der Kosovo wird bis heute als ein Sieg des humanitären Kriegs gefeiert. Jeder ist glücklich, die Mission wurde erfolgreich beendet. Man war dort, hat das Seine getan, jetzt ist es Zeit, zum nächsten Ziel vorzurücken.

Der "befreite" Kosovo wurde zur Brutstätte des organisierten Verbrechens und der ethnischen Gewalt

Doch der Kosovo ist alles andere als der glückliche und gedeihende Ort, der er sein soll. Auch der Frieden ist nicht in die Region gebracht worden. Verbrechen, Terror. Ethnische Säuberung und Schmuggel sind allgegenwärtig: dieses Mal unter der Schirmherrschaft der UN und nicht von Belgrad.

Vier Jahre, nachdem der Kosovo durch die Bombardierung der Nato "befreit" wurde (Exakte Zahlen wird man nie erfahren), hat er sich in eine Brutstätte des organisierten Verbrechens, der ethnischen Gewalt und sogar von al-Qaida-Sympathisanten verwandelt. Diese südliche Provinz von Serbien, die sich nominell noch unter UN-Kontrolle befindet, wird heute von einem Triumvirat von albanischen Paramilitärs, Mafiabanden und Terroristen beherrscht. Sie kontrollieren eine ganze Reihe von Schmuggelgeschäften und führen aus, was Beobachter als brutale ethnische Säuberung von Minderheiten, vor allem von Serben, Roma und Juden, bezeichnen. Das alles geschieht, obgleich eine 18.000 Mann starke Friedenstruppe unter der Leitung der Nato und eine internationale Polizeieinheit mit mehr als 4.000 Mitgliedern im Land ist.

Die Reaktion der internationalen Gemeinschaft ist normalerweise wegzuschauen, da dies viel einfacher ist, als zu erklären, warum die Nato gegen diejenigen vorgehen soll, die sie vor ein paar Jahren "befreit" hat. Überdies würde dies den Westen ablenken von weiteren "Nation-Building"-Projekten, die gegenwärtig auf der ganzen Welt stattfinden. Um zu vermeiden, dass unangenehme Nachrichten plötzlich in die Schlagzeilen der westlichen Medien geraten, wurde kürzlich sicherheitshalber eine dicke Betonabsperrung um das UN-Gebäude in den Außenbezirken der Provinzhauptstadt Pristina gebaut. Die Mauer soll die UN vor Terroranschlägen von "muslimischen Extremisten" schützen, die Operationszentralen in dieser Provinz eingerichtet haben, die weitgehend gesetzlos geworden ist.

Nach den Serben wird die ethnische Säuberung nun von den Kosovo-Albanern vollzogen, die von einem Großalbanien träumen

Die Minderheit der Serben, denen ein Schutz durch die internationale Gemeinschaft nach der 78-tägigen Bombardierungskampagne der Nato garantiert wurde, die im Frühjahr 1999 ihr Ende fand, haben die Provinz in Massen verlassen. Der letzte Anstoß geschah für viele aufgrund der letzten Angriffe durch albanische Paramilitärs, die Unabhängigkeit durch Gewalt erreichen wollen. Im letzten Sommer ereignete sich eines der grausameren Massakers. Albanische Militante hatten zwei serbische Kinder getötet und vier weitere verletzt, als sie im Fluss Bistrica in der Nähe von Pec schwammen.

Überfälle auf Serben im Kosovo, in dem zwei Millionen Menschen leben, haben im letzten Jahr stark zugenommen. Die Serben, die im Kosovo jetzt 5 Prozent der Bevölkerung stellen, vor der Nato-Bomardierung waren es 10 Prozent, sind die Hauptziele der paramilitärischen Gruppen. Nach den Statistiken vom Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag wurden allein im Jahr 2003 1.192 Serben im Kosovo getötet, 1.303 entführt und 1.306 verwundet. Im Juni 1999, kurz nach der Nato-Bombardierung, wurden 547 Serben getötet und 932 entführt.

Die Bombardierung wurde von der Nato auch deswegen begonnen, um das zu stoppen, was man als ein systematisches ethnisches Säuberungsprogramm der serbischen Sicherheitskräfte in der Region gegen die Kosovo-Albaner betrachtete. Unmittelbar nach dem Krieg verließen viele Serben den Kosovo, um sich an anderen Orten in Serbien und Montenegro niederzulassen.

Während die Nato einen Krieg gegen Milosevic führte, wurde die UCK, eine Rebellengruppe, die in den späten 80er Jahren entstand und die gegen die serbischen Sicherheitskräfte kämpfte, als Verbündete betrachtet. Kurz darauf galten sie als Guerillas, die den Frieden behinderten. Nun sind sie für viele nichts anderes als Terroristen.

Obgleich die UCK sich offiziell aufgelöst hat, lebte sie weiter als eine Mafia-Organisation, die mit Drogen- und Menschenschmuggel zu tun hat. Einige ehemalige UCK-Mitglieder schlossen sich dem Kosovo Schutzkorps (KPC) an. Das ist eine zivile Schutzorganisation, die angeblich den ansässigen Bürgern hilft. Der KPC macht allerdings alles andere und hat die Arbeit der UCK fortgesetzt, nämlich die Provinz von allen nicht-albanischen ethnischen Gruppen zu säubern, letztlich mit dem Ziel einer Vereinigung mit Albanien, um ein Großalbanien zu gründen, das auch Teile von Mazedonien, Montenegro und sogar von Griechenland umfasst.

Die Lage mit dem KPC verschlechterte sich so sehr, dass sogar die UN eingreifen musste. Harri Holkeri, der Chef von UNMIK im Kosovo, entließ Ende 2003 zwei Generäle und 10 andere Offiziere, die alle Mitglieder eines albanischen Ablegers der UCK waren. Eine UN-Überprüfung der KPC fand heraus, dass dessen überwiegend albanischstämmigen Militärangehörigen an gewaltsamen Zusammenstößen mit Serben beteiligt waren, wozu auch ein Bombenanschlag im vergangenen April auf eine Eisenbahn im Kosovo zählt.

Die "Balkan-Taliban" und die "Heroinrepublik"

Während sich die westliche Welt vor allem mit dem Nahen Osten beschäftigt, wird die Lage im Kosovo schnell schlimmer. Zweifellos ist der gesamte Prozess des Wiederaufbaus zu einer demokratischen, multi-ethnischen Gesellschaft gescheitert, vor allem aufgrund des Unvermögens der UN-Mission und der Nato-Kräfte, die Serben und andere Nicht-Albaner vor einer umfassenden ethnischen Säuberung zu schützen.

Manche beurteilen die Situation noch härter. James Bissett, ein ehemaliger kanadischer Botschafter in Jugoslawien, sagte kürzlich, dass die Nato-Kräfte im Kosovo ein wirkliches Schlamassel angerichtet haben: "Die Bombardierung war ein schrecklicher Fehler in Bezug auf die humanitären Gründe. Sie scheiterte daran, die ethnische Säuberung zu beenden, die nach dem sogenannten Friedensvertrag weiter gegangen ist."

Der Großteil der jetzt im Kosovo ausgeführten ethnischen Säuberung ist das Werk der muslimisch-albanischen paramilitärischen Gruppen, die man mittlerweile die "Balkan-Taliban" nennt. Neben Morden und Entführen haben sie serbische Friedhöfe verunstaltet und viele der christlich-orthodoxen Klöster und Kirchen zerstört. Die Serben klagen, dass dies eine Strategie sei, die Kosovo-Serben von ihren historischen und religiösen Traditionen zu trennen. Neben ihren Aktivitäten der ethnischen Säuberungen haben die paramilitärischen Gruppen den Kosovo in einen der größten Umschlagplätze für den Drogenschmuggel und den Terrorismus verwandelt. Die Provinz wurde zu einem wichtigen Zentrum für Heroin-, Zigaretten-, Öl- und Menschenschmuggel. Mehr als 80 Prozent des Heroins in Westen geht durch den Kosovo, wo einige große Drogenlaboratorien eingerichtet wurden.

In dem Jahrzehnt, der zu dem Auseinanderfallen von Jugoslawien geführt hat, wurden Drogen und andere Waren normalerweise durch Bulgarien und die Türkei nach Westeuropa geschmuggelt. Jetzt kommen jeden Monat 5.000 Tonnen Heroin direkt durch den Kosovo. In einem Artikel, der kürzlich in der serbischen Zeitschrift Vreme erschienen ist, wurde Kosovo als die "Heroinrepublik" bezeichnet.

Die albanische Mafia kontrolliert überdies den Schmuggel mit Zigaretten, Waffen, Öl und Frauen. Dutzende von jungen Frauen aus verarmten Dörfern und Städten in der Region werden in Prostitutionsringe im Kosovo gezwungen, wie Sicherheitskräfte sagen. Viele dieser Frauen werden dann zur Arbeit in westeuropäische Länder geschickt.

Die internationale Gemeinschaft will das Problem aussitzen, das sich in Afghanistan und im Irak wiederholen könnte

Das Kosovo-Problem wird dadurch verstärkt, dass es wenig Einigkeit darüber gibt, was als nächstes getan werden müsste. Viele der Serben und moderaten albanischen Politiker würden sich zunächst eine Entscheidung der internationalen Gemeinschaft über den rechtlichen Status des Kosovo wünschen, also ob er eine serbische Provinz bleiben oder ein unabhängiger Staat werden soll. Die meisten Albaner fordern die Unabhängigkeit, aber die Extremisten würden die Provinz lieber in ein Großalbanien eingliedern, zu dem auch die meisten albanischen Regionen der Nachbarländer gehören sollten.

Die serbische Regierung hingegen will weiterhin, dass der Kosovo Teil Serbiens bleibt. Und die UN ist ratlos, was sie tun soll und bleibt daher lieber sitzen und schickt allen Seiten gemischte Signale in der Hoffnung zu, dass sich die Situation irgendwie von selbst lösen wird.

Obgleich der Nato-Krieg gegen Jugoslawien vor fünf Jahren stattgefunden hat, wurde erst vor kurzem mit Gesprächen über die Zukunft des Kosovo begonnen. Serbische und albanische Politiker trafen sich im Oktober 2003 in Wien, um Verkehrsprobleme und die Rückkehr der serbischen Flüchtlinge zu diskutieren. Für die meisten Serben gibt es aber kaum Chancen, dass der Kosovo bei Serbien bleibt. Es gibt eine mächtige albanische Lobby in den USA, die entschlossen ist, den Kosovo unabhängig zu machen. Viele serbische Politiker wissen überdies, dass sie den Kosovo loslassen müssen, um die benötigten Hilfen und Investitionen zu erhalten.

Doch vermutlich wird die Situation erst einmal noch schlimmer werden, da es neue Gewaltandrohungen gegen die UN und die Serben gibt. Solange die internationale Gemeinschaft sich nicht wirklich ernsthaft dem Kosovo zuwendet und die abwartende Haltung beendet, kann er sich noch in die Schlagzeilen schießen und dadurch den selbstverkündeten Erfolg der Nato untergraben. Überdies würden damit einige sehr unangenehme Fragen in Bezug auf den humanitären Krieg und das "nation building" hochkommen. Wenn der Westen nicht einmal mit dem Kosovo zurande kommt, wie soll er dann Frieden und Stabilität in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak bringen können?

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