Das Internet, die Medien und der amerikanische Wahlkampf
Fälschungen, Gerüchte und unbewiesene Behauptungen über persönliche Verfehlungen der Präsidentschaftskandidaten Kerry und Bush lassen die aktuellen politischen Themen in den Hintergrund treten
Noch ist der Stern von John Kerry, des demokratischen Herausforderers von US-Präsident Bush, am Steigen. Nach einer aktuellen Umfrage würde 55 Prozent der Befragten für ihn stimmen, für Bush nur noch 43 Prozent. Innerhalb einer Woche ist Bush 6 Prozent zurückgefallen. Offenbar hat die von Rechten inszenierte Schmierenkampagne Kerry nicht geschadet, sondern erweist sich eher als Eigentor.
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| Das rechte (Online)Magazin Newsmax.com hatte mit der Veröffentlcihung dieses Foto am 9. Februar die Schlacht um die Aufmerksamkeit begonnen |
Auch wenn es um den Posten des mächtigsten Mannes der Welt geht, spielen politische Fragen oft nur im Hintergrund eine Rolle. Viel wichtiger scheint zu sein, dass die Anhänger der Kandidaten den jeweiligen Gegner möglichst mit einer peinlichen persönliche Affäre belasten können. Und dabei spielen manche Medien kräftig mit, schließlich lässt sich damit auch Quote schinden.
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Natürlich steht hinter der Wiederkehr des für die USA anscheinend noch immer traumatischen Vietnamkriegs der Krieg gegen den Irak und die stark auf militärische Strategien setzende Politik der Bush-Regierung. Der oberste Kriegsherr Bush, der die amerikanischen Soldaten in den Krieg schickt, sieht sich derzeit Vorwürfen ausgesetzt, sich nicht nur vor dem Vietnamkrieg, sondern auch teilweise vom Militärdienst gedrückt zu haben.
Kerry hat sich hingegen als der eigentliche Experte in militärischen Fragen, aber auch in der Antikriegshaltung stilisiert. Er war in den 60er Jahren in Vietnam, wurde verwundet, erhielt Tapferkeitsmedaillen, aber wandte sich nach seiner Heimkehr gegen den Krieg und schloss sich den Vietnam Veterans Against the War (VVAW) an. Das ist für manche Vietnamveteranen Verrat am Vaterland und an den damals noch in Vietnam kämpfenden Soldaten, während er zugleich die Kommunisten in Vietnam und in den USA unterstützt haben soll. Besonderns problematisch wird die Nähe zu der noch immer verhassten Schauspielerin Jane Fonda gesehen, die auch "Hanoi-Jane" genannt wird, weil sie sich mit dem nordvietnamesischen Regime solidarisiert hatte. Indirekt will man mit der Verbindung Kerry-Fonda eine Linie vom Vietnam-Krieg zur Gegenwart ziehen und Kerry insgeheim als Verräter des amerikanischen Militärs und damit auch eines mangelnden Patriotismus diskreditieren.
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| Das gefälschte Foto |
Vor einer Woche zirkulierten dann in den entsprechenden Medien auch die ersten Fotos, auf denen Jane Fonda und John Kerry zusammen zu sehen waren. Das eine zeigt ihn auf einer Protestaktion 1970 in Valley Forge, Pennsylvania, wo er hinter Jane Fonda sitzt. Das war zwei Jahre vor der Reise von Fonda nach Hanoi, zudem sollen sich Kerry und Fonda bestenfalls nur flüchtig gekannt haben, was auch Jane Fonda behauptet und meint, dass die Menschen nun genug von den Lügen der Regierung hätten. Das andere Foto war zunächst noch problematischer, weil es eine direkte Gemeinsamkeit der Beiden zu belegen schien: Kerry neben Fonda, die angeblich zu Kriegsgegnern mit einem Mikrofon spricht, wo Kerry auf seinen Auftritt zu warten scheint.
Doch dieses Bild, das zunächst auf der Website www.vietnamveteransagainstjohnkerry.com veröffentlicht wurde und dann noch weiter zirkulierte, erwies sich als eine Fälschung. Angeblich wurde es von einer Frau, die es auch wieder von einer Website hatte, dem Betreiber der Website zugeschickt, der es gleich online stellte und damit ein Beben in der rechten Szene hervorrief. Verwendet wurde dazu ein Foto des damaligen Studenten Ken Light, der Kerry während einer Friedensdemonstration 1970 fotografiert hatte, an der Fonda gar nicht teilgenommen hatte. Es ei von ihm nie veröffentlicht worden, sondern er es erst zwei Wochen zuvor Corbis gegeben, die es online gestellt hatte. Von dort scheint es dann in die Hand eines Fälschers gelangt zu sein, der ein ebenfalls von Corbis veröffentlichtes Foto von Fonda (vom August 1972) mit dem Kerry-Foto (vom Juni 1970) geschickt kombinierte und es an Kreise verteilen konnte, die gerne sahen, was sie sehen und beweisen wollten. Aufbereitet wurde die Aufnahme wie ein kopierter Ausschnitt aus einer Zeitung, zudem stand dabei "AP Photo". Nicht erst seit dem digitalen Zeitalter sollte man gegenüber der Beweiskraft von Fotos vorsichtig sein.
World Exclusive - Must Credit the DRUDGE REPORT
Auch aus dem Internet startete eine andere Kampagne, die Kerry einen Skandal wie den andichten wollte, über den auch der ehemalige Präsident Clinton stolperte. Obgleich er es behauptete - "World Exclusive - Must Credit the DRUDGE REPORT" -, brachte der Drudgereport, berühmt seit der Zeit, als er im Internet die Story über die Affäre Clintons mit seiner Mitarbeiterin Monica Lewinsky enthüllte, die andere Medien nicht ohne genauere Überprüfung publizieren wollten (Demokratisierung der Aufmerksamkeit). Seitdem hat Matt Drudge eine Art Blog betrieben und konnte offenbar von der Werbung ganz gut leben. Möglicherweise hat er jetzt mit dem neuen Star der Demokraten gehofft, dieselbe Story noch einmal landen und sich damit noch besser lancieren zu können.
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| Die "geheimnisvolle" junge Frau |
Am 12. Februar meldetet Drudge ganz aufgeregt in einem der seltenen eigenen Beiträge: "CAMPAIGN DRAMA ROCKS DEMOCRATS: KERRY FIGHTS OFF MEDIA PROBE OF RECENT ALLEGED INFIDELITY, RIVALS PREDICT RUIN." Eine Frau habe kürzlich auf Druck von Kerry das Land verlassen müssen. Er kündigte "fantastische Stories" an. Fast stündlich schickte Drudge neue Meldungen hinterher, die die Aufmerksamkeit auf eine angekündigte Enthüllung aufrecht erhalten sollten, obgleich kaum Neues in ihnen enthalten war. Am 13. verwies Drudge dann auf die Quelle: einen Artikel mit dem Titel "John Kerry girl tells all" in der britischen Bildzeitung "Sun", wo es hieß, dass die Alex Polier - "the beauty" - einem US-Fernsehsender von einer sexuellen Beziehung im Jahr 2001 mit dem damaligen Senator Kerry erzählt habe. Noch glaube ihr niemand, die auf Anraten Kerrys nach Afrika gereist sei. Warum das, auch wenn es stimmen sollte, so schlimm sei, wurde ebenso wenig verraten wie andere Einzelheiten.
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Jetzt also waren es schon zwei Quellen für die Story und ein mysteriöser Fernsehsender, der angeblich ein Band mit dem Interview haben soll: mehr als die Bush- oder Blair-Regierung für die "Beweise" für die Existenz der irakischen Massenvernichtungswaffen hatten. Das ist medial ansteckend und verbreitet sich, wie beabsichtigt, wie ein Mem. Kerry stritt die Behauptungen ab, was Drudge natürlich gerne zum Weiterstricken der Story benutzte. Natürlich wurde auch schnell auf einen Artikel im britischen Telegraph verwiesen, in dem eine angebliche Freundin der Journalistin verheißend zitiert wurden: "This is not going to go away. What actually happened is much nastier than is being reported."
Am selben Tag stellte sich heraus, dass das Fonda-Kerry gefälscht war - und bald danach schob selbst die Sun eine neue Meldung nach, dass die eigene Story auch ein Fake war. Macht aber nichts, einmal in die Welt gebracht, ist auch die Meldung, dass die vorhergehende Sensationsmeldung eigentlich keine war, auch eine gute Meldung. Entschuldigung gab es keine - ebenso wenig wie beim Drudgereport. Der hatte es, sich natürlich selbst feiernd, zuvor noch an einem anderen Ende mit demselben Strickmuster versucht:
As main press players blast the DRUDGE REPORT and foreign outlets for revealing details of a behind-the-scenes campaign drama surrounding candidate Kerry and the nature of his relationship with a mystery woman, just 12 years ago pre-Internet mainstream media assaulted President George W. Bush's father with questions surrounding an infidelity rumor.
Am Montag teilte Polier der Nachrichtenagentur AP, bei der sie auch gearbeitet hatte, in Nairobi mit, dass nichts an den Meldungen richtig sei. Mit ihrem Freund war sie dort in Urlaub. Drudge brachte erst einmal noch ein paar kuriose, sich ähnlich wiederholende Meldungen, die aber nur Gerüchte am Leben erhalten sollten, ohne überhaupt etwas zu sagen: "A woman at the center of John Kerry intrigue dated longtime Kerry Finance Director Peter Maroney, sources tell the DRUDGE REPORT. When pressed by media outlets in recent week, the Kerry campaign confirmed the relationship, according to top sources."
Obwohl sich bislang alles als heiße Luft oder als gezielte gestreute Desinformation - von Sun, Drude oder gar Polier? - erwies, war Palier plötzlich aus dem Nichts heraus bekannt geworden und konnte der Drudgereport am Dienstag den Erfolg vorweisen, den er gesucht hatte: "DRUDGE REPORT BECOMES YAHOO'S TOP 3 SEARCH... ", was eigentlich nicht ganz richtig war, denn gesucht wurde die "geheimnisvolle" junge Frau Polier.
Nachdem aber nun die Kerry-Story vorbei zu sein scheint, taucht offenbar eine neue auf, die sich aber dieses Mal gegen Bush richtet. Nicht die Sun, sondern der Mirror berichtet, dass George Bush in den 70er Jahren eine Freundin zu einer Abtreibung gedrängt habe. Das würde natürlich bei der konservativ-christlichen Bush-Wählerschaft nicht ankommen. Als Quelle des Gerüchts wird Larry Flynt angegeben, der den Demokraten zugeneigte Porno-Produzent. Scheinheilig sagt Sun, dass diese Behauptung Flints, die er in einem Buch kurz vor der Wahl belegen will, zeigt, dass dieses Mal "eine der schmutzigsten Schlachten um das Weiße Haus" ausgefochten werden wird. Dem kann sich auch die Bild natürlich nicht entziehen. Und weiß noch jemand, um was es eigentlich geht?
http://www.heise.de/tp/artikel/16/16787/1.html- hier noch schnell der Link (22.2.2004 9:37)
- Bush und Kerry = Skull & Bones (22.2.2004 9:34)
- Guardian: Fraud Picture Contest (für Fotos aus der Politik) (19.2.2004 19:27)
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