Genauso kompetent, hoch motiviert, billiger und weniger Urlaub

SAP baut zukünftig stärker auf indische Fachkräfte und schafft veränderte Realitäten in Indien

Langsam kriecht die Autoschlange unter schrillem Hupen weiter. Ich starre auf die Uhr, auf den Lageplan des Technologieparks, dann nach links, um die richtige Ausfahrt nicht zu verpassen, und lasse den Taxifahrer nun deutlich meinen Ärger über seine Verspätung spüren. Eine freundliche Mitarbeiterin von SAP Labs India Pvt. Ltd. hatte mich gewarnt: Für die Fahrt zur Filiale in Whitefield, einem Vorort von Bangalore, sei mindestens eine Stunde einzukalkulieren. Im Stau erscheint mir die unter Indern stark verbreitete Ansicht, Bangalore sei die "beste Großstadt Indiens" widersinnig. Auf das vielfältige Kneipenangebot oder das Klima trifft dies noch zu. Mit gleichbleibenden mediterranen 25 Grad übers ganze Jahr lässt es sich in der südlichen Technologiemetropole tatsächlich aushalten, obwohl es auch hier wärmer wird - das zumindest beobachten die lang Eingesessenen. Ein Plus auf jeden Fall gegenüber der Hauptstadt Neu Delhi, die zum schweißtreibenden Schwitzkasten wird, der jede Energie raubt, wenn ab Mai die Temperaturen auf 50 Grad hochklettern.

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Doch wie alle Millionenstädte Indiens hat Bangalore mittlerweile gegen eine enorme Verkehrsexplosion anzukämpfen. Dem Chaos auf den Straßen werden auch die allerorts präsenten Verkehrspolizisten kaum Herr, die Verkehrsplanung kommt mit dem Autoboom einfach nicht mehr mit. So stehen denn auch Technologiepark-Pendler täglich morgens und abends in einem lärmenden und stinkenden Stau.

Das war ein Grund für Clas Neumann, Joint Managing Direktor bei SAP, in das ruhige, wenn auch etwas langweilige Whitefield zu ziehen. Entspannt lehnt er sich im Sessel zurück, während ich etwas Zeit brauche, den Kontrast zwischen draußen und drinnen zu verdauen, nicht plötzlich in L.A., sondern noch in Indien zu sein. Bilder von Laubhüttenbewohnern - Bihors, Ureinwohner, Jäger und Sammler, ziehen flashartig an meinem inneren Auge vorbei. Mein Trip von 2.500 Kilometern in 35 Stunden von Nord nach Süd mit dem Rajdhani, dem schnellsten Zug Indiens - eine Zeitreise von der Steinzeit ins 21. Jahrhundert.

Die SAP-Chefetage befindet sich im obersten Stockwerk eines modernen Flachbaus. Das kürzlich erst fertiggestellte neue Gebäude hat große Glasfronten, die sich mit großer Geste zum 21 Hektar großen Firmengelände öffnen. Draußen lädt unter einem weißen Sonnendach die neue Cafeteria zum Milchkaffe ein. Auf dem Weg nach oben Hochglanzbilder der neuen internen Imagekampagne. "Freiheit" beschwören leinwandgroße Plakate, die smarte junge Inderinnen und Inder in westlichen Office-Outfits zeigen: Nomadische Individualisten mit Zukunftsvision.

6.000 Bewerbungen auf eine ausgeschriebene Stelle

Herr Neumann fühlt sich in der neuen Umgebung ganz wie zu Hause, frischer Elan und Optimismus sind ihm anzumerken. Er ist stolz, seinen indischen Mitarbeitern am Arbeitsplatz vergleichbare Standards wie in Deutschland, dem Stammsitz des führenden Herstellers von intelligenter Software für Unternehmen ("Software Enterprise Solutions"), bieten zu können. Die üblichen Erschwernisse des indischen Alltags, z. B. Lärmverschmutzung, Strom- oder Telefonausfälle, lassen sich hier leicht vergessen. SAP verfügt über ein eigenes Stromaggregat, dazu haben alle Räume AC und sind mit brandneuer Computertechnik ausgestattet.

Der Jungmanager lernte das für Europäer strapaziöse Land bereits als "back packer" gut kennen. Das wurde ihm zum Vorteil. Andere deutsche Kollegen taten sich da nicht so leicht. Der Umstellung nicht gewachsen, schmissen sie bald das Handtuch. Was die Lebensqualität angeht, kommt Bangalore eben doch nicht an Deutschland ran. Dazu kommen die kulturellen Eigenheiten. Wirkt die Stadt zwar angenehm kosmopolitisch und modern, bleibt die Gesellschaft im Kern an traditionellen Werten orientiert. So wird z. B. die Familie hochgehalten - kein Paradies also für Singleexistenzen.

Heute ist es die SAP-Firmenpolitik in Bangalore, nur InderInnen einzustellen. Sie garantieren problemlose Anpassung. Das Führungsduo im Management ist deutsch, bleibt es auch vorerst, denn es soll deutsche Unternehmenskultur vermittelt werden. Als ich nachhake, was denn typisch deutsch sei, gerät eine junge Informatikerin in Schwärmen: "Das konsequent Systematische im Vorgehen - da habe ich was dazugelernt".

1998 fing SAP in Bangalore mit 100 Beschäftigten an, heute sind es 750, weitere 1.100 sollen bis Mitte 2004 eingestellt werden. Die Arbeit mit indischen IngenieurInnen hat sich mehr als bewährt. Sie bearbeiten Aufträge aus Deutschland für SAP-Großkunden, darunter Texaco und BP, von A bis Z, vom Design der Software über die Entwicklung bis hin zur Betreuung. Die Mitarbeiter sind sehr gut, meist an IITs (Indian Institute of Technology), ausgebildet, und erzielen in "Produktivität" gemessen gleiche Leistungen wie deutsche Mitarbeiter. Nur nehmen sie weniger Urlaub als diese. Jeder, der bei SAP anfängt, ist hochmotiviert und weiß, er gehört zu den Besten einer Elite. Bei 6.000 Bewerbungen auf eine ausgeschriebene Stelle herrscht knallharter Wettbewerb in dem Land mit einer Milliarde Einwohnern.

Angesichts stagnierender Umsätze - SAP hält weltweit bereits einen Marktanteil von 50 Prozent, werden künftig mehr SAP-Arbeitsplätze in Indien als in Deutschland entstehen, prognostiziert Neumann. Der Betriebswirt rechnet ein Beispiel vor: Beträgt das Einstiegsgehalt eines indischen Softwareingenieurs in Bangalore 8.000 Euro brutto im Jahr, liegt es in Deutschland bei 40.000 Euro. Selbst bei steigenden Lebenshaltungskosten in Städten wie Bangalore, sind 8.000 Euro immer noch ein gutes Durchschnittsgehalt.

Nein, SAP sei kein "Sozialverein", sagt Neumann. Spart SAP bei den Lohnkosten ein, so zeigt sich das Unternehmen zugleich aber auch großzügig und engagiert. Nicht nur mit einer Initiative im Haus, die die Ausbildung von armen Kindern, deren Mütter im Gefängnis sind, unterstützt. SAP-Mitarbeiter in Bangalore können wenig klagen. Fast jeder ging bereits auf Firmenreise nach Deutschland, um das Land und den Mutterkonzern kennen zu lernen.

Vor allem für Frauen verändern sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen

Kündigungen gibt es bei SAP so gut wie keine. Die, die kündigen, sind meist Frauen. Sie verlassen die Firma, weil sie ein Kind bekommen. Kinderkriegen ist für Frauen in Indien anders als in Deutschland, europäischer Spitzenreiter der Niedriggeburtenrate, nach wie vor selbstverständliches Lebensziel. Da viele indische Frauen nach der Mutterschaft allerdings zu Hause bleiben und nicht in den Beruf zurückkehren, liegt der Frauenanteil bei SAP bei nur 20 Prozent.

Vermehrt stehen dagegen heute emanzipierte Inderinnen ein für grundsätzliche Veränderungen des traditionellen Denkens und wollen beides, Karriere und Familie. Z. B. Shibani Vijayan aus dem SAP-Kommunikationsteam. Sie lobt den Forschritt für Frauen bei SAP. Nicht nur fühlt sie sich gleichberechtigt mit ihren männlichen Kollegen. Als sie schwanger wurde, stellte SAP ihr einen Wagen, um die Arbeit zu erleichtern. Sie nahm den angebotenen Mutterschutz an, ein Recht, das indische Software-Unternehmen gar nicht bieten, und kehrte nach einigen Monaten zurück. Dass sie Kind und Arbeitsplatz jetzt managen kann, verdankt sie ihrem Chef.

Frau Vijayan und viele andere Mitarbeiter schätzen das nichthierarchische, kommunikative Arbeitsklima. Sie rechnet dem Deutschen hoch an, dass er zuhört, selbst wenn es sich um persönlichere Belange handelt. Die Hürde vor schwer zugänglichen Autoritäten in indischen Unternehmen musste sie nicht nehmen. Die flexiblen Arbeitszeiten bei SAP, dazu der Einsatz solidarischer Kollegen sorgten für Entlastung, so dass sie ihren anspruchsvollen Traumjob behalten konnte. Eine Sorge blieb ihr allerdings gegenüber Frauen in ähnlicher Situation in Deutschland erspart. Um die Kinderbetreuung musste sie sich nie den Kopf machen, denn die wird von den Schwiegereltern nur allzu gern übernommen. Das Zusammenleben mit ihnen wird von Shibani Vijayan so wenig wie von anderen Kollegen in Frage gestellt.

Bei Jobangeboten oder Versetzungen ins Ausland wird daher auch vorausgesetzt, dass Eltern oder Schwiegereltern mitkommen. So ist Mobilität für verheiratete Inder solange kein Problem, solange die Familie zusammenbleibt. Darum zieht es indische Computerexperten stärker in die USA als nach Deutschland, das zwar Fachkräfte anziehen will, nicht aber Rentner im Schlepptau. Beim Verlassen des Gebäudes begegnen mir wieder die "individualistischen Nomaden" und ich frage mich, wie lange Indien seinen Kurs "Tradition und Moderne" noch halten kann.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16794/1.html
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