Niederfrequente elektromagnetische Felder schädigen Gehirnzellen

Florian Rötzer 21.02.2004

US-Wissenschaftler haben bei Ratten, die Feldern ausgesetzt wurden, die auch viele Haushaltsgeräte erzeugen, signifikante DNA-Schäden festgestellt

Ob und wann welche gesundheitlichen Risiken für den Menschen auch schwache elektrische Felder mit sich bringen können, ist ebenso umstritten wie die Frage, welche gesundheitlichen Risiken von der elektromagnetischer Strahlung ausgeht, die von Handys verursacht wird. Angeblich haben deutsche Versicherungen in ihren Policen bereits Schäden durch Elektrosmog wegen der nicht einschätzbaren Gesundheitsgefahren ausgeschlossen. Möglicherweise aber könnten nicht nur Handys, sondern alle elektrischen Geräte, die sich längere Zeit wie Föhns, Rasierapparate oder Heizdecken dicht am Kopf befinden, menschliche Gehirnzellen schädigen.

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Henry Lai, Wissenschaftler am Department of Bioengineering der University of Washington, ist bekannt für seine Forschung über gepulste Mikrowellenstrahlung, wie sie von Handys ausgeht. Schon vor Jahren hatten seine Forschungen mit Ratten ergeben, dass die von Mobiltelefonen ausgehenden Mikrowellen die DNA-Moleküle im Gehirn aufbrechen können. In anderen Versuchen mit Ratten hatte er herausgefunden, dass sie, wenn sie Mikrowellen ausgesetzt wurden, mehr Endorphine und Stresshormone produzieren. Letztere beeinflussen den Neurotransmitter Acetylcholin, der unter anderem an Gedächtnisfunktionen beteiligt ist.

Gehirnzelle, die keinem elektromagnetischem Feld ausgesetzt wurde. Bild

In einer neuen Untersuchung, die unter dem Titel "Magnetic Field-Induced DNA Strand Breaks in Brain Cells of the Rat" in der Zeitschrift Environmental Health Perspectives vorab online veröffentlicht wurde, haben Henry Lai und Narendra Singh Hinweise dafür finden können, dass zumindest bei Ratten auch elektromagnetische Felder mit einer niedrigen Frequenz Schäden an der DNA in Gehirnzellen verursachen können. Bei Ratten, die einem magnetischen Feld von 60 Hz mit einer Stärke 0,01 Milli-Tesla 24 Stunden lang ausgesetzt waren, fanden die Forscher nach einer Untersuchung von deren Gehirnen eine signifikante Zunahme an beschädigter DNA, aber auch viele tote Zellen. Nach 48 Stunden waren die beobachteten Schäden noch größer. Schwache elektromagnetische Felder mit 50 oder 60 Hertz werden von vielen Haushaltsgeräten produziert.

Wurden die Ratten mit Trolox (einem Vitamin E-Analog) oder einer anderen Substanz behandelt, die freie Radikale binden, so traten deutlich weniger Schädigungen am Erbgut der Zellen auf. Auch eine Behandlung mit Deferipron, das Eisen bindet, verhinderte die schädlichen Auswirkung der elektromagnetischen Felder. Beides spricht dafür, dass die niederfrequenten elektromagnetischen Felder auf die Eisenteilchen in den Zellen einwirken. Die dadurch bewirkte Reaktion könnte zur Entstehung von freien Radikalen beitragen, die wiederum für die DNA-Schädigung verantwortlich wären. Im Zellkern finden sich mehr Eisenatome als in der übrigen Zelle. Schon in früheren Versuchen konnte etwa die Zuführung von Melatonin vor der Aussetzung der Ratten an elektromagnetische Felder die Schäden verhindern. Melatonin bindet ebenfalls freie Radikale.

Die Schädigungen in der aktuellen Studie traten jedoch erst nach 24 Stunden auf, während bei Ratten, dem elektromagnetischen Feld zwei Stunden lang ausgesetzt waren, keine Veränderungen bemerkt werden konnten. Das weist für die Wissenschaftler darauf hin, dass die Schädigung von der Intensität abhängt und kumulativ ist. Freie Radikale schädigen nicht nur die DNA, sondern können auch andere biologische Moleküle wie Proteine beeinträchtigen. Oxidativer Stress bei erhöhter Konzentration an freien Radikalen ist für Alterungsprozesse sowie Krankheiten wie Krebs, Alzheimer, Immunschwächen oder Arteriosklerose verantwortlich.

Zwei Gehirnzellen, die einem niederfrequenten Magnetfeld ausgesetzt waren und beschädigte DNA in einem Schweif ausstoßen. Bild

Nach den neuen Untersuchungen wären von elektromagnetischen Feldern besonders diejenigen Zelltypen betroffen, die einen höheren Eisenanteil haben, beispielsweise sich teilende Zellen, solche, die von einem Virus infiziert sind, oder Zellen wie die des Gehirns, die eine hohe metabolische Rate aufweisen.

Zwar ist die Stärke des elektromagnetischen Feldes, dem die Ratten ausgesetzt wurden, durchaus vergleichbar mit den Feldern, die von Haushaltsgeräten ausgehen, gleichwohl sagen die Ergebnisse noch nichts darüber aus, ob der Gebrauch von elektrischen Geräten mit niederfrequenten elektromagnetischen Feldern auch wirklich für den Menschen gefährlich sind. Föhnt man sich nur kurz die Haare oder rasiert sich einige Minuten lang, dürfte das Risiko gering sein, wenn überhaupt eines besteht. Neben einem Radiowecker schläft man aber beispielsweise stundenlang. "Unser wichtiges Ergebnis ist", so Lai gegenüber BBC, "dass sich der schädigende Effekt in Ratten mit der Zeit akkumuliert. Die große Frage ist, ob sich der schädigende Effekt in Menschen akkumuliert, wenn wir einen Föhn täglich fünf Minuten lang benutzen. Wir wissen es nicht, aber unsere Ergebnisse weisen auf die Möglichkeit hin, dass dies der Fall sein könnte."

Bislang müssten die Menschen wegen der Ergebnisse keine Angst bekommen, sagt Lai, aber: "Die Menschen sollten alles tun, was sie können, um ihre Aussetzung so klein wie möglich zu halten. Das betrifft besonders elektrische Geräte, die sehr nahe am Körper benutzt werden."

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16806/1.html
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