Trau, schau, DRM

22.02.2004

Großmutters Handschellen - Vertreter von Microsoft und Infineon über Trusted Computing

Auf einem Infoabend des Hitech-Presseclubs versuchten Vertreter von Microsoft und Infineon Journalisten die Vorzüge von Trusted Computing nahezubringen.

Metaphorisch gesprochen war das Trusted-Computing-Vorhaben bisher wie eine Großmutter, die das Rotkäppchen in ihr Häuschen bitten will und ihm erklärt, dass die dort vorhandenen Ketten, Handschellen und Kameras zum Schutz vor dem bösen Wolf dienten und nichts mit ihren belgischen Geschäftsfreunden zu tun hätten.

Denn ökonomisch und technisch betrachtet konnte der Hauptzweck der Ausstattung von Computern mit TPM-Chips und Microsofts NGSCB-Architektur nicht die Sicherheit des Benutzers sein, sondern die heimliche Einführung von Digital Rights Management (DRM, vgl. Content is King! oder die Diktatur des Kleingedruckten). Trotzdem wiederholten vor allem die in der Trusted Computing Group (TCG) aktiven Unternehmen bisher mantraartig Beteuerungen, dass die Trusted-Computing-Pläne dem Verbraucher nicht schaden, sondern die Sicherheit seines Rechners erhöhen würden.

Offenbar hat sich das etwas geändert: Auf der Veranstaltung "Trusted Computing - Vertrauen oder Kontrolle?" am 19. Februar 2003 verließ zumindest der Infineon-Vertreter Thomas Rosteck diesen argumentativen Pfad und gab relativ unumwunden zu, dass Trusted Computing vor allem der von Teilen der Medien- und IT-Industrie geplanten Einführung von DRM-Geschäftsmodellen dient, die - so Rosteck - "per se nicht Schlechtes" seien. Deshalb solle der TPM-Chip auch in Unterhaltungselektronik und in Fernsehgeräte integriert werden - wo ganz offensichtlich weder Probleme mit Viren noch mit Würmern bestehen.

Rosteck sprach von "Jahrzehnte alten Wünschen" nach Hardware-basierter Absicherung denen die TCG nun nachkomme. Stolz erklärte der Infineon-Mann dass Hewlett-Packard bereits etwa hunderttausend solcher Chips in Rechnern verbaut habe. Doch auf die Frage, wie viele Benutzer sich den für den Gebrauch des Chips notwendigen Software-Stack bei Hewlett-Packard heruntergeladen haben - wie hoch also der Bedarf nach Trusted Computing beim Verbraucher wirklich ist - musste er passen.

Gerold Hübner von Microsoft Deutschland nannte DRM etwas defensiver ein "Sicherheitsziel" und sprach in einer geradezu Orwellschen Argumentationsschleife von "Sicherheit vor illegaler Musik." Offen ließ er dagegen die Frage, wo im Trusted-Computing-Konzept die Sicherheit vor Lizenzwillkür und DRM-Kostenfallen bleibt.

Wer auf den SuSE-Vertreter Roman Drahtmüller als Opponent der beiden gehofft hatte wurde enttäuscht: Seine Äußerungen drehten sich weniger um Trusted Computing als um die Sicherheit der GNU/Linux-Distribution seiner Firma per se. Drahtmüllers Äußerungen zufolge bewegt sich SuSE sogar in Richtung Trusted Computing. Das passt gut in das Engagement der Firma bei der Stadt München. Dort wurden bisher aus Angst vor den eigenen Mitarbeitern unter anderem Diskettenlaufwerke im Phoenix-Bios passwortgeschützt gesperrt. Alles in allem hinterließen Drahtmüllers Äußerungen den Eindruck, dass zukünftig nicht SuSE, sondern Debian die für den Privatanwender geeignetste GNU/Linux-Distribution sein wird.

Der vierte geladene Gast, Dr. Udo Helmbrechts vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI, musste sich beständig einer Rolle als Kronzeuge in der vor allem von Hübner geführten Diskussion "Was ist sicherer - Windows oder Linux?" erwehren. So blieb die eigentlich interessanteste Frage an seine Behörde offen:

"Sed quis custodiet ipsos custodies - Wer, außer den Wächtern selbst, wacht über die Wächter?" fragte sich bereits Decimus Junius Juvenalis - und diese Fragestellung ist auch im Zusammenhang mit Trusted Computing aktuell. Zur Schutzpflicht eines demokratischen Rechtsstaates im Medienzeitalter gehört auch und vor allem ein Schutz vor unseriösen Geschäftsmodellen. Bisher schützt der Staat allerdings nicht den Verbraucher, sondern - durch das Verbot der Umgehung von Zugangsbeschränkungen im neuen Urheberrechtsgesetz - sogar abhängigkeitsökonomische (vgl. Gratisdienste und Opportunitätskosten) Geschäftsmodelle.

Diese Modelle laufen allerdings bisher genauso unter falscher Flagge wie Trusted Computing: Bei DRM geht es nicht in erster Linie um einen "Kopierschutz", sondern um eine durchaus grundlegende Änderung von Eigentumsrechten. Gegenüber der Öffentlichkeit wird bisher wohlweislich verschwiegen, was DRM-Firmen wie die Bertelsmann-Tochter DWS in den Werbebroschüren für ihre gewerblichen Kunden offen zugeben: Dass ihre DRM-Systeme dem "Rechteinhaber" die Möglichkeit bieten, Konsumentenrechte jederzeit nach Bedarf zu ändern oder wieder zu entziehen.

Aus

Rechteinhaber können sich durch DRM mit entsprechenden Lizenzen aller urheberrechtlichen Schranken entledigen. Dadurch entsteht statt einer Marktökonomie, in der Produkte ge- und verkauft werden, eine Abhängigkeitsökonomie, in der die Benutzer feudaler Willkür ausgeliefert sind. Larry McVoy, der Erfinder von BitKeeper beschrieb den Effekt ebenso blumig wie drastisch: "They get you in there, they lock you in, and then they rape you."

they rape you

Wenn sich elektronische Zahlungssysteme etabliert haben, können DRM-Systeme sogar - ähnlich 0190-Dialern - dem Verbraucher unbemerkt oder für gar nicht gewünschte "Leistungen" Geld entziehen, ohne dass er sich dagegen wehren kann. Man stelle sich nur ein in Küblböck-Manier selbst eingesungenes Lied vor, das man mit einer vierzigseitigen Lizenz versieht, in deren Mitte eine Passage versteckt ist, in der sich der Benutzer damit einverstanden erklärt dass sich das Stück dreimal am Tag selbständig abspielt und ihm dafür jeweils 100 € abgebucht werden.

Beim Verbraucher besteht dadurch weniger ein Bedarf nach Schutz vor seinem eigenen Handeln als nach beispielsweise vom BSI ausgestellten "DRM-frei" oder "TCG-frei" Zertifikaten für Rechner. Denn nicht jede Firma macht es dem Verbraucher so einfach wie Hewlett-Packard, die nicht nur TPM-Cips in ihren Rechnern verbaut, sondern dies auch zugibt und öffentlich die angeblichen Vorzüge von DRM preist.

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