He's Wounded -- Hit Him!

Stefan Krempl 23.02.2004

Medien und globale Konflikte: Gefangen zwischen Militainment, interkulturellen Störfällen, Propaganda, Selbstzensur und -beweihräucherung

Anfang Januar waren auf dem US-Sender ABC erstaunliche Bilder zu sehen: Die Zuschauer wurden nachträglich Zeugen eines Vorfalls von Anfang Dezember, in dessen Verlauf amerikanische Soldaten aus einem Apache-Hubschrauber heraus des Nächtens kaltblütig drei Iraker auf einem Feld nördlich von Bagdad abknallten. Rechtfertigung: Die Erschossenen hätten ihre vermutlich mitgeführten Waffen "im Geiste" zu tödlichen Zwecken benutzen können. Reaktion in den restlichen amerikanischen Massenmedien auf das Video aus dem Helikopter: Fehlanzeige.

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Für Bernhard Debatin, Professor an der E.W. Scripps School of Journalisms an der Ohio University in Athens, steht der gescheiterte Versuch der Platzierung eines heiklen Themas beispielhaft für ein Muster der Kriegsberichterstattung in den USA nach dem 11. September. Rund zehn Millionen US-Zuschauer hätten das "Dokument eines Kriegsverbrechens" vor Augen geführt bekommen. Schließlich hätten sich die Iraker in keiner Weise in kriegerischer Hinsicht verhalten und sich außer dem Mitführen eines "zylinderförmigen Gegenstands" zunächst nichts zuschulden kommen lassen. Zudem sei dem Schützen nach einer Diskussion über das weitere Schicksal eines zunächst "nur" als angeschossen gemeldeten Arabers ("He's wounded") der deutliche Befehl erteilt worden: "Hit him". Eine solche Tötung Verwundeter verstoße klar gegen die Genfer Konvention. Doch selbst in kritisch gedachten Beiträgen würden derlei schockierende Vorgänge so präsentiert, dass sie letztlich aus der amerikanischen Perspektive als gerechtfertigt dastehen würden.

Die Vorführung des Videos, das inzwischen vor allem auf den Angeboten rechter Militär- und Game-Freaks in den USA kursiert, sei eingebettet gewesen in den für das US-Fernsehen momentan so typischen Diskurs von Ex-Generälen und Pentagon-Experten, so Debatin. Diese hätten im Rahmen der von Washington vorgelegten "Rules of Engagement", die das gnadenlose und präemptive Vorgehen gegen irakische Widerstandskämpfer doktrinär festschreiben, die nächtliche Blutrauschaktion als berechtigten Eingriff bezeichnet. Kennzeichnend seien für den televisionären Kriegsdiskurs jenseits des Atlantiks neben der Einbeziehung der regierungsnahen Propagandaindustrie die fehlende Kontextualisierung von Ereignissen sowie die Ausblendung kritischer Stimmen und ethischer Fragen.

Totschlagargument Verschwörungstheorie

Diese gerade im Hinblick auf die Kriegsberichterstattung zu stellen, hatte sich die Tagung Medien und globale Konflikte der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) in Verbindung mit dem Treffen des Netzwerk Medienethik Ende vergangener Woche in München zum Ziel gesetzt. Debatin führte dort auch den von den Mainstream-Medien in den USA unter den Teppich gekehrten Protest der "Wütenden Witwen" (vgl. Witwe verklagt die Bush-Regierung) der 9-11-Opfer als weiteres Beispiel für die nach wie vor andauernde patriotische Selbstzensur zahlreicher Sender und Magazine an.

"Es gibt eine offizielle Version vom 11. September und vom Irak-Krieg, die in den Massenmedien wiedergegeben wird. Alles andere wird Diskurs-unmöglich gemacht", folgerte Debatin. Und zwar mit dem stereotypen Verweis, dass es sich um "Verschwörungstheorien" handle. Mit diesem Totschlagargument sei "auch berechtigte Kritik" rasch erledigt. Die Funktion der eine gewisse Distanz zu den Dingen einnehmenden Ironie sei dem US-Journalismus dagegen verloren gegangen.

Medien als Urheber von Kriegen?

Heiß diskutiert wurde die Frage, inwieweit die Propaganda-Anfälligkeit der Massenmedien auch eine klare Urheberschaft an Konflikten nach sich zieht. Horst Pöttker, Professor am Institut für Journalistik der Universität Dortmund, war zu dieser These anhand seiner historischen Betrachtung der Kriegsberichterstattung gelangt. Einzelne Reporter würden Kriege rein auf der subjektiven Sphäre betrachtet zwar nicht hervorbringen, führte er aus. Aber eine solche Verantwortung sei durchaus "für Zusammenhänge und ganze Kriege vorstellbar."

Pöttker erinnerte an Einzelvorfälle wie den eines Jugendlichen in Sarajewo, der sich beim Erschießen bewusst habe filmen lassen, sowie an palästinensische Selbstmordattentäter, die ebenfalls die Nähe zur Kamera immer wieder gesucht hätten. Den meisten anwesenden Forschern war die Urheberschaftstheorie aber doch zu pauschal, da sie letztlich allgemein auf konstitutive Bedingungen des Mediensystems abziele.

Aufschlussreicher waren Versuche, interkulturelle Störfälle zwischen dem amerikanischen Medien- und Politiksystem auf der einen und dem arabischen sowie dem deutschen auf der anderen Seite zu erklären. So arbeitete Oliver Hahn vom Dortmunder Journalistik-Institut heraus, dass die häufig beschriebenen Gegensätze zwischen der Berichterstattung bei al Dschasira und amerikanischen Nachrichtensendern auch auf unterschiedlichen kulturellen Verständnissen von Begriffen wie "gezielte Tötungen" beruhen. Arabische Stationen würden Selbstmordattentäter beispielsweise pauschal als "shahid" oder "shuhada" bezeichnen, was im Westen meist als "Märtyrer" mit allen Konnotationen und somit als eine Verherrlichung der "Terroristen" ausgelegt werde, zunächst aber eine neutrale Wortbedeutung in seinem ursprünglichen Kulturkreis habe.

Michael Harnischmacher von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zeigte ferner anhand der Metapherntheorie von George Lakoffs und Mark Johnsons, wie die Kompatibilitätsprobleme im transatlantischen Irak-Diskurs gelesen werden können: Die US-Administration habe dabei das grundlegende Bild eines "strikten Vaters" als Vorstellung des Staats und der Staatengemeinschaft in republikanischer Tradition an den Konflikt angelegt. Deutschland beispielsweise hätte dagegen die metaphorische Basiskonzeption eines Vereins Gleichgesinnter vor Augen gehabt. US-Präsident George W. Bush sei es demnach immer um die Bestrafung des "abtrünnigen Kinds" Saddam Hussein gegangen, während die Bundesregierung auf die Beilegung des Streits um die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Bagdader Diktators im Rahmen internationaler Gremien angestrebt habe.

Förderung der publizistischen Selbstkontrolle

Auf einer allgemeineren Ebene ging es auf der Konferenz hauptsächlich um das Aufzeigen neuer Wege zur "Qualitätssicherung" und von Möglichkeiten zum Ausgleich der konstatierten Defizite der Massenmedien. Immer wieder gefordert wurde dabei, dass die Journalisten ihre Arbeitsbedingungen und Zensurbestrebungen noch häufiger auch vor den Lesern und Zuschauern thematisieren. Doch derlei bereits seit dem Kosovo-Krieg bekannte Warnhinweise und andere Formen der gesteigerten Selbstthematisierung brächten auch gerade im Fernsehen die Gefahr eines "Hangs zur Selbstinszenierung" mit sich, erklärte Meike Vögele von der Universität Bamberg.

Reporter wie Christoph Maria Fröhder würden sich selbst und ihre waghalsigen Einsätze zur Nachricht stilisieren, was zur Attitüde werde und als Versuch zur "Entschuldung" des Pressesystems "ohne Konsequenzen" gesehen werden könnte. Als durchaus erfolgsversprechend bezeichnete Christoph Neuberger vom Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster dagegen die Formen der öffentlichen Medienkontrolle, die mithilfe von Warblogs im Nachklang des 11. September entstanden seien.

Um die Qualität medialer Diskurse in Konfliktsituationen zu steigern und Fehlleistungen auszugleichen, gründeten die versammelten Kommunikationswissenschaftler am Rande der Tagung die Initiative zur Förderung der publizistischen Selbstkontrolle. Sie soll die in Deutschland bereits bestehenden Organe der Selbstkontrolle wie den Presserat ergänzen, da diese häufig als "zahnlose Tiger" bezeichnet werden. Diese Metapher sei falsch, kritisierte Pöttker, da sie den Ruf nach dem Staat laut werden lasse. Stattdessen müsse es aber um eine Ausweitung des Diskurses über die Medien gehen, "der Öffentlichkeit voraussetzt" und auf Transparenz angelegt sei. Spielraum dafür soll die neue Initiative auf Basis einer "festen organisatorischen Grundlage" bieten.

Von Stefan Krempl ist vor kurzem das Telepolis-Buch "Krieg und Internet: Ausweg aus der Propaganda?" im Verlag Heinz Heise erschienen. Der Autor hat zu Themen rund um das Buch das Weblog Der Spindoktor eingerichtet.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16809/1.html
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