Ich wasche meine Hände in Unschuld

25.02.2004

Roheste Gewaltdarstellung, Antisemitismus, christlich-katholischer Fundamentalismus, reaktionäre Politik-Vorstellungen, versuchte Pressemanipulation - die Vorwürfe, die gegen Mel Gibsons "The Passion of the Christ" vorgebracht werden, sind hart und zahlreich

Pünktlich zum heutigen US-Start des Films ist der Streit nun eskaliert: Einerseits hat der australische Hollywood-Star Gibson ein umstrittenes Zitat aus dem Film getilgt, andererseits legt er in Talkshows nach, und bestätigt viele der gegen ihn und den Film erhobenen Vorwürfe. Zugleich fielen in Deutschland bereits angesetzte Pressevorabvorführungen des Films ohne Angabe von Gründen aus.

The Passion of the Christ

Wer war der erste Liberale? Ganz klar: Pontius Pilatus. Wenn er im Verhör fragte, "Was ist Wahrheit?" praktizierte er genau jene Diskursbereitschaft, Toleranz und weltanschaulichen Skeptizismus, auf die moderne Gesellschaften mit Recht stolz sind. Auch im fundamentalistischen Aufwiegler Jesus sah er eher einen Spinner als einen Verbrecher. Doch indem er die letzte Entscheidung über dessen Verurteilung der Volksmenge anheim stellte - "Jesus oder Barrabas?"-, gab er ein erstes Beispiel für den "Vorrang der Demokratie über die Philosophie", die der US-Philosoph Richard Rorty für eine wesentliche Errungenschaft unseres Zeitalters ansieht.

Mel Gibson hält es dagegen mehr mit Jesus, und seinem Verhalten nach gemessen ist der in Australien geborene Darsteller alles Mögliche, liberal und demokratisch gesonnen aber gewiss nicht. Das belegt die Geschichte des Streits um Gibsons Jesus-Film "The Passion of the Christ", der in den US-Medien in regelmäßigen Wellenbewegungen seit über einem Jahr tobt, und in der letzten Woche ein weiteres Mal zu neuen Erregungshöhen und einem regelrechten Kulturkampf eskaliert ist. Dabei überrascht zumindest die Heftigkeit der Auseinandersetzung. Denn dass Mel Gibson zur Hollywood-Rechten gehört, wie sonst nur Charlton Heston, ist aufmerksamen Beobachtern schon lange bekannt. Und dass in der Traumfabrik religiöses Eiferertum und esoterische Verrücktheit durchaus üblich sind, ist auch nichts Neues.

Ein Herrgottswinkel des Kinos

Pasolinis "Das 1. Evangelium Matthäus"

Der Reihe nach: Jesusfilme gibt es bereits eine ganze Menge. Der älteste stammt aus dem Jahr 1897 von den Erfindern des Kinos, den Gebrüdern Lumière persönlich. Seitdem haben sich dem Stoff zwar auch europäische Autorenfilmer wie Pier Paolo Pasolini ("Das 1. Evangelium Matthäus", 1966), vor allem aber das Hollywoodkino angenommen. In jedem zweiten der ungezählten "Sandalenfilme" der 40er und 50er hing irgendwann ein zottelbärtiger Christus sterbend am Kreuz, stärkte mit gütigem Blick einen zweifelnden Helden, verwandelte tapfere Römeroffiziere in zerknirschte Pazifisten. Die prominentesten Beispiele "Ben Hur" und "Das Gewand" wurden vielfach preisgekrönt - gleichermaßen ein Herrgottswinkel des Kinos und Symbol für den Zivilisationsprozess, den die Nachkriegsgesellschaft des Westens vollzog. Seit den 60er Jahren kam es zu unterschiedlichsten Formen einer Modernisierung des Themas. Ob als plumpe Hollywood-Heldenstory - "Die größte Geschichte aller Zeiten", 1965 -, ob als Flower-Power-Musical - "Jesus Christ Superstar" 1973; -, ob als postmodernes Identitätsdrama - "Jesus von Montreal", 1990 - oder als urmenschliche Passionsgeschichte in Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" (1988).

Nun also Mel Gibson. Bereits Anfang 2003 spielte man eine Kopie des Drehbuchs von "The Passion of the Christ" der Presse zu. Allein hierauf gründet sich die jetzige Debatte, da den Film bisher nur eine ausgewählte Schar von Sympathisanten zu sehen bekam. Auch in Deutschland, wo "The Passion of the Christ" pünktlich zum Gründonnerstag, dem "Fest des letzten Abendmahls" am 8. April starten soll, fielen in dieser Woche bereits angesetzte Pressevorführungen des Films ohne Angabe von Gründen überraschend aus. Gibsons Projekt konzentriert sich ganz auf die letzten 12 Stunden im Leben Jesu. Die Titelrolle spielt Jim Caviezel ("Der schmale Grat"), die Maria Magdalena - es klingt wie Satire - Monica Belucci, die diesen Part bereits im zweiten und dritten Teil von "Matrix" übernommen hatte. Finanziert wurden die Produktionskosten von 35 bis 40 Mio. Dollar privat und ohne Beteiligung der großen Studios, gedreht wurde in Rom und Süditalien, weit weg von Hollywood.

Angegriffen wird einstweilen vor allem die textliche Grundlage des Films. Denn nicht allein das Johannes- und das Lukasevangelium - die zwei der vier Evangelisten, die in der Jesus-Gestalt den Propheten und Messias gegenüber dem Lehrer und Menschen hervorheben - bilden die Basis für das Drehbuch. Ebenso wichtige Quellen sind, das betonte Gibson selbst in verschiedenen Interviews immer wieder, die Bücher zweier Nonnen aus dem 17., bzw. 19. Jahrhundert: "Die Stadt Gottes" der Spanierin Maria von Agreda und Anna Katharina Emmerichs "Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus". Beide Texte gelten als antisemitisch, sie sehen in den Juden die eigentlichen Mörder Christi. Bei Emmerich finden sich auch berüchtigte Passagen, nach denen Juden nachts christliche Kinder töten, um deren Blut zu trinken und ähnliche paranoide Theorien, die zur Vorgeschichte des Faschismus und zu einer im allgemeinen längst überwundenen Tradition des Christentums gehören.

Jesus Christ Superstar

Vor allem dafür wird Gibson jetzt auch aus christlichen Kreisen angegriffen. Die katholische Bischofskonferenz der USA äußerte sich zum Beispiel besorgt, weil er die Versöhnung zwischen Christentum und Judentum gefährde. Die Theologie-Professorin Mary Boys konstatierte, Juden würden in dem Film durchweg als "blutrünstig, rachsüchtig und geldgierig" dargestellt. Und der Rabbiner Marvin Hier vom "Simon-Wiesenthal-Center" in Los Angeles ergänzte: "Jeder Jude in diesem Film, mit Ausnahme der Jünger Jesu, wird als grausam dargestellt. Sie haben dunkle Augen und Bärte - wie Rasputin. Ich bin entsetzt." Der Film könne verheerende Wirkungen haben, warnt Hier. Gibson selbst weißt solche Vorwürfe zurück: "Das widerspricht den Grundlagen meines Glaubens. Antisemitisch zu sein, heißt unchristlich zu sein, und das bin ich nicht." Zugleich raunte er aber in einem Interview mit dem rechtspopulistischen TV-Kommentator Bill O'Reilly im Januar Gibson auf die Frage, ob sein Film "irgendwelche jüdischen Leute" verärgern könnte, "Er könnte. Aber das ist nicht sein Ziel. Sein Ziel ist bloß, die Wahrheit zu sagen. Jeder sollte nach seiner eigenen Schuld suchen."

"Ich war spirituell bankrott"

Neben dem Antisemitismus dürfte in der Tatsache, dass Mel Gibson in persona ein Anhänger, Vorzeige-Prominenter und Hauptfinancier einer extremen Splittergruppe des christlich-katholischen Fundamentalismus ist, für viele Kritiker das Hauptproblem des Projekts liegen. Rund 100.000 Mitglieder umfasst die strenge Sekte der katholisch-traditionalistischen "Catholic Church", zu der sich Gibson 1990, nach einer Schaffenskrise und Selbstmordgedanken - "Ich war spirituell bankrott. Doch ich entdeckte, dass ich die Wunden Christi und sein Leiden betrachten muss, damit die Wunden in meinem Leben heilen." -, bekehrte. Sie unterhält keine Beziehungen zum Erzbistum von Los Angeles, da die Gruppe die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt, und alle Päpste seit dem Tod Johannes' XXIII. 1963 als illegitim betrachtet. Messen werden ausschließlich in lateinischer Sprache gelesen. Heute lässt Gibson angeblich in seiner Privatkapelle jeden Sonntag eine Messe nach altem römischen Ritus abhalten. Zum speziellen Charme der "Catholic Church" gehört aber auch das Festhalten an der Kollektivschuld-These, die die Juden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich macht.

The Passion of the Christ

Einem Tom Cruise oder einem John Travolta haben selbst enge Verbindungen zur Scientology-Church in Hollywood nicht geschadet. Sie haben allerdings auch nie ihre Popularität und eigenes Geld in den Dienst ihrer privaten Überzeugungen gestellt, und etwa Propaganda-Filme für Scientology gedreht. Darum ist die Polemik gegen Gibson stärker.

Umgekehrt hat sein Film auch Unterstützer auf Seiten jener Protestanten, die sich dem fundamentalistisch-konservativen Lager zurechnen, das sich seit George W. Bushs Machtantritt im Aufschwung befindet, und vehement gegen alles wettert, was unter Liberalismus-Verdacht steht. Hierzu gehört auch der größte Teil von Hollywood, wo man im "Bible Belt" des Mittleren Westens seit jeher das Reich des Bösen verortet. Pastor Ted Haggard, der Präsident der "National Association of Evangelicals", lobt den Film als "wunderbare Darstellung", und verglich Gibson mit "Michelangelo, der ein unglaubliches Kunstwerk geschaffen hat". Auch David Kuo, der stellvertretende Direktor von George W. Bushs neuer Agentur für religiöse Initiativen, der erwähnte Bill O'Reilly und Rush Limbaugh, erzreaktionärer Radio-Kolummnist durften das Werk vorab begutachten und bekannten sich mittlerweile als glühende Anhänger.

Der Schmerzensmann

Trotzdem stilisiert sich Gibson neuerdings zur verfolgten Unschuld. Ausdrücklich erklärte er, Journalisten seien geschickt worden, "um nach Schmutz" zu suchen. Anlass für diese Ansicht sind Veröffentlichungen über ein Gespräch mit Gibsons 85-jährigem Vater Hutton, dessen rechtradikale Ansichten seit längerem bekannt sind. Hutton Gibson hat das Zweite Vatikanische Konzil als eine "von den Juden unterstützte Verschwörung" bezeichnet, und meint, der Holocaust sei eine "Scharade" gewesen. Weder er, noch sein Sohn haben die Echtheit dieser Zitate bisher bestritten. Und tatsächlich passen sie zu dem, was Kritiker vom Jesus-Film des Sohnes befürchten.

The Passion of the Christ

Doch umgekehrt redet keiner der bisherigen Kritiker einer intellektuellen Sippenhaft das Wort. Kritisiert wird in erster Linie die geheimnistuerische Pressepolitik des Gibson-Clans, und der Versuch, jede sachliche Kritik als böswilligen Angriff darzustellen. Die "New York Times" bescheinigte dem Schauspieler aus diesen Gründen vergangene Woche einen "Märtyrer-Komplex". Dies würde wie auch die christlich-fundamentalistische, antimoderne Gesinnung zumindest zu den letzten Filmrollen des Actionhelden passen. In seiner letzten Regiearbeit, dem mehrfach oscargekrönten "Braveheart" spielte er ebenso wie in Roland Emmerichs "The Patriot" einen von existentieller Düsternis umwölkten Guerillero, der im Kampf gegen die Engländer auch gleich das ganze moderne Leben mitbekämpft. Das blutrünstige Vietnam-Spektakel "We Were Soldiers" hatte bereits klare heilsgeschichtliche Bezüge, und in "Signs" wie bereits früher in "Fletchers Visionen" spielte Gibson eine Figur, die mit höheren Mächten in Verbindung steht. Eigentlich ein Wunder, dass Gibson jetzt nicht auch persönlich den Jesus mimt.

"Extrem, schockierend, gewalttätig"

Das größte Problem, noch über alle politischen, moralischen und spirituellen Vorwürfe hinaus, ist in diesem Fall aber wohl ein ästhetisches: Nach allem, was man hört, muss "The Passion of the Christ" ein bierernster Film sein, dem vor lauter Bekehrungseifer jede Distanz zum Thema fehlt. Hier legt ein Gläubiger ein Glaubensbekenntnis in Filmform ab. Für Gibson ist, das hat er oft genug erklärt, die Passion Jesu keine Fiktion, keine schöne oder weniger schöne Legende, sondern Wahrheit und Realität. Sein Authentizitätswahn geht soweit, dass er die Römer lateinisch und die Juden aramäisch und hebräisch reden lässt, immerhin entgegen seiner ursprünglichen Absicht mit englischen Untertiteln. Drastisch authentisch sollen auch die Gewaltdarstellungen sein. "Extrem, schockierend, gewalttätig", sei sein Film, sagte der 48-jährige vergangene Woche ungewohnt bissig in einer ABC-Talkshow, "er ist sehr gewalttätig, und wenn Sie das nicht mögen, gehen Sie einfach nicht hin. Und wenn Sie nach der Hälfte gehen möchten, tun Sie das." Mit der schonungslosen Darstellung der Leiden Christi wolle er, so Gibson, "das Ausmaß von Jesus' Opfer begreiflich machen." Dieser Ansatz, die Zuschauer "über die Grenze" zu drängen, sagt auch einiges über Gibsons Kunstverständnis.

Natürlich hat Gibson alles Recht der Welt, einen schlechten Film zu machen. Und ebenso selbstverständlich wäre dies nicht der erste Film, in dem sich ein Regisseur in den Dienst einer Ideologie stellt, Vorurteile gegen bestimmte Personengruppen zum Ausdruck bringt, oder seinen Zuschauern mit einem dicken Zeigefinger Moral predigen will. Umgekehrt muss man aber den Gibsonschen Unterstellungen widersprechen, dass hier nur die Ungläubigen oder Andersgläubigen widersprechen. Einige von Gibsons härtesten Kritikern stammen aus den christlichen Kirchen selbst. Etwa die Theologieprofessorin Mary Boys: "Wir haben es hier mit einem reichen Filmemacher zu tun, dessen Glaubensvorstellungen allem widersprechen, was die Kirche in den letzten 50 Jahren gelehrt hat. Er kann seine Ansichten in die Medien lancieren und hat insofern mehr Macht als die Kirche." Zumindest in diesem einen Punkt erinnert Gibson dann plötzlich doch an Pilatus: "Ich wasche meine Hände in Unschuld."

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