Ran an die Knochen

Der "Kennewick Man" darf gegen den Willen der amerikanischen Ureinwohner untersucht werden - Ein Sieg der Wissenschaft über Religion und Tradition

Ein Berufungsgericht in den USA hat entschieden, dass die Überreste des 1996 entdeckten Kennewick-Mannes von den Archäologen gründlich untersucht werden dürfen. Amerikanische Ureinwohner hatten das bisher verhindert. Sie beriefen sich darauf, dass er einer ihrer Urahnen sei und sofort wieder bestattet werden müsse.

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Die Rekonstruktion des Gesichts des Kennewick Man von Jim Chatters und Thomas McClelland

Vor ungefähr 8 500 Jahren durchstreifte ein Mann mit prägnanten Gesichtszügen und einer auffallend großen Nase das Grasland zwischen den Kiefernwäldern im heutigen Staat Washington in den USA. Er war ungefähr 1,75m groß, muskulös und sicher ein zäher Bursche. Verschiedene Knochenbrüche hatte er überlebt und in seiner Hüfte steckte schon längere Zeit eine Speerspitze, als er im Alter von 30 und 50 Jahren starb.

1996 fanden zwei Studenten am Ufer des Columbia River bei dem Ort Kennewick einen Schädel, den sie bei der Polizei ablieferten, weil sie ein Verbrechen vermuteten. Bei der Ermittlung stellte sich schnell heraus, dass es sich nicht um das Relikt eines modernen Mordopfers, sondern einen frühen Amerikaner handelte. Nachgrabungen an der Fundstelle förderten ein fast komplettes Skelett zutage. Der Kennewick-Mann, wie er seither genannt wird, verblüffte die Wissenschaftler. Die Radiokarbondatierung ergab ein Alter von 8000-8500 Jahren und eine erste Analyse der Schädelform, dass er ein "weißer Kaukasier" sei. Die Rekonstruktion seines Gesichtes (online in 3-D) ergab eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Raumschiffkapitän Jean-Luc Picard aus der Fernsehserie Star Trek (Patrick Stewart).

Die Vorfahren des Kennewick-Mannes kamen wahrscheinlich aus Japan, Polynesien oder Südost-Asien. Damit wankte die These, dass die Altvorderen aller amerikanischen Ureinwohner während der Eiszeit zu Fuß über die Bering-Straße zuwanderten und sich dann von Norden rasch über den ganzen Kontinent ausbreiteten (vgl. Clovis).

Die Umatilla und andere indigene Stämme reklamierten den "Ancient One", wie sie ihn nennen, als einen ihrer Urahnen und verlangten unter Berufung auf den Native American Grave Protection and Repatriation Act (NAGPRA) seine sofortige Bestattung. Dieses Gesetz von 1990 regelt, dass die Totenruhe von frühen Ureinwohnern durch die Archäologen respektiert werden muss, üblicherweise werden die Knochen, die bei Ausgrabungen gefunden werden, nur kurz "beschnuppert" und dann wieder feierlich begraben.

Voraussetzung des Anspruches ist allerdings, dass die heute lebenden Native Americans eine Verwandtschaft oder eine Art kultureller Verbindung mit dem Toten haben. Das war und ist in diesem Fall aber strittig und deshalb klagte eine Gruppe von Wissenschaftlern gegen die Beerdigung, die schon angesetzt war. Die Überreste des Kennewick Mann oder Ancient One liegen seither im Burke Museum unter Verschluss. Der Rechtsstreit durchlief verschiedene Runden, diverse Gutachten wurden erstellt (vgl. National Park Service). Im Jahr 2000 wurde der alte Mann endgültig als Native American anerkannt, aber die juristischen Debatten gingen weiter.

Anfang Februar hat nun ein Berufungsgericht (9th U.S. Circuit Court of Appeals) in San Francisco die Entscheidung eines U.S. District Courts aus dem letzten Jahr bestätigt (vgl. Civil No. 96-1481-JE pdf!). Die Anthropologen haben das Recht, den Kennewick-Mann ausführlich zu untersuchen, weil ihn mit keinem der heutigen Stämme eine tatsächliche Beziehung verbinde, meinten die Richter.

Ein Sieg der Wissenschaft über Religion und Tradition, der sich aber schnell als Pyrrhussieg erweisen könnte. Die zu erwarteten Erkenntnisse aus den Knochen des Ancient One werden voraussichtlich nicht spektakulär ein. Faktisch wurden viele Untersuchungen während des langen Gerichtstreits schon gemacht und längst gibt es andere spannende Funde im Bereich der Erforschung früher Amerikaner (vgl. Von Schädeln und Vorfahren). Rob Bonnichsen von der Texas A&M University, einer der Zivilkläger, meinte gegenüber dem NewScientist: "Wenn wir mit dieser Klage eingebrochen wären, hätte sich die Tür der Erforschung anderer früher Skelette geschlossen." Auch wenn jetzt die beteiligten Anthropologen noch von "wunderbaren Nachrichten" schwärmen, könnte es künftig mehr Widerstand und Rechtstreitigkeiten mit den Native Americans geben. Tatsächlich sind in den USA noch mehrere andere Verfahren wegen Wiederbestattungen ausgegrabener Skelette anhängig.

Die meisten Forscher haben aber ein gutes Verhältnis zu den Stämmen, mit denen sie zu tun haben und oft war der Aufbau von Vertrauen ein schwieriger und langwieriger Prozess. Einige befürchten jetzt neuen Widerstand gegen Grabungen, gerade auf den Gebieten der Reservationen, und eine neue Phase der Opposition und des grundsätzlichen Misstrauens zwischen Native Americans und Wissenschaftlern.

Die vereinigten Stämme der Umatilla Indian Reservation und ihre Verbündeten haben noch nicht entschieden, ob sie gegen das Urteil vor das nächst höhere Gericht oder gleich den U.S. Supreme Court ziehen (vgl. Ninth Circuit Court rules on Ancient One case). Ob und wann der Kennewick-Mann zur Ruhe kommt, bleibt also weiter unklar.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16822/1.html
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