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26.02.2004

Amtliche Wahrsager und politische Dramatisierer - Die Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes gegen den Strich gebürstet

Im Juni letzten Jahres veröffentlichte das Statistische Bundesamt in > Berlin seine 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung (PDF) . Deutschland vergreist und schrumpft, hieß es damals unisono in den Medien. Die Einwohnerzahlen würden bis zum Jahre 2050 dramatisch sinken, der Anteil der Alten in der Bevölkerung ebenso dramatisch wachsen. Auswirkungen habe dies vor allem auf das Gesundheitssystem und die Alterssicherung. Beides wäre nicht mehr finanzierbar. Völlig falsch, behauptet nun Gerd Bosbach, Professor für Statistik, Mathematik und Empirik an der Fachhochschule Koblenz, und bürstet die statistischen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes konsequent gegen den Strich.

Amtliche Wahrsager und politische Dramatisierer

Johann Hahlen ist kein Wahrsager, er ist politischer Beamter. Trotzdem weissagt Hahlen fürs Jahr 2050 große Not. Denn Hahlen ist Präsident des Statistischen Bundesamtes und die Statistiken seines Amtes verkünden für die nächsten 46 Jahre gewaltige gesellschaftliche Probleme. Die Gesellschaft altert rapide. Die sozialen Sicherungssysteme werden unbezahlbar. "Diese Entwicklung ist vorgegeben und unausweichlich", erklärte Hahlen bei der Vorstellung der statistischen Ergebnisse, die sein Haus angefertigt hatte. Medien und Politik griffen diese Kernaussagen gerne auf. Die einen, weil sich daraus griffige Schlagzeilen produzieren ließen, die anderen, die sich gern Reformer nennen, weil sie dadurch die gravierenden Einschnitte ins Sozialsystem hervorragend mit Horrorzahlen legitimieren können.

Das Fundament an Basisannahmen

Die vom Statistischen Bundesamt vorgenommenen Vorausberechnungen, die bis zum Jahre 2050 reichen, gelten gemeinhin als Naturgesetze. Die quasi normative Kraft der Zahlen wird selten angezweifelt. Das Wort "Bevölkerungsvorausberechnung" suggeriert zudem, dass die demografische Zukunft der Deutschen mit den Mitteln der Statistik tatsächlich im Voraus berechenbar ist. Das ist eine Unterstellung, die womöglich nicht Herr Hahlen, aber seine Mitarbeiter weit von sich weisen würden. Denn von gesicherten Prognosen wollen die nichts wissen.

"Weil die Entwicklung der genannten Bestimmungsgrößen mit zunehmendem Abstand vom Basiszeitpunkt 31.12.2001 immer unsicherer wird, haben solche langfristigen Rechnungen Modellcharakter", hängen die Verfasser der Statistikstudie ihre Berechnungen gleich etliche Etagen tiefer. Die 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung sei keine Prognose. Sie sei lediglich ein Modell, das im Wesentlichen auf den folgenden vier Grundannahmen basiert:

  1. Grundlage sind Stand und Aufbau der Bevölkerung zum 31.12.2001;
  2. Es wird angenommen, dass die statistische Geburtenhäufigkeit von 1,4 Kindern pro Frau bis 2050 (in den neuen Bundesländern erst ab 2011) konstant bleiben wird; *Weiter wird unterstellt, dass die Lebenserwartung kontinuierlich wachsen wird. Dazu wurden drei Varianten durchgespielt, wobei man sich für die mittlere Variante entschied: Die Lebenserwartung Neugeborener wird im Jahre 2050 rund sechs Jahre mehr betragen als heute. *In das Modell fließt der Saldo zwischen Zu- und Abwanderungen von Ausländern nach bzw. aus Deutschland mit ein. Auch hier gab es drei Varianten. Die mittlere Variante mit einem Zuwanderungsplus von jährlich 200.000 Personen wurde den Berechnungen zugrunde gelegt.

Zurück in die Zukunft

Ein solches Fundament sei alles andere als solide, behauptet Gerd Bosbach, seines Zeichens Professor für Statistik, Mathematik und Empirik an der Fachhochschule Koblenz, und belegt seine Behauptung mit einem simplen Blick zurück ins Jahr 1950. Eine statistische Berechnung der Bevölkerungsentwicklung, zur Zeit der Adenauer-Ära mit den heutigen Grundannahmen durchgeführt, hätte wesentliche Einflussfaktoren übersehen müssen: Die Antibabypille war noch nicht erfunden. Der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften einschließlich ihrer Familien konnte nicht vorhergesehen werden, ebenso wenig wie die deutsche Wiedervereinigung, der Zuzug von gut 2,5 Millionen Aussiedlern aus Osteuropa oder gesellschaftliche Entwicklungen wie der Trend zur Kleinfamilie und zum Single-Leben.

Noch deutlicher werde die Fragwürdigkeit von 50-Jahres-Berechnungen laut Bosbach, wenn man sich eine fiktive 50-Jahres-Berechnung aus dem Jahre 1900 betrachten würde: "Es wären schlicht zwei Weltkriege übersehen worden!"

"Wenn zutreffende 50-Jahres-Prognosen also in der Vergangenheit unmöglich waren", fragt sich Bosbach, "warum sollen sie in unserer schnelllebigen Zeit plötzlich wie Naturgesetze gelten?"

Die Modellannahmen sind durch die Politik beeinflussbar

Ceteris paribus - Wenn alles gleich bleibt - das ist die Hauptprämisse der gesamten statistischen Bevölkerungsberechnung. Bosbach zufolge sind aber sowohl die Kinderanzahl pro Frau als auch der Wanderungsüberschuss, also zwei der oben genannten Grundannahmen des Berechnungsmodells, direkt von der Politik beeinflussbar. So wurde z. B. in Frankreich mit einer familien- und kinderfreundlicheren Politik die Kinderanzahl pro Frau von 1993 mit 1,65 auf 1,88 im Jahr 2000 gesteigert, was einem Plus von 14 Prozent entspricht. Auch die Zuwanderungsproblematik ist nicht schicksalhaft vorgegeben, sondern lässt sich durch entsprechende politische Maßnahmen entscheidend beeinflussen.

Auch die Jungen wollen ernährt werden

Die Gesellschaft überaltert, die Zahl der Erwerbstätigen nimmt ab, die der Rentner zu. Auch an dieser These lässt Bosbach kaum ein gutes Haar. Die erwerbsfähige Bevölkerung müsse nicht nur ihre Alten ernähren. Auch Kinder und Jugendliche leben nicht allein von guten Worten. Essen, Kleidung, Wohnen werden von den Eltern finanziert. Die Gesellschaft zahlt für Kindergärten, Schulen und Gesundheit. Mit anderen Worten: Kinder kosten Geld - ebenso wie Rentner. Eine seriöse Analyse dürfe Bosbach zufolge nicht allein den Alten-, sondern müsse auch den Jugendquotienten, also den Anteil der unter 20-Jährigen, betrachten und daraus einen Gesamtquotienten bilden. Erst dieser Gesamtquotient "ist eine aussagefähige Größe über die von den Erwerbsfähigen zu versorgenden Menschen" - eine Erkenntnis, der sich die Statistiker vom Bundesamt auch keineswegs verschließen, die aber in der öffentlichen Diskussion meist völlig untergeht.

Bosbachs Rechnung ist nun denkbar einfach:

"Auf hundert Menschen mittleren Alters (20 bis 60 Jahre) kommen im Jahre 2001 44 Ältere und 38 Junge, macht insgesamt 82. 2050 sind es 78 Ältere und 34 Junge, macht insgesamt 112." Daraus folgt: Der Altenquotient steigt demnach bis 2050 um satte 77 Prozent, der Gesamtquotient aber nur um 37 Prozent. Bosbachs Fazit: "Die Dramatik hat sich allein bei Einbeziehung der jungen Generation in die Betrachtung schon halbiert."

Noch mehr an Dramatik verlieren die Zahlen, legt man das Jahr 1970 mit einem Gesamtquotienten aus Jungen und Alten von genau 100 zugrunde. Dann nämlich wächst der Gesamtquotient bis 2050 nur noch um 12 Prozent - von Dramatik also kaum noch eine Spur.

Ein weiterer simpler Trick der öffentlichen Dramatisierer ist der, dass das Renteneintrittsalter für 2003 und 2050 exakt gleich gewählt wird. Geht man aber von einer verlängerten Lebensarbeitszeit aus, verringert sich die Zahl der zu ernährenden Rentner abermals. "Und auch wenn das tatsächliche Renteneintrittsalter nicht auf 65, sondern auf 63 Jahre ansteigt, ist bei dieser Gesamtbetrachtung jegliche Dramatik der demografischen Entwicklung verloren gegangen", bürstet Bosbach die amtlichen Ergebnisse vollends gegen den Strich.

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Das öffentliche Lamentieren über einen Rentner-induzierten Kollaps der Gesellschaft und ihrer sozialen Sicherungssysteme ignoriert wohlweislich die Entwicklung der Arbeitsproduktivität und deren Einfluss auf die Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme. Herzog- und Rürup-Kommissionen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, was die voraussichtliche jährliche Steigerung der Arbeitsproduktivität anbelangt. Nach der Herzog-Kommission (PDF) steigt die Arbeitsproduktivität jährlich um 1,25 Prozent, was von 2001 bis 2050 einer Gesamtsteigerung von 84 Prozent entspricht. Die Rürup-Kommission (PDF) ist optimistischer und geht von 1,8 Prozent aus, woraus sich eine Gesamtsteigerung bis 2050 in Höhe von 140 Prozent ergibt.

Ausgehend von den konservativen Schätzungen der Herzog-Kommission macht Bosbach eine einfache Überschlagsrechnung auf.

Erhält heute ein Arbeitnehmer inkl. Sozialversicherungsanteil des Arbeitgebers 3000 Euro, so zahlt er etwa 600 Euro (20 Prozent) für Rentner. Es verbleiben ihm also 2400 Euro. Nach der niedrigeren Annahme der Produktivitätssteigerung um 1,25 Prozent (Herzog-Kommission) würden aus den 3000 Euro inflationsbereinigt 50 Jahre später 5583 Euro. Bei einer Steigerung des Abgabe-Satzes für Rentner auf 30 Prozent verblieben dem Arbeitnehmer immerhin noch satte 3908 Euro (plus 63 Prozent). Selbst bei einer völlig unrealistischen Verdoppelung des Beitrages auf 40 Prozent Rentenversicherung verblieben dem Arbeitnehmer mit 3350 Euro noch 40 Prozent mehr als heute.

Der politische Pferdefuß in Bosbachs Musterrechnung

Von "unbezahlbar", so Bosbachs Resümee, könne also gar keine Rede sein, wenn, und hier liegt der Pferdefuß in Bosbachs Musterrechnung, "wenn die Produktivitätssteigerungen auch anteilig an die Arbeitnehmer ausbezahlt werden." Folgt man Bosbachs Analyse, dann liegt hier des Pudels Kern: "Soll mit dem ‚Hammer' Demografie von einem ganz anderen Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen abgelenkt werden?", formuliert Bosbach seine "ketzerische" Frage. Sollen die Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer langfristig von der Teilhabe am Produktivitätsfortschritt abgekoppelt werden? Dann, und nur dann wären die Arbeitnehmer Bosbach zufolge "tatsächlich nicht so leicht in der Lage, die Versorgung der Jungen und Älteren zu übernehmen." Das hätte dann allerdings weniger mit den "naturgesetzlichen" Folgen des gesellschaftlichen Alterungsprozesses zu tun, "sondern wäre eine bewusste politische Entscheidung hinsichtlich der Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums."

Buchtipp: Ein alternativer Ausblick auf das Altern einer Generation

Martin Schacht: Die ewige Zielgruppe. Warum sich die heute 30- bis 49-Jährigen nie wieder Sorgen machen müssen. 2004 Argon Verlag GmbH Berlin. EUR 17,50. Am 25.Februar 2004 erschienen. Presseinfo

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