Plattform für Terroristen?

Ein Dialog mit der arabischen Welt in Beirut

In letzter Zeit schickten europäische Kulturinstitute im Rahmen eines "Dialogs" Symphoniker, Chöre, Schriftsteller und Maler quer durch die arabische Welt. Viele Mitarbeiter der Kulturinstitutionen vor Ort stöhnen schon, angesichts der Inflation der "Dialogbereitschaft" ihrer europäischen Zentralen. Zum einen liegt das an den Unsummen, die manche dieser Veranstaltungen kosten, zum anderen an der Strategie eines "Unterhaltungsprogramms" in Sachen Dialog. Und dann ist da noch die offizielle Politik im Irak, in Palästina, in Israel, sowie die strikten Richtlinien bei Visavergabe der Botschaften ihrer Heimatländer.

Letzte Woche gab es nun in Beirut im Crowne Plaza Hotel eine neue Episode des "Dialogs mit der arabischen Welt", die sich jedoch wohltuend von so vielen bisher bekannten Versuchen unterschied. "Die Islamische Welt & Europa: Vom Dialog zum Verständnis" lautete das Thema der dreitägigen internationalen Konferenz, die vom deutschen Orient Institut, der Friedrich Ebert Stiftung, der Universität Birmingham und dem Consultative Center for Studies and Documentation (CCSD) veranstaltet worden war.

"Es ist einzigartig", sagte Dr. Leslie Tramontini vom Orient-Institut Beirut bei der Eröffnungsveranstaltung, "dass vier Organisationen aus einem völlig unterschiedlichen kulturellen und ideologischen Umfeld in enger Zusammenarbeit gemeinsam eine seriöse akademische Veranstaltung organisiert haben". Mit dem "unterschiedlichen kulturellen und ideologischen Umfeld" war das CCSD gemeint, eine Forschungseinrichtung der libanesischen "Hisbollah", die von den USA bekanntlich als "Terrorgruppe" gebrandmarkt wird. Wegen dieser Zusammenarbeit hatte es im Vorfeld der Konferenz bereits Kritik gegeben. Man würde, so lautete der Tenor eines Kommentars in der österreichischen Zeitung "Die Jüdische", Terroristen und dem Antisemitismus eine Plattform geben und das mit Steuergeldern finanziert.

Die Veranstalter wiesen derartige Vorwürfe als "Polemik" zurück. In Deutschland habe es, so Dr. Tramontini, viele positive Reaktionen gegeben. Eine projektbezogene Zusammenarbeit mit einer hisbollah-nahen Organisation entspricht durchaus den offiziellen Richtlinien deutscher Politik, denkt man nur an den Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah, der unter der Vermittlung der BRD vor einem Monat zustande gekommen war. Zudem war die Intention aller Veranstalter, einen Weg zum Dialog zu finden, der gewohnte, festgefahrene Feindbilder vermeidet. Haltungen, wie die in der Zeitung "Die Jüdische" publiziert, die von vornherein jede Diskussion ausschließen, sollten aufgebrochen werden. Ein verständliches wie wichtiges Unterfangen im über 50 Jahre alten, von Gewalt verkrusteten Nahost-Konflikt.

Auf dem Programm der Konferenz standen u.a. die Themenkomplexe Freiheit und Menschenrechte, Demokratiekonzepte, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit, Besatzung und Widerstand, Neo-Kolonialismus, politischer Islam, natürlich auch die US- Außenpolitik, sowie zwei Fallstudien zu Palästina und Irak. "Ich bin hierher gekommen, nicht um eine politische Auseinandersetzung zu führen, sondern einen akademischen Austausch", erklärte Karin Kneissl von der Universität Wien am ersten Tag der Konferenz entrüstet. Anlass war der Redebeitrag ihres Kollegen Azzam Tamimi, dem Leiter des Instituts "Islamic Political Thought" aus London, der sich emotionsgeladen über den "weltpolitischen Stand der Dinge" ausgelassen hatte. Er habe das Vertrauen in die philosophischen Grundlagen der Demokratie verloren, angesichts der "Lügen Bushs" und der "Doppelmoral" der regierenden westlichen Politiker.

"Die Doppelmoral Deutschlands"

Man könnte den Wunsch von Karin Kneissel nach "einem akademischen Austausch", gerade auf einer Tagung zum Thema Islam, fast als Naivität abtun. In Wirklichkeit dürfte das Statement der österreichischen Professorin ein Tribut an die "political correctness" ihres Heimatlandes sein. Denn, wer will sich zuhause schon den Vorwurf anhören, dass er sich unwidersprochen von "radikalen Islamisten" instrumentalisieren ließ? Ganz in diesem Sinne präsentierte sich auch Michael Lüders von der Friedrich Ebert Stiftung in seinem Vortrag zum Thema "Besatzung und Widerstand". Der studierte Islamwissenschaftler argumentierte wenig sachlich und inhaltlich. Den Großteil seiner Redezeit benutzte er, um sich vom "bewaffneten Widerstand" der Hisbollah gegen Israel möglichst weit zu distanzieren. Er verwies dabei auf andere Problemfelder, wie etwa die hohe Analphabetenrate unter arabischen Frauen, was insgesamt bei den rund 400 Besuchern für lautstarken Unmut sorgte. Die aufgebrachten Fragen kulminierten in einem Statement eines Hamas-Vertreters, der mit einem Hinweis auf deutsche Waffenlieferungen an Israel, die "Doppelmoral Deutschlands zu entlarven" versuchte.

Die Antwort auf diese "Doppelmoral", die Michael Lüders schuldig blieb, übernahm am nächsten Tag auf beeindruckend souveräne Weise Volker Perthes von der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin. "Das ist ein für mich sehr peinliches Thema", erklärte der Professor der Humboldt Universität freimütig. Er halte überhaupt nichts von der Erhöhung von Waffendepots, weder in Israel, noch sonst wo. "Aber die Panzer für Israel", fügte er zum Abschluss bedauernd hinzu, "werden nicht die letzten Waffenlieferungen sein".

Volker Perthes Beitrag zur Europaeischen Position im "Krieg gegen den Terror" war zusammen mit dem von Helga Baumgarten von der Universität Tübingen, der interessanteste der deutschen Teilnehmer. Nach einem kurzen historischen Überblick zu "Selbstbestimmungsrecht und Unabhängigkeit" im Mittleren Osten kam Baumgarten zum Ergebnis, dass das "Recht auf Selbstbestimmung" kein freies, gleiches Recht für alle Menschen und Völker ist, sondern immer abhängig von politischen Machtfaktoren.

Die Beiträge der Kollegen aus der arabischen Welt waren meist, wie der schon erwähnte von Azzam Tamimi, emotionsgeladen und häufig politische Grundsatzerklärungen, die weniger differenzierte Pointierungen lieferten und offensichtlich mehr die Funktion eines "Dampfablassens" hatten. Ein verständlicher Vorgang nach all den Ereignissen in Folge des Attentats auf das World Trade Center, die auch jeden öffentlichen, gleichberechtigten akademischen Austausch zwischen West und Ost für lange Zeit unmöglich machten.

"Niemand kann Gerechtigkeit installieren"

Eine Ausnahme bildete der ehemalige Außenminister Indonesiens, Alwi Shihab, der das sachlich auf den Punkt brachte, was viele andere seiner Kollegen mit viel Pathos und aufgebrachtem Ton taten. Er nannte die Politik der USA neokolonialistisch, nicht eine "wohlwollende Hegemonie". "Niemand kann Gerechtigkeit installieren", meinte der indonesische Parlamentarier, insbesondere nicht die USA, der er jede moralische Führungsqualitäten absprach. In den USA gäbe es mehr Ungerechtigkeiten als in den arabischen Ländern. "Nicht zu vergessen die Geschichte der USA", führte er weiter aus, "in der die ersten Kolonien die indigenen Einwohner Amerikas ausrotteten und später Sklavenhandel betrieben". Mit einer Haltung, die den Islam als Feind betrachtet, werde es nie Würde und Freiheit der Menschen geben. "Nur der Respekt für die Kultur des Anderen kann die Lösung für den Neokolonialismus sein", sagte der ehemalige Außenminister abschließend.

Im Publikum befanden sich auch einige islamische Hardliner, die unter "Respekt für die Kultur des Anderen" in erster Linie ihre eigene meinten, eine lange Jahre vom Westen gedemütigte und ihrer Würde beraubte Kultur. Als Protobeispiel diente immer wieder Palästina und der Kampf der Menschen gegen die unmenschliche, israelische Besatzungsmacht. Auch auf dem Podium wurde von den arabischen Rednern immer wieder die Anerkennung des "Rechts auf Widerstand" des palästinensischen Volkes eingefordert. Volker Perthes formulierte zu Recht, dass Europa dieses Recht kaum anerkennen kann, "solange es Terrorismus gibt, der Zivilisten tötet". Dabei spiele es keine Rolle, wie auch immer dieser Terrorismus "moralisch" gerechtfertigt sei oder auch nicht. "Wenn wir eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts finden, wird sich auch die Beziehung zu den Arabern insgesamt bessern".

Klare Worte zum palästinensischen Terrorismus

Gerade diese klaren Worte zum palästinensischen Terrorismus hörten die Vertreter von Hamas oder Hisbollah nur ungern, für die Selbstmordattentate Martyreroperationen sind, ein Akt des "legitimen Widerstands". Aber gerade diese Auseinandersetzung mit den vom Westen ansonsten als Terroristen ins Abseits geschobenen Gruppen ist wichtiger denn je. Und gerade westliche Islamwissenschaftler und Arabisten wissen, dass diese Gruppen, wie etwa die Hisbollah, ein bedeutender Bestandteil der sozialen Realität ihrer jeweiligen Region sind.

Was bisher normalerweise in Konfrontationen endete und Beteiligte verärgert in verschiedene Richtungen gehen ließ, zeigte in Beirut erste Früchte. Nach dem Ende der Tagung setzten sich alle Teilnehmer hinter verschlossenen Türen noch einmal zusammen, um zu besprechen, wie es weiter gehen, wie man weiter zusammen im Gespräch bleiben kann. Man darf also hoffen, dass es bald wieder eine Konferenz zum Thema "Islamische Welt und Europa" geben wird. Nachdem man sich diesmal die "Hörner" abgestoßen und den Dialo" eröffnet hat, kann es vielleicht beim nächsten Mal zu einem ersten beiderseitigen Schritt zum Verständnis kommen.

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