Das Schweinen der Hirten

28.02.2004

Die umfassendste Untersuchung über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, die es je gab

Vor zwei Jahren versuchte der Kardinal die sexuellen Vergehen seiner Unterhirten noch als geringfügig herunterzuspielen: "In den Vereinigten Staaten wird dauernd darüber berichtet", ärgerte sich Ratzinger ein wenig und erklärte, dass doch "weniger als ein Prozent der Priester solcher Akte schuldig seien". Eine quantité négligable also? Irrtum. Es sind mindestens vier Prozent - in absoluten Zahlen eine ziemliche Größe: Über 10.667 Fälle von sexuellem Missbrauch haben 4392 katholische Priester in den Vereinigten Staaten im Zeitraum von 1950 bis 2002 begangen.

Zu diesem Ergebnis kommen zwei gestern veröffentlichte Studien, die von der amerikanischen Bischofskonferenz 2002 in Auftrag gegeben wurden. Und sogar diese Zahlen, die manche von einer "Epidemie" sprechen lassen, sind wahrscheinlich noch untertrieben, da viele Opfer aus Scham oder Angst keine Anzeige erstattet haben.

Die schmutzige Angelegenheit wurde lange hinter dicken Kirchenmauern, so gut es ging, geheim gehalten. So soll der Vatikan 1962 von allerhöchster Stelle die Anweisung an alle katholischen Bischöfe erteilt haben, Fälle von Missbrauch "tot zu schweigen"; andernfalls drohe die Exkommunikation. Den entscheidenden Kurswechsel leitete, wie so oft in gebotener vatikanischer Langsamkeit - man hat ja schließlich die Ewigkeit als historischen Maßstab -, der gegenwärtige Papst vor zwei Jahren ein, als die Skandale, die das amerikanische Erzbistum in Boston heimsuchten, beim besten Willen nicht mehr zu vertuschen waren.

Dann lancierten die amerikanischen Bischöfe eine Aufklärungskampagne in eigener Sache, die im vatikanischen Altmännerzirkel undenkbar ist: die "umfassendste Untersuchung über Kindesmissbrauch, die es je in einer Institution gab", durchgeführt vom John Jay College of Criminal Justice und einer nationalen Expertenkommission, die von den Bischöfen zu einem "National Review Board" zusammengerufen wurden.

Während die Untersuchungen von John Jay mit beeindruckenden Zahlen aufwartete, wonach zum Beispiel die katholische Kirche in den USA vermutlich 750 Millionen Dollar für Anwälte, Therapien und andere Kosten berappen musste, die mit Kindesmissbrauch in Zusammenhang stehen, sorgt der "National Board"-Bericht, verfasst von Staatsanwälten, Richtern, Psychiatern, Psychologen u.a., für Diskussionen, die sich an der sexuellen Orientierung der Priester entzünden.

Da mehr als 80% der Missbrauchfälle ist "homosexueller Natur" sind, wird die Frage aufgeworfen, ob die sexuelle Orientierung bei der Aufnahme in ein Priesterseminar eine Rolle spielen soll.

Wir wollen die Schuld für die Missbrauch-Krise nicht der Präsenz von homosexuellen Personen in der Priesterschaft zuschreiben...Jedoch müssen wir darauf hinweisen, dass homosexuelles Verhalten die große Mehrheit der Fälle, die gemeldet wurden, kennzeichnet.

Demgegenüber geben die Forscher des John Jay Colleges allerdings zu bedenken, dass man keine Daten über die sexuelle Orientierung der Täter habe und die wahrscheinlichere Erklärung für derartige Missbrauchsfälle darin läge, dass dies ein kriminelle Handlung sei, die - ähnlich wie in Gefängnissen - eine Gelegenheit ergreift und Priester hätten nun mal leichter Zugang zu Jungs als zu Mädchen.

Zugleich räumt der Bericht von John Jay mit dem verharmlosenden Vorurteil auf, dass es sich bei den Übergriffen oft nur um falsch interpretierte freundschaftliche Zuneigungsbekundungen gehandelt hätte oder um falsch verstandene verbale Äußerungen: Nur drei Prozent der beschuldigten Priester hatten sich zu verantworten, weil sie ihren Opfern an die Kleidung gefasst haben. In 27 Prozent der Fälle wurde Oralverkehr vollzogen, in 25 % Analverkehr zumindest versucht.

Die meisten Opfer wurden mehrmals misshandelt, manche jahrelang. Fast ein Drittel aller Kinder wurde vom selben Priester zwei oder vier Jahre lang missbraucht. Für 10% dauerte die "katholische Kinderpflege" mindestens fünf Jahre bis neun Jahre.

Der Großteil des Missbrauchs wurde von "Serientätern" verübt. 149 Priester, die in mehr als zehn Fällen beschuldigt wurden, missbrauchten 2.960 Opfer (27% aller Fälle). Mehr als der Hälfte (56%) aller beschuldigten Priester wurde nur eine Anklage zur Last gelegt.

Allerdings wurden nur 14% aller Priester bei der Polizei angezeigt. 95% aller Fälle wurden niemals vor Gericht gebracht.

Bei der gestrigen Pressekonferenz zur Veröffentlichung der Studien erklärte der Präsident der US-Bischofskonferenz, dass die Bischöfe das Problem jetzt gelöst hätten, man sei jetzt mit sich im Reinen und habe die Kirche von den Übeltätern gesäubert.

Ich versichere Ihnen, dass keiner von den bekannten Straftätern mehr in den geistlichen Ämtern ist. Die schreckliche Geschichte, über die heute hier berichtet wurde, istvorbei - Geschichte.

Kritiker, wie etwa das "Survivor's" Netzwerk, behaupteten demgegenüber, dass neun Bischöfe weiterhin notorische Täter in geistlichen Ämtern beschäftigten.

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