Big Brother verträgt sich nicht mit dem Islam

02.03.2004

Schon eine Woche nach dem Start der arabischen Version der Reality Show nahm der Sender sie wieder aus dem Programm

Endemols Big Brother Show hat in vielen Ländern Proteste hervorgerufen, aber offenbar hat die Liberalität und die Lust am Voyeurismus überwogen. Die arabische Version ist erst vor wenigen Tagen mit einigen Unterschieden gestartet (Begrüßungsküsse: Big Satan in Bahrain), aber sie wurde schon wieder - zumindest vorläufig - abgesetzt, weil sie offenbar mit dem Islam unverträglich erscheint.

eigentlich hatten nur an die Tausend Menschen in Bahrain gegen die Sendung protestiert

Man kann sich auch kaum vorstellen, wie die noch immer stark von männlichen konservativen Geistlichen dominierte islamische Kultur ausgerechnet den öffentlichen Blick in einen Container akzeptieren könnte, in dem sich gemeinsam und unverhüllt Frauen und Männer tummeln. Der saudische Fernsehsender MBC hatte also mit der arabischen Version von Big Brother in Bahrain ein Experiment gewagt, das möglicherweise einige Schneisen in die verkrustete islamische Kultur hätte schlagen und den Frauen oder allgemein der Freiheit ein wenig mehr Spielraum geben können. Überdies wäre die Show panarabisch gewesen, denn die 12 Insassen der Villa auf einer Insel kamen alle aus unterschiedlichen arabischen Ländern.

Aber schon am Wochenende kam es zu ersten Demonstrationen in Bahrain. Ein Lehrer, der die Proteste organisierte hatte, meinte: "Diese Sendung ist eine Bedrohung des Islam. Das ist Unterhaltung für Tiere." Auch Parlamentsabgeordnete protestierten gegen die Serie. "Wir sind ein islamisches Land", so etwa der Abgeordnete Jasim al-Saidi, "mit unseren eigenen Traditionen. Diese Sendung verdirbt die Moral unserer Söhne." Möglicherweise aber hat mann mehr Angst um die Moral der Töchter und Frauen.

Der Sender fürchtete offenbar Schlimmeres und stellte vorsorglich die Sendung ein, weil man nicht Anlass für Meinungskonflikte sein will. Eine Sprecherin des Senders sagte, man wolle ihn nicht Vorwürfen aussetzen, "dass er die Werte, die Traditionen und die Moral der arabischen Welt verletzt". Nach Informationen von al-Dschasira habe der Sender jedoch vor, die Serie außerhalb von Bahrain zu produzieren. Während des Schreibens des Artikels wurde auch die Big-Brother-Website "gesäubert". Anstatt der Texte und Fotos, gibt es nur noch das leere Versprechen: "it's all you'll want to see."

Obgleich es in der arabischen Version getrennte Beträume, Schlafzimmer oder Bäder für Männer und Frauen und garantiert keine Nacktheit oder gar Sex gab und man ein halbes Jahr die Villa nach den islamischen Sitten zu gestalten suchte, war vor allem das lockere Zusammenleben von Unverheirateten im Aufenthaltsraum, in der Küche oder im Garten für die religiösen Kritiker anstößig. Von den sechs Frauen trug nur eine ein Kopftuch. Und auch das ist für Manche ein Affront. Der oberste Mufti von Saudi-Arabien hatte so erst vor kurzem gesagt, dass Frauen ohne Kopftuch die "Türen des Bösen" öffnen, weil auf einer internationalen Konferenz auch saudische Frauen ohne Kopftuch Reden gehalten haben und die Bilder in Zeitungen und im Fernsehen publiziert wurden.

Offenbar war aber auch die Entscheidung, Big Brother in Bahrein zu produzieren, falsch. Ein Sprecher des Senders meinte noch kurz vor dem Start der Sendung, Bahrain sei ideal, weil sich hier "der Osten und der Westen begegnet. Es liegt im Zentrum des Nahen Ostens, was es den Menschen aus all den arabischen Ländern leicht macht, das Land zu besuchen". Gleichwohl wird man weniger auf irgendwelche militärischen oder politischen Pläne zum Umbau des Nahen Ostens bauen können, sondern eher auf das langsamere, aber stetige Umkrempeln der Kultur durch die freien Medien. Möglicherweise also sollten die USA auch weniger auf Propagandasender wie den eben an den Start gegangenen Alhurra, sondern eher auf die subversiven Unterhaltungsformate setzen. Aber das könnte den konservativen Christen in den USA auch zu weit gehen. Selbst die Jerusalem Post gibt Alhurra, ausgestattet immerhin mit über 60 Millionen Dollar aus staatlichen Geldern, wenig Chancen, die arabischen Herzen und Köpfe für sich zu gewinnen.

Im Libanon ging gestern die erste Reality-Show Al Hawa Sawa (Zusammensein) zu Ende. Hier wohnten seit Dezember 8 Frauen in einer Luxuswohnung und konnten von Männern besucht werden, die sich nach einer Partnerin umschauen. Ziel der Show, ebenfalls von MBC gesendet, sollte eine Heirat sein. Auch hier gab es bereits Kritik, aber im liberaleren Libanon geht es doch freizügiger zu. Allerdings gab es am Ende ein wenig Aufruhr. Aicha Gerbas aus Algerien hatte zunächst zugestimmt, einen Ägypter heiraten zu wollen. Doch bevor es ernst wurde, machte sie lieber einen Rückzug und erklärte, dass sie lieber doch nicht heiraten will. Dafür konnte Mervat Fo'ani, die andere Finalistin, mit ihrem Erwählten auf Flitterwochen nach Malaysia reisen.

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