Networking Europe

Netzaktivisten gegen Rassismus

In München trafen sich am Wochenende Netzaktivisten, um sich einander vorzustellen, ins Gespräch zu kommen und sich in einem virtuellen Europa gegen Rassismus und Ausgrenzung zu vernetzen. Neuro-Networking Europe sollte nicht nur eine Konferenz, sondern "vernetzte Praxis" sein.

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Freitagabend in der Muffathalle in München: Im Café an jedem Tisch mindestens ein Laptop, jeweils drumherum gruppiert intensiv diskutierende, mehr oder weniger junge Menschen. In der Halle eine riesige Leinwand als Raumtrenner, links ein bestuhlter Veranstaltungsraum mit Bühne, rechts im Halbdunkel auf Tischen eine Menge Computer und dazwischen der "Kiosk für nützliches Wissen". Beamer werfen die Abbilder von Websites auf die Wände.

Auf der Bühne eröffnet vor dem sich langsam sammelnden Publikum Fred Schell vom "Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis" (JFF) offiziell Neuro-Networking Europe. Er plädiert dafür, das Internet nicht dem Kommerz und schon gar nicht den Rechtsextremen zu überlassen. Das Ziel sei die sowohl reale wie virtuelle Vernetzung junger Aktivisten als soziale Bewegung gegen Rechts in dem sich gerade erweiternden Europa. Auch die Bundesjugendministerin Renate Schmidt spricht Grußworte an die "lieben jungen Leute aus Europa" und ruft zur Gegenbewegung gegen Intoleranz, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit auf.

Während die diversen Festredner, darunter auch Joao Vale de Almeida von der Europäischen Union, warme Worte gegen rassistische Kälte finden, flimmern an der Seite der Halle ständig Videobilder von Demonstrationen rund um ein Flüchtlingslager in der australischen Wüste. Menschen, die an einem Riesenzaun empor klettern und Löchern in ihn sägen. Polizei mit Helmen, Demonstranten im Würgegriff haltend; Flüchtlinge, die durch Löcher im Zaun fliehen, rennende Menschen, wehende rote Fahnen, weinende Flüchtlingskinder. Ein seltsames Gemisch von feierlichen Reden gegen Rassismus und sich dagegen stemmenden Bildern, die automatisch das Konzept der Festung Europa und die restriktive europäische Flüchtlingspolitik ins Bewusstsein rufen.

Am Kiosk für nützliches Wissen gibt es "Erzählungen von Orten, Städten und territorien"

Anlass des Treffens von mehr als 200 europäischen Netzwerkern ist der Relaunch der Internet-Plattform D-A-S-H, die es sich zum Ziel gemacht hat, junge Aktivisten gegen Ausgrenzung und Rassismus zu vernetzen und zu unterstützen. Und das mithilfe verschiedener öffentlicher Institutionen wie dem Bundesfamilienministerium, dem Aktionsprogramms der Bundesregierung Jugend für Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus und der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB).

"NEURO - Networking Europe," erläutern die Veranstalter,

ist nicht nur eine Konferenz, einfach eine Messe oder ein herkömmliches Festival. Es geht vielmehr um einen Ort, an dem über mehrere Tage und Grenzen hinweg zusammengearbeitet und gemeinsam produziert wird. Es geht um eine kritische, vernetzte Praxis

Debatten zu führen, Ergebnisse bisheriger Arbeit vor- und zur Verfügung zu stellen, neue Vorhaben zu erörtern, gemeinsame Projekte zu planen und zu beginnen.

Die Muffathalle soll sich "in einen kollaborativen Workspace verwandeln".

Ein Zusammenkommen von Praktikern, Theoretikern, Künstlern und politischen Aktivisten. Mehr als 50 Gruppen, Initiativen und Projekte aus ganz Europa (und ein paar außereuropäischen Nationen), waren eingeladen. Auswahlkriterium war, dass sie bereits mit D-A-S-H kooperieren. Eine sehr bunte Mischung und das spiegelt sich im Programm, einem ziemlichem Gemischtwarenlager mit Vorträgen, Diskussionen, Präsentationen, Performances, Konzerten und Aktionen. Projekte aus München waren nicht eingeladen und auch nicht gezielt informiert worden, dafür legt aber einmal mehr der Münchner Pop-Literat Thomas Meinecke abends seine Platten als DJ auf.

Alle Veranstaltungen mitzubekommen ist unmöglich, aber im Grunde auch von den meisten nicht gewünscht. Leute aus verschiedenen Städten, die bundesweiten Organisationen angehören, treffen sich vor Ort, um ihre die Plattform Neuro für ihre eigenen politischen und virtuellen Absprachen oder Workshops zu nutzen. Zwanglos kommen Projekte zudem untereinander ins Gespräch, neue Fäden im sozialen, politischen und virtuellen Netzwerk werden geknüpft.

Als Auftakt gibt es "Impulsreferate von profilierten Persönlichkeiten", darunter Dierk Borstel von der Amadeu-Antonio-Stiftung, der an die harte Alltags-Lebensrealität von Flüchtlingen erinnert und klar macht, dass Symbolpolitik nicht genügt, sondern gelebte Solidarität notwendig ist. Er plädiert für eine Förderung, die mehr auf tatsächlich realisierte Hilfe fokussiert, als auf Aktionen, bei denen alle ganz gleichberechtigt und medienwirksam auf dem Marktplatz in das Sprungtuch der Feuerwehr hüpfen.

Der Medientheoretiker Geert Lovink betont anschließend, dass jedes Netzwerk Ausgrenzung braucht, um sich nicht selbst ins Grenzenlose zu verlieren. Es seien immer drei Phasen notwendig. Phase eins sei die der Gründung, des Ausgangsmoments, zum Beispiel einem Event oder einer sozialen Umwälzung. Phase zwei sei die der Absprachen, des notwendigen Streits, des Aufspürens von Unterschieden und Gemeinsamkeiten, kurz das Finden eines gemeinsamen Nenners. In Phase drei beginne dann die Normalisierung, echte Strukturen entstehen, Ziele werden definiert und technische Umsetzungen ausprobiert. Die echte Arbeit beginnt.

Das "normale" Publikum irrt nach den Vorträgen eher orientierungslos herum, bleibt vereinzelt und lässt sich abends schnell von den mit Videobildern kombinierten elektronischen Endzeitsounds vertreiben. Wer nicht schon einen Anlaufpunkt in der Muffathalle hat, findet nur schwer Zugang.

Die Projekte sind einzeln nicht sichtbar, sie gehen in der gemeinsamen Installation unter. Das bereitet auch einzelnen Aktivisten immer wieder Schwierigkeiten, ständig sucht jemand seine Leute. Ruhige Ecken für Gespräche zu finden, ist fast unmöglich, zumal fast immer sowohl im Café wie in der Halle irgendeine Veranstaltung läuft.

Es fehlen Kommunikationsräume, obwohl Workshops einzelner Gruppen von Anfang an geplant waren. Und die Hälfte der Eingeladenen ist stets unterwegs, um etwas zu Essen zu organisieren, denn mit dem großen Appetit von mehr als 200 Eingeladenen haben die Organisatoren anscheinend nicht gerechnet. Es fehlt deutlich am sozialen Rahmen.

Entsprechend performen ab und zu mehr Personen als zuschauen. Während sich ein Projekt nach dem anderen im zehn-Minuten-Takt präsentiert, herrscht auf den Stühlen vor der Bühne leider oft gähnende Leere. Das ist besonders schade, wenn es ganz praktisch wird, wie am Sonntagnachmittag, als sich unter dem Stichpunkt "Migration" sehr spannende und politisch brisante Initiativen wie Kanak-Attak oder die selbst organisierten Flüchtlinge von The Voice vorstellen.

Dennoch zeigen sich die Aktivisten nach arbeitsreichen Tagen meistens sehr zufrieden. Sie haben viel untereinander und miteinander diskutiert, manchmal auch sehr heftig und kontrovers. Denn obwohl alle "Gutmenschen" und gegen Rechtsextremismus sind, ist das doch ein sehr winziger gemeinsamer Nenner.

Neuro produzierte auch eine sehr theorielastige Zeitung, in der sich neben den Artikeln alle beteiligten Projekte in Form kurz kommentierter Links finden

Neue Kontaktadressen sind am Sonntagabend in der Tasche verstaut, neue Termine anvisiert, um die reale und virtuelle Zusammenarbeit fortzusetzen. Die letzten Debatten werden darüber geführt, wozu Neuro denn nun gut war. Julie von Zalea TV, einem Non-Profit-Internetfernsehsender aus Frankreich findet, dass es wie meistens ist - eindeutig ist doch eher selten etwas:

Es war eine gute Möglichkeit zur Vernetzung, viele andere Initiativen waren hier dabei. Ich habe Leute wiedergetroffen und auch neue interessante Leute kennen gelernt. Aber das Konzept von Neuro hat sich mir nicht erschlossen. Einige hier haben auch sehr, sehr viel Spaß an Technik, so viel Spaß, dass die Technik für sie schon das Ziel zu sein scheint. Technik ist aber nur ein Mittel für den politischen Kampf, ein Mittel, um die politischen Ziele zu erreichen.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16871/1.html
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