Der unaufhaltsame Aufstieg des Trash-TV
Big Brother: ein Jahr lang vor den Überwachungskameras. Die Reality hat die Wirklichkeit längst überholt
Hatten wir noch Hoffnung, dass nach dem Quoten-Desaster der dritten Staffel von "Big Brother" endlich das Ende des so genannten Reality-TV-Booms eingeläutet wurde, sind wir eines Besseren belehrt worden: Billig produzierter visueller Müll ist der Renner der Saison. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Ein Blick - nicht nur über den großen Teich - lässt Böses erahnen.
Wie USA Today berichtet, verstärken momentan gerade die großen US-Networks ihr Engagement im Bereich des Reality-TV. Dies, obwohl sie noch vor einem Jahr genau das Gegenteil behauptet hatten. Schließlich wollte man sich damals noch von den konkurrierenden Kabel-TV-Betreibern imagemäßig absetzen. Doch nachdem die Werbeindustrie ihre anfänglichen Bedenken, Spots im Umfeld von Formaten wie "Fear Factor" (RTL: "Hilfe, ich bin ein Star") oder "Joe Millionaire" (RTL2: "El, der Millionär") zu platzieren, aufgegeben hat, sind mittlerweile alle Hemmschwellen gefallen. Denn auch in Amerika ist Reality-TV der Quotenbringer schlechthin.
Hintergrund dieser Entwicklung ist die Werbekrise, die wie in Deutschland die Fernsehsender auch in den USA hart getroffen hat. Geringere Budgets veranlassen Programmchefs immer kurzfristiger und mutloser zu planen. Reality-TV, welches meist in kurzen Staffeln abgedreht werden kann, ist deshalb das vermeintlich ideale Format. Da schmerzt es dann auch nicht, wenn eine neue Produktion mal floppt - aufgrund der geringen Produktionskosten kann eine andere Sendung schnell nachgelegt werden. Zugleich hat das Sinken der Werbeeinnahmen dazu geführt, dass immer mehr Spots für weniger Geld über den Äther gehen. Bei den großen Networks besteht mittlerweile ein Drittel des Programms aus Werbung. Langfristig sind die Nutznießer die Pay-TV-Sender wie HBO ("Sex and the City"), die schon seit längerem auf qualitativ hochwertigere Eigenproduktionen setzen.
Im deutschen Fernsehen, wo üblicherweise Adaptionen amerikanischer (und mittlerweile auch niederländischer Produktionen mit einer gewissen Verzögerung auftauchen, ist mit einer ähnlichen Entwicklung zu rechnen. Immer mehr Reality-Formate sind zu sehen, immer voyeuristischer ist deren Aufmachung. Bedenklich ist dabei weniger die Tendenz zur Verrohung der Gesellschaft, wie manche Kritiker stets nach der Ausstrahlung der neuesten Trash-TV-Produktion behaupten. Beunruhigender ist eher, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zunehmend auf den Zug mit aufspringen.
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Dass bei der ZDF-Show Wetten Dass..? Moderator Thomas Gottschalk als Wetteinsatz einen Besuch an das Krankenbett von RTL-"Deutschland sucht den Superstar"-Teilnehmer Daniel Küblböck vorschlägt, mag in einer Unterhaltungssendung noch verzeihlich sein (wenngleich weniger verzeihlich ist, wie heftig mittlerweile die "Schleich"-Werbung in diese Sendung Einzug gefunden hat: die rund 2-minütige Erwähnung von den Vorzügen von T-Mobile in Gegenwart eines SMS-süchtigen Teenagers bricht bis jetzt alle Rekorde der Geschmacklosigkeit). Erschreckend ist vielmehr, dass die ARD-Tagesschau, ehemals für seriöse und relevante Nachrichten zuständig, sich auch dem Trend zum TV-Trash verpflichtet fühlt und sich mittlerweile sogar mit den "News" rund um Küblböck beschäftigt.
Verwunderlich ist diese Tendenz nicht: Spätestens seit der misslungenen Adaption von "Deutschland sucht den Superstar" im ZDF mit Ralf Siegel und Konsorten, überrascht es kaum noch, dass die zwei großen Sende-Anstalten jedwedes Gefühl für eigenkreative Unterhaltung verloren haben. Auch Beckmann und Kerner konnten mit ihren oftmals tränen- und quotenprovozierenden Interviews das Niveau kaum noch zum Sinken bringen. Dachte man. Zumindest bis zu dem Tag, als Magarethe Schreinemakers tatsächlich wieder auf dem Schirm in der ARD auftauchte (und hoffentlich bald wieder in dem Tal der Tränen verschwinden wird).
So ist es gerade diese Verquickung von der einerseits nicht endend wollenden Dauerberieselung durch Trash-TV und andererseits dem zunehmenden Verlust einer TV-Alternative bei gebührenfinanzierten Sendern, die das Gesamtniveau des Fernsehens - der immer noch am häufigsten genutzten Freizeitbeschäftigung - weiter absinken lässt. Die Reality hat die Wirklichkeit längst überholt.
Auf RTL2 ist die fünfte Staffel von "Big Brother" unter dem Motto: "Noch härter! Noch länger! Noch öfter!" gestartet. Moderiert wird die Sendung von Ruth Moschner ("die Leute haben mir schon immer auf die "Titten gestarrt"). Die Insassen dürfen sich diesmal ein ganzes Jahr lang vor den Überwachungskameras verlustieren. Als besonderes Schmankerl wurde das Haus in drei Bereiche aufgeteilt: ein luxuriöser, einer für die "Durchschnittsbürger" und einer für die "Armen". Letztere dürfen ihr Dasein unter freiem Himmel fristen. Durch Teilnahme an Spielen kann man jedoch in der Haus-Hierarchie auf- oder absteigen. So ist beispielsweise der Ausflug eines Kandidaten in die Wildnis mit fünf Kilogramm schweren Gewichten an den Füßen geplant.
Nach "Big Brother" soll ein weiteres Format aus dem Hause Endemol für Furore sorgen: diesmal eine Kombination aus Kirchensendung und Gameshow. Am 17. April wird TV-Produzent John de Mol mit der Goldenen Ehrenrose beim Festival Rose d'Or in Luzern für seine herausragenden Leistungen für die TV-Unterhaltungsindustrie ausgezeichnet.
Die Zahl der Briten, die sich nach einem Ausrutscher auf dem heimischen Fußboden verletzt haben, ist innerhalb von fünf Jahren von 2.900 auf 12.000 gestiegen. Grund: immer mehr Inselbewohner haben sich einen rutschigen Parkettboden ins traute Heim verlegt. Angekurbelt wurde dieser Trend durch die in Großbritannien äußerst beliebten Heimwerker-Sendungen im Fernsehen.
http://www.heise.de/tp/artikel/16/16876/1.html- Ein Kaefig voller Helden finde ich lustig! (9.3.2004 13:23)
- Überschrift (8.3.2004 8:57)
- Re: trash-tv, trash-people (6.3.2004 17:20)
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