Al Qaida und die Abhöroperation "Mont Blanc"

Michaela Simon 05.03.2004

Sie sind verhaftet. Und Swisscom bedankt sich für Ihre Treue

Einem Bericht in der New York Times zufolge haben sich Prepaid-SIM-Karten der Schweizer Firma Swisscom bei Al Qaida-Terroristen großer Beliebtheit erfreut.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die Markentreue des Terrornetzwerkes soll zu einer Reihe wichtiger Verhaftungen beigetragen und geplante Anschläge in Indonesien und Saudi-Arabien vereitelt haben. Die Swisscom-Chips sollen von den Terroristen verwendet worden sein, da beim Kauf keine Identifikationspflicht besteht; die Karte kann anonym mit dem gewünschten Betrag nachgeladen werden. (Eine dementsprechende Gesetzesänderung greift im Juli dieses Jahres.)

Die Operation hieß "Mont Blanc" und sie dauerte mehr als zwei Jahre und umspannte mehrere Länder. Zwei Jahre, in denen mit der Hilfe von Swisscom Gespräche abgehört und Bewegungen von Al Qaida Mitgliedern beobachtet wurden. "Sie dachten, diese Telefone würden ihre Anonymität schützen, aber das taten sie nicht", zitiert die New York Times einen europäischen Geheimdienstler. Denn auch ohne persönliche Informationen waren die Behörden imstande, die Gespräche routinemäßig zu überwachen. Es waren "Gespräche", die meist kürzer als eine Minute dauerten und in denen oft kein Wort gesprochen wurde. Aber das Schweigen von Teilnehmer zu Teilnehmer war den Ermittlern aussagekräftig genug.

So führten die stummen Signale die Terroristenjäger in verschiedene Zellen des Terrornetzwerkes und sollen u.a. auch die Verhaftung des mutmaßlichen 9-11-Masterminds Khalid Sheikh Mohammed ermöglicht haben. Obwohl es nicht einfach gewesen sei, "Mr. Mohammed" zu fassen, da er "viele viele Satellitentelefone" besessen habe, sei er, so die New York Times, letztlich ein Opfer seiner eigenen Unvorsichtigkeit ("sloppiness"), geworden. Denn während er geradezu manisch seine Handy gewechselt habe, habe er immer wieder die gleiche SIM-Karte benutzt. So auch viele seiner Kollegen. Erstaunlich naiv, doch wie es die Legende will, soll sich auf dem Gebiet der Telefonüberwachung auch die andere Seite schon peinliche Ausrutscher erlaubt haben. So kursiert die Mär, dass Bin Laden während der Belagerung von Tora Bora seine Verfolger abschütteln konnte, indem er sein Telefon einfach einem treuen Gefolgsmann gab, der damit erfolgreich falsche Fährten gelegt haben soll (vgl. Bin Ladin und das Satellitentelefon).

Die gestern in der New York Times vorgestellte Operation "Mont Blanc", bis vor wenigen Wochen noch "eines der effektivsten Mittel, um Al Qaida zu lokalisieren", da sich die Terroristen im Schutz einer vorgeblichen Anonymität gewiegt hätten, soll nun vorbei sein, da die Verfolgten Verdacht geschöpft hätten. Deshalb könne nun auch ein entsprechender Artikel erscheinen. Laut Informationen, die BA-Sprecher Hansjürg Mark Wiedmer der Nachrichtenagentur sda gegeben haben soll, ist die Operation, an der neben der Schweiz noch die USA, Pakistan, Saudi-Arabien, Deutschland, Großbritannien und Italien teilgenommen haben, jedoch noch gar nicht ganz abgeschlossen.

Klarheit gibt es in solchen Geschichten selten. Wahrscheinlich war den Behörden einfach mal wieder an einer Erfolgsgeschichte gelegen, nachdem in den letzten Tagen wieder etwas über die Jagd auf Bin Laden gespottet worden war (vgl. Auf der Jagd nach Bin Laden). Über die Ausweichtaktiken der Terroristen als Folge der Antastbarkeit der telefonischen Kommunikation wird viel spekuliert (vgl. Die al-Qaida-Terroristen und die Steganografie). Vor allem die von Hand überbrachte Botschaft soll sich wieder zunehmender Beliebtheit erfreuen.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16886/1.html
Kommentare lesen (41 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS