Falschmünzer im wilden Domain-Westen

08.03.2004

Mit den neuen Umlautdomains landet man noch schneller vor Gericht

Domaingrabber, Reverse Domain Hijacking, Abmahnungen, einstweilige Verfügungen um halbe Millionen - gerade hatten die Domainkriege etwas nachgelassen. Doch nun gab es von der Denic Nachschub mit den neuen Umlautdomains. Und schon nach wenigen Stunden mit äöü.de geht es rund und klingelt in der Anwaltskasse.

Eigentlich sind die wilden Zeiten des Domaingrabbings längst vorbei und alle einst wesentlich teurer als heute in der Hoffnung aufs große Geld registrierten Domains entweder eingeklagt worden oder unverkauft geblieben. Reich sind die Grabber kaum geworden: Obwohl die Firmen ihnen seltener Prozesse machen als normalen Webseitenbastlern, weil sie mit einem finanziellen Polster der Gegenseite und somit Fähigkeit zu langen juristischen Auseinandersetzungen rechnen müssen, führt schon die bloße Masse an Rechtstreitigkeiten schnell zur zeitlichen Auslastung und finanziellen Unrentabilität.

Reverse Domain Hijacking ist dagegen die fiese Tour, eine von einem anderen eingerichtete Internetadresse, an der man meint, vor Gericht Rechte zugesprochen zu bekommen, erst einmal einige Jahre bestehen zu lassen, bis der Besitzer der Adresse größere Mengen von Email- und Webtraffic über seine Adresse abwickelt - und dann per Klage die nun wesentlich interessanter gewordene Adresse einkassieren zu wollen. Vor solchen Angriffen ist man auch nach Jahren im Netz nicht sicher, denn der Kläger wird einfach frech behaupten, gerade erst jetzt die ihm wegen Ähnlichkeit zu seinem Firmennamen, seiner Marke oder dem Kosenamen seiner Frau zustehende Adresse entdeckt zu haben. Dabei nehmen die Juristen besonders gerne Adressen mit anderem Landeskenner (statt .de z.B. .ch, .ag, .org, .info) aufs Korn oder solche, die sich nur um wenige Buchstaben unterscheiden (fokus.de und focus.de).

Allerdings hat sich zu den wenigsten Unternehmen und Juristen herumgesprochen, dass man auf die harte Tour selten zum Ziel kommt, weil so maximal eine Freigabe (Löschen) des Domaineintrags erreicht werden kann, doch niemals eine Übergabe (Transfer). So klagt ein Rechtsanwalt einen Privatmann zwar durchaus erfolgreich in den Bankrott (Email-Klau über den Weg des Domainklaus ist legal], doch die Domain bekommt er nicht. Außer Spesen also nichts gewesen.

Neue Endungen: Dank juristischer Spitzfindigkeiten entwertet

Als neue Top-Level-Domains wie .biz und .info eingeführt wurden, war deren ursprünglich gedachter Zweck, den verfügbaren Adressraum zu erweitern, bereits sinnlos geworden: Die Firmen, die schon alle bisher möglichen Endungen registriert oder eingeklagt hatten, würden wie gehabt argumentieren, dass der Landeskenner kein ausreichendes Unterscheidungsmerkmal sei und mueller.de somit auch die mueller.info zustünde.

Der Jurist spricht hier von "parallelschalten" und meint eigentlich "gleichschalten": Unter mueller.ch darf nach dieser Ansicht keinesfalls etwas anderes zu finden sein als unter mueller.de, andernfalls wird die Marke und das Produkt verwässert, was dann bei Milchherstellern mit Namen Müller zugegeben gar nicht gut käme. Mit derselben Logik könnte übrigens auch der Besitzer der schweizer Telefonnummer +41-815-4711 die deutsche Telefonnummer +49-815-4711 einklagen - um sie dann wieder an die Kölner Firma Kölnisch Wasser 4711 zu verlieren, die so tatsächlich bereits unter anderem die Berliner Telefonnummer 030-4711 einem dort ansässigen Taxiunternehmen abnehmen ließ. Was zeigt, dass solches Vorgehen, so schwachsinnig es klingt, vor Gericht durchaus Erfolg haben kann.

Um Inhaber von Adressen mit den neuen Endungen vor wild um sich schlagenden Markeninhabern zu schützen und die unerwünschte Kollisionsgefahr zumindest etwas zu reduzieren, dachten deren Registrare daran, Ärger, der zumindest in klaren Fällen wie bekannten Markennamen absehbar war, schon im Vorfeld abzufangen: Markeninhaber, denen eine .de- oder .com-Adresse alleine nicht schick genug war, durften schon eine Stunde vor Eröffnung des Schlussverkaufs, pardon, einige Monate vor der Registrierungsmöglichkeit für jedermann, in der sogenannten Sunrise-Period, ihre Domainschäfchen unter neuen Endungen wie .info und .biz ins Trockene bringen. Wer also wirklich an der Adresse interessiert war und nicht nur an sinnlosen Prozessen, konnte sie bereits vor der allgemeinen Freigabe aus dem Verkehr ziehen.

Alles XN-mller-kva oder was?

Eine ähnliche Situation ergab sich nun mit den neuen Umlaut-Adressen (UDN-Domains): müller.de ist nun möglich und nicht mit mueller.de identisch. Tatsächlich lautet die dahinter steckende Adresse in Punycode xn--mller-kva.de - ein Browser-Plugin oder ein entsprechend neuer Browser können die Eingabe von www.müller.de entsprechend umsetzen, bei der Email schaut es dagegen bis auf weiteres schwarz aus, und auch am Telefon dürfte die Übermittlung von Webadressen nun schwieriger werden, weil ja nicht mehr klar ist, ob Umlaute oder Umlautumschreibungen einzugeben sind. Dennoch eigentlich eine gute Chance für bislang zu kurz gekommene Müllers, doch noch ihre Wunschadresse zu bekommen.

Leider ist man bei de Denic aber durchaus der Ansicht, dass die gerichtliche Auseinandersetzung ein sinnvolles Mittel ist, um solche Fälle zu klären. Deshalb gab es hier keine Sunrise-Period für Marken- und sonstige Rechteinhaber und auch nicht die ebenso denkbare Option, die Domains mit Umlaut vorab den Inhabern entsprechender Domains mit Umlautumschreibung anzubieten. Das hätte zwar sicher so manchen wieder zu kurz gekommenen Domainaspiranten verärgert, aber auch den Abmahnern den Wind aus den Segeln genommen.

Profis kommen mit blauem Auge davon, Amateure zahlen die Domain-Zeche

So hagelte es stattdessen nach der Freigabe der Umlaut-Domains am 1. März trotz anfänglicher Serverüberlastung und somit eingeschränkter Registration sofort Abmahnungen. Zwei davon erwischten Sebastian Dieterle, der sich seit langem mit Domains beschäftigt, auch ein eigenes Forum zum Thema Domains betreibt und einige hundert Umlaut-Domains - und zwar, um gegen Abmahnungen gefeit zu sein, nur zu Allgemeinbegriffen - beantragt hatte. Dass darunter auch düsseldorf.de und ökotest.de waren, ist wohl als aus der Hektik entstandene Dusselei (Düsselei?) einzustufen, denn er hätte es besser wissen müssen. Doch konnte Sebastian schnell genug reagieren und es waren sowohl die Stadt Düsseldorf wie die Zeitschrift Ökotest für eine sofortige Übertragung der Adressen bereit, die Abmahnung zurück zu nehmen.

Andere hatten dagegen weniger Glück. So hatte Robert Z. aus Jülich gut ein Dutzend Domains mit Jülich im Namen registriert, um diese nicht selbst zu nutzen, sondern sie später zu verkaufen. Als ihm klar wurde, dass er sich damit großen Ärger einhandeln kann, löschte er bereits am 4. März um 10.13 Uhr wieder alle Domains. Aber das war schon zu spät: Das Rote Kreuz war bereits über drk-jülich.de gestolpert und ließ eine Abmahnung ausschreiben - und zwar nicht wegen des Bestandteils "Jülich" in der Domain, sondern wegen "DRK" als Dreibuchstabenabkürzung für das rote Kreuz. Der Eintrag bei Denic wurde nach dem 3. März nicht mehr aktualisiert und weist Robert am 8. März noch als Inhaber aus, die zum Zeitpunkt ihres Ausschreibens bereits hinfällige Abmahnung kostet 236,35 Euro.

Achja, und wer hat nun die müller.de tatsächlich bekommen? Na ist doch klar: Ein Anwalt! Ob es ihm damit allerdings besser ergeht als Dr. Shell mit der shell.de, wird sich noch zeigen.

Da eine der Parteien, die ursprünglich hier genannt wurden, aufgrund des Artikels offenbar persönlich belästigt wurden, hat die Redaktion diesen Abschnitt gelöscht und bedauert den Vorfall.

Nachtrag: Für Robert Z. ging es glimpflich aus: Da er seinen Fehler schon vor der Abmahnung eingesehen und revidiert hatte, nahm das Rote Kreuz die Abmahnung zurück und auch die anderen Betroffenen wollen von weiteren Aktionen absehen, da Umlautdomains momentan sowieso noch keinen kommerziellen Nutzen haben, denn der Internet Explorer unterstützt sie nicht direkt. Allerdings war die Freigabe nicht unbedingt zum Vorteil aller Betroffenen: Einige seiner ehemaligen Domains sind nun bereits ein zweites Mal unter die Grabber gefallen. Es bleibt somit die nicht neue Erkenntnis, dass eine friedliche Einigung für alle Beteiligten meist ergiebiger ist als die harte Tour.

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