Die Mitglieder der Informationsgesellschaft sterben zunehmend an Verfettung

Florian Rötzer 10.03.2004

In den USA könnte schon nächstes Jahr die Verfettung aufgrund falscher Ernährung und fehlender Bewegung zur Todesursache Nr. 1 werden

Die moderne Lebensweise der sogenannten Informations- und Wissensgesellschaft bezahlt womöglich die Konnektivität mit einer zunehmenden Veränderung der Körperlichkeit (Massenverfettungswaffen). Möglicherweise wird mobile computing mit anderen Schnittstellen als Monitoren, Tastaturen und Mäusen die sesshafte Lebensweise des digitalen Menschen wieder ein wenig in Schwung bringen, noch aber sieht es so aus, als würden wir weiterhin zunehmend verfetten. Verfettung könnte, so die Prognose der Centers for Disease Control and Prevention (CDC), im Jahr 2005 bereits Todesursache Nr. 1 in den USA sein.

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Plakat des US-Gesundheitsministeriums

Wenig Bewegung, viel Sitzen vor den Medien und natürlich schlechte Ernährung spielen zusammen, um Fettleibigkeit zu einer globalen Epidemie zu machen. Doch in God's own country scheint man sich trotz aller Aufrüstung und Prävention sowie dank Fast Food und Super Size (Fast-Food-Experiment) besonders schnell der anschwellenden Körperlichkeit zu nähern, die freilich das Schicksal vieler Bewohner der Wissensgesellschaften zu werden scheint (Gesundheitliche Zeitbombe). In den USA sollen bereits 130 Millionen oder 64 Prozent der Bevölkerung übergewichtig oder fett sein. Fast ein Drittel ist bereits fett.

Noch steht zwar Tabak nach den CDC an der Spitze der Sensenmänner, die sich um vermeidbare Todesursachen kümmern - aber was heißt schon vermeidbar? Für die CDC sind dies Todesursachen, die bedingt sind durch den Lebensstil und die Verhaltensweisen, was sicherlich für manche Interpretation offen sein mag. An zweiter Stelle nach den jährlich an den Tabakfolgen sterbenden 435.000 Menschen (18,15% aller Todesfälle) kamen aber im Jahr 2000 bereits die 400.000 Menschen (16,6%) , die aufgrund von mangelnder Bewegung und/oder falscher Bewegung gestorben sein sollen. Zwar lag diese Ursache auch schon 1990 an zweiter Stelle der Todesursachen, doch ist die Zahl der an den Folgen Tabak Gestorbenen seitdem "nur" um 10 Prozent, die Zahl der an den Folgen von falscher Ernährung und Inaktivität Dahingeschiedenen aber um 33 Prozent gestiegen. Immerhin ein Drittel der Menschen stirbt an diesen im Prinzip vermeidbaren Ursachen, die Herzerkrankungen, Krebs oder Schlaganfälle, um nur die wichtigsten tödlichen Erkrankungen zu nennen, zur Folge haben können.

Geht man nach diesen Zahlen, ist der in den USA schon lange ausgerufene "Krieg gegen Drogen" ein Kampf gegen Windmühlen, schließlich verursachen legale Produkte von Tabak über Medien, Fahrzeugen und Lebensmitteln bis hin zu Alkohol über die Hälfte aller Todesursachen. Danach folgen Infektionen, giftige Stoffe wie Asbest, Unfälle im Straßenverkehr, Schusswaffen und sexuelles Verhalten. Illegale Drogen als Todesursache spielen mit um die 2% nur noch eine geringe Rolle.

Wenn der Trend so weitergeht, erklärt CDC-Direktorin Julie L. Gerberding, wird Fettleibigkeit, eine Folge von körperliche Inaktivität und falscher Ernährung, bereits im Jahr 2005 zur Todesursache Nr. 1, zumal der Tabakkonsum bislang kontinuierlich zurück gegangen ist und auch weniger an den Folgen von Alkohol sterben. Eine halbe Millionen Menschen würden dann jährlich an Verfettung sterben, mehr als an Krebs.

Das Gesundheitsministerium hat aufgrund der neuen Zahlen gleich einmal eine "gefährliche Zunahme an Toten" durch Verfettung diagnostiziert und eine neue Kampagne "Healthy Lifestyles & Disease Prevention" gegen diese "Epidemie" ins Leben gerufen - inklusive der Website Small Steps. Überfordern will Gesundheitsminister Thompson nämlich seine dicken Mitbürger nicht. Sie müssten allerdings erkennen, dass falsche Ernährung und Bewegungsarmut tödlich sind. Kleine Veränderungen wären dann schon einmal ein Anfang:

Amerika muss einen Schritt nach dem anderen gesünder werden. Jeder kleine Schritt macht einen Unterschied, gleich, ob es darum geht, die Treppen hochzusteigen, anstatt mit dem Fahrstuhl zu fahren, oder mehr Früchte oder Gemüse zwischendurch zu essen.

US-Präsident Bush, der nicht raucht, nicht (mehr) trinkt, sich fit hält und sexuelle Abstinenz zumindest bei Jugendlichen und Nichtverheirateten predigt, hatte bereits kurz nach dem Start des "Kriegs gegen den globalen Terrorismus" eine Kampagne zur Volksertüchtigung und -verschlankung gestartet (Schlechte Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit sind gute Zeiten für die Gesundheit). Das sollte damals schneller gehen, jetzt ist man mit den kleinen Schritten schon bescheidener geworden. Aber schwierig ist es, für die Gesundheit der Menschen sorgen zu wollen, wenn man gleichzeitig nichts tun will, was der Wirtschaft schadet, die an der Fettleibigkeit mitverdient.

Ob es also so erwünscht ist, dass im Rahmen der Kampagne, wie auf einem Plakat zu sehen, dazu aufgerufen wird, während der Werbung im Fernsehen aufzustehen? Man könnte allerdings auch ein wenig Gymnastik machen - und trotzdem Werbung schauen ....

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16930/1.html
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