Sind wir im gleichen Film?

Wissenschaftler beobachten den Gleichtakt der Gehirne im Kino

Ist Kino in erster Linie ein Kollektiverlebnis, oder sieht jeder Zuschauer, wie von manchen Filmtheoretikern vermutet, seinen eigenen, ganz persönlichen Film? Israelische Wissenschaftler wollten es genau wissen und haben die Gehirnaktivität von Versuchspersonen beobachtet, während sie sich eine halbstündige Sequenz aus dem Italowestern "Zwei glorreiche Halunken" ansahen.

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Dem Forschungsteam unter Leitung des Neurobiologen Rafael Malach vom Weizmann Institute of Science in Rehovot ging es allerdings weniger um einen Beitrag zur Filmtheorie, sondern um die Erprobung neuer Methoden zur Funktionsbestimmung bestimmter Hirnregionen. Üblicherweise werden Karten der Gehirnaktivität nämlich unter genau kontrollierten Versuchsbedingungen erstellt, die der natürlichen Wahrnehmung kaum entsprechen. Den Versuchspersonen wird beispielsweise eine Serie von Bildern präsentiert mit der Aufforderung, wiederholt gezeigte Objekte durch den Druck auf eine Taste zu markieren. Währenddessen wird mithilfe der Kernspintomografie der Sauerstoffgehalt des Blutes im Gehirn gemessen. Auf diese Weise lässt sich ermitteln, welche Bereiche des Gehirns etwa bei der Wahrnehmung von Gesichtern oder Gebäuden aktiv sind.

Für ihre in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science publizierte Studie wählten die Forscher einen anderen Ansatz. Zum einen verglichen sie die Gehirnaktivität der einzelnen Versuchspersonen untereinander und stellten eine hohe Korrelation fest: Etwa 30 Prozent der neuronalen Aktivität eines Zuschauers des Films konnten aufgrund der zuvor bei einem anderen Zuschauer gemessenen Daten vorhergesagt werden. Zum anderen identifizierten sie besonders auffallende Aktivitätsmuster und korrelierten sie quasi rückwärts mit den dazu gehörigen Filmbildern. Dabei bestätigte sich die zuvor durch konventionellere Experimente ermittelte Funktionszuschreibung einzelner Hirnregionen. Wenn etwa der für Gesichtswahrnehmung zuständige Bereich aktiv war, waren tatsächlich in der Regel Großaufnahmen von Gesichtern zu sehen.

Darüber hinaus fanden die Wissenschaftler aber auch unerwartete Zusammenhänge. So war bei der Aktivität einer anderen Hirnregion auf den ersten Blick kein Zusammenhang mit den gleichzeitig präsentierten Szenen zu erkennen. Erst die genauere Analyse ergab, dass in all diesen Szenen Handbewegungen eine wichtige Rolle spielten.

In zukünftigen Studien sollen die Versuchspersonen genauer ausgewählt werden, etwa hinsichtlich ihrer Kenntnis des jeweiligen Films, um die Bedeutung solcher individuellen Unterschiede für die Reaktionen zu untersuchen. Nicht vergessen werden sollten aber auch die 70 Prozent Gehirnaktivität, die sich bei den Versuchspersonen nicht deckten. Damit bleibt mehr als genug Raum, einen Film sehr individuell wahrzunehmen und zu erleben - und sich gegebenenfalls mit anderen darüber zu streiten.

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16949/1.html
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