Irritation um dubioses SETI-Signal

Harald Zaun 16.03.2004

Die weltweit bekannte seriöse Astronomie-Website 'Astronomy Picture of the Day' leistete sich einen Fauxpas der Extraklasse

"Auf der Suche nach außerirdischen Funksignalen einer hochstehenden Intelligenz sind die SETI-Radioastronomen jetzt einem Signal begegnet, das allgemeines Rätselraten auslöst ..." - So sollte ursprünglich die Sub-Headline dieses Beitrages lauten. Doch eine Telepolis-Recherche ergab, dass das vermeintliche mysteriöse Signal, von dem die bekannte Astronomie-Website 'Astronomy Picture of the Day' am 7. März berichtete, schon fünf Jahre alt ist und keineswegs extraterrestrischer Provenienz war.

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Kaum ein Fan der Astronomie kennt sie nicht. In der Szene allseits bekannt und anerkannt, hat die Astronomie-Website "Astronomy Picture of the day" (APOD) sich sukzessive über alle Grenzen hinweg einen Namen erworben. Einen Namen, der in diesem Genre seinesgleichen sucht.

Starkes unbekanntes Signal

Dass in besagtem Internet-Magazin tagtäglich ein ausgewähltes prägnantes Bild und dazu ein fundierter Begleittext auf seriöse, kompetente, aber stets korrekte Weise veröffentlicht wird, wissen Sternfreunde und Raumfahrtbegeisterte schon seit Jahren zu schätzen. Und in der Tat hatten in der Vergangenheit alle Meldungen Hand und Fuß - zumindest bis zum 7. März. Denn am vorletzten Sonntag leistete sich 'Astronomy picture of the day' ausgerechnet bei einem der heikelsten Themen in der Astronomie einen Fauxpas der Sonderklasse.

"An Anomalous SETI Signal" - so lautete die Headline zu einem Bild, auf dem die Radioemission eines angeblich verdächtigen Radiosignals zu sehen sein soll. "Keiner weiß genau, wer oder was genau dieses Signal verursacht hat", berichtet APOD. Es gebe aber eine geringe Chance, dass dieses unbekannte starke Radiosignal, das ein irdisches Radioteleskop aufgefangen habe, von einer extraterrestrischen Intelligenz stamme. Derweil seien verschiedene SETI-Gruppen und einige ehrenamtliche Mitglieder der SETI League dabei, das Signal zu analysieren. Bestätigt sei das Signal gleichwohl noch nicht. Theoretisch könne es von einem GPS-Satelliten oder einer bislang nicht identifizierten irdischen Quelle stammen. Zwar träfen regelmäßig viele ungewöhnliche, unbekannte Signale aus dem All ein, darunter konnte aber noch keines einem außerirdischen Absender zugeschrieben werden. Aber dieses Signal sei dennoch ungewöhnlich.

Ein zweites "Wow!"-Signal?

Dass sich beim Lesen dieser Zeilen bei vielen interessierten Usern fast zwangsläufig der Eindruck aufgedrängt haben muss, die SETI-Forscher seien einem großen Ding auf der Spur, mag den suggestiven Charakter des APOD-Begleittextes unterstreichen. Auf jeden Fall dürften sich einige Leser an das legendäre "Wow!"-Signal vom 15. August 1977 erinnert haben. Damals detektierte der Astronom Dr. Jerry R. Ehman von der Ohio State University mit dem Big Ear Radioteleskop auf der 21-Zentimeter-Wellenlänge ein ungewöhnlich starkes Nahbandsignal, das dreißigmal stärker als alle Hintergrundgeräusche pulsierte und das sich mit den Sternen bewegte.

Das eigentliche Intelligenzmerkmal dieses Impulses bestand darin, dass er sich - ähnlich dem Läuten eines Telefons - selbst an- und ausschaltete, während er sich im Teleskopstrahl befand. "Es war das eindrucksvollste Signal, was wir je gesehen hatten", so Ehmans Erinnerung an jenen denkwürdigen Tag. "Ohne nachzudenken schrieb ich auf dem Rand des Computerausdrucks 'Wow'!". Alle Anstrengungen, das "Wow!"-Signal ein zweites Mal aufzufangen, waren vergebens. Zu seinem Verdruss musste Ehman seinen Kandidaten ad acta legen. Denn nach den strengen SETI-Vorgaben muss ein verdächtiges Signal regelmäßig pulsieren, mindestens von einer zweiten unabhängigen Antenne registriert werden und auch ein erkennbares systematisches Informationsmuster aufweisen, bevor es das Attribut extraterrestrisch verdient. Dennoch zählen auch heute noch renommierte SETI-Forscher das "Wow!"-Signal zu dem bislang aufschlussreichsten "Kandidaten".

In jeder Hinsicht irreführend

Soweit so gut, könnte man zu der APOD-Meldung vom 7. März sagen, wäre da nicht ein gravierender Haken an der Sache. Denn der bewusst abstrakt gehaltene Begleittext, in dem weder das fragliche Radioteleskop (auch die angegebene Link führt zu einer beliebigen Antenne) genannt wird, dem besagte Entdeckung gelang, noch der (oder ein) verantwortliche(r) Forscher namentliche Erwähnung findet, ist in jeder Hinsicht irreführend. Einerseits drängt sich beim neutralen Leser der Eindruck auf, als sei die Entdeckung jüngeren Datums, andererseits klingt das Ganze so, als werteten einige SETI-Experten derweil noch das Datenmaterial aus. Aber weder das eine noch das andere entspricht der Wahrheit. Logisch, dass der Chef der SETI League, nachdem er von Telepolis über die APOD-Veröffentlichung unterrichtet wurde, den falschen Sachverhalt umgehend mit einer Pressemeldung korrigierte.

"We are pleased that NASA chose to feature this image on their APOD website. We only regret that their sensationalist caption may have mislead SETI supporters around the world", so der Originalkommentar von Prof. Dr. H. Paul Shuch, bei dem als Direktor der SETI League alle Fäden zusammenlaufen. Das Bild sei zwar völlig authentisch und beziehe sich auf eine Entdeckung, die das SETI League-Mitglied Gerald Cavan vor fünf Jahren in Ontario (Canada)gemacht hatte, als er mit einem hauseigenen Radioteleskop besagtes verdächtiges Signal aufspürte. "Tatsächlich haben wir aber genau gewusst, woher diese Entdeckung herrührte." Das Ergebnis [ob es ein Satellit war oder eine andere Störquelle, bleibt gleichwohl unerwähnt] sei am 24. März 1999 auf der SETI-League-Website mit einen erklärenden Begleittext veröffentlicht worden.

Auch habe, so Prof. Shuch, das APOD-Team, das manchmal zu sensationellen Meldungen neigt, nur einen Ausschnitt des Originalbildes gezeigt. Letzten Endes sei das Signal aber nur eines von Dutzenden verdächtigen gewesen, die diverse SETI League-Mitglieder seit dem Beginn des Project Argus (21. April 1996) bislang detektierten. "So far, not one of these detections has passed muster as a true manifestation of extraterrestrial intelligence", so der Shuchs O-Ton. "We'd like it to be ET calling home. Unfortunately, the actual explanation is somewhat more mundane."

Dr. Norbert Junkes

Für den Astrophysiker Dr. Norbert Junkes vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie (MPIfR) in Bonn sind solcherlei Signale - vor allem was deren Interpretation anbelangt - grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen.

Derlei Signale verdeutlichen ein Problem, das wir Radioastronomen bei der Auswertung unserer Daten haben

und zwar den zunehmenden Einfluss irdischer Störquellen auf die Beobachtungen im Radiofrequenzbereich.

Analog zum Begriff der "Lichtverschmutzung" im optischen könne man von einer "Radioverschmutzung" sprechen; der englische Begriff "Radio frequency interference" oder RFI drücke es, so Junkes, vielleicht noch etwas exakter aus. Potentielle Quellen hierfür seien Radio- und Fernsehsatelliten, Handys, Mikrowellenherde, Computer-CPUs, Zündelektronik bei Fahrzeugen etc. Immerhin werde, wie Junkes verdeutlicht, im Text des "APOD" vom 7. März eine mögliche ("irdische") Quelle diskutiert: und zwar die Modulation eines GPS-Signals mit einer irdischen ("Störungs-") Quelle. Dennoch sei es ratsam, bei der Interpretation solcher Signale Vorsicht walten zu lassen, zumal die Signalstärke und der Verlauf für sich genommen nicht aussagekräftig genug seien. Hierzu Junkes: "Die unabhängige Bestätigung der Messung durch mehrere Radioteleskope - am besten auf unterschiedlichen Kontinenten - ist zwingend erforderlich."

Galaktischer Kulturschock

Vorerst bleibt also im kosmischen "Äther" alles beim Alten. Nach wie vor herrscht hier von der Warte der irdischen SETI-Forscher aus gesehen, die nunmehr seit 44 Jahren mit ihren Schüsseln, Antennen und Teleskopen den Himmel nach außerirdischen Funk- und neuerdings auch nach Lichtsignalen intelligenten Ursprungs abtasten, das große Schweigen. Bislang ist bei ihnen noch kein Kosmogramm mit außerirdischem Absender, kein intelligentes Piepsen aus den Tiefen des Alls eingegangen. Keine außerirdische Botschaft verirrte sich bis dato ans Erdufer. Das Rauschen der Hintergrundstrahlung, das Pulsieren der Neutronensterne und das Zischen der Nebel- und Gaswolken scheinen nach wie vor das Einzige zu sein, was den Äther mit Leben erfüllt.

Ob die SETI-Akteure derweil überhaupt am richtigen Küstenabschnitt und zum richtigen Zeitpunkt auf die erhoffte, im elektromagnetischen Ozean treibende Meereswelle warten, die die kosmische Flaschenpost umspült, bleibt abzuwarten. Sicher ist nur, dass die Menschheit ihre kosmische Visitenkarte längst abgegeben hat. Schließlich wandert der "Informationsmüll" unserer Zivilisation schon seit der Erfindung des Radios peu à peu ins All. Theoretisch könnten zumindest hochstehende außerirdische Lebensformen, deren Heimatplanet in einer Entfernung von zirka 100 Lichtjahren durchs All treibt, derweil aufgefangen haben. Da diese Daten bekanntlich aber ein nicht gerade rosiges Psychogramm der Menschheit abliefern, könnten die Adressaten vielleicht schon beim Studieren der Radiosignale - so die Vermutung des kürzlich verstorbenen großen deutschen SETI-Experten Sebastian von Hoerner - einen galaktischen Kulturschock erlitten haben: "Würden sie uns allein an den Kriegs- und Terrorberichten der TV-Nachrichten messen, dürften wir uns über ihr Schweigen wohl kaum wundern."

http://www.heise.de/tp/artikel/16/16966/1.html
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