Wir leben und sterben mit jedem Film

Rüdiger Suchsland 23.03.2004

Das europäische Animationskino nimmt eine neue Dimension an

"Indiana Jones für Kinder" warb ein Werbeslogan. Aber äußerlich erinnern die Charaktere von "Back to Gaya" eher an Hobbits mit langen Ohren. Die Welt, in der sie leben, ist eigentlich eine Kinderfernsehserie, archaisch und modern zugleich ist, es gibt Autos, aber auch Könige und Uniformen aus dem 19. Jahrhundert. Mit Lenard Krawinkels. "Back to Gaya", dem ersten voll digitalisierten Animationsspielfilm aus Deutschland, seit letzter Woche auch in deutschen Kinos zu sehen (vgl. Mit Eselohren gegen die übermächtige US-Konkurrenz), eröffnete das "Cartoon Movie"-Forum in Potsdam-Babelsberg. Insgesamt zwölf fertige Animationsfilme aus Europa wurden dort gezeigt, 28 weitere Projekte wurden in verschiedenen Entwicklungsstadien - von der Konzeptphase bis zur Postproduktion - vorgestellt. Der Zeitpunkt der Veranstaltung fiel zusammen mit dem Deutschland-Start einer ganzen Reihe von Animationsfilmen. Neben "Back to Gaya" kam auch Disneys "Bärenbrüder" ins Kino, der mit einem Schnitt von bis zum Sonntag über 1300 Zuschauer pro Kopie überaus erfolgreich gestartet ist, zum 1. April folgt: "Derrick - Die Pflicht ruft", eine Zeichentrickversion des ZDF-Klassikers.

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Back to Gaya

"Cartoon Movie", im sechsten Jahr veranstaltet und vom Berlin-Brandenburgischen "Medienbord" sowie dem Brüsseler "Media Programm" gefördert, ist der wichtigste Treffpunkt des europäischen Animationsfilms. Fast 500 Teilnehmer aus ganz Europa trafen sich dort, um fertige Produktionen und neue Projekte vorzustellen, sowie um über Fragen der Produktion von Animationsspielfilmen zu diskutieren. Nach wie vor handelt es sich vor allem um einen Finanzierungsmarkt, doch zunehmend bildet sich hier ein allgemeineres Netzwerk der Animationsfilmer Europas, das auch zu gemeinsamen neuen Projektentwicklungen führt. Die sind auch dringend nötig, denn noch immer ist die Herstellung eines Animationsfilms ein riskantes Geschäft: "Wir müssen einen einmal anentwickelten Stoff fertig stellen, weil gar kein finanzieller Spielraum für einen Abbruch vorhanden ist." sagte Thilo Graf Rothkirch, Chef der "Berliner "Cartoon Film" und unter anderem Produzent von "Der kleine Eisbär": "Wir leben und sterben mit jedem Film. Findet er kein Publikum, kann dies den Ruin bedeuten."

In diesem Jahr öffnete man sich mit zweitägigen Filmvorstellungen auch dem allgemeinen Publikum. So kann man sich hier einmal im Jahr über ein lange vernachlässigtes Feld der Filmproduktion informieren, der sich aber in den letzten Jahren zum Bereich mit den größten Zuwachsraten gemausert hat: Allein seit 1998 entstanden in Europa 68 Animationsfilme - dafür hatte man zuvor über 20 Jahre gebraucht. Zum ersten Mal deutet sich an, dass europäische Filme in absehbarer Zeit ökonomisch mit Produktionen aus Ostasien und den USA mithalten können.

Derrick - Die Pflicht ruft

Noch wichtiger: Sie können das zunehmend auch künstlerisch. Die Stoffe und Stile werden immer interessanter und variabler. Lange Zeit bedeutete Animationsfilm zumindest in Europa ausschließlich Kinderfilm. Und auch in Potsdam waren die Stories oft ein bisschen zu einfach, zu nett und ohne Abgründe, und man konnte im Katalog nachlesen, dass ein Großteil der Filmemacher sich in erster Linie um eine Zielgruppe zwischen 6 und 16 bemüht, oder dies bestenfalls durch die besonders in Deutschland beliebte Formel vom "Family Entertainment" verbrämt - sprich Kinderfilme, in denen sich die Eltern nicht notwendig langweilen. Trotzdem wird das europäische Animationskino allmählich erwachsener, die Stoffe tiefer, der Humor differenzierter.

Sehr lustig, sehr französisch

Das prächtigste Beispiel dieser Entwicklung ist "Les Triplettes de Belleville" von Sylvain Chaumet, der sehr zurecht gerade für einen Oscar nominiert war, und dort - zu Unrecht - gegen den Pixar-Blockbuster "Finding Nemo" unterlag. Ganz und gar kein Kinderfilm, sondern eine nostalgiegetränkte Zeitreise, die in den Golden Twenties beginnt, und dann in die grauen Sechziger der späten de Gaulle-Ära führt: Alles sehr sehr lustig, sehr französisch - ein Epos über Schmerz, Anstrengung, Einsamkeit, Witz und Liebe. Glänzend ist allein schon die Einganssequenz mit einer bananentanzenden Josephine Baker und einem Fred Astaire der von seinen Schuhen aufgefressen wird - Animation at its best, ein virtuoses Spiel mit Anleihen an Tati und Melville.

Les Triplettes de Belleville

Demgegenüber wirkt "Back to Gaya" geradezu armselig, und zeigt eher die Schwächen des Genres: Hölzerne, vorhersehbare Charaktere, eine mal holpernde, mal auf der Stelle tretende Handlung. Insgesamt wirkt der Film zu verliebt in seine, zugegeben: beeindruckende Technik. "Alle Vergleiche mit "Shrek" oder "Monster AG" sind falsch. Wir haben genau den Film gemacht, den wir machen wollten: Keine Kopie amerikanischer Großproduktionen, sondern etwas Eigenständiges", so Produzent Holger Trappe. Doch was nutzt solches Absetzen von US-Animationen und Betonen vermeintlicher Eigenständigkeit, wenn man den "einen zweistelligen Millionenbetrag" teuren Film dann - wie in diesem Fall - nur mit Hilfe von Warner Bros. fertig stellen und in die Kinos bringen kann? Und man fragt sich: Wozu der ganze 3-D-Aufwand, das monatelange Durchspielen des Drehbuchs mit menschlichen Darstellern, deren Bewegungen dann über den Computer auf Kunstfiguren übertragen werden - nur um diese dann wieder in eine Welt zu versetzen, die der unsrigen erstaunlich ähnelt?

Lauras Stern

Die nach wie vor beliebten 2-D-Techniken, die mehr so aussehen wie klassische "Zeichentrickfilme", entfalten weitaus mehr Charme und Poesie. So etwa der in Berlin von Rothkirch produzierte "Lauras Stern", der im September ins Kino kommt. Die Ausschnitte, die in Berlin gezeigt wurden, hinterließen einen glänzenden Eindruck: Ein märchenhafter Realismus, der stilistisch stellenweise an Hiyao Miazakis Berlinale-Sieger "Spirited Away"/"Chihiros Reise ins Zauberland" erinnert.

Neben Frankreich, Belgien und Spanien gehören die Deutschen zu den führenden Ländern im Animationsbereich. Drei Millionen Zuschauer gehen hier im Jahr in Animationsfilme. Was allerdings auffällt, ist dass ihre Projekte zu den teuersten unter den vorgestellten gehören. Während sich viele Etats in Höhen zwischen 1 und 4 Millionen Euro bewegen, schätzte der in London lebende Uli Meyer den Etat für seinen geplanten Film "Monster Mania", eine Art "Shrek meets Young Frankenstein" auf 35 Mio Euro. Wohin die 15 Millionen für Eberhard Junkersdorfs "Till Eulenspiegel" geflossen sind, versteht man nicht, wenn man den verständlicherweise an der Kinokasse gefloppten Film mit dem in vielem vergleichbaren, aber billigeren spanischen "El Cid" vergleicht.

El Cid

Überhaupt gefielen die Spanier besonders gut durch ihre große stilistische Bandbreite, und durch die Fähigkeit komplizierte Stoffe auf originelle Weise, für Kinder wie Erwachsene attraktiv, zu erzählen. Ein Beispiel: Der in der Projektphase präsentierte "Flying Heroes" von Miguel Pujol Lozano, der vom Ersten Weltkrieg und den Luftschlacht von 1917 in Form einer Geschichte von Brieftauben erzählt. Die bereits fertig gestellten Ausschnitte beeindruckten durch ihre Bilderkraft.

Eine neue Liebe für Slapstick

Zunehmend kommen im Gewand des Animationsfilms Stummfilmgeschichten und -Effekte ins Kino zurück. Eine neue Liebe für Slapstick kann man ebenfalls entdecken. Erstaunlich bleibt allerdings für eine Branche, die gern fordert, man sollen den Blick weg von Amerika wenden, das die allermeisten Filme - Ausnahme waren einmal mehr die Werke aus Frankreich - im Original auf Englisch hergestellt und dann bestenfalls synchronisiert werden. Auch viele Charaktere wirken wie von Hollywoods Reißbrettern abgepaust - was ja nicht immer falsch sein muss. Aber offenbar fehlt der Mut und das Bedürfnis, auf dem Eigenen zu beharren, und einige wollen wohl auch in erster Linie ein dickeres Stück vom Kuchen des US-Markts ergattern. Zugleich wird immer diffuser, was eigentlich ein Animationsfilm ist. Die Grenze verflüssigt sich. Denn in gewissem Sinn ist Peter Jackson voluminöse "Herr der Ringe"-Trilogie mit seinem massiven Einsatz von CGI-Technik auch ein Animationsfilm.

Corto Maltese, the Arcanes Secret Court

Dies alles belegt die Dimension, die der Animationsfilm in den letzten Jahren angenommen hat - das einstige Nischendasein hat das Genre längst ebenso verlassen, wie die Macher den Zeichentisch mit dem Computerprogramm vertauscht haben. Die Projekte von "Cartoon Movie" zeigten die Vielfalt des Genres zwischen Kommerz und Kunst. Zu letzterem gehört beispielsweise auch "Corto Maltese, the Arcanes Secret Court" vom Franzosen Pascal Morelli, die sehr gelungene, visuell packende Verfilmung eines Abenteuers des bekannten Comic- und Romanklassikers. Finanziell geht es der Branche besser, als den angeschlagenen Spielfilmproduzenten. Zwar fließen die Mittel hier nicht in Strömen, aber mit solider Gleichmäßigkeit. Andererseits dauern Animationsfilme erheblich länger als Spielfilmproduktionen. Ein Beispiel dafür ist auch "Back to Gaya", dessen Kosten von der Hannoveraner Ambient Entertainment GmbH und Fördermitteln voll finanziert wurden.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17022/1.html
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