Abzocke mit SMS-Chats

29.03.2004

Noch immer eine Lizenz zum Gelddrucken

Trotz vieler Warnungen und zahlreicher Fernseh- und Presseberichte sind professionelle SMS-Chats noch immer eine Lizenz zum Gelddrucken. 1,99 Euro pro SMS lassen die Kassen der Anbieter klingeln. Neben zahlreichen seriösen Anbietern tummeln sich zunehmend betrügerische Abzocker in dieser Branche. Obwohl in vielen Fällen die Betrugsabsicht dieser Anbieter offensichtlich ist, schauen die Staatsanwaltschaften fast tatenlos zu. Immerhin hat jetzt Verbraucherministerin Renate Künast (B90/Grüne) angekündigt, sich um die Sache zu kümmern.

"Studentin, 22, neugierig und spontan sucht Mann oder 2 Männer für Experimente im Bett" - "Treffe Girls für heiße Parkplatztreffs. SMS nur TREFF an 85000". Werbung für SMS-Kontakte, wie sie über Viva oder MTV verbreitet wird. Aber es geht auch weniger plump und mehr zielgerichtet. Mit Werbung im Teletext wie dieser wird dem potentiellen Kunden gleich die Postleitzahl entlockt und damit der Wohnort dem Betreiber mitgeteilt:

Single Flirt! Keyword Eingabe + Postleitzahl! Männer und Frauen suchen aus der Umgebung! Können selber sich registrieren lassen um angeschrieben zu werden, d.h. verschiedene Personen aus der Umgebung schreiben an. Auf den User eingehen! Freie Textwahl 87000

Das vereinfacht den Mitarbeitern der SMS-Chat-Firmen die Arbeit. Die professionellen SMS-Chatterinnen können sich nun einen Ort in der Nähe des neuen Kunden aussuchen und ihm in ihrer Antwort mitteilen, sie wohnten in einem Radius von rund 100 Kilometern - aber auch nicht zu nah, um verfänglichen Fragen nach regionalen Discos oder ähnlichem aus dem Weg zu gehen. Der angegebene Wohnort der Chatpartnerin ist genau so frei erfunden, wie alle Angaben zu Person, Name, Alter, Aussehen, Beruf - alles ist Fiktion. Die Chat-Firmen geben in ihrem Schulungsmaterial klare Anweisungen. "Verabrede dich mit ihm irgendwo", lautet eine von solchen Anweisungen, eine andere "Frage ihm Löcher in den Bauch! Jede Nachricht sollte ein Fragezeichen enthalten."

Spiel mit Gefühlen

Fast alle SMS-Chatter wünschen einen persönlichen Kontakt, ein möglichst schnelles Date. Solche Treffen werden auch stets vereinbart, aber nur, um sie einige Tage vor dem verabredeten Termin wieder abzusagen, Wenig später werden neue Treffen vereinbart, die wieder abgesagt werden, usw. Gibt der Kontaktsuchende eine Rufnummer an, wird behauptet, die sei nicht zu lesen. Ein Beispiel aus einer privaten Mitschrift eines solchen Chatverlaufs, nachdem "Achim" seiner vermeintlichen Chatpartnerin "Svenja" seine private Handynummer mitteilt - die sie angeblich zuvor nicht sehen konnte, weil der SMS-Chat angeblich anonym über einen Provider verläuft:

Achim

"Du kannst mich ja anrufen, wenn du möchtest maus."
Svenja

Der einzig logische Gedanke - Schutz für die kontaktwillige Chatpartnerin? Ist der Anbieter nicht zuvorkommend und fürsorglich? Oder ist es einfach nur Betrug? Nutznießer ist in diesem Fall zunächst einmal die Firma Materna, welche die Nummer 44141 von T-Mobile gemietet hat. Dies ergibt sich jedenfalls aus der Kundenliste der Telekom-Tochter

Dort findet sich für diese Rufnummer folgender Eintrag:

44141 Materna GmbH 01805-0550020 premium-sms-hotline@annyway.dehttp

//www.t-mobile.de/premiumsms/1,5389,7833-_,00.html

Nach Mitteilung von Materna ist das Unternehmen jedoch nicht selbst der Anbieter der SMS-Dienste. Die Rufnummer wurde vielmehr an die Cytainment AG aus Hamburg vermietet. Die Materna GmbH sei dagegen nur technischer Dienstleister für diesen Diensteanbieter.

Betrug nach Handbuch?

Denn Gründe für Ermittlungen wegen Betrugsverdacht gibt es gleich mehrfach. Bei der systematischen Abzocke mittels SMS-Chats überlassen die Firmen nichts dem Zufall.

Die Chatanbieter haben genaue Handbücher für ihre Mitarbeiter entwickelt, in denen haarklein aufgeführt ist, wie man möglichst viele der teuren SMS-Nachrichten generiert. So sollen die von sich selbst als "Profi-Chatter" bezeichneten Mitarbeiter gegenüber den Kunden solche Berufe angeben, die eine hohe Belastung darstellen und bei denen es - berufsbedingt - glaubwürdig zu Terminverschiebungen kommen kann.. Beliebt sind deshalb "Hebamme" oder auch "Kinder- " oder "Altenpflegerin". Zu Beginn eines Chats werden den Kunden Löcher in den Bauch gefragt. Wie alt? Beruf? Familienstand? Wohnort? Nachdem der Kunde seinen Wohnort bekannt gegeben hat, erfinden die Betreuerinnen den angeblich eigenen Wohnort und wählen dafür eine Stadt, die sich in einem Radius von ca. 100 km befindet. Zu nah darf der fiktive Wohnort nicht liegen, um Fragen des Kunden nach bestimmten Discotheken oder ähnlichem zu vermeiden. Andererseits muss der Wohnort der vom Kunden umworbenen Profi-Chatterin in erreichbarer Nähe liegen.

So erklärte beispielsweise unter der SMS-Nummer 87000 die Profi-Chatterin "Marion" dem 26jährigenKunden S. aus Ravensburg

ich habe auch schicht, bin krankenschwester, aus ulm, ja. ich muss morgen arbeiten. das wird ja dann schwierig mit treffen. und ab und zu mal smsen?

Ein typisches Beispiel - der fiktive Wohnort Ulm: nah aber nicht zu nah an Ravensburg, und ein klassischer Alias-Beruf, der plötzliche Terminabsagen erklärt. Nutznießer ist in diesem, wie in Hunderten anderer Fälle die Firma 2tell, Schwesterfirma der Whatever Mobile GmbH die sich auf die Abwicklung von Handy-Mediendiensten spezialisiert hat. Das Unternehmen gibt sich seriös. Recherchen des Magazins Stern zufolge fördert sogar "die Stadt Hamburg die Truppe um Geschäftsführer und Mitinhaber M. L., 34"

Wenn zu wenig einsame Herzen auf die Fernsehwerbung reagieren, wird bei manchen Anbietern auch mehr oder weniger wild durch die Republik gesmst. In der Versicherungsbranche nennt man dieses Vorgehen "Kaltaquise". Ahnungslose Handynutzer finden dann plötzlich eindeutig zweideutige Nachrichten auf ihrem Display, um sie für den teuren SMS-Flirt zu ködern. Da ist die "einsame Managerin" die dem Handynutzer aus Köln mitteilt, sie sei "über's Wochenende ganz allein in der Domstadt und möchte nicht alleine übernachten" Welcher Einsame kann da schon widerstehen?

SMS-Abzocke auch bei Kindern

Einzelne Betreiber haben sich auf SMS-Chats mit Jugendlichen spezialisiert. Die Inhalte variieren, die Masche ist die gleiche. Auch hier wird meist auf betrügerische Weise den Adressaten die Kontaktaufnahme zu anderen Jugendlichen suggeriert. Tatsächlich landen auch diese SMS bei "Profi-Chattern".

Bei Viva und MTV locken entsprechende Werbespots nun auch gezielt Kinder für die teuren SMS-Chats. Die Minderjährigen werden mit verlockenden Botschaften zum Schreiben der ersten SMS verführt. Die Redaktion des ARD-Magazins "Plus-Minus" kam bei einem Test mit drei Kindern zu dem Ergebnis, dass bei einzelnen Anbietern kein Hinweis auf den Preis von 1,99 Euro pro SMS erfolgte.

In der Sendung griff auch die Verbraucherschutzministern Renate Künast (B909/Grüne) zum Handy und schrieb an den Flirt Chat mit der Rufnummer 77677: "Heiße Renate und bin 11". Als Antwort erhält sie: "Hallo Renate, ich heiße Marc, wie geht es Dir?" Die Anbieter scheint auch nicht zu stören, dass die Minderjährigen ihr Alter angeben - die Antwort kommt angeblich von einer ebenfalls 12-Jährigen. Doch sobald man Adressen oder Nummern austauschen will, blocken die Personen auf der Gegenseite ab, oder es kommt gar eine Fehlermeldung. Oder es wird behauptet, die Nummer könne nicht übermittelt werden,. Doch nicht, dass der Spuk damit ein Ende hätte. Wer genervt aufhört zu schreiben, auf den wird auch Tage später noch Druck ausgeübt. "Lass mich doch nicht am ausgestreckten Arm verhungern", lautet nur eine der Nachrichten.

Ministerin Künast sieht nun Handlungsbedarf und erklärte in der Sendung:

Es ist grundsätzlich so, dass Verträge von Jugendlichen zwischen 7 und 18 unter dem Vorbehalt der Genehmigung der gesetzlichen Vertreter sind und sie sich bei Vertragsabschlüssen nur im Rahmen ihres Taschengeldes eigenständig bewegen können. Jetzt muss man überlegen

Reicht das als Sicherung aus oder muss eine neue Technik dazu beitragen, dass man Änderungen vornimmt

Es müssten bei diesen neuen technischen Diensten geordnete Verhältnisse geschaffen werden, und das gelte für alle Anbieter, so die Verbraucherschutzministerin weiter.

T-Mobile sieht sich nicht in der Verantwortung

T-Mobile hat alle Premium-SMS-Anbieter auf seiner Homepage veröffentlicht. Das Unternehmen weist eine mögliche Verantwortung für Betrügereien per SMS weit von sich und erklärt:

T-Mobile stellt den Anbietern der Premium SMS-Dienste die 5stelligen Kurzwahlen zur Verfügung und übernimmt die Rechnungsabwicklung. Für alles Weitere zeichnet der jeweilige Anbieter verantwortlich. Das beinhaltet insbesondere die Preisgestaltung, die Inhalte der Dienste sowie die Angebotsform - z.B. als Einzelabruf oder im Abo. Deshalb sind Anfragen oder Reklamationen zu den Diensten und deren Abrechnung bitte direkt an den jeweiligen Anbieter zu richten

In Folge des Stern-Artikels zeigte zumindest ein Anbieter Reaktion. Der auf dem deutschen Markt eher kleinere Anbieter verabschiedete sich von seinen freien Mitarbeitern per Email

Hallo liebe Operator,ich wende mich heute mit einer sehr schlechten Nachricht an Euch alle.Einige von Euch haben sicherlich mitbekommen, dass im "Stern" ein Artikelüber den Service "SMS-Chat" veröffentlicht wurde. In diesem Artikel wurdeauch die Firma STREAMEUROPE erwähnt, woraufhin England den Service mit sofortiger Wirkung eingestellt hat.Das bedeutet für uns, dass wir unseren Chat nicht aufrecht erhalten können.Ich danke allen für die gute Zusammenarbeit und wünsche Euch für die Zukunftalles Gute.Mit freundlichen GrüßenRenate Wallauer

Vielleicht reichen ja die bisherigen Einnahmen, um einige der mittels SMS betrogenen Kunden zu entschädigen

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