Wolkenkuckucksheim oder Waffe gegen Krieg?
Könnte das Konzept des Friedensjournalismus helfen, Kriege zu verhindern?
Ist "Friedensjournalismus" Träumerei oder ein neues Berufsbild in den Medien? Oder sind "wir alle", wie es ein Besucher einer Podiumsdiskussion zum Thema in Aachen ausdrückte, "auf Krieg getrimmt" und die Medien reagieren nur auf Kundenwünsche? Der Journalist und Medienpädagoge Martin Zint kritisierte auf jener Veranstaltung, dass "Kriegsberichterstattung eine anerkannte Sparte" sei und Kriegsberichterstatter "ein hohes Renommee" besäßen. Aber sie berichteten eben nur "gewaltorientiert" und verschlimmerten Kriege oft noch als Teil der Propaganda. Friedensjournalismus indes könnte Konflikte womöglich schon im Vorfeld mittels spezieller Berichterstattung entschärfen.
Zurück geht das Konzept Friedensjournalismus auf den Träger des alternativen Nobelpreises, Johan Galtung. Der norwegische Konfliktforscher hat dafür vier Schwerpunkte skizziert. Zum ersten untersucht diese Art des Journalismus die Vielschichtigkeit der Konfliktentstehung, Konfliktparteien sowie Lösungsansätze und macht all dies transparent. Er soll dabei alle Parteien ausgewogen zu Wort kommen lassen und lässt allen Seiten ihre Menschlichkeit. Zweitens deckt er Lügen aller Seiten auf. Drittens berichtet er über die Leiden aller, benennt Übeltäter und schaut auf das Engagement der "Friedensmacher". Viertens berichtet er schon früh über entstehende Konflikte und will nach Erkenntnissen von Konfliktforschung und Mediation vorab zwischen den Parteien vermitteln, etwa indem fehlende Gesprächsbereitschaft durch die Medienberichterstattung minimiert wird und erst gar keine Kriege ausbrechen. Geht das nicht, berichtet er über die Folgen und später - hoffentlich - vom Wiederaufbau und der Versöhnung.
Leider, so kritisierte Zint vergangenen Donnerstag auf besagter Podiumsdiskussion in Aachen, sei in den sich ständig verkleinernden Redaktionen und Agenturen kaum noch Zeit vorhanden für eine so komplexe Berichterstattung. Er sah indes schon in der gängigen Wortwahl einen Hinweis, dass in den Medien zwar Interesse an Krieg und Gewalt, aber nicht an Frieden und Konfliktlösung herrsche: Anhand Galtungs Analogie müsse man nicht vom Gesundheitsjournalisten sprechen, der über Heilungswege und Forschung informiere, sondern von "Krankheitsjournalisten":
Krankheit würde als etwas unabänderliches, natürliches dargestellt, unser Körper im Kampf mit den Bedrohungen des Lebens. Manchmal gewinnt die eine Seite, dann wieder die andere (...). Der Stärkere gewinnt. Aufgabe der Journalisten ist es, über diesen Kampf unparteiisch zu berichten. (...) Glücklicherweise hat sich in der Vergangenheit ein elaborierter Gesundheitsjournalismus etabliert. Auch Sport-, Wirtschafts- oder Gesundheitsjournalisten verbinden Fachkompetenz in ihrem Themenbereich mit journalistischen Fähigkeiten. (...) Warum sollte sich da nicht auch ein kompetenter Friedensjournalismus entwickeln?
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Zweiter Referent des Abends war Joachim Zinsen, Politikredakteur bei den Aachener Nachrichten. Zinsen sagte, es habe immer schon kritischen Journalismus gegeben, der "Lügen und Vorurteile demaskiert hat" und quasi dem Friedensjournalismus gleiche. "Leider" gebe es aber "heute zu wenig kritischen Krisenjournalismus, vor allem auch in Regionalzeitungen". Gerade diesen fehle oft die Zeit für ausführliche Recherchen. Man nutze Agenturtexte, denn Auslandkorrespondenten seien kaum zu finanzieren. Es fehle aber auch der Platz für ausführliche Texte und selbst "profansten Inlandthemen" würde mehr Platz eingeräumt. Auch würden die meisten Leser, also die "Kunden", "hochkompetente Analysen irgendeines Konflikts" - etwa in Afrika - oft als "viel zu lang und viel zu komplex" empfinden und nur sehr selten lesen.
Ist Galtungs Konzept also nicht tauglich für Gesellschaft und Praxis? Cornelia Oed kritisiert, dass die großen Fernsehstationen, Radiosender und Zeitungen setzten den Friedensjournalismus nicht um setzen. Aber sie hätten "angesichts der Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers den Feldzug gegen Afghanistan aktiv unterstützt." Bezeichnend etwa, dass die Berliner Tageszeitung "Die Welt" schon am 12. September 2001 kommentierte: "Krieg ist in Sicht, und es wäre fatal, sich in Deutschland mitfühlend aber unbeteiligt zurückzulehnen." Nadine Bilke, bei ZDFonline im Bereich Politik und Gesellschaft tätig, merkte hier zudem an:
Auch die Sprache der Berichterstatter hat häufig einen wenig objektiven Klang. Journalistinnen und Journalisten nennen dem Krieg Friedensmission oder Befreiungsaktion, sie reden von einem Vorstoß oder gar von einer Razzia gegen Paramilitärs. Mit diesen Wortschöpfungen verharmlosen sie nicht nur das Geschehen, sie schaffen auch neue Realität, z.B. durch die Benutzung der neuen Kreation 'vorbeugender Krieg'. Man gewinnt den Eindruck, viele Medien gehen an die Bearbeitung des Krieges als Kampf- und Schoßhund. Sie mögen den Konflikt, denn er bringt gute Stories und gute Bilder, er bringt Auflage - das weckt den Kampfhund. (...) Eine Umorientierung (...) hin zu einem Friedensjournalismus ist also dringend erforderlich.
Der Trend weist allerdings längst in eine andere Richtung, zumal Galtungs Konzept schon seit Beginn der 1990er Jahre existiert. Die Pressestelle des TV-Nachrichtensenders N24 verkündete etwa im Irak-Krieg stolz, ihr Kriegsreporter Guido Schmidtke "rückte mit seiner Einheit am Samstag früh auf den Flughafen vor" - gemeint war der seinerzeit umkämpfte Internationale Flughafen von Bagdad. Der Medienwissenschaftler Stephan Alexander Weichert wiederum zitierte unlängst in einem Beitrag für den Journalist Peter Limbourg, N24-Chefredakteur:
Die Idee des Friedensjournalismus ist weltfremd und nicht erstrebenswert. Man kann auch als Reporter nicht den Hunger in der Welt bekämpfen, indem man sich zum Nahrungsjournalisten erklärt.
Weichert zitierte ebenso ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brenner: "Guter Journalismus hat immer den Frieden im Sinn." Aber selbst einzelne Nachrichtensendungen des ZDF lassen immer mehr am "guten Journalismus" zweifeln. Das ZDF-Morgenmagazin gleicht etwa oft genug einer Dauerwerbesendung. Und wenn, wie vergangene Woche, Alexandra Vacano und Christian Sievers in ihrer locker-flockigen, zuweilen witzigen Art moderieren, bekommt jeder Konflikt und Krieg schon fast einen neckischen Touch. Überdies strahlte das ZDF-Morgenmagazin immerhin am ersten Tag des Irak-Kriegs regelmäßig nach der Vorhersage des Deutschlandwetters eine Wettervorhersage für den Irak aus. Hatte das "Frieden im Sinn"? Jo Groebel, Leiter des Europäischen Medieninstitutes, lenkte einst im Telepolis-Interview den Blick auf die Allianz aus embedded journalist, Reality-TV und Doku-Soap. Dies bewirke, dass sich die Medienwelt "von der Analyse hin zum Episodischen bewegt" habe - der Wetterbericht also nur eine Kriegsepisode?
Martin Zint sagte am Donnerstag, es freue ihn, das Thema Friedensjournalismus, das er bislang nur vor Medienfachleuten erläutert habe, erstmals einem anderen Publikum darlegen zu können. Und natürlich, sagte er auf Anfrage, habe das Konzept "einen wunden Punkt", nämlich die "Waffe der Gegenseite: Informationsverweigerung". Sie sei "zu einer Waffe geworden, die zunehmend eingesetzt wird", obschon zumindest demokratische Behörden und Regierungen Auskunftspflicht hätten. Die Frage nach dem Wert von Friedensjournalismus, wenn Regierungen davon überzeugt sind, Krieg führen zu wollen, stellte danach niemand mehr. Ein Zuhörer ergänzte indes selbstkritisch: "Wir alle sind auf Krieg getrimmt, nicht nur die Medien."
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17025/1.html- im ernst (24.3.2004 18:24)
- Spannende Sammlung, aber... (24.3.2004 11:43)
- Neue Friedensinitiative e.V. (24.3.2004 11:12)
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