Das geheime Nachtleben des machtlüsternen George W. Bush

Peter V. Brinkemper 01.04.2004

Larry Finks "Forbidden Pictures" in der Tradition der Berliner Satire

Wie weit darf man die Ikonen der Politik mit fingiertem Sex, Rock'n Roll and Crime besudeln? Sind Obszönität und politische Satire überhaupt der richtige Weg, um den missionarischen Eifer des prüden Präsidenten zu bloßzustellen - die vorgetäuschte Cleanness der republikanischen Regierungsvertreter der USA, erst ihre grundehrliche Art, Wahlen zu fälschen und dann den Leuten vor zugehangenen antifaschistischen UN-Kunstwerken ins Gesicht zu lügen, um grund- und erfolglose Kriege anzuzetteln? Der bekannte Fotograf Larry Fink hatte die Konfrontation längst nach dem Wahldebakel vorbereitet. Dann trat höhere Gewalt dazwischen.

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Doch Fink hielt an seinem Kunst-Skandal-Vorhaben hartnäckig fest: in seinem Projekt tableaux vivants - 2001 geplant als Attacke des New York Times Magazine, nach dem 11. September unterdrückt und nun schließlich, 2004, ausgestellt: als The Forbidden Pictures, als "politisches Tableau in Farbfotografie", im Netz und in den Lehigh University Art Galleries, Bethlehem, Pennsylvania, im Foyer der Political Science sowie dem Pressespiegel. Bald nimmt der inszenierte Skandal doch seinen Kurs auf New York, the Sex and the City, und demnächst aufgrund einer Initiative der Galerie Lichtblick, Köln, auch auf Deutschland, im Rahmen einer Bilderkampagne gegen den Krieg.

Skandal im Internet und in Bethlehem

Sobald Larry Fink seine The Forbidden Pictures: a Political Tableau ins Netz stellte, monierten republikanische Studenten-Gruppierungen und andere konservative Organisationen sogleich die Majestätsbeleidigung des bisher saubersten und privat wohl auch treusten Präsidenten, den es je gab. Auf diesen Mann kann man sich verlassen und für ihn lohnt es zu sterben. Dieses neue moralische Fundament in Form einer großartigen Durchschnitts-Persönlichkeit dürfe auch nicht durch die Respektlosigkeit inszenierter Fotoshootings, die Nachtcafes und Separees im Berliner Stil der 20er Jahre zitieren (Gottfried Benn: die Flöte rülpst...), untergraben werden.

Als die Ausstellung in Bethlehem eröffnet wurde und der Internetskandal einen Ort erhielt, wurden die Verantwortlichen der Lehigh Universität, der Kurator der Lehigh Art Galleries, Ricardo Viera, und Larry Fink selbst mit Emails und Telefonanrufen bombardiert. Von Fink zum Schmutzfink ist es sicher in der deutschen Etymologie nicht weit. Doch bisher ließ Larry, der Unbeirrbare, sich nicht einschüchtern. Er hielt, ohne Umschweife, an dem offenen und direkten Anti-Bush-Zynismus der Pre-September-Eleven-Epoche fest. Während derzeit der Kurswert der Bush-Regierung immer weiter verfällt, gewinnen die "Forbidden Pictures" eine immer stärkere Aussagekraft, weil sie die öffentliche Meinung an ihr eigenes liberales Einschätzungsniveau der W.-Bush-Junta vor der zensurähnlichen Knebelung der öffentlichen Meinung nach den Anschlägen in New York und Washington erinnert. Die Ausstellung ist noch bis zum 12. April in der Lehigh University's Dubois Gallery zu sehen. Eine ausführlichere Version in Verbindung mit einem limitierten Katalog wird in New York bei Powerhouse Books vom 16. Juni bis zum 4. September zu sehen sein, das Ende ist also etwas pietätvoll einige Tage vor den nächsten 11. gesetzt.

Dünne Wände zwischen Berlin und Bethlehem

In der Tradition und Manier von Otto Dix, George Grosz und Max Beckmann breitet Fink in grellen Farben, lasziven Posen und zerrissenen Kompositionen die Motive lüsterner Gesellinnen und Gesellen in zeitlosen Chambre Separeés aus. Allerdings geht es hier nicht um die Cafes, Tanzsäle und Bordelle der Berliner 20er Jahre mit ihren verdrucksten männlichen Charakteren, vor allem Kriegsgewinnlern, Militärs und Schiebern, während der Fleischbeschau der eingekauften Weibchen und der Aussortierung der zurechtgewebten kunstseidenen Mädchen.

Finks Schauspieler-Modelle und seine Politiker-Doubles räkeln sich aneinander vorbei - in voneinander getrennten, beliebig collagierbaren öffentlichen Posen. Es scheint, als ob das Sex sells, die von Seite 1 allzubekannten schrillen Gesten der Models genau den Posituren der Politiker entsprächen, jenen lauten Reden an die entqualifizierte und unkritische Öffentlichkeit oder ihren etwas leiseren Absprachen mit ausgewählten Firmenvertretern und Lobbyisten - Zwerggiganten, immer das glucksende Geräusch fließenden Erdöls im Ohr.

Als echter Patriot erweist sich Fink, wenn er den Präsidenten wie einen geschlechtslos-steif-erigierten Nationaldummy als Bugfigur die halbseidene Atmosphäre durchschneiden lässt. Das könnten offizielle Staatsfotos wären. Hail! Wären da nicht ein paar Indiskretionen, die schnell in die Schublade gehören, wenn die TV-Kameras zur nächsten Ansprache angehen! Einige Berührungen mit den weiblichen Models und das zuhälterförmige Gehabe des sichtlich älteren Beraterteams. Das säuerliche, pseudo-sardonische Grinsen des George-W.-Doubles erhält dabei eine andere Note in einer derart käuflichen Umgebung, die Billyboy Clinton sicherlich, bei aller spontanen Leidenschaft für seine Praktikantinnen, keinen Spaß gemacht hätte.

Die eigentliche formale Obszönität und satirische Brechung der Finkschen Fotoinszenierungen besteht darin, dass die Herren in voller Machtsucht in einem nur scheinbar wollüstigen Rahmen auftreten, der nur auf der Ontologie ihres herrschaftlichen Blicks beruht und soviel Echtheit besitzt wie der Plastiktruthahn in Bagdad. Nur der naive Betrachter kann annehmen, hier werde in einer berauschenden Taverne eine ganze Nacht der Macht und dem Sex gefrönt. Der Kontext des politischen Rauschs und des privaten Suffs, der das Vorleben unseres jetzigen artificial clean W. beherrschte, die Männerrituale des Deliriums und der Gewalt, sind also ein herbei gezerrter Schein, eine irreale Kulisse, wie das in der UNO verhängte Guernica, als Powell wie ein echterer Künstler, ein Münchhausen unserer Tage sein zusammengefälschtes Memo über Massenvernichtungsmittel im Irak von PowerPoint zu PowerPoint vortrug.

Andererseits spricht vieles dafür, dass gerade die anfängerhafte Manieriertheit der Körpergesten von männlichen und weiblichen Anfängermodels, die Pornographie der lächelnden Mundwinkel, das glitschige Protoschauspiel aalglatter Möchtegerns durchaus so auf den ewigen Wahlparties abläuft, - vor allem dann, wenn man den herbeigemogelten Sieg auch später noch nicht so recht fassen kann. Diese Art der schizophrenen Besäufnisses an der eigenen verklemmten Machtversessenheit, die es zufällig geschafft hat und sich nun in undemokratischer Elite-Barbarei und Kriegshetze austobt, schafft eine Orgie leerer Anspannung, einen Exzess in einem hohlen Innenleben, das die im Modell gemeinten realen Personen selbst noch nicht einmal in ihren Alpträumen eingestehen würden, weil sie ihre Identität weiterhin festmachen an der Propaganda-Oberfläche konservativer Werte: dem nüchtern-aufopferungsvollen Familienleben, dem unpolitischen amerikanischen Patriotismus und der zivil-militärischen "Stabilität" im Dienst der permanenten Erwartung und Abwicklung des Ernstfalls.

Madonna und Larry Fink

Das Amerika-Video, in dem Madonna einem Bush-Imitat fast kollegial eine Handgranate zuwarf, an der dieser sich allzu souverän eine Clinton-Zigarre wie ein Abraham Lincoln mit achtzig Leben ansteckte, ist, noch vor seiner schnellen Absetzung, in einem bestimmten Sinne ästhetisch gescheitert. Denn hier wird W. Bush noch als Profi-Antäuscher ernstgenommen. Dagegen biegt Larry Fink die politischen Intrigen und Deals der Bush-Cheeney-Rumsfeld-Powell-Mafia zurück in einen missliebigen ästhetischen Rahmen, das sexuelle Disneyland Alteuropas zwischen Berliner Nachtleben und Pariser Moulin Rouge: Der deutsche Ikonoklasmus der verspäteten Weimarer Moderne bietet das Phantasma einer entfesselten Großstadtkunst, die als zunächst unpolitische um so dramatischer wirken konnte, als sie unter der aufkommenden Diktatur sogleich als entartet diffamiert und ghettoisiert wurde.

Es bieten sich unterschiedliche Zugänge zum Bilderkrieg der 20er Jahre an: Einmal der Angriff auf das Tafelbild und seine vermeintliche Wahrheit, die Attacke auf das realistische Porträt und das gesellschaftliche Tableau durch den subversiven Rhythmus der Expressionismus, durch seinen Hang zur grotesken Verzerrung des menschlichen Ausdrucks und die Schadenfreude an der nachgestellten und irregeleiteten Verführbarkeit des modernen Menschen durch massenhafte Signale und geballte Symbole. Aber auch im Rückgriff auf die kalte Pracht der neuen Sachlichkeit, welche die abgebildeten Menschenwesen wie genormte Typen, Zellhaufen und Zuchtbullen im stählernen Gefängnis einer gewalt- und kriegsbereiten Moderne erscheinen lässt. Die neusachlichen Metzger- und Bürokraten-Gesichter wirken in ihrer pittoresken Verschlossenheit oft unheimlicher als die expressionistischen Ausdrucksmasken. Im Zahnarzt von nebenan lauert die apokalyptische Fratze einer geld- und machtgierigen Politik der gezielten Menschenverachtung, die sich von den ethischen Imperativen nicht länger bremsen lässt und nur noch auf das Spiel der Unterwerfung und Prostitution bis zum nächsten Gegenschlag setzt.

Vor allem der Kontrast zwischen der feixenden Unglaubwürdigkeit des nervös auf Distanz bedachten und berechnend blickenden Bush-Doubles und der auf Abruf veranstalteten Theatralität schwüler Talmi-Erotik, Pan-Flöten-Bläserei und clownesker Dämonie von Billig-Mephistos bringt die spröde Perversion der bisher unerfüllten Verheißungen der Bush-Regierung allegorisch auf den Punkt. Es geht um den Anwalt des Teufels und seine leeren satanischen Versprechungen. Es scheint, als habe - anders als der über-sinnlich Saxofon-spielende Bill Clinton - George W. Bush auch noch in der Hölle des herbeibestellten Begierden-Zirkus, im Old McDonalds der Triebbefriedigung, nur den baldigen Blick auf seine alles aussagende Armband-Uhr im Sinn. Den Orgasmus ersetzt die Notoperation. Larry Fink widerlegt mit seinen Bildern keineswegs den selbstverordneten faschistoiden Puritanismus der Bush-Riege, sondern er inszeniert ihn als eine eiskalte, subpolare Herrschaftspose, die sich selbst noch das Kitsch-Bouqet von Table-Dancenden-Femme-Fatales im Nirgendwo von Ground Zero und Al-Raschid bis zum nächsten Anschlag in durchgeheuchelter Betroffenheit leisten kann.

Es sieht so aus, als sei Busch, der ewige Wahlkämpfer in eigener kümmerlicher Sache als verzogener Sohn auch noch auf der Insel der Circe nicht recht bei Sache, sondern immer an den Marterpfahl seines Kriegs gegen den Terror, an das Joch seiner Kampagnen gegen Intelligenz, Besonnenheit, Mäßigung, Diskurs und Dissidenz gebunden. Und von dort kehrt er den Spieß um und missioniert noch in der Spelunke des Verderbens scheinheilig jene wohlanständigen Sicherheitsberaterinnen, deren unterschiedliche Hautfarbe keineswegs die Garantie für eine ausgewogene Politik ist.

Larry Fink hat mit seinen Bildern einen nur allzu erwartbaren Skandal ausgelöst: Dass sein Werk "nicht notwendigerweise mit der Ansicht der Lehigh Universität Art Galleries oder gar der Lehigh Universiy übereinstimme", wurde eigens in einer Presseerklärung unterstrichen, die unter den Studenten und an der Fakultät angeregte Diskussion sei "zivilisiert und kollegial" verlaufen.

Die Fotoserie Finks entstand als Bilderwaffe eines politischen Kulturkampfes, die in die Eröffnungsphase der neuen Regierung nach ihrem offensichtlichen Wahlbetrug hineinplatzen sollte: Am 16. September 2001 sollten die Bilder im New York Times Magazine einen breiteren, wenn nicht gar weltweiten Skandal auslösen. Doch dann kam alles anders, wenigstens scheinbar: Eine dummdreiste Junta erteilte sich - wie in Weimar - ein weltinnenpolitisches Kriegsmandat und löste eine antidemokratische Kettenreaktion im eigenen Land und bei den Verbündeten aus. Die Presseorgane winkten ab. Derzeit schauen sie sich wieder nach Formen der Kritik, Satire und Ironie um.

Lassen wir zum Abschluss Larry Fink selbst zu Wort kommen. Es macht Spaß, diesem hellsichtigen Künstler zuzuhören:

Larry Fink: Per Aspera ad astra

It was time - the election was stolen, robbed by middlemen on top. Folks who thought the past was the future because they owned the present. Entitlement didn't come from being lazy; it came from cunning aggrandizing connivance (Begünstigung).

The leader was a twice entitled frat boy with charisma informed by homily and stubborn gotcha comfort.

It was simple! I was shooting fashion, perhaps a compromise for me, but a trivial, jovial, stylish, learning theater (Anfängertheater). Why not use its public accessibility for subversion, satire, association, and education?

An idea! One of my favorite periods in 20th Century art was Weimar Germany, with Beckmann, Dix, and Grosz all melting down convention in an impassioned visionary way. Grosz was especially political but all of them were hyper-aware of the decadence, the despair, the hysteria, and the lies.

I suggested to the New York Times Magazine (whose rear end is sometimes gifted with fashion spreads) an idea to replicate the period but loosen it, update it, and tell it anew. There were fashion equivalents and certainly moral and historical ones.

Oh the glee! They said yes. I suggested that rather than the corpulent Weimar German types, why not use our current fraudulent leaders, George W. and his cabinet. Oh the glee! They said yes. Political satire and critical acuity are something rarely if ever done in fashion. Yet another coup.

We searched for the cast of dancers, whores, merry makers, and priests. We searched for the lookalikes of our own Mr. G.W. and his consortium. We found it all and went to work. Five paintings chosen from the period and three days shooting them, interpreting them, and creating aesthetic clarity and political bedlam (Irrenhaus).

The work was to run in the Times on Sunday 9/16/01.

9/11 gave birth to doom. The tragic inevitable moment, the rupture of providence, the rape of the external soul of America. And its aftermath.

Critical images of the president and his men would not be published. In fact, all critical thought was temporarily suspended and the fundamentalist Islamic conspiracy bore the turf for the fundamentalist neoconservative conspiracy which was already in wait for the history which would give it license and muscle. Its muscle is still prominent and will be for some time.

As it became apparent that the presidential team was acting beyond the righteous knee jerk of anti-terrorism, when the public critical spirit was on the rise, I offered the pictures again to the Times. No! The New Yorker. No! Harper's Magazine. No! The European market I felt sure would publish them. But no. Like their influences, the images were banned, not by decree but by mute fearful compliance to the norm.

Here in the halls of political science of Lehigh University, they speak their eye and tongue. They are free. But the ever-evolving question is, are we?

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17046/1.html
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