Alles in Orkut?

26.03.2004

Früher hieß es "Bin ich sexy?" - heute ist die Frage der Stunde: "Wie beliebt bin ich?" So genannte Soziale Netzwerke sind der Trend im Internet

Vorreiter ist - wie fast schon üblich - Google mit seinem social network namens Orkut.

Die Seite sieht unspektakulär aus: himmelblau, mit wenigen grafischen Spielereien. Auf der Startseite werde ich mit einem schlichten Satz begrüßt: "Welcome Torsten, You are connected to 149976 people through 31 friends." Diese Zahl ist Teil einer - wenn auch nicht beispiellosen, so jedoch beeindruckenden Erfolgsstory. Erst vor einigen Monaten gestartet, hat Orkut eine gewaltige Userbasis erobert. Man fühlt sich fast an die Hochzeiten der New Economy erinnert. Denn wofür die sozialen Netzwerke eigentlich gut sind, können die meisten Nutzer spontan nicht beantworten.

Virales Marketing

Die Kunde von Orkut verbreite sich von Rechner zu Rechner, von Freund zu Freund, von Kontinent zu Kontinent und erreichte dabei Geschwindigkeiten, die sonst nur Mailviren an den Tag legen. Es vergingen einige Wochen, bis die Einladungen auch in Europa stärker verbreitet wurden - und da wurden sie schon teilweise sehnsüchtig erwartet. Wehe dem, dessen Bekanntenkreis schon infiziert war: manche User wurden mit Orkut-Einladungen regelrecht überschüttet, bis sie schließlich klein nachgaben und auch Mitglied wurden.

Orkut ist virales Marketing par excellence: Der Nutzer meldet sich nicht selbst an, sondern man wird von seinen Freunden eingeladen - verifizierte Emailadressen sind so fast garantiert. Für Nicht-Mitglieder gibt es kaum Informationen. Man kann eine kleine wenig sagende Produktschau starten - das ist alles. Im Gegenzug zeigt das Netzwerk gegenüber jedem Neuankömmling einen gewaltigen Datenhunger: Name, Adresse, Arbeitsplatz, Lieblingsfilme, Lieblingsserien, Fotos, sexuelle Vorlieben - mag man Haustiere zu Hause, im Zoo oder höchstens auf dem Teller? All die Daten sollen helfen, Menschen mit gleichen Interessen kennen zu lernen. Eigentlich benötigt wird nur eine funktionierende Emailadresse. Doch die meisten Mitglieder breiten hier ihr halbes Privat- und Berufsleben aus - maschinenlesbar. Viele Marketingunternehmen würden sich alle Finger lecken nach dem hier gesammelten Datenschatz.

Gerade die Gruppe, die sonst sehr restriktiv mit den eigenen Daten umgeht, ist hier besonders stark vertreten: die Nerds und die Geeks haben die Plattform erobert. So wundert es kaum, dass es 23 verschiedene Communities mit dem Thema Debian gibt, die größte davon mit über 1600 Mitgliedern. Doch die Betrachtung der Gruppe zeigt auch einen weiteren merkwürdigen Effekt: als Kommunikationsplattform selbst taugt Orkut noch nicht viel. Die Debianer, die sonst Foren, Mailinglisten und Wikis im Nu füllen haben ganze 12 Threads zustande gebracht.

Überhaupt sind die Features unter Orkut noch sehr spärlich gesät. Das Mailtool ist gerade mal rudimentär zu nennen, die Verwaltung der themenbezogenen Gruppen ebenso. Die Hauptfunktion ist das Sammeln und das Eintragen neuer Freunde - und das wird geradezu exzessiv betrieben.

Netzwerkeffekt

Eine Freundschaft kann bei Orkut nur eingetragen werden, wenn beide Seiten zustimmen. Ab und an erhält jeder Orkutianer die Nachricht, dass ein anderer Nutzer der Plattform einen selbst als Freund eingetragen habe. Wenn man dem zustimmt, wird man in Zukunft auch auf dessen Profilseite aufgeführt - und tritt auch offiziell in Kontakt mit dessen Freunden. Wer nicht in den Freundeskreis beliebter Persönlichkeiten aufgenommen wird, kann wenigstens seine Bewunderung ausdrücken, indem er Fan eines anderen wird.

Zu Beginn brach ein regelrechter Wettbewerb aus, wer die meisten Freunde zu bieten hat. Ein einmaliges flüchtiges Treffen oder eine ungefähre Ahnung von der Existenz eines anderen schien auszureichen, um eine andere Person in den Kreis der eigenen Freunde einzureihen. Und das Gegenüber spielte oft mit - schließlich wollte jeder mehr Freunde gewinnen. Der Netzwerkeffekt greift. Mit jedem neuen Mitglied steigt der Nutzen des gesamten Netzwerkes exponentiell an: Zwischen vier Mitgliedern sind beispielsweise sechs Verbindungen möglich, bei fünf Mitgliedern sind es schon zehn mögliche Kommunikationskanäle. Bei Millionen Mitgliedern ist die Vielzahl möglicher Verbindungen kaum noch kalkulierbar.

Wo geht's hin?

Erst langsam machen sich die Orkutianer mit den Möglichkeiten der Plattform vertraut. Die meisten eintrudelnden Nachrichten sind noch banal. Claudia [Namen geändert] ist jetzt auch bei Germans in Orkut dabei und wollte nur mal Bescheid sagen. Eva ist froh, mehr Orkut-Fans zu haben als Wesley Clark und Arnold Schwarzenegger und schickt den passsenden Link herum. Klaus möchte den deutschen Orkutianern Bescheid geben, dass eine neue Skat-Communy auf Mitglieder wartet.

Doch die Kommunikation läuft noch meist an Orkut vorbei. Wer seine tatsächlichen Freunde in sein Orkut-Netz integriert hat, wird weiterhin lieber persönlich, per Mail oder Instant Messaging mit ihnen kommunizieren. Wer mit neuen Orkut-Bekanntschaften ausführlicher plauschen will, kann auch andere Wege nutzen. Schließlich sind im Orkut-Profil die nötigen Angaben enthalten.

Doch auch auf der Plattform sprießt so langsam die Pflanze der Kommunikation. Nach den Terroranschlägen von Madrid entstand sofort eine Community, die sich mit den vorfällen beschäftigte. Viele Orkut-Mitglieder tauschten ihre Fotos aus Solidarität mit den Opfern mit einer schwarzen Schleife aus. Eine Woche später sind die meisten Schleifen wieder den normalen Fotos gewichen. Ob die Aktion den Dialog mit Opfern des Terrorismus nachhaltig gefördert hat, bleibt hingegen abzuwarten.

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