Propagandistische Fallstricke um 16-jährigen Selbstmordattentäter
Am Mittwoch wurde kurz nach der Ermordung des Hamas-Führers Jassin ein palästinensischer Jugendlicher an einem Checkpoint mit einem Sprenggürtel vor laufender Kamera festgenommen
Am Mittwoch wurde ein 16-jähriger palästinensischer Junge aus Nablus an der Kontrollstelle Hawara von israelischen Soldaten gestellt. Der Junge hatte einen Gürtel mit 8 kg Sprengstoff unter seinem Hemd versteckt, wollte diesen an der Kontrollstelle zünden, aber bekam dann doch nach seiner Entdeckung Angst und löste den Sprengsatz nicht aus. Hussam Abdu ist aufgrund einer Kopfverletzung, die er durch einen Unfall erlitten hatte, geistig zurück geblieben. Zufällig wurde der 40-minütige Ablauf der Geschehnisse von einem Kameramann aufgenommen. Die Bilder gingen um die Welt. Die Benutzung des Jungen wurde weithin verurteilt, auch in Palästina und auch von den Organisationen, die Terroranschläge durchführen. Keine bekannte sich dazu, den Jungen überredet zu haben, als Selbstmordattentäter zu fungieren. Ein Eingeständnis wäre angesichts der breiten Ablehnung auch gar nicht zu erwarten gewesen. Neben der Verurteilung der Drahtzieher gedeihen aber auch bei manchen Palästinensern Verschwörungstheorien, dass die Geschichte möglicherweise von den Israelis selbst eingefädelt worden sein könnte. Erneut ein Beispiel für eine unklare und von vielen Seiten ausgeschlachtete Nachrichtenlage in einem Konflikt, den auch Informationen mit aufheizen.
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| Hussam Abdu am Checkpoint. Bild |
Das Ereignis kam tatsächlich passend für die israelische Regierung, nachdem weltweit die Ermordung des Hamas-Führers Achmed Jassin auf Kritik gestoßen war (Lizenz zum Töten?). Kinder oder Jugendliche, noch dazu behinderte, als Selbstmordattentäter einzusetzen, löste selbstverständlich Entsetzen über die gewissenlosen Hintermänner aus. Zunächst wurde verbreitet, dass der Junge 14 Jahre alt sei, was die Entdeckung noch schlimmer und das Unverständnis noch größer machte. Seltsam mag erscheinen, was die Entstehung von Verschwörungstheorien auf interessierter palästinensischer Seite nährte, dass die ganze Aktion vor laufenden Kameras stattfand. Überdies wartete das israelische Militär erst eine Weile, um den Jungen Journalisten zu präsentieren, bevor er abgeführt wurde. Kurz vor der Festnahme hätten die Soldaten einen Hinweis auf einen unmittelbar bevorstehenden Anschlag erhalten, weswegen sie begonnen hätten, berichtet Haaretz, die Palästinenser zu kontrollieren.
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Nach Angaben des israelischen Militärs war Hussam am Mittwoch Nachmittag um 16 Uhr den Soldaten aufgefallen, weil er sich auf verdächtige Weise bewegte, die Warteschlange überholte und irgendetwas unter seinem Hemd versteckt zu haben schien. Die Soldaten hatten hinter Barrikaden Deckung bezogen, die Waffen auf den Jungen gerichtet und ihm befohlen, sein Hemd anzuheben. Alle anwesenden Palästinenser wurden aufgefordert, zur eigenen Sicherheit zurück zu bleiben. Der Junge wurde ängstlich, nachdem er entdeckt wurde, und erhob die Hände. Leutnant Tamir Milrad berichtet, Hussam habe gesagt, er wolle nicht mehr sterben und sich in die Luft sprengen.
Die Soldaten befahlen ihm, den Zünder zu entfernen, mit dem Abschnallen des Bombengürtels hatte Hussam jedoch Schwierigkeiten. Die Soldaten schickten schließlich einen ferngesteuerten Roboter mit einer Schere zu ihm, damit er die Befestigung durchschneiden konnte. Endlich legte er den Gürtel vor sich auf den Boden, musste noch Hemd und Hose ausziehen, bis er dann von den Soldaten festgenommen wurde. Der Sprengsatz wurde gezündet. Alles erfolgte unter dem Blick einer Kamera, so dass die Bilder von dem verhinderten Selbstmordanschlag eines geistig behinderten Jugendlichen um die Welt gehen konnten.
Instrumentalisierung von Kindern in einem mörderischen Konflikt
Der Junge, der von seinen Altersgenossen angeblich gehänselt und als "hässliche Kröte" bezeichnet wurde, soll gesagt haben, dass er sich umbringen wollte. Möglicherweise hat er auf diesem Hintergrund mit einem Selbstmordanschlag geliebäugelt, um vom gedemütigten Niemand zu einem "Helden" zu werden. Seine Auftraggeber, die noch nicht bekannt sind oder nicht bekannt gegeben wurden, hätten ihm gesagt, ein Selbstmordanschlag sei der einzige Weg, um direkt in den Himmel zu gelangen. Im Garten Eden wollte er mit den ihm dort versprochenen 72 Jungfrauen Sex haben. Wie es im Himmel aussieht, will er von seinem Lehrer und aus eigener Koranlektüre erfahren haben. Für den Anschlag sollte er 100 Scheckel, ungefähr 20 Euro, erhalten. Angeblich habe eine Tanzim-Zelle aus dem Flüchtlingslager Balata in Nablus erklärt, den Jungen beauftragt zu haben.
Allem Anschein war die Tat nicht länger geplant. Angeblich saß Hussam am Abend vor der Tat mit Freunden zusammen und hatte dabei seinen Entschluss gefasst (oder wurde dazu mit Paradies- und Ruhmesversprechungen überredet). Seine Mutter berichtete, er habe am Dienstag Süßigkeiten verteilt und sei anders als gewöhnlich gewesen.
Ansonsten ist auffällig wenig Genaueres bislang bekannt. Ausbeuten ließ sich der Junge wohl auch deswegen, weil er unter seiner persönlichen Lebenssituation litt und sich Anerkennung oder Aufmerksamkeit verschaffen wollte. Seine Familie schilderte ihn als naives und für sein Alter zurück gebliebenes Kind, das leicht manipuliert werden konnte. Auch seine Familie scheint nichts prinzipiell gegen Selbstmordanschläge zu haben, wendet sich nur dagegen, dass Minderjährige dazu benutzt werden. Wäre er 18 Jahre gewesen, würde alles anders aussehen. Seine Tante erklärte beispielsweise:
Die palästinensischen Kinder können sich an ihrer Kindheit nicht erfreuen. Sie wachsen unter dem Anblick von Schießereien, Mord, Tötungen, Zerstörung, Häuserverwüstung auf. Sie leiden an Armut. Der Krebs der Besetzung zerstört ihr Leben ... Ich bin sehr stolz auf ihn. Jeder Araber, jeder Muslim sollte auf ihn stolz sein.
Weil er geistig zurück geblieben ist, war er ein einfacher zu überzeugendes Opfer, zumal die Kultur des Märtyrertums durch Selbstmordanschläge unter den palästinensischen Kindern und Jugendlichen unter hohem Ansehen steht und von vielen Organisationen als legitimes sowie religiös geadeltes Mittel zelebriert wird. Von früh auf wachsen die Kinder in dieser Kultur des Kampfes gegen Israel auf und werden auch durch die Aktionen der israelischen Soldaten in den Konflikt mit hineingezogen. Tote und Verletzte gehören zum Alltag. Praktiziert wird der "Widerstand" gegen das israelische Militär von vielen Jugendlichen mit schon ritualhaft zu nennendem Steinewerfen auf Soldaten und Panzer. Es werden aber auch Molotow-Cocktails und andere Waffen von Jugendlichen verwendet, die gleichzeitig aber auch oft zu Opfern werden.
Seit Beginn der Intifada wurden über 500 palästinensische Kinder getötet (und 100 israelische). Nach Angaben des israelischen Militärs sind bislang 29 Jugendliche unter 18 Jahren als Selbstmordattentäter eingesetzt worden. Seit 2001 seien mehr als 40 Jugendliche festgenommen worden, die an Planungen für Selbstmordanschläge beteiligt gewesen sein sollen. Letzte Woche war - übrigens am selben Checkpoint - ein 12-jähriger Junge mit einer Bombe festgenommen worden, der ohne sein Wissen als Bote benutzt worden war. Er hatte 5 Scheckel dafür erhalten, Gepäck, in dem sich die Bombe befand, über die Kontrollstelle zu einer Frau zu bringen. Verantwortlich wurde wieder eine Tanzim-Gruppe gemacht. Angeblich hatten die Hintermänner geplant, die Bombe über ein Handy aus der Ferne zu zünden, was durch technisches Versagen aber nicht gelungen war.
Noch ist unbekannt, wer zu welchem Zweck Hussam Abdu als Werkzeug missbraucht hat
Wer auch immer den Jungen instrumentalisiert hat, muss wohl um seine geistige Behinderung gewusst haben. Angeblich sei er im ganzen Viertel als "Idiot" bekannt gewesen. Gestern hat das israelische Militär in Nablus weitere drei Jugendliche festgenommen, die auf dieselbe Schule wie Hussam gehen. Jerusalem Post berichtet, dies habe mit der Untersuchung des Vorfalls zu tun.
Wie Hussam der Reportern der Zeitung Yediot Aharonot erzählte, habe er niemanden gesagt, was er vorhatte: "Als ich die Straßensperre erreichte, hatte ich immer weniger Angst. Aber die Soldaten hielten mich auf und drückte nicht auf den Auslöser. Ich habe meine Meinung geändert. Ich wollte nicht mehr sterben." Seine Mutter berichtete, er sei wie immer zur Schule gegangen. Erst nach der Festnahme habe sie von seiner Absicht erfahren: "Das ist schockierend", sagte sie. "Ein Kind auf diese Weise zu benutzen, ist unverantwortlich und kriminell."
Seltsam aber ist die Geschichte mit den 20 Scheckel Belohnung. Seine Familie ist nicht arm, sein Vater besitzt einen Supermarkt. Selbst Yediot Aharonot berichtet, dass Hussams Entschluss, Selbstmordattentäter zu werden, nichts mit Armut zu tun habe. Die Zeitung schrieb, dass sein Beispiel mit der Vorstellung aufräume, palästinensische Jugendliche würden nur aufgrund wirtschaftlicher Not zu "Märtyrern" werden, weil dies der einzige Weg sei, dieser zu entkommen.
Wir hatten keine Probleme. Ich hatte einen Computer und ich spielte Computerspiele. Ich hörte viel Musik aus dem Internet. Ich wollte einmal mit Elektronik arbeiten, wenn ich erwachsen bin. Ich wollte ein Fernseh- und Radioreparaturgeschäft in Nablus eröffnen. Jetzt schicken sie mich für 25 Jahre ins Gefängnis. Ich will nicht im Gefängnis sein.
Die Eltern von Hussam finden es seltsam, dass das israelische Militär (IDF) ("14 Year Old Palestinian Boy Detained in Nablus Carrying Explosive Belt") und auch das Außenministerium ("14-year-old suicide bomber intercepted") das Alter des Jungen zunächst mit 14 Jahren angegeben hatten, obgleich aus seinem Ausweis hervorgeht, dass er über 16 Jahre alt ist. Die Eltern hegen einen anderen Verdacht:
Das IDF und die israelische Propagandamaschine versuchen, Schlagzeilen zu machen, indem sie bewusst berichten, dass er jünger ist, als er wirklich ist.
Das israelische Militär entgegnet, der Junge hätte ihnen gesagt, er sei 14, Papiere habe er nicht dabei gehabt. Tatsächlich ist er sechzehneinhalb Jahre. Die Altersangaben auf den Websites sind bis heute aber unverändert geblieben. Mit 16 Jahren ist er nach dem gültigen Kriegsrecht in den besetzten Gebieten kein Kind mehr. Die israelische Armee erklärte auch, dass der Junge nicht sehr "schlau" sei, aber dass er trotzdem wusste, was er machen wollte, weswegen er vor Gericht gestellt werden und daher auch weiter in Haft bleiben soll.
Yaqub Shahin vom Informationsministerium der Autonomiebehörde unterstellt gar, wie al-Dschasira berichtet, dass die ganze Story Propaganda sei, um die Palästinenser schlecht zu machen. Dazu stellt er die Aussagen des Jungen ein wenig anders dar:
Wir wissen mit Sicherheit, dass dies von A bis Z eine erfundene Geschichte ist. Würden Sie glauben, dass ein 13- oder 14-jähriger Junge zustimmen würde, sich für 100 Scheckel in die Luft zu sprengen, die er nach seinem Tod erhält? Mir scheint, die Israelis sind auch schlechte Lügner.
Als Verdacht führte er zudem die Präsenz von Fotografen und eines Kameramanns an und meinte, es habe in letzter Zeit mehr eigenartige Vorfälle gegeben. Der für AP arbeitende Kameramann Abed Khabeisa ist allerdings selbst ein Palästinenser, der zufällig an dem geschlossenen Checkpoint vorbeigekommen sei und dann von einem ihm bekannten Soldaten die Erlaubnis erhalten habe, den Vorgang zu filmen. Das Misstrauen an der in den Medien und von der israelischen Regierung verbreiteten Version ist aufgrund der bislang verfügbaren Informationen nicht ganz unberechtigt, aber ebenso einseitig gegen Israel gerichtet, wie dort damit der Kampf gegen die palästinensischen Terroristen mit allen Mitteln, der Bau der Mauer und die zahlreichen Kontrollstellen gerechtfertigt werden.
Zumindest wurde der Vorfall propagandistisch stark zugunsten der israelischen Seite ausgenutzt, für diejenige palästinensische Seite, die Terroranschläge für legitim betrachtet, ist der Vorfall eigentlich nur negative Propaganda, denn auch bei den meisten Palästinensern kommt diese ungeheuerliche Manipulation eines geistig behinderten Jugendlichen nicht gut an. Einziger Ausweg zur Rettung des mit terroristischen Mitteln geführten Widerstands ist also, die Schuld daran den Israelis zuzuschieben. Oder zu eruieren, welche Interessen wer auf palästinensischer Seite haben könnte, kurz nach der Ermordung Jassins eine solche Tat zu planen, die - auch bei Gelingen - den palästinensischen "Widerstand" in Diskredit bringt, wenn es nicht gar eine schreckliche Idee von anderen Jugendlichen war, den dummen Hussam in den Tod zu schicken und dadurch Aufmerksamkeit zu finden oder von den "Großen" anerkannt zu werden. Wer weiß, wie einfach auch Jugendliche in ihrem Umfeld an solche Sprenggürtel herankommen.
Die al-Aksa-Brigaden, in deren Umkreis die von Israel als Auftraggeber verdächtige Tanzim-Zelle stehen würde, haben jedenfalls jede Verantwortung abgestritten, aber auch nicht sonderlich überzeugend versichert, keine Kinder zu rekrutieren: "Wir rekrutieren niemanden unter 17 Jahren." Wie gut, dass Hussam 16,5 Jahre alt ist. Die meisten Palästinenser halten es wie die Eltern von Hussam für durchaus möglich, dass Palästinenser den Jungen instrumentalisiert haben könnten und verurteilen dies als verbrecherisch.
Ob es dabei aber tatsächlich moralisch eine wichtige Rolle spielt, ob jemand 16, 17 oder 18 Jahre alt ist, scheint eigentlich eher nebensächlich zu sein. Verwerflich ist im Fall Hussams, dass er vermutlich gar nicht wirklich seine Tat beurteilen konnte und wegen seiner persönlichen Problematik ausgewählt wurde. Aber natürlich spielt auch der Hintergrund eine Rolle. Das Leben ist nicht viel wert in den palästinensischen Gebieten, aber auch nicht für diejenigen, die Terroranschläge auf israelische Menschen ausüben. Geschichten und Bilder wie die von Hussam schüren den Konflikt eher, als ihn zu dämpfen, wenn sie vor allem für propagandistische Zwecke benutzt werden. Immerhin haben sich aber nun auch einmal wieder palästinensische Prominente in einer Anzeige in der Zeitung Al Ayyam gegen den bewaffneten Widerstand gewandt und dazu aufgefordert, die Ermordung Jassins nicht mit weiteren Terroranschlägen zu rächen. Das würde nur zu einer weiteren Verschärfung der Lage führen. Sie forderten hingegen eine "friedliche" Intifada.
Seit Beginn der Intifada haben Bilder in der Propagandaschlacht zwischen Palästinensern und Israelis immer eine wichtige Rolle gespielt. Der Konflikt findet vor den Augen der Weltöffentlichkeit statt, die aus der Ferne vor allem die Fernsehbilder und Fotografien in den Zeitungen sieht. Wer stärkere Sympathien erhält, ist für beide Seiten überlebenswichtig (Die Macht der (grausamen) Bilder sowie Die Macht der Bilder).
Schon zu Beginn der Intifada standen die Live-Bilder über Schießereien zwischen Palästinensern und israelischen Soldaten am 6. Oktober 2000, bei denen der 12-jährige Mohammed Dura, wieder ein Kind, sich zunächst hinter seinem Vater versteckt hatte und dann von einer Kugel getroffen wurde. Die Bilder wurden zum Symbol für den palästinensischen Widerstand, da zunächst davon ausgegangen wurde, das Kind sei von den israelischen Soldaten erschossen worden. Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass es sich auch um eine Kugel eines Palästinensers gehandelt haben kann. Kurz darauf gingen im grausamen Gegenzug die schrecklichen Bilder um die Welt, die zeigten, wie eine erregte Menge in Ramallah zwei israelische Soldaten getötet und ihre Leichen aus einem Fenster geworfen haben. Anschließend präsentierten einige Palästinenser ihre blutigen Hände (Krieg und Bilder).
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17053/1.html- Tja ... (29.3.2004 6:25)
- Alles nicht sehr Ermutigend (29.3.2004 3:29)
- Ach heini (29.3.2004 3:23)
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