Windenergie hat Zukunft

30.03.2004

Von der Windenergie wird erwartet, was niemals von Kohlekraft und Kernkraft gefordert wurde: Argumente gegen den Spiegel-Titel "Windmühlen Wahn"

Das relativ windarme Deutschland ist Nummer Eins in Sachen Windenergie. Grund zum Jubeln oder schon wieder eine Verschwendung von Steuergeldern? Das Dossier in der aktuellen Ausgabe des Spiegel Der Windmühlen Wahn tendiert zur zweiten Meinung - und misst dabei mit zweierlei Maß, denn von der Windenergie wird immer noch erwartet, was niemals von Kohlekraft und Kernkraft gefordert wurde.

Die Kritikpunkte sind bekannt: Die Windkraft ist zu teuer, kann ohne Subventionen nicht auskommen und ist sowieso nicht umweltfreundlich. Außerdem verschandeln Windkraftanlagen die Landschaft. Auf die übelsten Verzerrungen hat die Windindustrie schon reagiert, beispielsweise auf die Behauptung des Spiegel, es sei leichter, eine Baugenehmigung für eine Windkraftanlage als für einen Kiosk am Badesee zu bekommen. Auch die Kostenberechnungen für Windparkinvestoren sind im Spiegel so dargestellt, als gäbe es besondere Abschreibungsmöglichkeiten für Windkraft. In Wirklichkeit nutzt man lediglich die bestehende Gesetzeslage.

Manchmal widerspricht sich das Dossier selbst. Einerseits wird behauptet, Investoren würden viel Geld bei Windparks zum Fester rausschmeißen ("nur die Verluste gelten als sicher"), anderseits seien solche Windparks dank der Subventionen "Lizenzen zum Geldrucken". Beides geht nicht. Zwar haben manche großen Windfirmen wie Plambeck und die Umweltkontor AG in den letzten Jahren kräftig an Wert verloren, aber anderen Nemax-Firmen geht es noch schlechter. Und die Umweltkontor AG hat vor allem in der Biomasse-Sparte fehlinvestiert, nicht in Wind. Diese Fehlinvestition betrifft außerdem die ganze Biomasse-Branche: Die Farmatic AG hat erst kürzlich wegen der unsicheren Förderungspolitik für Biomasse Insolvenz gemeldet.

"Die schlimmsten Verheerungen seit dem dreißigjährigen Krieg."

So wird ein Kritiker der Windanlagen in Brandenburg im Spiegel-Dossier zitiert. Dabei wird die ganze Absurdität der Kritik offenbar. Vergessen wird beim Vergleich "Windpark/30-jähriger Krieg" beflissentlich, was die Landschaft seit 1648 sonst alles verschandelt hat: das frühe Industriezeitalter, in dem Schornsteine die Luft verpesteten und Fabriken Flüsse vergifteten; der Bau der Strassen, Autobahnen und Zuggleise; die Zersiedlung der Städte und last but not least die rund 180.000 in Deutschland installierten Strommasten. Dagegen nehmen sich die rund 15.000 Windkraftanlagen (WKA) recht bescheiden aus.

Wieso regt man sich darüber auf? Nun, "man" regt sich eigentlich gar nicht darüber auf. Auch wenn das Spiegel-Dossier behauptet, der Widerstand gegen die Windkraft wachse, bleibt die Windkraft unangefochten die Energiequelle, die sich die meisten Menschen wünschen, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in der EU und in den USA, vermutlich sogar weltweit (Der deutsche Erfolg, das niederländische Problem und das amerikanische Desaster).

Der Dichter Botho Strauß, der auch im Dossier zitiert wird, vergleicht die WKA zwar mit anderen industriellen Errungenschaften, sieht die Lage aber trotzdem dramatisch:

Eine brutalere Zerstörung der Landschaft, als sie mit Windkrafträdern zu spicken und zu verriegeln, hat zuvor keine Phase der Industrialisierung verursacht.

Quantifizieren lässt sich das nicht - man verweist lediglich auf "400.000 Zugvögel", die den "Vogelschreddern" in einem geplanten Offshore-Windpark zum Opfer fallen könnten. Es gibt durchaus aktuelle Studien, die das Gegenteil bei den Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee belegen: z.B. 1 toter Vogel pro WKA / Jahr. Hinzu kommt, dass an den Masten der WKA unter Wasser offenbar künstliche Riffs entstehen, die von Fischen und Muscheln besiedelt werden.

Vor allem aber wird deutlich, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, denn die Windkraft muss Ansprüchen genügen, die noch nie an Kohle und Kernkraft gestellt wurden, und wenn die Windkraft die Förderung bekommt, die Kohle und Kernkraft seit eh und je kriegen, wird diese Unterstützung allein bei der Windkraft bemängelt. Erstens ist sehr umstritten, ob die Bilanz der WKAs bei Vögeln überhaupt negativ ist: Zwar werden schätzungsweise 1-3 Vögel pro Jahr/WKA getötet, aber die saubere Luft durch weniger Emissionen entlastet alle lebenden Tierarten (Die Windenergieanlage als Vogelfalle). Zweitens wird immer angenommen, man hätte die Wahl zwischen Windkraft und unberührten Kulturlandschaften - oder wie es im Dossier heißt "Geld gegen Landschaft".

Warum war es bei Kohle anders? Der richtige Vergleich (wenn wir davon ausgehen, dass wir nicht auf Strom verzichten wollen) wäre zwischen Windkraft und anderen Energien wie Kohle und Kernkraft. Dann wird aber der Vergleich schwierig, denn niemand hat jemals wissenschaftlich versucht, die Zahl der durch die Emissionen eines Kohlekraftwerks getöteten Vögel zu ermitteln, sieht man von der groben Schätzung eines kanadischen Ingenieurs ab, der die Zahl der durch Windkraft geretteten Vögel auf 1710 p.a. beziffert.

NIMBY - not in my backyard

Ähnlich sieht es aus, wenn es um die "Verschandelung" der Landschaft geht. Dass es zu Widerstand gegen Windparks gekommen ist, wundert nicht, denn die Menschen wehren sich meistens gegen alles, was nach Industrie aussieht, sobald es nebenan stehen soll - ein Phänomen, das auf englisch unter dem Kürzel NIMBY (zu deutsch etwa: nicht in meinem Garten) bekannt ist.

Hand aufs Herz

Die Menschen wollen sauberen Strom, aber sehen will man davon gar nichts außer der Steckdose. Man wünscht sich wohl ein riesiges Sonnenenergie-Kraftwerk in der Sahara, das durch einen noch nicht erfundenen Supraleiter mit dem Alten Kontinent verbunden ist - und dann bitte ohne diese lästigen politischen Turbulenzen in den dortigen Ländern, die unsere liebe Stromversorgung beeinträchtigen könnten. Ach ja, habe ich vergessen, dass das alles billig sein soll?

Die Kohleindustrie hat schon ganze Dörfer verschlungen und Berge versetzt. Windanlagen können dagegen abgebaut werden - und man sieht nichts mehr. Es findet kein bleibender Eingriff in der Natur statt. Gegen die Kernkraft ist auch protestiert worden, was immer verschwiegen wird, wenn es um die "Verspargelung der Landschaft" durch WKA geht. Selbst der Begriff "Verspargelung" ist schlecht gewählt, denn viele Süddeutsche kriegen gar nicht genug vom Spargel. Die Landschaft im Badnerland ist jetzt schon vom Gemüse her verspargelt, und das finden alle gut so.

Das Spiegel-Dossier listet Fälle auf, in denen Bürgermeister sich vergeblich gegen den Bau einer WKA kämpfen. Angeblich können sich die Kommunen gegen den Bau von WKA nicht wehren. Das ist zwar richtig, denn die Kommunen können nicht einfach beschließen, dass sie keine WKA haben wollen, genauso wie sie nicht beschließen können, dass sie keine Kohle- und Kernkraftwerke haben wollen. Wenn jede Kommune sich gegen Kraftwerke wehren könnte, würde es keine geben. Die Kommunen können aber durchaus sogenannte "Vorrangflächen" für WKA ausweisen.

Laut Josef Pesch, Geschäftsführer der Freiburger fesa GmbH, haben manche Kommunen in Norddeutschland versucht, sich gegen WKA zu wehren, indem sie besonders windschwache Gebiete als Vorrangflächen ausgewiesen haben. Sie wollten damit die Windfirmen abschrecken, aber diese klagten und bekamen recht. Die Gerichte beschlossen, dass auch die Flächen, die diese Kommunen nicht als Vorrangflächen vorgesehen hatten, für den Bau von Windparks nun offen waren. Anders gesagt: Ausgerechnet die Kommunen, die Widerstand geleistet haben, durften am wenigsten über den Standort mitreden. Diese Kommunen fühlten sich übertrumpft, aber sie hatten selbst zu tricksen versucht, ohne die Gesetzeslage ausreichend zu kennen.

Verschwiegen werden im Spiegel dabei die umgekehrten Fälle, z.B. in Freiburg, wo die Bürgermeister sich seit Ende 2003 für den Bau von 2 Windanlagen gegen den erbitterten Widerstand der Stuttgarter Landesregierung gewehrt haben. Die Windanlagen am Schauinsland speisen seit September 2003 Strom ins Netz ein, aber Stuttgart zog im Oktober 2003 die Baugenehmigung zurück - einen Monat danach. Angeblich verschandeln diese WKA die Landschaft. Interessanterweise gibt es keinen nennenswerten Widerstand gegen die WKA im Schwarzwald, wo Umfragen belegt haben, dass zwischen 65% und 83% der Menschen die Windanlagen haben wollen. Der Widerstand kommt aus der fernen schwäbischen Landeshauptstadt - von oben herab.

Das Spiegel-Dossier behandelt sogar die Teilnahme der Gemeinden an lokalen Windparks als "rechtliche Grauzone". Die Windindustrie soll also nicht die Gelder, die an die Kommunen zurückfließen, von der Zahl der installierten WKA abhängig machen. Und wenn die Kommunen da mitmachen, sind sie laut Spiegel "geldgierig". Worin sich diese Politik von der allgemeinen bundesdeutschen Tagespolitik unterscheidet, verrät der Spiegel nicht. Vermutlich berechnet der Spiegel seine Werbegebühren auch pro Seite.

Apropos Kosten

Die Windenergie ist offenbar die einzige Energieform - ja, man könnte sagen, die einzige Industrie überhaupt -, die ohne Subventionen auskommen soll. Das Dossier beschwert sich über "21.750 Euro für jeden der 40.000 Arbeitsplätze in der Windindustrie". Es wird dabei verschwiegen, dass dies lediglich ein Bruchteil der Subventionen für Kohle ist: Die Subventionen machen für alle erneuerbaren Energien (EE) gerade mal 22 Prozent der Subventionen für die Kohleindustrie aus. Zugleich sind jetzt schon mehr Menschen in der EE-Industrie als in der Kohlewirtschaft tätig: 130.000 gegen rund 90.000. Die Süddeutsche Zeitung schätzt die Zahl der in der Windindustrie Beschäftigen übrigens auf rund 45.000.

Dabei wird zur Zeit sieben mal mehr Energie durch die Kohle als durch EE erzeugt. Anders gesagt: Die EE sind zwar teuer, aber auch arbeitsintensiv - genau das, was ein schwacher Arbeitsmarkt braucht. Das Geld zirkuliert also innerhalb des Binnenmarkts, es wird dabei keine Energie importiert und es entsteht eine kräftige Exportindustrie. Zwar ist der Export in den letzten Jahren bescheiden geblieben, weil zu wenige andere Länder sich zur Windenergie bekannt haben, aber die Zielsetzung in der EU wird bis mindestens 2010 einen Boom auslösen (Atomkraft wird es auch in Zukunft geben, aber anders als Sie denken), von dem deutsche Windfirmen stark profitieren werden.

"Schattenkraftwerke"

Zweierlei Maß, wo man nur hinschaut: Weil die Windkraft so boomt, müssen wohl die Stromnetze mancherorts ausgebaut werden. Dabei werden Stromnetze seit eh und je für jedes große Kohle- oder Kernkraftwerk ausgebaut. Ironischerweise müssen die Stromnetze gerade für EE wenig ausgebaut werden, weil die EE-Anlagen eher klein und dezentral sind, d.h. der Strom wird zunehmend vor Ort statt in entfernten Großkraftwerken produziert.

Der Windenergie wird auch vorgeworfen, sie würde am Ende gar nicht so viel Emissionen einsparen, weil die Großkraftwerke immer unwirtschaftlich herauf- und heruntergefahren werden müssen, was auch noch weitere Kosten verursacht. Die Windindustrie hält dagegen, dass die Windprognosen sehr gute Vorhersagen ableiten lassen. Anfang des Jahres kam es sogar zu einem Streit, weil die großen Energieversorger ihre Preiserhöhungen mit höheren Kosten durch EE begründeten. Angeblich müsse viel Regelenergie in Reserve gehalten werden. Es stellte sich aber heraus, dass die meiste Regelenergie ausgerechnet in dem Netz mit der im Verhältnis wenigsten Windenergie parat gehalten wurde: im RWE-Netz. Außerdem überstiegen die Preiserhöhungen der Versorger in manchen Fällen die Kosten für EE.

Richtig ist, dass der Strom aus EE immer von den Versorgern gekauft werden muss, und zwar unabhängig vom aktuellen Strombedarf. Das schöne neue Wort "Schattenkraftwerk" hat sich für diese Regelenergie eingebürgert. Damit sind nämlich nicht etwa die Großkraftwerke selbst gemeint, sondern die durch die EE verdrängte oder vermiedene Produktion durch diese Kraftwerke. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil immer wieder fälschlich behauptet wird, man müsse mehr Kohlekraftwerke bauen, um die Ausfälle der WKA zu kompensieren. Das muss nicht sein.

Anders ausgedrückt: Die großen Kohle- und Kernkraftwerke können immer wieder nicht mit voller Kapazität laufen. Die Kosten für diese sogenannten "Schattenkraftwerke" beziffert das Spiegel-Dossier auf 100 Millionen Euro. Der Bundesverband Erneuerbare Energien hält dagegen, dass die Versorger im Jahre 2003 500 Millionen mehr von ihren Kunden verlangt haben, als das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) fordert. Mit anderen Worten: Die Versorger decken ihre Kosten durchaus, verwenden aber offenbar das EEG als Scheinargument für weitere Preiserhöhungen.

Laut Spiegel ist die Windenergie ein deutsches Vorzeigeprojekt wie die deutsche Maut - das hätte TollCollect gerne

Es stimmt auch nicht, dass Umweltschutzorganisationen Sturm gegen WKA laufen. Neben Greenpeace befürwortet auch BUND die Windenergie eindeutig, wie aus dem Positionsblatt Windenergie hervorgeht:

Der BUND befürwortet den weiteren Ausbau der Windenergie-Nutzung in Deutschland als eine dezentrale erneuerbare Energiequelle. Dieser Ausbau muß in Natur und Mensch schonender und geordneter Weise erfolgen. Windenergie als eine besonders umweltfreundliche und dauerhafte Energiequelle wird bei der Stromversorgung im ökologischen Energie-Mix der nachhaltigen Energiewirtschaft eine wichtige Rolle spielen.

Insgesamt liefert das gesamte Online-Dossier - mit Artikeln seit 1997 - ungewollt eine ausbalanciertere Betrachtung, als es auf den ersten Blick erscheint, denn die Spiegel-Artikel von 1997-2004 zeigen, dass die Argumente der Kritiker sich nicht an den Erfolg der Windkraft anpassen. Schon längst widerlegte Argumente werden immer noch vorgetragen. Es ändern sich nur die Zahlen: Im Artikel von 1997 heißt es, die Windkraft decke lediglich 0,7 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. 2004 waren es rund 4%. Die deutsche Maut kann von solchen "Problemen" nur träumen.

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