Vision vom Islam als dem "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus
Korrupte, vom Westen unterstützte Regime führten zur Re-Islamisierung des Nahen Ostens, der den Boden für militante Fundamentalisten wie al-Qaida vorbereitete
Fast täglich werden irgendwo in der Welt al-Qaida-Verdächtige festgenommen: etwa in Spanien, Pakistan, Indonesien, Saudi-Arabien, Großbritannien oder in Deutschland. Insgesamt sind in den zweieinhalb Jahren nach der Zerstörung des WTC mehr als 3000 Personen weltweit verhaftet worden. Alleine in den Ausbildungslagern von Afghanistan sollen bis zu 50.000 Kämpfer trainiert worden sein. Es gab und gibt noch weitere Camps in Indonesien, Pakistan, Tschetschenien, Sudan, Nigeria, angeblich auch in Kolumbien oder Peru, wo zusätzlich einige Tausend internationale Freiwillige ihren "Grundwehrdienst" an der Waffe ablegten oder gerade dabei sind, es zu tun. Es scheint so, als habe der Kampf gegen den "Satan im Westen" und ihre "arabischen Marionettenstaaten" im Mittleren Osten erst begonnen.
In den Monaten nach den Anschlägen vom 11.9. bekamen in Nord-Nigeria 70 % aller neugeborenen Jungen den Namen "Osama". In Marokko wurden die brennenden Twin Towers und das Porträt bin Ladens zum beliebtesten Handy-Display-Motiv. In Beirut schmunzelte mein Nachbar sichtlich zufrieden, als vor ein paar Tagen der Tod von vier "zivilen US-Geheimdienstlern" in Falludscha und gleichzeitig von 5 weiteren amerikanischen Soldaten in den Nachrichten gemeldet wird. "Das ist die Rache an Amerika", sagt er mit einem Gesicht der Schadenfreude. "Rache für eine jahrzehntelange Politik des Terrors und der weltweiten Unterdrückung."
Saudi-Arabien, den ganzen Golf, hätten sich die Amerikaner gekauft und, wenn sie mit Geld nicht weiter kämen, dann bombardierten sie eben. "Als nächstes ist Syrien und der Iran dran", sagt er mit verbitterter Miene. Zu Zeiten der Sowjetunion habe es noch ein, zwei Mächte gegeben, erklärt er mir weiter. "Heute gibt es nur noch eine und die macht, was sie will."
|
|
So vereinfachend mein Nachbar die politische Weltlage sieht, mit seiner "Analyse" trifft er jedenfalls genau die Stimmungslage der Mehrheit der moslemischen Bevölkerung in den arabischen Ländern.
Eine wahre Unabhängigkeit der arabischen Länder nach dem Ende der Kolonialherrschaft hat es für viele nie gegeben. Dazu war und ist der Einfluss, die "Fremdbestimmung" durch den Westen zu groß. Die herrschenden Eliten haben sich nur bereichert und mit Hilfe des Westens korrupte Regime installiert. Gleichzeitig wuchs die soziale Ungerechtigkeit, sozialistische Experimente wie im Jemen, im Irak oder in Syrien sind völlig fehlgeschlagen.
Die gegenwärtige Militärpolitik der USA brachte das Fass quasi zum Überlaufen. Nicht zu vergessen die Politik Israels, die einen nur annähernden gerechten Frieden für die Palästinenser unmöglich macht. Es ist ein Gefühl der Ohnmacht, die bedrückende Einsicht, wie nie zuvor ein Spielball fremder Mächte zu sein.
Eine solche Stimmung sucht ihr Ventil. Unzufriedenheit gebiert den Wunsch nach einem besseren, anderem Leben. Eine Vision, die das kollektive wie individuelle Selbstbewusstsein stärkt und einen Ausweg aus der misslichen Lage bietet. In den letzten drei, vier Jahren, so berichteten Professoren von Universitäten in Beirut, haben sie eine Re-Islamisierung unter ihren Studenten beobachtet. Frauen tragen wieder Kopftuch, Männer Bärte, Fasten im Ramadan ist "cool" und die Wahlen zur Studentenvertretung werden nicht mehr von den linken Gruppen, sondern von den islamischen organisiert.
Neudefinition des Dschihad
Bin Laden erkannte die Zeichen der Zeit schon lange vorher. In Afghanistan rüstete er fast unbehelligt zum großen Krieg gegen alle Übeltäter, die Schuld an der Misere der arabischen Welt haben. 1998 erließ er dann seine bekannte Fatwa (wozu er übrigens aus Mangel an religiöser Ausbildung nicht im Geringsten berechtigt ist), in der er zur "islamischen Weltrevolution" aufrief. Für "Fundamentalisten" wie bin Laden stand schon lange fest, wer der wahre Feind ist. Bereits seit den 70er Jahren wurde der Islam als der "dritte Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus propagiert.
Militante Aktionen gab es auch immer wieder. Das bekannteste Beispiel ist das Attentat im Oktober 1981 auf den damaligen ägyptischen Präsidenten Sadat, dem "Verräter", der mit Israel einen Friedensvertrag abgeschlossen hatte. Die bevorzugte Lektüre des Attentäters, des Leutnants Khalid al-Islambuli, war ein Buch mit dem Titel "Die vergessene Pflicht". Darin beschreibt der Autor Abdes al-Salam, der auch wegen Beteiligung an der Ermordung 1982 hingerichtet wurde, den "Dschihad" (neben dem Glaubensbekenntnis, Fasten, Pilgerschaft, Armensteuer und Gebet) als "sechste Säule" des Islams.
Bereits einige Jahre vorher hatte ein blinder Student, namens Omar Abder Rahman, eine 2000 Seiten umfassende Dissertation zum Thema "Dschihad" an der Kairoer Universität Azahr abgefasst, in der er dem Begriff im Unterschied zu islamischen Rechtsgelehrten eine neue Bedeutung gab. "Dschihad bedeutet eigentlich "sich anstrengen", um ein gottgefälliges Leben zu führen. Einen "Heiligen Krieg" führt man nur gegen äußere Aggressoren, im Verteidigungsfall. Laut Rahman ist diese Interpretation ein Resultat der Angst vor den Kolonialmächten. "Dschihad" wird bei ihm zur "kriegerischen Pflicht" umgewandelt. Man müsse zur Waffe greifen und die Ungläubigen auffordern, den Glauben anzunehmen oder aber sich zu ergeben und sich der muslimischen Herrschaft unterzuordnen.
Islam sei immer mit Waffengewalt durchgesetzt worden. Der blinde Sheik Omar Abder Rahman wurde spiritueller Führer der "Al-Gama'a al- Islamiya", die für mehrere Anschläge in Ägypten verantwortlich ist. Heute verbüßt der Sheik in den USA wegen der Beteiligung am ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 eine lebenslange Haftstrafe.
Den letzte Baustein der modernistischen Ideologie der "Dschihadisten" fügte Abdallah Azzam, ein palästinensischer Islamist und Mitbegründer der Hamas, hinzu. In seinen Schriften wird der "Märtyrertod" verherrlicht. Es könne kein schöneres und glücklicheres Schicksal geben, als im "Dschihad" für die gute Sache zu sterben.
Ein Märtyrerkult war im Islam in diesem Ausmaß bisher nicht bekannt. Nach der iranischen Revolution hatte Ayatollah Khomeini den "Tod als Märtyrer" in Erinnerung und Anlehnung an den Tod Imams Husseins vor 1300 Jahren in Kerbala "revitalisiert". Im Krieg mit dem Irak ließ man dann kaum bewaffnete Selbstmordbataillone gegen die feindlichen Stellungen in Wellen anlaufen. Der Irak geriet unter Druck, die USA kamen Hussein zu Hilfe. Aber das verdankt sich der Religionsgeschichte der Schiiten, die von radikalen Sunniten mehr oder weniger als Ungläubige angesehen werden. 1983 gab es in Beirut einige Selbstmordattentate. Beim schlimmsten Selbstmordanschlag starben 231 US-Marines - und die USA zogen sich aus dem Libanon zurück. Wahrscheinlich hat Abdallah Azzam da bei den schiitischen Kollegen einiges gelernt..
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17114/1.html- Aktualisiert: "Die Rede im dipolmatischen Gewande" (1.6.2006 12:32)
- Wo nichts ist... (28.4.2004 17:16)
- Kindermätzchen... (28.4.2004 17:01)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
