Fundamentalisten übernehmen das Ruder

Harald Neuber 10.04.2004

Die Kämpfe gehen weiter und Schiiten und Sunniten scheinen sich besser zu verstehen, als die US-Regierung dies erwartet hat

Während sich die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Besatzern und irakischen Widerstandsgruppen immer mehr einem offenen Krieg annähern, halten Vertreter der führenden Besatzungsmacht USA an ihrer zentralen These fest: Der Widerstand ist gar keiner. Es handele sich um kriminelle Elemente, die eine Demokratisierung von Irak vermeiden wollten. Zuletzt war das vom Präsidenten selber zu hören:

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Wir werden in Irak Kurs halten. Wir werden uns nicht von Schlägern und Mördern einschüchtern lassen. Wir werden nicht abbrechen und von den Leuten weglaufen, die sich nach Frieden sehnen.

Nach wie propagieren die USA, die Mehrheit der irakischen Bevölkerung unterstütze die Besatzer und sei dankbar, von der Herrschaft Saddam Husseins befreit worden zu sein. Die Widerstandsaktionen werden wahlweise als "isolierte Aktionen" oder "kriminelle Angriffe" verurteilt. Zugleich jedoch mehren sich die Berichte von unabhängigen Reportern, die auf den zunehmenden Unmut in der Bevölkerung hinweisen.

Auch der britische Anthropologe William Beeman sieht das Grundproblem der US-Truppen und ihrer Alliierten in Irak in dem Umstand, dass sie es nicht geschafft hätten, ein "soziales Abkommen" mit der Bevölkerung zu schließen, "und daher jeder Autorität entbehren". Robert Fisk, der für den Londoner "Independent" aus der Region schreibt, hatte bereits Ende Januar im Telepolis-Interview prophezeit, was seit vergangener Woche offensichtlich ist:

Der Unmut über die soziale Lage im Land und die Wut über die leeren Versprechen der US-Regierung sind inzwischen so groß, dass es im Land immer mehr brodelt. Das Gefährlichste, was nun passieren kann, wäre eine Vereinigung der Schiiten und der Sunniten.

Schiiten und Sunniten

Die Fehleinschätzungen der US-Militärs in Irak sind vielfältig. Weder konnten die sunnitischen Guerillastrukturen zerschlagen werden, noch steht die schiitische Bevölkerungsmehrheit geschlossen hinter den Besatzern. Der schwerste Trugschluss aber war, dass sich die beiden Gruppen verfeindet gegenüberstehen und das strategische Bündnis der US-Militärverwaltung mit "den Schiiten" für politische Stabilität sorgt. Immerhin ist eines der gewichtigsten Argumente der Besatzungstruppen, dass ihre Präsenz einen Bürgerkrieg zwischen den Bevölkerungsgruppen verhindere.

Zweifelsohne hatte das Regime Saddam Husseins seine soziale Basis in der sunnitischen Bevölkerung. Eine historische Tatsache ist auch, dass die Schiiten - 60 Prozent der irakischen Bevölkerung - unter der Baath-Führung brutal unterdrückt wurden. Die Repression äußerte sich sowohl in dem Verbot der religiösen Riten dieser muslimischen Glaubensrichtung als auch in der politischen und sozialen Marginalisierung ihrer Anhänger. Das so entstandene Bewusstsein, "Bürger zweiter Klasse" zu sein, brachte die Schiiten in der konkreten Unterdrückung und unmittelbar nach dem Sturz des Saddam-Regimes in Frontstellung gegen die sunnitische Basis der Baath-Partei. Die anhaltende soziale Misere ein Jahr nach dem Fall Saddams aber drängt diese Differenzen in den Hintergrund.

Entgegen der abwartenden Haltung der schiitischen Ayatollahs unter Ali Sistani hat der junge Geistliche Moktada al-Sadr die Gunst der Stunde genutzt, um sich innerhalb der geistlichen Führungsriege der Schiiten zu profilieren. Zu seiner exponierten Rolle beim Aufstand trägt auch bei, dass al-Sadr für eine politische Strömung innerhalb der schiitischen Ayatollahs steht, die der iranischen Revolution verwandt ist. Signifikante Unterschiede in der Haltung der beiden Lager zu den Besatzungstruppen dürfte es nicht geben, zumal die US-Machthaber nach der vermeintlichen Niederschlagung des sunnitischen Widerstandes Ende vergangenen Jahres deutlich von den Versprechen abgerückt sind, die Schiiten in einer künftigen Regierung ihrer Bevölkerungsstärke entsprechend zu beteiligen.

Ungeachtet der forcierten These einer unüberwindbaren Feindschaft beider Gruppen gab es in den vergangenen Tagen deutliche Zeichen einer Annäherung. So rief der sunnitische Rat der Ulemas "Sunniten und Schiiten" auf, "die Besatzungstruppen zu vertreiben". Als US-Truppen Ende der Woche die sunnitische Stadt Falludscha abriegelten, machten sich aus Bagdad Hunderte Sunniten und Schiiten gemeinsam zu Fuß und auf Lastwagen auf, um den belagerten Menschen Nahrungsmittel und Medikamente zu bringen.

Kulturelles Unverständnis sorgt für Probleme

Sei es das Unvermögen, sich in die kulturellen Gegebenheiten des Landes zu versetzen, oder der willentliche Verstoß gegen die Regeln des Landes: Durch ihre radikales Vorgehen haben die US-Militärs maßgeblich zur aktuellen Eskalation beigetragen. Vieles spricht dafür, dass der Tod der Mitarbeiter des US-Militärunternehmens Blackwater am 31. März nahe Falludscha eine Racheaktion für den vorherigen Tod irakischer Zivilisten war (Triumph der Grausamkeit). Blutrache ist in Irak durchaus üblich. Umso verheerender war die Reaktion des US-Verwalters Paul Bremer, der seinerseits Racheaktionen für die Schändung der Leichen ankündigte. Fundamentalisten, so scheint es, sind hier in ihrem Element. Der Haken an der Sache ist, dass die Iraker nun einmal eindeutig in der Überzahl sind.

Zur Einheit der rivalisierenden Bevölkerungsgruppen trägt daher auch bei, dass der Widerstand gegen die Besatzungstruppen zunehmend in religiösen Kategorien wahrgenommen wird. Öl ins Feuer haben US-Truppen gegossen, indem sie am 7. April in Falludscha eine Moschee bombardierten (Krieg in den Städten). Der Schiitenaufstand ist ein deutliches Indiz dafür, dass die Motivation für den Widerstand zunehmend auch religiös zu begründen ist - und das über die Region hinaus.

Von den letzten Demonstrationen in Falludscha wird berichtet, dass die Menschen in Sprechchören zur Einheit der Muslime aufriefen und dabei neben dem Bild al-Sadrs auch das Portrait des getöteten Hamas-Gründers Achmed Jassin hochhielten. Die Verbindung des irakischen Widerstands mit dem palästinensischen geht auch daraus hervor, dass eine irakische Gruppe, die sich "Brigaden des heroischen Märtyrers Achmed Jassin" nennt, bis zu 30 Geiseln gefangen genommen haben soll, wie der Sender al-Arabiya berichtete. Der Sprecher der Gruppe forderte auf einem Video, dass die US-Truppen Falludscha verlassen müssen, ansonsten würde man die Geiseln enthaupten. Allerdings waren die Geiseln nicht auf dem Video zu sehen. Mittlerweile werden im Irak auch Deutsche vermisst. Seit Mittwoch fehlt jede Spur von zwei Angehörigen der Sondereinheit GSG 9, die als Sicherheitspersonal der Deutschen Botschaft in Bagdad arbeiten. Sie wurden auf dem Weg von Amman nach Bagdad in der Nähe von Falludscha überfallen.

Nachdem auch der von der US-Regierung eingesetzte Regierungsrat gegen das Vorgehen der US-Truppen protestierte, den Rückzug aus Falludscha forderte und zu einer politischen Lösung des Konflikts aufrief, hat Brigadegeneral Mark Kimmitt offenbar erneut eine einseitige Waffenruhe ausgerufen, um Verhandlungen zu ermöglichen. Die Kämpfe scheinen allerdings weiter zu gehen. Eine Delegation des Regierungsrates befindet sich in Falludscha und will, dass die Verantwortlichen für den Überfall auf die vier amerikanischen Söldner und die bewaffneten Kämpfer übergeben werden. In einigen anderen Städten, unter anderem in Bagdad, gehen die Kämpfe weiter.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17169/1.html
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