Versiegelte Lippen

13.04.2004

Krieg in den irakischen Hütten, Aufruhr in den arabischen Strassen, aber in den Palästen der arabischen Führer herrscht Schweigen

Angesichts mehrerer Hundert Tote, die während der amerikanischen Angriffe auf Falludscha und andernorts in blutigen Auseinandersetzungen mit den Besatzern getötet wurden, würden die arabischen Führer "mutig die Klappe halten", mokierte sich die islamische Website Islam-online am Wochenende, einmal mehr empört über die arabische "Apathie" in den Palästen und unermüdlich im Fingerzeig auf die "arabische Strasse", auf "Tausende von Demonstranten" in palästinensischen, syrischen und ägyptischen Städten.

Das Einzige, wozu sich die arabischen Länder durchgerungen hätten, sei es, die "Lippen versiegelt zu halten", so Islam-Online, das beinahe jedes Treffen der arabischen Liga mit scharfen und spöttischen Kommentaren zur Uneinigkeit und Halbherzigkeit der Regierungen kommentiert. Keine einzige offizielle arabische Reaktion käme in der entschlossenen Verurteilung des amerikanischen Vorgehens der russischen Stellungnahme nahe, welche die Besatzungsarmeen dazu aufrief, den "unverhältnismäßigen" Gebrauch von Gewalt zu unterlassen, beklagt sich die islamische Webseite.

Nur Amr Mussa, der Generalsekretär der arabischen Liga, hatte sich in den letzten Tagen zu Wort gemeldet und betont, dass "Araber vis-à-vis einer solch unakzeptablen Situation nicht schweigen sollten". Außer allgemeinen, unverbindlichen Aufrufen zur Beendigung der Auseinandersetzung, die keine Partei direkt kritisierten, war von den höheren Rängen in der arabischen Welt bislang nichts zu hören, weder in den arabischen Satelliten-TV-Stationen, noch anderswo, so Middle-East-Online.

Die Erklärungen für dieses Schweigen gehen naturgemäß weit auseinander. Es gibt Stimmen, wie die eines irakischen Bloggers, der mit seiner These nicht alleine stehen dürfte, wonach die gegenwärtige Situation im Irak im Interesse der Mehrheit der arabischen Regimes liegt:

All die Gewalt, deren Zeuge wir im letzten Jahr waren, macht immer deutlicher, dass auf irakischen Boden ein Stellvertreter-Krieg ausgefochten wird, gegen die USA von mehreren Ländern und Kräften geführt - mit Irakern als "Treibstoff" und "Feuer", genauso wie im Libanon in den späten 70er und 80ern. Die Mehrheit der arabischen Regimes haben ein großes Interesse daran, dass sich die Situation nicht ändert, Iran und al-Qaida einmal unerwähnt gelassen.

Anderseits wird von Experten das nächstliegende Argument für die "ängstliche" Zurückhaltung der arabischen Führer ins Feld geführt: Man wolle es sich nicht mit Washington verscherzen, zumal die USA wichtige Geldgeber seien. So reist etwa der ägyptische Präsident Mubarak diese Tage in die Staaten und wird dort - ein Privileg, dass nur engen Verbündeten der USA eingeräumt wird - zu einem Besuch auf Bushs privater Ranch eingeladen. Neben Gesprächen über die politische Lage im Nahen Osten wird es wohl auch um weitere Dollargaben gehen. Am 21. April kommt dann der jordanische König zu weiteren Gesprächen.

Das Stillhalten der arabischen Regierungen ist für die USA im Moment wichtiger denn je; im Gebälk der Koalition kracht und knirscht es, der "inoffiziellen Koalition" zwischen den Alliierten und den Nachbarländern des Irak kommt täglich größere Bedeutung zu:

Auch wenn die Unterstützung leise vonstatten geht und oft auf logistische Operationen, die ihre Länder passieren, begrenzt ist, gewähren Kuweit, Jordanien, Ägypten. Saudi Arabien, die Türkei und sogar Syrien plus die Golf-Staaten signifikante Unterstützung für die Operationen der Koalition im Irak...Jeder dieser Regierungen muss es derzeit kalt den Rücken hinunterlaufen. Keiner will, dass ihre Bevölkerung - die "arabische Strasse" - für ihre irakischen Brüder und Schwestern demonstriert. Der Verlust der Unterstützung dieser Regierungen könnte genauso ernst werden wie der Aufstand im Land.

"Wenn der Aufruhr (im Irak) noch weiter eskaliert, dann wird er uns alle verbrennen und unser Land", warnte der kuwaitische Premierminister Scheich Sabah al-Ahmed seine Landsleute letzte Woche. Seit Jahren kämpft die schiitische Minderheit in Kuweit, wie auch in Bahrein, für mehr Rechte. In der Folge der iranischen Revolution 1979 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten, eine Erfahrung, die man nicht wiederholen möchte.

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