Der will nur spielen

14.04.2004

Mit einem Computerspiel will Israels Militär seine Soldaten auf den Einsatz an den Checkpoints in den palästinensischen Gebieten vorbereiten

Die eigens entwickelte Simulation von Alltagssituationen an den Kontrollpunkten ist Teil eines Pakets, mit dem die Lage dort entspannt werden soll. Außerdem wird bald eine speziell ausgebildete Einheit die bisher ständig wechselnden Besatzungen an den Checkpoints ablösen; die Sperren, die nicht der Sicherheit Israels dienen, sollen zudem in den kommenden Monaten abgebaut werden. Und: Bei Verstößen gegen die Dienstvorschriften drohen künftig härtere Strafen. Weil der Kodex leicht in Vergessenheit gerät, verteilt die Menschenrechtsorganisation BeTselem zur Zeit eine Broschüre, in der an die wichtigsten Paragraphen erinnert wird. Doch ein Problem wird auch damit wohl nicht verschwinden: Zu oft sorgen Corpsgeist und Einschüchterung dafür, dass Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt werden.

Die Statistik, die der Chefpsychologe der israelischen Streitkräfte vor einigen Wochen der Knesseth vorlegte, hatte es in sich: In der ersten Hälfte des Jahres 2003, rechnete der Chefpsychologe der israelischen Streitkräfte den Abgeordneten vor, hätten 492 Soldaten den Dienst an der Waffe verweigert, nachdem sie ihren Militärdienst bereits angetreten hatten; fast 7500 Reservisten hätten zudem darum gebeten, nicht in den besetzten Gebieten eingesetzt zu werden, oder die Ableistung des jährlichen Pflichtdienstes ganz abgelehnt.

Mehr als drei Viertel von ihnen allen hätten sich in ihrer Begründung auch, aber nicht nur, auf Erfahrungen, die sie während ihres Dienstes an den Kontrollpunkten in den besetzten Gebieten gesammelt hatten, bezogen: Auf Kinder, Kranke und Alte, die stundenlang bei jedem Wetter Schlange stehen müssen - und das oft nur, um in die Nachbarstadt zu gelangen. Auf schwangere Frauen, die im Krankenwagen gebären müssen, weil unsichere Wehrdienstleistende nicht wissen, was sie tun sollen. Und auf Kameraden, die aus Frust oder Lust Zivilbevölkerung und manchmal auch die Kameraden schikanieren.

Nirgendwo sonst wird für Soldaten und Zivilbevölkerung die Besatzerrolle des Militärs deutlicher als an den Kontrollpunkten in den palästinensischen Gebieten.

Dass sich nicht noch mehr Wehrpflichtige beschwerten, habe wohl zwei Gründe: Der Druck zu schweigen ist innerhalb der Einheiten sehr groß, und die meisten müssen mit den Kameraden noch viele Jahre auskommen: Während des dreijährigen Militärdienstes, und später bei den Reservediensten, die jeder Mann bis zum 55. Lebensjahr einen Monat im Jahr ableisten muss. Verweigerern hingegen drohen Gefängnisstrafen.

Dabei seien viele militärische Entscheidungen politisch und nicht strategisch motiviert gewesen, sagt Hofstatter: Die Regierung hatte gehofft, durch möglichst viele Checkpoints die palästinensische Bevölkerung gegen ihre Führung aufzubringen. Und der Lauf des Sicherheitszaunes (Das Internationale Recht und der israelische "Sicherheitszaun") wurde auf Druck der nationalreligiösen Koalitionspartner so geplant, dass möglichst viele der Siedlungen auf der Israel zugewandten Seite liegen. Die Militärführung hatte dies schon seit langem als risikoreich und zu aufwändig kritisiert. Es müsse die Frage gestellt werden, ob Israels Militär in der derzeitigen Situation im Kriegsfalle überhaupt noch einsatzbereit sei.

Im Fall der Fälle wären zu viele Soldaten durch reine Wachtätigkeiten in den palästinensischen Gebieten gebunden. So schützt zur Zeit eine ganze Brigade die Siedlungen im Gazastreifen; eine weitere ist für die jüdischen Ortschaften in der Westbank zuständig. Für die Besatzungen der Checkpoints werden rund 5000 Soldaten gebraucht. Doch damit war der Generalstab bei den Politikern auf taube Ohren gestoßen - bisher.

Denn der Bericht vor dem Verteidigungsausschuss schaffte, was endlose Kritik aus dem Aus- und Inland, Stapel von Berichten über Zwischenfälle und lange Listen von ihm Sande verlaufenen Militärgerichtsverfahren nicht erreichten: Die Regierung stimmte einem Plan zu, durch den die Lage an den Kontrollpunkten entspannt werden soll.

Die überraschend hohe Zahl der Spätverweigerer war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Aus den Begründungen lassen sich auch Rückschlüsse auf die Moral vieler Soldaten ableiten, die nicht verweigern.

Neue Zwischenfälle könne sich die Regierung im Moment nicht leisten: Auf dem Spiel steht der Trennungsplan, den Scharon Ende April durch ein Likud-internes Referendum bringen muss. Doch das sei ob des heftigen Widerstandes am rechten Rand der Partei auch so schon schwer genug, sagt Ze'ev Schiff, Analyst bei der Zeitung Ha'aretz:

Insgesamt wird das Vorhaben nur eine Chance haben, wenn die Lage in den Gebieten einigermaßen ruhig, das Militär zufrieden und die Rechte vom harten Kurs der Regierung überzeugt ist.

Das Resultat sei eine Politik von "Zuckerbrot und Peitsche," eine Mischung aus Entspannung und Angriff - chirurgische Schläge gegen die Führer militanter palästinensischer Gruppen auf der einen und vertrauensbildende Maßnahmen auf der anderen Seite: So wird über die Neuordnung der Checkpoints hinaus auch der Sicherheitszaun um 150 Kilometer gekürzt und die Sperranlage so näher an die grüne Linie heran gebracht.

Bisher mussten Wehrdienstleistende fast aller Waffengattungen damit rechnen, im Wechsel an den Kontrollpunkten eingesetzt zu werden - ein ausgesprochen unbeliebter Dienst: Nach Wochen harter Ausbildung am Rande staubiger Straßen zu stehen erscheint vielen Angehörigen der oft hochqualifizierten, hochtechnologisierten Einheiten als Unterbewertung ihrer Fähigkeiten. Zumal sie für Wachdienste nicht ausgebildet sind.

Folge dieser Praxis: Soldaten, die unter ständigem Stress stehen - unter dem am Ende vor allem die Zivilbevölkerung leidet. Gehen die Soldaten auf ihre Bedürfnisse ein und kontrollieren zu schnell, besteht aus Sicht der Soldaten die Gefahr, den Falschen durchzulassen. Immerhin ist es auch schon vorgekommen, dass Attentäter in Krankenwagen nach Israel geschmuggelt wurden. Arbeiten sie aber zu langsam, kommt es zu den Zwischenfällen, welche die Öffentlichkeit in Aufruhr versetzen.

Deshalb soll bald eine eigene Einheit für die Kontrollpunkte zuständig sein: Auf diese Weise, hofft das Militär, wird die Abfertigung an den Kontrollpunkten bald effektiver sein: Die Neuerungen sollten für "maximale Sicherheit Israels bei minimalen Unannehmlichkeiten für die Palästinenser" sorgen, sagt Militärsprecher Peter Lerner. Doch einen Zeitrahmen kann er nicht nennen.

Schon jetzt werden die Soldaten mit einer eigens entwickelten Computersimulation nachgeschult: In 19 Szenen werden Alltagssituationen simuliert, auf welche die jungen Kämpfer reagieren müssen - kein leichtes Spiel, wie ein Selbstversuch ergab: Mit jedem Durchlauf ändern sich die Geschehnisse. Mal ist eine Bombe im Krankenwagen, mal keine. Die richtige Reaktion ist schwierig, wenn man nicht dafür ausgebildet ist.

Zu jeder Handlung des Spielers gibt das Programm Erläuterungen zu internationalem Recht und militärischen Vorschriften. "Wir haben uns bemüht, dass Programm so realistisch wie möglich zu gestalten," erläutert Militärsprecher Lerner:

Ziel ist es nicht, die Soldaten zu Juristen auszubilden, sondern sie dazu zu befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen, die einen Kompromiss zwischen den Bedürfnissen von Armee und Zivilbevölkerung darstellen.

Zudem wurden jetzt die Strafen für Verstöße gegen die Dienstvorschriften verschärft; die Militärjustiz wurde angehalten, Sünder mit Nachdruck zur Rechenschaft zu ziehen. Soldaten, die nach ihren eigenen Regeln arbeiteten, könnten nicht mehr auf Schonung hoffen: "Jedes Vergehen wird mit aller Härte geahndet werden."

Denn nicht selten sind nicht unsichere Wehrdienstleistende für die Zwischenfälle verantwortlich, sondern Soldaten, die aus Frust oder Lust Gefallen daran finden, andere Menschen zu schikanieren - ihre eigenen Kameraden eingeschlossen.

Doch ob hier allein härtere Strafen etwas nützen werden ist fraglich: "Wir bekommen hier stapelweise Beschwerden," sagt ein Mitarbeiter der Militärstaatsanwaltschaft, dessen Name und Dienstrang aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden können. "Doch wir stoßen bei unseren Ermittlungen immer wieder auf eine Mauer des Schweigens." Kameraden, die sich gegenseitig decken, und Offiziere, die Zwischenfälle herunter spielen und ihre Untergebenen einschüchtern, seien keine Seltenheit. "Uns sind dann die Hände gebunden."

Ein Führungsproblem sei das, glaubt Noam Hofstatter von BeTselem: "In der Theorie wäre an jedem Checkpoint ein Offizier anwesend, der weiß, was er tut." In der Praxis seien die Offiziere jedoch oft kaum älter und erfahrener als ihre Untergebenen. Denn die Armee hat Schwierigkeiten, geeigneten Nachwuchs für ihre Ränge zu finden: Die jungen, gebildeten Wunschkandidaten gehen lieber in die freie Wirtschaft: "Da verdient man besser und wird nicht herum kommandiert."

Weil die Armee aber dennoch ständig neue Offiziere braucht, werden junge Wehrdienstleistende schneller befördert, als es früher üblich war - "und dabei gleichzeitig die Ansprüche immer weiter herunter geschraubt," sagt Hofstatter.

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