Der ID-Chip muss endlich unter die Haut

15.04.2004

Neueste Idee sind "smart guns" mit implantierten RFID-Chips

Es ist nicht der erste April, obgleich man dies fast meinen könnte. Firmen, die Produkte entwickelt haben, für die sie Anwendungen suchen, kommen gelegentlich auf etwas abseitige Ideen. Noch ist der Markt für implantierbare ID-Chips nicht gerade groß, wer will sich schließlich schon derartiges unter die Haut setzen lassen, nur um besser erkannt zu werden, wenn dies nicht in der Identifizierungs- und Überwachungswut der Sicherheitspolitiker der nächste Schritt nach der derzeit favorisierten Biometrie sein könnte.

Noch in der Hochzeit des Internet-Booms hatte Applied Solutions mit viel Rummel den Erwerb des Patents für einen implantierbaren GPS-Chip verkündet. Der Chip wurde als "digitaler Engel" getauft und man versprach zum Anlocken von Kapital ungezählte Anwendungen. ZigMilliarden wollte man machen. Von Kindern über entführungsgefährdete oder kranke Personen bis hin zu Konsumenten, die sich mit dem Chip an der Kasse oder irgendwie übers Internet beim E-Commerce authentifizieren, waren im Visier. Haus- und Nutztiere wie Rinder oder Güter bzw. Container blieben jedoch Hauptanwendungsgebiet, aber man bot auch eine weniger bedenkliche Anwendung beispielsweise in Form eines Armbands an.

Es kamen die schlechteren Zeiten, die digitalen Engel kamen auch wegen datenschutzrechtlicher Bedenken nicht recht an. Die Genehmigung, sie als medizinisches Mittel verwenden zu können, ließ sich auf sich warten. Hin und wieder landete Applied Solutions eine Meldung (Chips für die Familie) mit irgendeiner Anwendung des Chips, der erst einmal zu einem RFID-Chip abgespeckt wurde (Implantierbare Chips zur Identifizierung), 2002 schließlich erhielt die Firma in den USA die Genehmigung, den Chip auf den Markt zu bringen, wenn er nicht zur Beschaffung medizinischer Informationen dient. Natürlich suchte man die Angst und Sicherheits- bzw. Überwachungsorientierung nach dem 11.9. auszunutzen, um den Chip an den Mann oder eher: unter die Haut zu kriegen.

VeriChip is an inert, encapsulated microchip that is energized and transmits its information when activated by a VeriChip reader. Because VeriChip is so small (about the size of a pen point) it is virtually undetectable and practically indestructible once inserted under your skin. The chip has a special polyethylene sheath that helps skin bond to it - so it stays in place. Since the chip has no battery, there are no chemicals to worry about and the chip never "runs down"; its expected life is up to 20 years.

Jetzt hat man nach Haustieren oder Patienten einen neuen Anwendungsbereich entwickelt, um endlich den Durchbruch zu schaffen. In dem Waffenhersteller FN Manufacturing hat Applied Solutions mit seinem VeriChip einen Partner gefunden, um "smart guns" herzustellen. Das sind Waffen, die nur funktionieren, wenn ihr Besitzer sie abfeuert. Aber da die Waffenfanatiker sich wohl kaum massenhaft Chips implantieren lassen würden, wurde eine spezifische Zielgruppe ins Auge gefasst: Polizisten könnten sich doch einen Chip in die Hand einpflanzen lassen (müssen). Ihre Waffe, ausgestattet mit einem Scanner, ließe sich nur bedienen, wenn die richtige Hand sie abfeuert, gerät sie in die Hände von Kindern, Kriminellen oder wem sonst auch immer, so wäre sie blockiert. Eine gute Idee natürlich auch für das Militär, wie VeriChip-Präsident Keith Bolton findet und natürlich nur das Gute sieht:

Wenn man seinen Geist andere mögliche Anwendungen durchwandern lässt, kann man sich vorstellen, wie viele Leben gerettet werden können.

Allerdings gibt es auch Entwicklungen, die weniger unter die Haut gehen. Beispielsweise will das New Jersey Institute of Technology eine Waffe entwickeln, die mit Sensoren den Griff des Besitzers erkennt. Ob das den illegalen Waffenhandel wirklich eindämmt, ist kaum vorstellbar. Zudem könnten die "smarten" Waffen gerade dann aus technischen Gründen nicht funktionieren, wenn der Besitzer oder ein Kollege sie brauchen würde. Smarte Waffen könnten freilich zumindest auch Gruppen zugänglich sein. Allerdings lassen sich Zugangskontrollen bei Waffen ebenso umgehen wie für andere Anwendungen.

Wenn es nach Applied Solutions geht, bleibt der implantierbare RFID-Chip nicht auf Polizisten und Soldaten beschränkt. Man könne ihn doch auch anwenden, um den "Zugang zu geistigem Eigentum" zu kontrollieren, schlägt die Firma vor. Gut wäre der VeriChip auch geeignet, um "automatische Datenerfassung und Überwachungsplattformen" zu ermöglichen. Am besten wäre wohl, wenn potenzielle Terroristen und Urheberrechtsverletzer zwangsweise von Geburt an der Verichip von Applied Solutions implantiert würde. Wenn dann noch gleichzeitig von jedem Neugeborenen der "genetische Fingerabdruck" sowie weitere biometrische Merkmale abgenommen werden würden, hätte man vielleicht ein Rundum-Sorglos-Paket, auch wenn Selbstmordattentäter davon kaum abschreckbar wären. Die aber kommen gerade in Mode.

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