Keine Spitzenuniversität in Deutschland
Neues Hochschulranking liefert ernüchternde Fakten zur bildungspolitischen Debatte
Über die Ergebnisse und die Methoden der diversen Hochschulrankings kann ohne Zweifel trefflich gestritten werden. Doch an einem wesentlichen Punkt scheint es nach einer aktuellen Untersuchung, die vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und dem Magazin stern durchgeführt wurde, keine Zweifel mehr zu geben: In Deutschland findet sich keine einzige Spitzenuniversität mit hervorragenden Ergebnissen in Forschung und Lehre in allen Fächern.
Wichtiger als dieser wenig überraschende Befund ist freilich die bildungspolitische Prognose, die sich aus der aktuellen Situation ergibt. Petra Giebisch, die das Hochschulranking von Seiten des CHE betreut, erklärt auf Nachfrage von Telepolis, dass es kaum möglich sein dürfte, die von der Bundesregierung gewünschten Eliteuniversitäten mit Hilfe staatlicher Finanzspritzen aus dem Boden zu stampfen:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass man eine Hochschule in allen Bereichen so fördern kann, dass am Ende eine Spitzenuniversität dabei herauskommt. Die Profilbildung einzelner Fachbereiche zu stärken, ist dagegen ein realistisches Ziel.
In das Hochschulranking von CHE und stern wurden seit 1998 110 Universitäten und 147 Fachhochschulen einbezogen. An den Befragungen beteiligten sich nach Angaben der Organisatoren über 180.000 Studierende und rund 16.000 Professorinnen und Professoren. In diesem Jahr wurden die Daten für Psychologie sowie die Geistes- und Ingenieurwissenschaften aktualisiert, so dass nun weitere Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und Entwicklungstendenzen über mehrere Jahre abgeschätzt werden können.
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Die Ergebnisse der Untersuchung decken sich erklärlicherweise mit der Einschätzung von Petra Giebisch. Tatsächlich gibt es in der deutschen Hochschullandschaft gleich mehrere Bildungsinstitute, die in einzelnen Bereichen herausragende Leistungen aufweisen. Spitzenwerte bekamen die ingenieurwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der RWTH Aachen und der TU Darmstadt, der Universitäten Karlsruhe und Stuttgart sowie der TU München in den Fächern Maschinenbau, Elektro- und Informationstechnik und Bauingenieurwesen. Die Studentinnen und Studenten, für die nicht nur wissenschaftliches Know-how, sondern auch Standortfaktoren wie das alltägliche Lehrangebot, die Ausstattung oder die Intensität der persönlichen Betreuung, entscheidend sind, gaben in den Bereichen Elektro- und Informationstechnik den Technischen Universitäten in Chemnitz und Dresden und den Universitäten Kiel, Rostock und Ulm den Vorzug.
Auch in den Geisteswissenschaften wurde eine ähnliche Zweiteilung registriert. Die Universität Freiburg glänzt mit überdurchschnittlichen Forschungsergebnissen in den Fächern Germanistik, Geschichte, Anglistik und Psychologie, Tübingen kann in Germanistik, Geschichte und Erziehungswissenschaften Vergleichbares vorweisen. Aus Sicht der Studierenden bieten sich Bamberg oder Greifswald aufgrund vergleichsweise kurzer Studienzeiten sowie guter Beratung und Betreuung an.
Der eklatante Unterschied in der Bewertung von Forschung auf der einen und Lehre auf der anderen Seite scheint ein grundlegendes Charakteristikum der deutschen Bildungslandschaft zu sein.
Die Fächer Geschichte an der Universität Trier, Anglistik/Amerikanistik an der LMU München oder Psychologie in Mannheim kommen in beiden Bereichen zu ausgezeichneten Werten. Aber solche Übereinstimmungen haben wirklich Seltenheitswert, da kann sicher noch einiges verbessert werden.
Warum das so ist, verrät das aktuelle Hochschulranking nicht, und auch beim CHE liegen darüber kaum gesicherte Erkenntnisse vor:
Es gibt noch keine gezielte Ursachenforschung, aber ein paar Erklärungsansätze. Einzelne Fakultäten bemühen sich sehr um wichtige Forschungsprojekte, werben viele Drittmittel ein und beschäftigen Professorinnen und Professoren, die mit zahlreichen Publikationen auf sich aufmerksam machen oder wichtige Patente anmelden. Es gibt natürlich auch Hochschullehrer, die keine exzellenten Didaktiker sind und sich kaum für die Lehre interessieren.
Die Probleme, die sich hinter dieser höflichen Formulierung verbergen, dürften in der Tat mit Geld allein nicht zu lösen sein. Aber sie markieren möglicherweise einen Ausgangspunkt effizienter Bildungspolitik und Hochschulförderung. Denn wenn die qualitative Differenz zwischen Lehre und Forschung in einem einzigen Fach so offensichtlich ist, wie es die aktuelle Untersuchung nahe legt, taugt das Thema Eliteuniversität aufgrund seines hierzulande offenbar illusorischen Gesamtzuschnitts wohl nicht einmal mehr für die berühmten Sommerlöcher.
http://www.heise.de/tp/artikel/17/17207/1.html- Du weißt hoffentlich (20.4.2004 12:18)
- IUB (20.4.2004 0:08)
- Apropos Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) und Glaubwürdigkeit (18.4.2004 21:53)
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