Wir wollen nicht verrückt gemacht werden

Matthias Pfeiffer 19.04.2004

Insassen der Forensik wehren sich gegen Zwangsverlegung, doch eine Pressekonferenz wird ihnen verboten, da sie "kein Recht" dazu hätten

Ihre Münder waren mit Pflastern verklebt, als die Männer am Donnerstag in den Garten der Forensik Berlin-Buch kamen. Es waren fünf Insassen der psychiatrischen III. Abteilung des Berliner Maßregelvollzugskrankenhauses (KMV), die gegen das Verbot ihrer Pressekonferenz protestierten. Diese hatte der verantwortliche Chefarzt Karl Kreutzberg kurzfristig verboten, weil sie als Patienten schlicht "kein Recht" hätten, sich an die Presse zu wenden.

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Eine Initiative von fünfundvierzig Insassen der Forensik Buch hatte die Presse in das Krankenhaus eingeladen, um ihren Widerstand gegen die geplante Zwangsverlegung der Abteilung öffentlich zu machen. Sie befürchtet durch den Umzug in die Karl Bonhoeffer Nervenklinik erhebliche Verschlechterungen ihrer Haft- und Therapiesituation. Die Verlegung der III. Abteilung nach Berlin Reinickendorf soll im kommenden Oktober stattfinden. Sie wurde von der KMV Leitung mit Kosteneinsparungen am neuen Standort begründet. Oliver Boumann, Sprecher der Patienteninitiative überzeugt das nicht: "Allein der Umzug in die Karl Bonhoeffer Nervenklinik kostet siebzehn Millionen Euro, dazu kommen bis zu acht Millionen für notwendige Baumaßnahmen." Da die Einsparungen aus ihrer Sicht höchst unsicher sind, hat sich die Initiative auch mit einem Schreiben an den Berliner Landesrechnungshof gewandt.

Die Betroffenen kritisieren, dass sie in der Bonhoeffer Klinik Doppelzimmer erhalten sollen. Gegenwärtig sind sie einzeln untergebracht. Oliver Boumann erklärt die Wichtigkeit der Einzelzimmer: "Sie gewährleisten uns ein Mindestmaß an Individualität und Intimsphäre, gerade nach den anstrengenden Therapiesitzungen ist es wichtig, einen Rückzugsort zu haben, um seine Gedanken ordnen." In Reinickendorf wäre dies nicht gegeben, Spannungen und Aggressionen würden zwangsläufig zunehmen:

Die Erfahrungen aus anderen Vollzugseinrichtungen zeigen, dass derartige Verhältnisse das Aggressionspotenzial unter Strafgefangenen erheblich steigern können. Darauf haben wir einfach keinen Bock, denn Aggressionen werden hier lediglich durch Strafmaßnahmen wie zum Beispiel Isolationshaft oder Medikamente unterdrückt.

Insgesamt seien in Reinickendorf die räumlichen Gegebenheiten deutlich beengter, erklärte die Initiative. Dort würden sie auch ihre gegenwärtigen Arbeitsmöglichkeiten in der Krankenhaustischlerei und -malerei verlieren. Therapiezeiten sollen gekürzt werden und die Insassen würden bis auf die gesetzliche Pflichtstunde keinen Himmel mehr sehen. Diese Zustände seien für Menschen schwer zu ertragen, "die sich für lange Zeit in Haft befinden und nicht wissen, ob überhaupt oder wann sie wieder in Freiheit kommen", so Boumann. Gegenwärtig betragen die durchschnittlichen Haftzeiten in der Berliner Forensik siebeneinhalb Jahre.

Die Leitung der Forensik war gegenüber Telepolis nicht bereit, zu den Argumenten der Patienten Stellung zu beziehen. Um ihrer Forderung nach einem Verbleib in Buch Nachdruck zu verleihen, haben die fünfundvierzig Patienten - die Hälfte der Insassen in der III. Abteilung - einen offenen Brief aufgesetzt. In ihm fordern sie für ihre Behandlung einen "vernünftigen Lebensraum" der ihnen ermöglicht, die Haftzeit durchzustehen "ohne verrückt gemacht zu werden." Das sehen sie in Berlin Buch gegeben: "Die Arbeitsplätze und Freizeitmöglichkeiten (in Buch) stellen für uns einen wichtigen, sinnvollen Bestandteil der Therapie dar und sind ein hilfreicher Baustein für die Resozialisierung."

Ihren Brief haben die Patienten unter anderem an den Petitionssausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, Martin Marquard den Landesbeauftragen für Behinderte, den Psychiatrie-Landesbeauftragten Heinrich Beuscher, die Berliner Senatorin für Soziales Heidi Knake-Werner und die ehemalige Gefängnissozialarbeiterin und jetzige Bundesverbraucherministerin Renate Künast geschickt.

Sie sind damit in Deutschland die ersten Forensikinsassen, die sich selbständig öffentlich artikulieren. Ein Novum, mit dem die Klinikleitung um Dr. Kreutzberg schwer umzugehen weiß. Zwar ist es das Ziel der Forensik Buch, die Patienten auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten, dass diese jedoch von allein das Grundrecht der Meinungsäußerung gebrauchen, ist dann wohl zuviel des Guten. Eine Pressekonferenz ohne ärztliche Kontrolle und Segen sollte es nicht geben. Trotzdem fand sie - kurzerhand telefonisch - statt. Oliver Boumann erklärte den anwesenden Journalisten:

Wir wollen nicht als verrückt und gefährlich abgeschoben werden. Wir werden uns das Recht nicht nehmen lassen, auf uns aufmerksam zu machen.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17211/1.html
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