Im Seichten kann man nicht ertrinken

Boulevardisierungstendenzen in der taz

"Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Auftrag", lautet der Titel einer Textsammlung von Klassikern der Sozialwissenschaften zu Journalismus und Medien, die der Dortmunder Journalistikwissenschaftler Horst Pöttker zusammengestellt hat. Diese Klassiker, wie etwa Karl Marx, Emile Durkheim, Max Weber, Ferdinand Tönnies oder Robert Ezra Park, teilen die Überzeugung, dass dem Journalismus eine zentrale Funktion in modernen Gesellschaften zukommen muss, d.h. zur Herstellung von Öffentlichkeit durch Publikationen beizutragen, die die autonome Meinungs- und Willensbildungsprozesse einer demokratisch politischen Gemeinschaft befördern. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Presse Unabhängigkeit und Unparteilichkeit bewahren. Die Berichterstattung sollte sich allein vom Willen zu objektiver Berichterstattung leiten lassen und nicht primär vom Zeitgeist beziehungsweise der Marktfähigkeit von Themen. Information ist, in diesem Verständnis, die Grundbedingung demokratischer Partizipation.

Karl Marx hat 1842 eine Definition der Presse vorgeschlagen, die diese Forderungen pointiert zusammenfasst:

Die freie Presse ist das überall offene Auge des Volksgeistes, das verkörperte Vertrauen eines Volkes zu sich selbst, das sprechende Band, das den Einzelnen mit dem Staat und der Welt verknüpft.

Um dies zu verwirklichen, muss, so Marx weiter, "die erste Freiheit der Prese darin bestehen, kein Gewerbe zu sein."

Hinter dieser emphatischen Auffassung verbirgt sich das Öffentlichkeitsverständnis der Aufklärung, wie es sich in der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa, als Resultat gesellschaftlicher Strukturveränderungen und von Demokratiserungsprozessen, ausgebildet hat. Natürlich gibt es nicht die Öffentlichkeit und die eine öffentliche Meinung, sondern nur Öffentlichkeiten und öffentliche bzw. veröffentlichte Meinungen, die als medial vermittelte Kommunikationen bezeichnet werden können. Öffentlichkeit ist die zentrale Institution zur Selbstverständigung von modernden demokratischen Gesellschaften und ihrer Mitglieder. In der Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung handelt es sich daher letztlich um die (stets aktuelle bzw. zu aktualisierende) Frage nach der geistigen Ökologie in unserer Gesellschaft sowie der Möglichkeiten von Partizipation und Kritik an den Realitäten und Machtzentren der Gesellschaft.

Gibt es noch eine Aufklärungsfunktion der Medien?

Öffentlichkeit hat in diesem Sinn eine konstitutiv politische Bedeutung und gilt seither als integraler Bestandteil demokratischer Gemeinwesen, als Vermittlungssystem zwischen legitimer Herrschaftsausübung und gesellschaftlichem Privatinteresse. Die Presse ist die zentrale Konstituente der Öffentlichkeit - Öffentlichkeit materialisiert sich also, allgemein formuliert, zunächst und zumeist in Massenmedien und ist daher selbstverständlicher Bezugspunkt des Journalismus.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts tritt dann, wie Jürgen Habermas betont, ein Strukturwandel der Öffentlichkeit ein, der durch fortschreitende Mediatisierung der Gesellschaft allmählich zur Privilegierung marktfähiger Themen, einhergehend mit zunehmender Personalisierung, Sensationalisierung, Skandalisierung und Boulevardisierung, führte. Die Konsequenzen dieses, von Habermas diagnostizierten, Wandels und Zerfalls bürgerlicher Öffentlichkeit, bringt Theodor W. Adorno deutlich zum Ausdruck - er lässt hierbei allerdings offen, ob es diese, von Habermas (re)konstruierte, Öffentlichkeit jemals gegeben habe:

Öffentlichkeit heute serviert den Menschen, was sie nichts angeht, und enthält ihnen vor, oder rüstet es ideologisch zu, was sie ja etwas anginge. Das Recht der Menschen auf Öffentlichkeit hat sich verkehrt in ihre Belieferung mit Öffentlichkeit; während sie deren Subjekte sein sollten, werden sie zu deren Objekten. Ihre Autonomie, die der öffentlichen Information als eines Mediums bedarf, wird von der Öffentlichkeit gemindert.

Dennoch sollte man sich fragen, ob es gegenwärtig noch eine Aufklärungsfunktion der Medien bzw. des Journalismus gibt, da Öffentlichkeit immer noch zu den Leitbegriffen der politischen und kulturellen Semantik westlicher Gesellschaften gehört. Oder haben heute nicht vielmehr Klatsch und Tratsch, Enthüllungsjournalismus und Unterhaltungsbetrieb längst jede Form differenzierter Berichterstattung verdrängt? Ist es zu einer Annäherung der seriösen Presse an die Boulevardpresse und einer allgemeinen Orientierung am Fernsehen gekommen? Führte die Kommerzialisierung des Mediensystems, d.h. die Regelung medialer Kommunikation über den privatwirtschaftlichen Markt und der entsprechenden Ausrichtung von Medienorganisationen auf ökonomischen Erfolg, wirklich zu einer substantiellen Veränderung der Medieninhalte allgemein und des Journalismus im Besonderen, wie etwa die Stichworte populärer Journalismus, Regenbogenpresse, Revolverjournalismus oder McJournalismus (Cordt Schnibben) andeuten? Und wenn ja, bestehen die veränderten Inhalte journalistischer Produktionen in einer zunehmenden Fiktionalisierung und Entertainisierung der Informations-, Kontroll- und Kritikfunktion der Medien? Wird hierdurch die Ausbildung einer kritischen Öffentlichkeit immer unwahrscheinlicher?

Boulevardisierung. Ein Gespenst geht durch die Medien

Boulevardisierung zeichnet sich durch einen allgemeinen Verfall journalistischer Standards (etwa Objektivität, umfassende Recherche, Wahrung ethischer Grundsätze etc.) aus; durch einen Rückgang räsonierender (z.B. Politik und Wirtschaft) und einen gleichzeitigen Anstieg unterhaltender Themen (u.a. Skandale, Sensationsmeldungen, Sex, Lifestyle), durch die der Massengeschmack bedient werden soll; eine Zunahme von Serviceleistungen; starke Personalisierungen und Emotionalisierungen sowie zynische und ironisierende Kommentare, die eine bestimmte Diskurs-Hippness unterstreichen wollen. Diese inhaltlichen Boulevardisierungstendenzen werden zudem sprachlich und optisch unterstützt, etwa durch die Annäherung an die Umgangssprache, Verwendung vieler Photos, vergrößerte Überschriften sowie plakative Aufmacher und Eye-Catcher.

Die Kommunikationswissenschaftler Silvia Knobloch und Wolfgang Donsbach betonen, dass dies als eine Entwicklung beschrieben werden kann, die von den Lesern mehr oder weniger gewollt werde: "Das Publikum SOLL sich informieren und SOLL lernen, WILL aber häufig viel lieber unterhalten werden." Unterhaltung wird in der neueren Medienforschung zudem als Modus der Informationsverarbeitung angesehen. Unterhaltung dient aus dieser Perspektive nicht allein dem kurzweiligen Vergnügen und Amüsement, sondern schafft gleichsam Diskussion und Reflexion. Dies gelingt, indem Unterhaltung in der Massenmedienkommunikation zugleich Unterhaltungs- und Informationswert hat, zwischen Weltgeschehen und den persönlichen Emotionen, eigenen Werten und individuellen Lebensproblemen vermitteln kann. Die Göttinger Medienwissenschaftlerin Elisabeth Klaus bringt diese Position paradigmatisch zum Ausdruck:

Information und Unterhaltung müssen als zwei verbundene Elemente auf allen Ebenen des journalistischen Handlungszusammenhangs zusammengedacht werden, um folgenreiche Massenmedienkommunikation zu ermöglichen, die zugleich Verstand und Gefühl, Emotion und Intelligenz, Spiel und Ernst, Erfahrung und Abstraktion, Nähe und Distanz, Phantasie und Wirklichkeit anregt.

Warenhafte Durchgangsleistung

Andererseits darf nicht übersehen werden, dass die inhaltlichen Veränderungen in der Berichterstattung, die mit der Boulevardisierung verbunden sind, auch zu einem Rückgang des kritischen Journalismus, der sich im Dienst von Wahrheit, Objektivität und Aufklärung, versteht, führen können. Auf der Jagd nach Lesern und der Zurechtstutzung der Medienangebote für ein möglichst breites Publikum, wird aus der Informations- und Aufklärungsfunktion der Presse, wie der Salzburger Kommunikationswissenschaftler Rudi Renger betont, nur noch eine "warenhafte Durchgangsleistung im Sinne distributiven Marketings profitorientierter Medienunternehmen".

Was zu diskutieren ist, ist aber nicht nur die Rolle der Bild-Zeitung bzw. der klassischen Boulevardmedien, sondern die Boulevardisierung der vermeintlichen Qualitätsmedien. Auch die taz, die nach eigenem Bekunden "ein Konzept aktueller Gegenöffentlichkeit zu entwickeln" sucht, wie es in der Ausgabe Nr. 4 vom 20. Januar 1979 zu lesen war, wildert im Seichten.

Die taz auf dem Boulevard

Dies ruft massive Kritik hervor, da doch die taz, das Flagschiff des linken Journalismus in Deutschland, den Zeitungsmarkt mit einem ebenso leidenschaftlichen wie ehrgeizigem Motto betrat. Es wurde am 17. April 1979 auf der ersten Seite abgedruckt und weist eine deutliche Affinität zur Marxschen Definition vom Wesen der Presse auf:

Seit der Gründung der Bild-Zeitung 1952, vor mehr als 25 Jahren, hat es in dieser Republik keine überregionale, parteiunabhängige Tageszeitungsgründung gegeben. Im Gegenteil, viele sind eingegangen. Wer kann da heute noch von Pressefreiheit reden? Wir werden versuchen, ein Blatt gegen jede freiwillige Zensur und Nachrichtensperre zu publizieren. Kein Linienblatt, aber eine linke, radikale, auch satirische Zeitung - täglich!

Gleichzeitig wurde ein besonders Selbstverständnis formuliert:

Den unterschiedlichsten Leuten soll darin Platz gegeben werden, gegen traditionellen, distanzierten Profijournalismus zu schreiben. Ein Versuch den Gebrauchswert des Mediums Tageszeitung zu verändern - Lesern das Blatt zur Verfügung zu stellen! Eine Hoffnung, die Presselandschaft in Bewegung zu versetzen.

Ausgerechnet die taz ließ im Oktober 2003 eine Ausgabe zum 25. Jubiläum vom Bild-Chefredakteur Kai Diekmann gestalten und verantworten. Feindes-taz hieß die Sonderausgabe. Übrigens: Die taz feiert immer zweimal Geburtstag, anlässlich der Nullnummer vom 22. August 1978 und anlässlich des täglichen Erscheinens am 17. April 1979. Irritierend war diese Aktion vor allem deshalb, weil es sich bei dem Interims-Chef um jenen Zeitgenossen handelte, mit dem sich die taz monatelang im Rechtsstreit über eine Satire-Geschichte zu dessen angeblicher Penisverlängerung befand.

Heute gibt's Kohl

Mit Diekmanns Schlagzeile "Heute gibt's Kohl" gelang der taz zwar ein PR-Coup erster Güte, was sich in einer Auflage von 100.000 Exemplaren und einer Erwähnung in der Tagesschau niederschlug. Doch der selbst gesteckte Anspruch der taz rückte dabei in den Augen zahlreicher Beobachter in weite Ferne. "Selbstironische Grenzüberschreitung" war der Auftrag laut Chefredakteurin Bascha Mika bei dieser Nummer - doch mussten mit dieser Aufgabe solche Leute wie Jürgen Fliege, Dieter Bohlen, Guido Westerwelle und der Mahr-Hansi betraut werden? Für einen Tag wurde die taz zur Bild.

Doch gibt es auch allgemeine Anzeichen für eine Boulevardisierung und Entpolitisierung der taz? Ja, die sind durchaus erkennbar, spätestens seit der intern umstrittenen Einführung der taz zwei. Die Bezeichnung taz zwei scheint sich der Namensgebung der britischen (Boluevard)Blätter anzuschließen. Mit diesem reformierten hinteren Teil des Blattes versucht die taz seit Oktober 2003, linken Unterhaltungsjournalismus zu machen. Neben einiger intelligenter Kulturkritik findet sich da leider viel billige Provokation. Diese Reform führte weiterhin dazu, dass im vorderen Teil der Zeitung eine Seite weniger zur Verfügung steht. Das bedeutet eine deutliche Schwächung des politischen Teils, was insbesondere von den Auslandskorrespondenten der taz kritisiert wurde. Außerdem kam es zur Auflösung von zwei Themenseiten: der interkulturellen Seite "Intertaz" und "Internet"-Seite. Gleichzeitig aber hat die Inflation von Rubriken im hinteren Teil der taz die Unübersichtlichkeit gesteigert und die Orientierung erschwert.

Dies schlägt sich auch in der Themenwahl von taz zwei nieder. Zwar sind deren Macher angetreten, eine Mischung aus Kultur, Sport, Medien, Internet, Wissenschaft und Internet zu präsentieren, aber es geht schwerpunktmäßig um Fußball, das Fernsehprogramm und Rockmusik - also Mainstream. Just in einer Zeit, da andere Medien C- oder D-Prominente in den Dschungel oder in Retro-Shows schicken, wird auch in der taz den Celebrities gehuldigt.

Gesegnetes Teekränzchen!

In der taz zwei beschäftigen sich nun lange Beiträge mit Britney Spears und Kylie Minogue. Auch hiesige Medienfiguren wie Stefan Raab werden wichtiger. Und so bringt die taz am 05. Februar 2004 unter dem Titel "Raab muss blechen" die geballte Schadenfreude über ein Gerichtsurteil zum Ausdruck: Der TV-Moderator muss einer 18jährigen 70.000 Euro Schmerzensgeld für seine gehässigen und obszönen Witze in TV Total zahlen. Andererseits aber gibt es ordentlich Lob für die Raab-Retorte Max Mutzke, den in TV Total gecasteten und für den Eurovision Song Contest aufgebauten Sänger. Max sehe aus wie ein "Attac-Mensch, der nur öko einkauft und trotzdem Charme hat".

Am 02. April 2004 wird ein Artikel über Teesalons, die angeblich der "hektischen Coffee to go Kultur Konkurrenz" machen, völlig von dem nebenstehenden Bild überlagert. Auf dem Foto räkeln sich zwei blonde Grazien unter einem gewaltigen Jesus-Bild auf einem Sofa. Die eine von beiden hatte auf diesem Bild ihre Beine einladend geöffnet, inklusive dem sonst aus einschlägigen Männermagazinen bekannten lasziven Gesichtsausdruck. Besser hätte auch die Bild-Zeitung Phantasien nicht visualisieren können, nur hätten die Damen dort weniger an. Titel des Beitrags: "Gesegnetes Teekränzchen!"

Die taz entpolitisiert sich damit zunehmend, ein eindeutiges politisches Projekt, wie noch das zuvor erwähnte taz-Manifest vom 17. April 1979 versprach, ist kaum noch erkennbar.

Sichtbar wird ein Generationskonflikt zwischen Peter Unfried, dem jungen Vize-Chefredakteur sowie Erfinder von taz zwei, und dem Kulturressort und dessen Leiter Dirk Knipphals, als Vertreter der alten taz. Die Hetzjagd der Bild-Zeitung auf die Schauspielerin Sibel Kekilli wegen ihrer Porno-Vergangenheit wurde von Knipphals im Feuilletonteil zu Recht gebrandmarkt. Die taz zwei brachte dagegen ein Interview mit dem Pornoregisseur, bei dem Kekilli einst unter Vertrag war. Was hieran deutlich wird, ist die letztlich vom taz-Kollektiv noch nicht eindeutig gezogene Grenze zwischen taz und taz zwei, zwischen seriösen und politisch korrekten Journalismus einerseits und mit Mitteln des Voyeurismus und Sexismus operierenden Boulevardjournalismus andererseits.

Scharf wie ein Fallbeil

Ebenfalls bedenklich ist die Solidarisierung der taz mit Bild und Stern, als diese von Bundeskanzler Schröder bei der letzten Auslandsreise in die Türkei und die USA nicht in der Regierungsmaschine mitfliegen durften. Diese Schulterschluss erscheint insofern fragwürdig, da weder Bild noch Stern ein verbürgtes Zugangsrecht zu den inneren Zirkeln der Macht haben. Besonders unnötig war die Lobpreisung von Hans-Ulrich Jörges - dem stellvertretenden Chefredakteur und Leiter des Hauptbüros des Stern. Am 02. April 2004 erhob Jens König, auf Seite 3 der taz, Selbstverständlichkeiten des journalistischen Arbeitens zu einer bedeutenden Sache:

Er kennt viele Politiker gut. Er lädt sie zu vertraulichen Gesprächen in sein Büro ein. Aber er macht sich mit ihnen nicht gemein. Er polarisiert. Jede Woche schreibt er im Stern eine Kolumne. Sie ist scharf wie ein Fallbeil.

Dass gerade Jörges undifferenziert, zum Teil verletzend und unproduktiv schreibt, wird nur angedeutet, aber nicht kritisiert:

Zack, Kopf ab. Oben oder unten, schwarz oder weiß, zu viele oder zu wenig Reformen - das ist Jörges Welt.

Wenn in diesen Fällen von der Boulevardisierung der taz die Rede ist, dann vor allem deshalb, weil mit dem Projekt taz zwei anscheinend auch ein taz-Lesertyp-zwei gesucht wird. Dieser Leser- und Abonnententyp sollte, wie es die Lektüre der Beiträge in taz zwei nahe legt, unter 30 sein, das Durchschnittsalter der taz-Leser liegt jetzt bei 42 Jahren. Und er soll wohl unpolitischer sein als der traditionelle taz-Leser.

Neue Ernsthaftigkeit und Lesertyp zwei

Freilich dürfte die stabile bis positive Auflagenentwicklung der taz, von 40.000 zu 60.000 Abonnenten, in den letzten drei Jahren, die von einigen taz-Verantwortlichen als Erfolg der Unterhaltungsorientierung interpretiert wird, ist eher auf die kompetente Berichterstattung der Zeitung über politische Krisen zurückzuführen sein: Beispiel: die Terroranschläge des 11. September 2001 oder der Irakkrieg. Dies spricht gegen die These von der umfassenden Boulevardisierung der taz. Allerdings sind Boulevardisierungstendenzen, wie zuvor beschrieben, nicht zu übersehen.

Das Ergebnis unserer Diskussion der Boulevardisierungstendenzen in der taz lautet: Ja, es gibt sie in Ansätzen, aber es gibt weiterhin deutliche Unterschiede zur Boulevardpresse sowie zur politischen Berichterstattung anderer renommierter Tageszeitungen. Zwar nehmen auch bei der taz Personalisierungen zu, aber eine umfassende Privatisierung und Intimisierung bleibt aus. Die Kritik an den real existierenden Verhältnissen ist meist fundiert und differenziert; die Konzernunabhängigkeit des Blattes bleibt ein großes Plus, ebenso, dass die taz fast anzeigenfrei ist. Auch gibt es nur selten in der deutschen Medienlandschaft eine so intensive Diskussion mit den Lesern, wie etwa im Fall der Wiedereinführung der Medienseite "flimmern und rauschen". Ohne Hinweise auf politische Veranstaltungen und Demonstrationsaufrufe würde der politischen Kultur Deutschlands etwas fehlen.

Die taz steht nicht für Boulevardisierung, spiegelt aber gleichwohl die wirtschaftlich angegriffene Situation auf dem Zeitungsmarkt wieder, denn Leser müssen in großem Maße und zu fast jedem Preis aquiriert werden. Bevor die taz im Seichten ertrinkt, sollten sich die Verantwortlichen mit den bestehenden Abos begnügen und nicht zu sehr auf Lesertyp zwei setzen. Das Reformprojekt taz zwei führt nicht wirklich weiter. Angesagt sind andere Formen der Leser-Ansprache, eine neue Ernsthaftigkeit, die verstärkte Zusammenarbeit mit NGOs und offene Dialoge mit Künstlern und Intellektuellen.

Literatur

Horst Pöttker (Hrsg.) (2001), Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Auftrag. Klassiker der Sozialwissenschaft über Journalismus und Medien, Konstanz.

Marx, Karl (2001), "Pressefreiheit und Zensur" [Titel des Hrsg.!], in: Horst Pöttker (Hrsg.), Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Auftrag. Klassiker der Sozialwissenschaft über Journalismus und Medien, Konstanz, S. 35-55.

Habermas, Jürgen (1962), Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt/M.

Adorno, Theodor W. (1997), Meinungsforschung und Öffentlichkeit, in: Gesammelte Schriften, Bd. 8: Soziologische Schriften I, Frankfurt/M., S. 532-537.

Schnibben, Cordt (1995), Der McJournalismus, in: Spiegel Spezial, # 1.

Knobloch, Silvia/Donsbach, Wolfgang (2001), Vorwort, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der TU Dresden, # 50: Sonderheft Medien und Kommunikation, Dresden.

Renger, Rudi (2000), Populärer Journalismus. Nachrichten zwischen Fakten und Fiktionen, Insbruk/Wien/München.

Klaus, Elisabeth (1996), Der Gegensatz von Information ist Desinformation, der Gegensatz von Unterhaltung ist Langeweile, in: Runfunk und Fernsehen, Heft 3, S. 402-417.

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