Abhängig vom Internet

21.04.2004

Allein in Deutschland sollen über eine Million Menschen onlinesüchtig sein – ein neuer Verein will sich um Aufklärung und Prophylaxe bemühen

Das Phänomen der Internetsucht, das von dem amerikanischen Psychiater Ivan Goldberg 1995 erstmals reflektiert wurde, wird seit Jahren diskutiert und war auch Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Studien. So hat beispielsweise Matthias Jerusalem, Leiter der Abteilung Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Berliner Humboldt-Universität, im Rahmen einer Online-Untersuchung 8.851 Personen je 158 Fragen vorgelegt und daraus charakteristische Verhaltensauffälligkeiten entwickelt. Folgerichtig gab es auch in Deutschland, wo drei bis vier Prozent der rund 40 Millionen Internetnutzer mindestens deutliche Anzeichen einer solchen Abhängigkeit aufweisen sollen, immer wieder Versuche, die Betroffenen durch themenspezifische Vereine und Selbsthilfegruppen zu unterstützen.

Doch den gutgemeinten Projekten fehlte es bislang an Durchhaltevermögen, konsequenter Medienpräsenz und länderübergreifender Zusammenarbeit. Der gemeinnützige Verein mediarisk international will aus den Fehlern seiner Vorgänger lernen und die Erfahrungen von Betroffenen mit wissenschaftlichem Know-How, politischem Beistand und internationalem Erfahrungsaustausch verbinden. Vorstand Rainer Gölz erläutert auf Nachfrage von Telepolis:

Das Thema ist in den vergangenen Jahren einfach falsch angepackt worden, da haben viele nur ihr eigenes Süppchen gekocht. Wir wollen ein wichtiges Problem unserer Zeit grundlegend aufarbeiten, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen und in möglichst vielen Ländern weitere Dependancen gründen.

Die Liste der prominenten Befürworter kann sich jedenfalls schon sehen lassen. Der Bündnis-Grüne Fritz Kuhn hat seine Unterstützung zugesagt und sich statt der angetragenen Ehrenmitgliedschaft die Mitgliedsnummer 000001 geben lassen, wodurch der obligatorische Monatsbeitrag von 7,50 € fällig wird. Als Ehrenpräsidentin fungiert die amerikanische Psychologin Kimberly S. Young, Ehrenmitglieder sind der oben genannte Matthias Jerusalem und der Psychologe und Mediensuchtexperte Franz Eidenbenz aus Zürich.

Bleibt die Frage, wogegen der neue Verein denn eigentlich anzukämpfen versucht. Anders formuliert: Was genau ist Internetsucht? Rainer Gölz erklärt:

Das Suchtverhalten kann man nicht an einer Stundenzahl festmachen. Es gibt gute Gründe, warum ein Mensch viele Stunden am Tag vor seinem Rechner verbringt. Wenn er aber beginnt, Chatroombekanntschaften für echte Freunde zu halten, wenn sich sein ganzes Denken nur noch um Computer oder andere moderne Kommunikationsmittel dreht, wenn er schließlich beginnt, das Internet für das wahre Leben zu halten und bei Abstinenz regelrechte Entzugserscheinungen bekommt, wird es kritisch.

Durch die Mitarbeit von Gabriele Farke, die einst selbst internetsüchtig war und für die Online-Beratung von "mediarisk international“ verantwortlich zeichnet, will der Verein dem Verdacht vorbeugen, er wisse nicht, von welchen Problemen er da überhaupt redet. Farke publiziert mittlerweile erfolgreiche Ratgeber und wendet sich auf der Website von "mediarisk international“ radikal gegen jede unbedachte Form der Internetwerbung. Was bisweilen burleske Züge annimmt, wie im Fall des T-Online-Spots "Ich lebe online!“ O-Ton Farke:

Dieser Slogan ist eine schallende Ohrfeige für alle Onlinesüchtigen und deren Angehörige. T-Online scheint nicht die geringste Ahnung zu haben, was eine Familie zu erleiden hat, in der ein Angehöriger onlinesüchtig ist. Man stelle sich nur vor, ein Betrunkener würde in einer Werbung für einen Weinbrand freudig erregt laut lallen

'Ich bin blau, ich lebe im Suff!' Die Nation würde sich empören und das völlig zu recht!

Rainer Gölz verweist darauf, "dass viel mehr Menschen, als wir uns vorstellen, tatsächlich süchtig nach bestimmten Sexseiten oder nach Online-Spielen aller Art sind. Für die Betroffenen gibt es praktisch überhaupt kein anderes Leben mehr.“

Was konkret zu tun wäre, hat der Vorsitzende von "multimediarisk international“, der nachdrücklich betont, dass sein Verein keine therapeutischen Ziele verfolgt, sondern in den Bereichen Aufklärung und Prophylaxe arbeiten will, bereits angedacht:

An einigen amerikanischen Highschools können sich Chatroombesucher nur noch mit ihrem eigenen Namen eintragen. Wenn sie länger als 90 Minuten online sind, wird das von der Software erkannt, die sich dann automatisch abschaltet. Eine solche Zertifizierung von Chatrooms würden wir grundsätzlich begrüßen, um im Interesse der User missbräuchliche Anwendungen zu verhindern.

Wer tatsächlich internetsüchtig ist, wird sich von solchen Beschränkungen vermutlich nicht aufhalten lassen. Doch wenn das Problembewusstsein für einen suchtartigen Medien- und Internetkonsum durch eine breitere öffentliche Diskussion auf Dauer geschärft wird, hätte "multimediarisk international“ immerhin einiges erreicht.

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