Der Koran: eine arabische Version der Bibel?

Gewagte Thesen zur Neuinterpretation des heiligen Buches der Muslime

"Der Islam ist eine Mode geworden, wie etwa der Marxismus in den 60er und 70er Jahren", sagt Amal Saad-Ghorayeb, Assistenz-Professorin für Politikwissenschaft an der libanesisch-amerikanischen Universität in Beirut. "Selbst für meine Studenten, die mit einem 40.000 Dollar Auto zur Uni kommen, ist es 'cool' während des Ramadans zu fasten."

"Die Wahlen zur Studentenvertretung hier an der Universität werden in der Hauptsache von den islamischen Gruppen organisiert, nicht mehr von den Linken wie früher." Der Islam würde den jungen Menschen eine neue Identität, ein neues Selbstbewusstsein gegeben, durchaus kritisch, aber ohne die Notwendigkeit, ihre Tradition komplett in Frage zu stellen.

Nach dem Ende der Sowjetunion, nach dem Niedergang linker Ideen, nach einer Art Vakuum gibt es die Möglichkeit einer Neuorientierung für viele junge Menschen, die Antworten auf ihre Fragen nach dem Sinn und Zweck des Lebens suchen.

Neuer Schlüssel zu dieser Welt

Anstatt wie bisher an die revolutionären Interpretationen des "Kommunistischen Manifests" oder des "Kapitals" zu glauben, werde nun der "Koran", das heilige Buch des Islams, zum Schlüssel dieser Welt, der Wegweiser gegen alle Ungerechtigkeiten. "Und der Koran hat den Vorteil, dass er bekanntlich ein konkurrenzloses Buch ist", fügt Amal Saad-Ghorayeb an. Mit "konkurrenzlos" spielt die junge Professorin der Politikwissenschaft auf die sogenannte "göttliche Urheberschaft" des Korans an.

Im Gegensatz etwa zur Bibel, die von Menschen geschrieben wurde, gilt der Koran für alle Moslems als das direkt von Gott stammende Wort, das der Engel Gabriel dem Propheten Mohammed im Laufe von rund 20 Jahren (ca. 612-632 n. Chr.) in Mekka und Medina überbrachte. Der Koran ist also nicht ein x-beliebiges Buch unter vielen anderen Büchern, der Islam nicht eine Religion unter vielen anderen Religionen oder Ideologien.

"Dieses Buch ist nicht anzuzweifeln", sagt der Koran über sich selbst. Jede Kritik ist ausgeschlossen, denn gegen das "göttliche Wort" lässt sich schwerlich etwas sagen, außer man würde die Existenz Gottes selbst anzweifeln. Obendrein seien die "göttlichen Offenbarungen" in "deutlicher arabischer Sprache" erfolgt, was zur "göttlichen Legitimität" noch ein Gefühl des "auserwählten (arabischen) Volkes" mit sich bringt.

In Zeiten, in denen der Westen die Politik der arabischen Länder komplett zu bestimmen versucht, ist eine, sich auf das eigene kulturelle Erbe besinnende Identitätssuche sehr verständlich. Das macht wahrscheinlich heute die breite Attraktivität des Islams für viele, nicht nur junge Menschen aus.

Nach den weltweiten Terroranschlägen werden besonders aus dem Westen Stimmen laut, die eine Reform des Islams fordern. Mehr Demokratie, mehr Rechte für Frauen, mehr Recht auf Selbstverwirklichung, mehr Meinungsfreiheit usw. Aber die Zeiten stehen schlecht für Reformbewegungen in der islamischen Welt, die sich vom Westen unter Druck gesetzt, ja bedroht fühlt. Dissidenten sind nicht gerne gesehen.

Liberale Interpreten des Islam müssen um ihr Leben fürchten

Faruq Foda, ein ägyptischer Gelehrter wurde auf offener Strasse erschossen, Nasr Hamed Abu Zaid musste Ägypten verlassen, nachdem man ihn von seiner Frau zwangsgeschieden hatte, und Professor Suliman Basheer wurde von seinen Studenten an der Universität von Nablus aus dem zweiten Stock geworfen, weil er gesagt hatte, der Islam würde sich nur langsam entwickeln und noch nicht ganz mit den Aussagen des Propheten Mohammed übereinstimmen.

Als Rechtfertigung all dieser Taten, auch beim Angriff auf Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus oder der 'Fatwa' gegen Slaman Rushdie, dient der Vorwurf der Verunglimpfung des Korans, der Infragestellung des unantastbaren Wortes Gottes. Die Wissenschaftler und Schriftsteller sind keine Kritiker, sie sind Apostaten und ein Abfall vom rechten Glauben kann im Islam mit dem Tode bestraft werden.

Wie wir selbst von der eigenen christlichen Geschichte und von totalitären Regimes in Europa wissen, ist der rechte Glaube eine Frage der Interpretation, eine sehr willkürliche und wechselhafte Angelegenheit. Im Falle des Korans ist es nicht anders. Die Interpretation des rechten Glaubens ist von Land zu Land verschieden und von den jeweiligen Machthabern abhängig, die sich über das heilige Buch und seine göttliche Referenz zu legitimieren versuchen.

Das war bei Saddam Hussein so, der seine säkulare Diktatur wiederholt religiös abzusichern versuchte, wie auch bei den Taleban in Afghanistan, die vermeintlich buchstabengetreu das Leben nach dem Koran gestalteten. Beispiele aus der Gegenwart sind Saudi-Arabien oder der Iran, Staaten, die auf sehr konträre Glaubensansichten basieren. Nicht zu vergessen die militanten Gruppen, die aus dem Untergrund eine eindimensionale, tödliche Botschaft des Korans verbreiten.

Wer also über das heilige Buch des Islam, dem verbürgten Wort Allahs, öffentlich nachdenkt oder forscht, befindet sich unwillkürlich in einer verzwickten Lage. Er betreibt nicht etwa nur Wissenschaft, sondern stets auch ein Stück Ideologiekritik, was, besonders heutzutage, ein unkalkulierbares Risiko mit sich bringt.

Textkritische Untersuchung des Korans "Blasphemie"

Das ist sich auch Moncef Ben Abdeljelil, Professor für Literatur und Humanwissenschaften an der Sousse Universität von Tunis, bewusst, der an einer textkritischen Ausgabe des Korans arbeitet. Mit einem Kollegenteam untersucht er die Koran-Pergamente, die vor 30 Jahren bei der Renovierung der Moschee in Sana (Jemen) gefunden wurden, sowie die ältesten existierenden Koranmanuskripte. Dabei wurden Unterschiede zur offiziellen Version des Korans, wie sie heute existiert, festgestellt.

Im August letzten Jahres hatte der tunesische Professor bei einem Seminar der Konrad Adenauer Stiftung über die "Moderne und Islam im Nahen Osten" in Beirut noch relativ freimütig über seine Forschungsergebnisse geäußert. Was wohl an der Atmosphäre Beiruts gelegen haben dürfte, welche die einzige arabische Stadt ist, in der man über Religion (fast) alles sagen kann.

In den Koran-Pergamenten von Sana fanden wir eine ganz andere Methode der Übertragung, eine unterschiedliche Art der Auslegung des Korans.

Das Interessante an den neuen, alternativen Auslegungen wäre, dass man den gesamten rechtlichen Aspekt, der vom Koran abgeleitet wird, überdenken müsste.

Ich glaube, dass eine kritische Ausgabe unsere Meinung über die Situation der Frau, bezüglich religiöser Toleranz und das, was man Menschrechte nennt, erweitert.

Wenige Monate nach dem Seminar in Beirut, befragt nach näheren Details seiner Forschungen, lehnte Moncef Ben Abdeljelil nach einer ersten Zusage jedoch jeden weitern Kommentar, jede nähere Erläuterung ab. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre es verfrüht, etwas über das laufende Projekt zu sagen, das frühestens in 10 Jahren abgeschlossen sein soll. Er bestätigte nur seine formalen Ergebnisse. In den Koran-Pergamenten von Sana seien nur wenige, dafür aber entscheidende Unterschiede im Vergleich zum heute geltenden, offiziellen Korantext zu finden.

In den ältesten Manuskripten dagegen, sei zwar die Reihenfolge der Koransuren beinahe identisch zur offiziellen Version, aber es gäbe Unterschiede in der Bezeichnung der Suren, ein großes Missverhältnis in der Anzahl der Verse in jeder Sure, sowie bei der Zuweisung des Ortes (Mekka oder Medina) der Offenbarungen an den Propheten Mohammed. Was insgesamt also nichts anderes heißt, dass Menschen im Laufe der Geschichte den heiligen Text verändert bzw. manipuliert haben.

Abschließend betonte der tunesische Koranforscher, dass dies auch nur vorläufige Resultate seien, die in einer weiteren Analyse noch bedürften. Wahrscheinlich ist Moncef Ben Abdeljelil angesichts der neuen Terroranschläge radikaler Islamisten etwas vorsichtiger geworden und hat sich an das erinnert, was er in Beirut sagte:

Im Islam heute gibt es fundamentalistische Projekte, die ausnahmslos jede Art von Nachdenken im Islam bekämpfen.

Für diese Sorte von islamischen Denkschulen bedeutet bereits eine textkritische Untersuchung des Korans Blasphemie. Dieses Buch der Bücher kann ihrer Meinung nach keine menschliche Entstehungs- bzw. eine Entwicklungsgeschichte kennen, es ist in der heutigen Version vor knapp 1400 Jahren direkt vom Himmel gefallen.

Lese- und Übersetzungsfehler

Wesentlich weiter als das Forscherteam aus Tunis geht Christoph Luxenberg, ein Spezialist für Semitische Sprachen in Deutschland. Sein bereits 2000 erschienenes Buch, "Die Syro-Aramäische Leseart des Koran" sorgte weltweit, nicht nur in akademischen Kreisen, für Aufsehen. Den Sprachwissenschaftler, der sich den Namen "Luxenberg" auf Anraten muslimischer Freunde als Pseudonym zulegte, hatten die sogenannten "dunkeln Stellen" des Korans interessiert.

Das sind die Textpassagen, deren Sinn nur kaum oder gar nicht zu entschlüsseln ist und von denen islamische Gelehrte behaupten, dass Gott nur alleine sie verstehen könnte. Luxenberg versuchte eine Lektüre mit Syro-Aramäisch, einer Sprache, die über ein Jahrtausend die Kultur- und Schriftsprache im vorderasiatischen Raum gewesen war, bevor sie im 7. Jahrhundert langsam vom Arabisch verdrängt wurde. Plötzlich ergaben diese dunklen, unverständlichen Passagen einen Sinn.

Als der Prophet Mohammed 632 n. Chr. starb, gab es einen wie heute schriftlich fixierten Koran noch nicht. Der dritte Kalif Uthman (644-656) ließ als erster eine verbindliche Ausgabe auf der Basis von Personen, die den Text auswendig gelernt hatten, und teilweise wohl auch nach bereits existierenden Manuskripten erstellen. Zu dieser Zeit lag eine arabische Grammatik noch in weiter Ferne, sie wurde erst 150 Jahre später kodifiziert.

Sogenannte diakritische Punkte, die die gleichgeschriebenen Konsonanten im heutigen Arabisch voneinander unterscheiden, existierten damals noch nicht. Sie wurden in den Koran erst später mit der arabischen Schrift eingeführt, zu einer Zeit, als niemand mehr Syro-Aramäisch kannte, jene Sprache, die zu Lebzeiten Mohammeds gesprochen und geschrieben wurde.

Für Luxenberg ist deshalb klar, dass beim Versuch, den Koran arabisch zu lesen und niederzuschreiben, logischerweise Fehler gemacht wurden, Lesefehler und Übersetzungsfehler. Die Sprache des Korans sei eben eine Mischsprache aus Syro-Aramäisch und Arabisch, deren Verhältnis man, so Luxenberg, mit Deutsch und Niederländisch vergleichen könnte. "Nimmt man beispielsweise das Wort 'bellen'. Auf Niederländisch bedeutet es 'klingeln'. Wenn in Deutschland an der Klingel steht, "Dreimal bellen", wirkt es eher komisch".

So ähnlich verhielte es sich auch mit den Übersetzungsfehlern im Koran, die so zahlreich und frappant seien, dass Luxenberg "unzählige Male die Hände über den Kopf zusammengeschlagen" habe.

Die Fehllesungen und Fehldeutungen sind so verblüffend, dass man sich nicht vorstellen kann, dass die Menschen, für die die koranische Botschaft ursprünglich gedacht war, diese Sprache nicht verstanden hätten.

Ein plakatives Beispiel für die Übersetzungsfehler sind die "Huris", die berühmten Jungfrauen, die im Paradies den Selbstmordattentätern, den Märtyrern versprochen werden. In Wirklichkeit sind es nur "weiße Weintrauben als symbolische Ausstattung des christlichen Paradieses in Anlehnung an das Abendmahl des Evangeliums".

Aufschlussreiches gibt es, entsprechend Christoph Luxenberg, auch zum "Kopftuch" zu finden, das der Koran den Frauen angeblich vorschreibt. "In einer Passage in Sure 24, Vers 31 heißt es arabisch gelesen: Sie sollen ihre "Chumur" auf ihre Taschen schlagen! Diese unverständliche Passage wurde dann so interpretiert, dass sie sich ihre Kopftücher über ihre Brüste ziehen sollen. Syro-Aramäisch ist es aber so zu verstehen, dass sie sich ihre Gürtel um die Lenden (Taille) schnallen sollen".

Der Koran - ein christliches Werk?

Das sind eigentlich noch Kleinigkeiten aus der "neuen Leseart des Korans" von Christoph Luxenberg. Für ihn "ist der Koran ein syro-aramäisches liturgisches Buch mit Auszügen aus der Schrift zur Verwendung im christlichen Gottesdienst". Bei seiner Übersetzungsarbeit findet er im Buch des Islam u.a. eine direkte "Aufforderung zur Teilnahme an der Abendmahlliturgie" und Hinweise auf das Weihnachtsfest.

Der Koran war von Anfang an nicht als Grundlage einer neuen Religion gedacht. Er setzt vielmehr den Glauben an die Schrift voraus und hat insoweit eine Vermittlerrolle.

Der Koran also nur eine arabische Version der Bibel? Eine gewagte These, nicht nur heute in der Zeit islamischer Militanz. Für gläubige Moslems, die den Koran als das einzig wahre, heilige Buch ansehen, wäre das ein Schock. "Natürlich denke ich", so Luxenberg, "an die Millionen von Menschen, denen man beigebracht hat, dass der Koran das unveränderliche Wort Gottes beinhaltet. Das Problem wird sicherlich sein, nicht etwa den Glauben dieser Menschen zu erschüttern, sondern sie zur Einsicht zu bringen, dass es Menschen sind, die das Wort Gottes so missverstanden haben".

In Pakistan wurde die Ausgabe der Zeitschrift "Newsweek" mit einem Artikel über die "Syro-Aramäische Leseart des Korans" verboten. Ansonsten weiß der Autor zu berichten, dass er bei Begegnungen mit Muslimen keinerlei Anfeindungen gegeben habe. "Im Gegenteil", meint Luxenberg, "sie alle zeugten von Ihrem Respekt für das Bemühen eines Nichtmoslems um das sachliche Verständnis ihrer Heiligen Schrift".

Nein, Angst habe er keine, eher wäre es ein stetiges Staunen über die Unzulänglichkeit des Menschen, den Koran richtig zu verstehen. Eine "Fatwa", wie etwa gegen Salam Rushdie, habe er als Nicht-Moslem nicht zu befürchten. Das Pseudonym, Christoph Luxenberg, habe er sich nur auf Anraten muslimischer Freunde zugelegt, die meinten, dass aufgebrachte Fundamentalisten einer "Fatwa" nicht bedürften, um eventuell auf eigene Faust tätig zu werden. Der Akademiker wirkt gelassen und sieht alles eher positiv.

Wenn religiöse Staaten wie Saudi-Arabien oder der Iran gewillt wären, den Koran so zu verstehen, wie er objektiv verstanden sein will, würden sich für die islamischen Völker dadurch hoffnungsvolle Perspektiven eröffnen.

Etwas sehr unrealistisch, würde Amal Saad-Ghorayeb, die Assistenz Professorin für Politikwissenschaft an der libanesisch amerikanischen Universität in Beirut sagen. Als Hisbollah-Spezialistin und Autorin eines Buches über die Gruppe weiß sie nur zu gut, dass es für einen Moslem nach über 1000 Jahren Islam wohl keinen Weg gibt, den Koran, sein heiliges Buch, als christliches Werk zu erkennen. Eine Phantasiegeschichte, nicht einmal aus ferner Zukunft.

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