AEG des Web

26.04.2004

Amazon, E-Bay & Google schicken sich an, das Web zu übernehmen

Die Meldung kam am 1. April und ist nur die Spitze des Eisberges. Sie war auch, wie Vizepräsident Urs Hölzle und Technikchef Craig Silverstein jetzt in einem Interview mit der Zeitschrift "c't" bekräftigen, kein Aprilscherz. Google, die größte und beliebteste Suchmaschine des Internet hat in Amerika einen kostenlosen, mit Werbung versetzten Email-Service namens Gmail ins Web gehoben (Bei jeder Mail wird mitgelesen). Ein Gigabyte oder 1.000 Megabyte Platz für Nachrichten sollen dem Nutzer zur Verfügung stehen, der seine "Gmail"-Mailbox per Volltextsuche durchforsten kann und sich somit das oft leidige Sortieren spart. Finanziert werden soll "Gmail" mit Text bezogener Werbung innerhalb der Emails. Konkret heißt das: Wenn wir in einer Email das Wort "Amazon" verwenden, wird eine Werbung (Textanzeige oder Link) von "Amazon" eingeblendet werden.

Angeblich wird das alles maschinell und automatisch passieren, wie Hölzle versichert: "Kein Mitarbeiter von uns wird die Emails zu Gesicht bekommen." Auch wer das glaubt, wird nicht selig. Denn spätestens wenn die durch Maschinen generierten Werbeeinblendungen einer bestimmten Firma in Emails sich in bare Münze umwandeln sollen, wird dies ohne das menschliches Händchen nicht abgehen. Mal ganz davon abgesehen: Jede (maschinell erstellte) Statistik ist nur soviel Wert, wie der Betrachter hinein oder heraus interpretiert. In der Regel ist auch das ein Mensch.

Gerade hat die Google-Justiziarin Nicole Wong in den USA bestätigt, dass ein einzelner "Cookie", der dem Nutzer angeheftet wird, reicht, um eine Verbindung zwischen der webbasierten Gmail und Google herzustellen. "Cookies" sind kleine Webapplikationen, die im Webbrowser eines Nutzers hinterlegt werden, meist zur späteren Identifizierung. Sie werden etwa bei "Registrierungen" bzw. "Log-ins" gesetzt. Für das "Session-Management" einer Website, also zum Beispiel beim Einkaufen in mehreren Schritten, sind "Cookies" unerlässlich. Google kann also, in Verbindung mit Gmail und seinen anderen Webdiensten (siehe unten), ein sehr komplexes persönliches Profil eines Nutzers erstellen und vermarkten.

Google strebt geradlinig auf den Börsengang zu und wird in den USA als der "heißeste IPO" gehandelt, der Emissionswert ist auf 15 - 25 Milliarden US-Dollar antaxiert. Google kann sich mit über 200 Millionen täglichen Suchanfragen und über 3 Milliarden indexierten Webseiten brüsten. Bereits 2001 hat Google Deja.com, ein News-Archiv, gekauft und bietet seitdem auch 650 Millionen Usenet-Einträge an. Im Februar 2003 fraß Google dann Pyra Labs und damit Blogger.com, den beliebtesten Weblog-Dienst, mit über 1 Million registrierten Nutzern. Google News durchsucht weltweit 4.500 Nachrichtenquellen und läuft für Deutschland (700 Nachrichtenquellen) gerade in der Testversion. Zudem gibt es in der Betaversion auch Froogle: "Smart shopping through Google". Wer hätte das gedacht? Ab sofort können wir im Web auch Einkaufen mit Google-Froogle. Mit anderen Worten: Was es bei Google nicht gibt, gibt es nicht.

Mitte April zeigte dann Jeff Bezos, der Gründer von Amazon, dass auch er immer den Finger am Puls des Webs hat. Amazon startete in den USA seine eigene Suchmaschine A9.com nach den Interface-Vorbild von Google (Amazon mit eigener Suchmaschine). Das Besondere an A9.com: Web-Suchergebnisse von Google und Alexa, einem weiteren, ebenfalls zu Amazon gehörenden Suchdienst, werden mit Amazons "Search Inside the Book"-Service kombiniert. "Search Inside the Book" erlaubt es momentan, in ca. 100.000 bei Amazon angebotenen Büchern den gesamten Inhalt nach Stichwörtern zu durchsuchen. "Alexa" wiederum sucht nicht nur nach Websites zu einer Anfrage sondern liefert gleichzeitig eine Fülle von sogenannten "Site Infos". Wenn wir beispielsweise "Süddeutsche Zeitung" eingeben, erfahren wir auch den durchschnittlichen Traffic, der auf der Website herrscht, wieviele Besucher da waren, was sie sich auf den Seiten genau angesehen haben, wohin die Surfer anschließend gegangen sind, welche Links von außen auf die Website geführt haben usw. usf.

Es ist ein bisschen so, als würden wir einem Ladenbesucher, der gerade herein kommt, zuallererst einmal die kompletten Geschäftsbücher auf die Theke knallen, bevor wir ihn überhaupt gefragt haben, was wir für ihn tun können. Nicht ohne Grund hat Alexa bereits im Frühjahr 2000 die FTC (Federal Trade Commission) in Amerika auf den Plan gerufen. A9.com, Amazons neue Suchmaschine, überbietet nun sein Web-Suchergebnis nochmals mit denen zum Suchbegriff passenden Büchern, die es natürlich bei Amazon zu kaufen gibt. Die "Suchgeschichte" speichert unsere Suchen auf A9.com, allerdings müssen wir uns vorher registrieren lassen, außer wir haben das schon bei Amazon erledigt.

Die gerade veröffentlichten Quartalszahlen 2004 von "Earth's biggest Selection" sprechen für sich: Umsatz 1,53 Milliarden US-Dollar, Gewinn 111 Millionen US-Dollar. Im Gegensatz zu Deutschland bietet Amazon in den USA bereits über 60 Shops unter seinem Dach an - und wir können alles nicht nur kaufen, von der Gartenharke bis zur Jeans, sondern auch wieder verkaufen. Mit anderen Worten: Was es dort nicht zu kaufen gibt, gibt es nicht.

Fast wie bei E-Bay, dem mit weltweit über 100 Millionen registrierten Nutzern größten Versteigerungshaus im Web. E-Bay hat erst im Januar die dickste Gebrauchtwagenbörse des Internet mobile.de übernommen und bietet pünktlich zum 1. April bei ebay.de auch Immobilien an.

Auch E-Bays Zahlen für das erste Quartal 2004 stimmen, in dem der Umsatz auf das Rekordniveau von 756,2 Millionen US-Dollar und der Nettogewinn auf 200,1 Millionen US-Dollar kletterte. 146 000 Online-Läden versammelt E-Bay schon unter seinem Dach und die E-Bay-Tochter PayPal, ein Webzahlungsdienst, wickelte Transaktionen im Wert von 4,3 Milliarden US-Dollar ab. Zahlen, von denen selbst Web-Euphoristen niemals geträumt haben und all die Lügen straft, die das Internet totgesagt haben.

Amazon, E-Bay und Google, das AEG des Web, lernt ständig voneinander. Und was dem einen Geld bringt, ist dem anderen nur billig. Wenn Google suchen kann, kann das auch Amazon, nur noch ein bisschen ausgefuchster. Wenn E-Bay versteigert, kann Google auch verkaufen. Und wenn Amazon verkauft, kann E-Bay auch die Bilder für Googles Bildsuche liefern, damit wir dann bei E-Bay das ersteigern, was wir bei Amazon kaufen wollten... oder haben wir jetzt etwas durcheinander gebracht?

Vielleicht ist genau das Problem. Textbezogene Werbung in privaten Emails, doppelt registrierte Nutzerschaften, geschlossene Angebots-, Verkaufs- und Zahlungssysteme, technologisch abgebildete Nachrichtenlandschaften, gekaufte Suchergebnisse - AEG, Amazon, E-Bay und Google versuchen uns sehr geschickt vorzuflunkern, sie seien das Web, die Welt. Dass das Web längst seine Unschuld verloren hat und damit gutes Geld zu verdienen ist, ist ja gar nicht das Problem. Die Frage ist heute: Wer wird das Web dominieren? AEG?

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