Die "Online-Magazine" von al-Qaida

28.04.2004

Update: Die Spiegel Online "vorliegenden" angeblichen Online-Magazine gibt es auch auf einer Website eines israelischen Projekts

Das Terrornetz al-Qaida nutzt das Internet. Aber ob potenzielle Rekruten sich per unverschlüsselter Email anwerben lassen und ob es Websites gibt, die Osama bin Laden und seinen Helfershelfern eindeutig zuordnen lassen, ist strittig. Spiegel online behauptet, Dokumente zu besitzen, die das beweisen - unter anderem das "14-täglich erscheinende Online-Magazin "Mu'askar al-Battar" ("al-Battar military camp")". Dieses Magazin gibt es wirklich online - beispielsweise auf der Homepage eines wissenschaftlichen Projekts aus Israel. Das "Project for the Research of Islamist Movements" bietet zahlreiche Dokumente al-Qaidas im Original an.

Wie uns der Spiegel-Autor mitteilte, hatte er die mutmaßlichen al-Qaida-Veröffentlichungen nicht auf der Website des "Project for the Research of Islamist Movements" eingesehen. Zur Bestätigung gab er Telepolis eine URL von einer Website, auf der ebenfalls die Ausgaben von "Mu'askar al-Battar" zu finden sind, wiederum als doc- oder pdf-Dokumente und frei für alle zugänglich. Insofern ist die Vermutung von Burkhard Schröder wohl falsch gewesen, was die Quelle betrifft, wofür sich die Redaktion bei dem Autor entschuldigt, unverständlich aber ist weiterhin, warum Spiegel Online seine Quellen so gut hütet. Der Aufklärung dient dies nicht. Strittig mag weiterhin sein, ob nun "al-Qaida" ein Online-Magazin betreibt.

Interessant mag sein, dass die Website mit den "Mu'askar al-Battar" Ausgaben nach dem Whois-Eintrag angeblich von einem deutschen Provider in Dortmund gehostet wird, der kostenlos Homepages anbietet und von seinen Kunden nur eine funktionierende Email-Adresse verlangt. Der BND hätte hier sicherlich Möglichkeiten. Allerdings scheinen sowohl Adresse als auch Namen falsch zu sein, die Website selbst liegt, wie Burkhard Schröder herausgefunden hat, in Malaysia.

Florian Rötzer

Vor einer guten Woche erschien diese Aufforderung in dem 14-täglich erscheinenden Online-Magazin "Mu'askar al-Battar", das sich selbst als zur Qaida zugehörig bezeichnet. SPIEGEL ONLINE liegen acht Ausgaben dieses Magazins vor. ... Mittlerweile 14 Ausgaben gibt es von "Sawt al-Dschihad", der "Stimme des Dschihad". Alle liegen SPIEGEL ONLINE vor.

Die Meldung, al-Qaida rekrutiere per Internet oder nutze das Netz als "ideologische Waffe", kursiert in Kreisen der US-Militärs schon seit langem. Die meisten dieser Thesen entpuppten sich als Hoax oder als "urban legend" - wie die von vielen Medien verbreitete Nachricht, Osama bin Laden gebrauche Steganografie - eine hübsche Geschichte, aber von " U.S. and foreign officials" mehr oder minder frei erfunden und dennoch von der erzkonservativen USA Today verbreitet (Die al-Qaida-Terroristen und die Steganografie und Benutzen Terroristen versteckte Botschaften?). Auch von den oft erwähnten "Hackern" al-Qaidas hat man nach einem kurzen Medien-Hype (Die al-Qaida-Terroristen und die Steganografie) nie wieder etwas gehört.

Die Statements der "Sicherheitsdienste" zum Thema bewegen sich in der Regel auf allgemeinem kulturpessimistischen Niveau - und sind reine Vermutungen. Spiegel online schreibt: "...das Internet, so vermutet auch der Bundesnachrichtendienst (BND), wird die überkommenen Methoden über kurz oder lang ablösen. Auch das operative Geschäft, die Anschlagsplanung etwa, dürfte langfristig in das World Wide Web abwandern." Das gilt auch für alle anderen Organisationen, die Gutes oder Böses um Schilde führen. Falsch ist aber auf jeden Fall, dass etwas Verbotenes oder gar Geheimes wie die "Anschlagsplanung" ins Word Wide Web verlagert werden wird. Websites sind nie anonym, ein Terrorist wäre schnell entlarvt, würde er eine Domain hosten lassen. Wenn überhaupt, kommunizieren Terroristen wohl per Email - und nicht im Klartext. Davon ist bis jetzt - obwohl es das Nächstliegende wäre - nichts bekannt. Auch die ominöse Mailingliste angeblicher Terror-Sympathisanten von quqaz.co.uk war ein Verteiler elektronischer Postkarten, den jeder Interessierte ohne Gesinnungsüberprüfung einsehen konnte.

Telepolis liegt mittlerweile die 15. Ausgabe von "Sawt al-Dschihad" (Stimme des Dschihad) vor

Die in zahlreichen Medien verbreitete Meldung, al-Qaida betreibe ein "Online-Magazin" oder "rekrutiert im weltweiten Datennetz", ist also schlicht falsch. Würde man Links auf die Quellen der Artikel setzen, entpuppte sich "investigativer" Journalismus als bloßes Kopieren frei zugänglicher Materialien. Wer formuliert "uns liegen die Dokumente vor", täuscht eine Recherche vor, die so nicht stattgefunden hat.

Natürlich werden die al-Qaida-Magazine "von Experten des BND für authentisch gehalten". Das Gegenteil würde die Quelle, die israelische Website, Lügen strafen. Das "Project for the Research of Islamist Movements" des Israelis Reuven Paz wird sich kaum vorwerfen lassen müssen, im Dienste islamischer Terroristen zu stehen. E-prism.org ist Teil des Global Research in International Affairs des "Interdisziplinären Center" in Herzliya im Norden Tel Avivs und arbeitet unter einem Dach mit der "Lauder School of Government, Diplomacy and Strategy". Die "Ronald Lauder-Stiftung", die das Projekt unterstützt, ist ein Think Tank, der nicht nur den israelischen Likud fördert, sondern auch die erzkonservative chassidische Chabad-Bewegung.

In Deutschland ist so etwas noch undenkbar. Rechte Israelis, die Osama bin Ladens Machwerke im Internet im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts anbieten - das wäre so, als würden die PDS oder die Jusos auf ihren Websites das Programm der NPD publizieren. Die einfache Wahrheit, die vermutlich dahinter steht, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Man muss seinen Gegner kennen, um ihn bekämpfen zu können - ein Aspekt, der auch in der Diskussion um "Mein Kampf" berücksichtigt werden sollte (Schwarte für Reichskriegsflaggenzombies).

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