Sex and the mission

Florian Rötzer 30.04.2004

Angeblich denkt man bei der Nasa für lange bemannte Missionen über eine "chemische Sterilisation" der Astronauten nach

Sollten einmal Menschen etwa zum Mars oder gar noch weiter fliegen, so wären sie auf engstem Raum für lange Zeit unterwegs. Drei Jahre könnte etwa eine bemannte Mission zum Mars und zurück dauern. Dabei können die Astronauten einander nicht ausweichen. Bewältigen werden müssen sie nicht nur Depressionen und Spannungen, die in der fliegenden Gefängniszelle explodieren können, sondern auch ein- oder beidseitige sexuelle Lüste (Unberechenbarer Faktor Mensch bleibt die Schwachstelle). Eine Nasa-Wissenschaftlern sagte nun, dass die Raumfahrtbehörde daran denke, die Astronauten in solch einem Fall "chemisch" zu sterilisieren.

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Bislang sind die Weltraumfahrten noch relativ kurz gewesen. Auch die Aufenthalte in den Weltraumstationen Mir und jetzt der ISS sind relativ harmlos. Nur zwei oder drei Astronauten befinden sich in der Nähe der Erde in der Umlaufbahn. Zur Not könnten sie relativ schnell das Weite suchen und wieder zur Erde zurückkehren. Einmal auf dem Weg zum Mars sähe dies aber schon ganz anders aus. Und trotz intensiver Vorbereitung, schärfster Auswahlbedingungen für die Gruppen und streng vorgeschriebenen Tagesablauf lässt sich das Verhalten von Astronauten, die so lange fast ohne Privatsphäre und mit erschwertem Kontakt zur Erde in einem fliegenden Big-Brother-Container eingesperrt sind, wohl nicht vorhersagen. Das Raumschiff ist auf jeden Fall auch ein Labor für empirische Gruppenpsychologie.

Auch wenn es bereits gemischgeschlechtliche Astronautenteams gab, aber selbstverständlich nicht nur Heterosexuelle sexuelle Lüste entwickeln können, so hatte man zumindest in der Öffentlichkeit das Thema Sex im Weltraum für die Astronauten bislang klein gehalten. Es zirkulierten zwar Gerüchte darüber, dass auch Astronauten bereits Sex miteinander gehabt oder zumindest Pornos gesehen haben sollen. Die Russen gelten insgesamt als ein wenig lockerer als die Nasa.

Vor einigen Jahren sagte man bei der Nasa schon einmal, dass man sich mehr um die psychosozialen und interpersonellen Aspekte der Weltraumfahrten kümmern wolle, wozu auch die Sexualität gehöre (Kein Sex im Weltraum?). Es zirkulierten auch angebliche Nasa-Studien zum Weltraumsex in der Schwerelosigkeit auf, die erheblich Probleme bei der Kopulation mit sich bringen könnte, wenn die Partner nicht angeschnallt sind (Sex im All), was sich allerdings unter der Kategorie der urban oder, besser, der space legends einordnen ließ.

Sind Menschen in einer Kleingruppe so lange zusammen gesperrt und aufeinander angewiesen, so könnten auch schon eine erotische Beziehung zwischen zwei Astronauten die Gruppenstruktur verändern und Neid oder Eifersucht aufkommen lassen. Eine sexuelle Beziehung würde dies sicherlich noch verschlimmern, zumal dies nicht geheim zu halten wäre. Sexuelle Gelüste könnten aber auch nur einseitig auftreten, so dass es zu schweren Konflikten, Belästigungen, Tätlichkeiten oder gar Vergewaltigungen kommen könnte. Erschwerend käme hinzu, dass die Menschen auf der Erde möglicherweise nicht mehr mäßigend eingreifen könnten.

Wenn daher Dr. Rachel Armstrong auf einer Tagung der British Interplanetary Society erklärte, dass man bei der Nasa darüber nachdenke, wie man mit den natürlichen Bedürfnissen der Menschen umgehen soll und dabei auch über eine "chemische Sterilisation von Astronauten auf längeren Fahrten" spreche, so wäre das durchaus möglich. Schließlich würde dies nicht der erste Versuch sein, die Sexualität als Konfliktpotenzial und Ablenkung zeitweise oder dauerhaft unterdrücken zu wollen. Beim Militär gibt es - nicht erst seitdem Männer und Frauen gemeinsam Dienst leisten können - reichhaltige "Erfahrungen" damit. Auch die Soldaten befinden sich besonders im Einsatz, aber auch schon beim Training oder etwa auf Schiffen, die lange unterwegs sind, unter ähnlichen, wenn auch ungleich weniger harten Bedingungen wie Astronauten.

Bei der Nasa will man allerdings nichts von Armstrongs Behauptung wissen. Ein Sprecher vom Johnson Space Center meinte, er habe davon nichts gehört.

http://www.heise.de/tp/artikel/17/17318/1.html
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